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Corona-Impfung: Warum wir wirklich versagen

Die ärmeren Länder der Welt sind im Impfrennen abgehängt. In den reichen Staaten zerfleischt man sich lieber in Neiddebatten, als zu helfen. Am Ende verlieren wir alle. Ein Kommentar

von
07.02.2021
4 Minuten
Männer und Frauen mit Mundschutz warten einer Schlange. Die Frauen tragen bunte Kleider und Kopftücher, manche haben Babys auf dem Arm.

Der Schlachtruf im aktuellen Kampf um die Vakzine klingt überall gleich. Er könnte entlarvender nicht sein: „Wir zuerst!“ oder wahlweise: „Ich zuerst!“ Nicht nur Neid, sondern regelrechte Missgunst dampft aus den Diskussionen in Fernsehen, Radio, in der Nachbarschaft oder aus den Schlagzeilen der Tagespresse: Warum haben wir in Deutschland nicht so viel Impfstoff wie andere Länder? Warum ist Israel so viel schneller, oder Großbritannien, warum erhalten wir nicht mehr vom Vakzin eines deutschen Herstellers? Warum bekommen all die anderen das begehrte Gut schneller als wir?

Mit Solidarität ist es nicht weit her

Dass die EU bei der Beschaffung der Impfstoffe zu zögerlich gehandelt hat, zu sehr aufs Geld geschaut, die umfassende Bedrohung zu lange nicht ernst genommen hat: All das mag sein. Doch die blankliegenden Nerven offenbaren ein grundlegendes Problem: Brennt die eigene Hütte, ist es mit Solidarität nicht weit her. Die Industriestaaten beanspruchen einen Großteil der lieferbaren Impfdosen für sich, bestellen mehr, als sie brauchen und vergleichen sich dann auch noch neidvoll mit jenen, die das knappe Gut noch etwas schneller eingekauft und verimpft haben.

Wie es um Länder steht, die weniger Geld haben? Das scheint egal. Es ist sehr weit weg. Wir diskutieren lieber, ob zuerst die Kindergärten oder die Friseursalons wieder öffnen dürfen, wenn nur die Alten endlich geschützt sind, oder ob es ungerecht wäre, Geimpften ihre Grundrechte und Bewegungsfreiheiten wiederzugeben.

„Ich muss unverblümt sagen: Die Welt steht am Rand eines katastrophalen moralischen Versagens“, warnte der WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus vor wenigen Wochen. Es gebe Länder, in denen bislang kaum mehrere Dutzend Menschen geimpft seien. Auch Bundesentwicklungsminister Gerd Müller sagte Anfang Februar: „Wir besiegen die Pandemie nur weltweit oder gar nicht.“

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Wir unterschätzen die globale Komponente der Pandemie

Mit der Unterstützung der reichen Länder für die ärmeren ist es allerdings aktuell nicht weit her: Das internationale Impfstoff-Programm Covax, eine Initiative der WHO, die den ärmsten Ländern der Erde kostenlose oder vergünstigte Impfungen ermöglichen will, ist nach wie vor unterfinanziert: Bislang sind 97 Industrie- und Schwellenländer, darunter auch Deutschland, Covax beigetreten, die EU gab als Anschubfinanzierung 400 Millionen Euro. Das klingt nach viel. Ist es aber nicht: Es fehlen laut Minister Müller alleine im aktuellen Jahr weitere 25 Milliarden US-Dollar zur Finanzierung des Projektes.

In einem ersten Schritt sollen im Rahmen von Covax nun laut der Impfallianz Gavi (Global Alliance for Vaccines and Immunisation) rund 377 Millionen Impfdosen beschafft werden – für 145 Länder. Auf der Liste der an diesen Impfdosen interessierten Staaten sind etwa Indien, Pakistan, Bangladesch und Nordkorea, aber auch europäische Länder wie Albanien, Bos­ni­en Herzegovina, Georgien und Serbien. Wenn es mit den aktuellen Trippelschritten weitergeht, werden deren Bürger lange auf ihre Impfung warten müssen.

Der egoistische Umgang der reicheren Länder mit der globalen Impfstoffverteilung ist doppelt bitter, denn er zeigt neben dem moralischen Versagen: Wir unterschätzen die globale Komponente dieser Pandemie.

Kurzfristige Impferfolge einzelner Länder bringen diese im Kampf gegen die Pandemie nicht nachhaltig voran, wenn sie sich nicht auch darum kümmern, dass die Menschen in der restlichen Welt genügend Impfstoff erhalten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine neue Mutation aus einer der mit Impfstoff unterversorgten Regionen ihren Siegeszug über den Erdball antritt – und dann auch an die Türen der reichen Länder klopft. Dann beginnt im schlimmsten Falle alles wieder von vorn.

Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC) hat analysiert, dass fast 70 Prozent der bislang verabreichten Impfungen in den 50 reichsten Ländern verabreicht wurden. In den 50 ärmsten Ländern waren es gerade einmal 0,1 Prozent der Impfdosen.

Die Variante B.1.351 etwa, die zuerst in Südafrika entdeckt wurde, ist dort inzwischen vorherrschend, eine zweite Welle flammt auf. Impfdosen, die Südafrika durch die Covax-Initiative und die Afrikanische Union gegen Bezahlung erhält, werden frühestens im April erwartet – und sie werden hinten und vorne nicht reichen. Vonden 54 Staaten Afrikas haben laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung bislang nur 6 mit den Impfungen begonnen – wenn sie auf dem freien Markt einkaufen, zahlen sie zudem oft mehr als die reichen Länder.


Man wird sich an das Verhalten heute erinnern

Das egoistische Verhalten der reichen Staaten wird zudem auf lange Sicht zu massiven Erschütterungen in der internationalen Zusammenarbeit führen. Während in Deutschland diskutiert wird, warum AstraZeneca von den ursprünglich versprochenen 80 Millionen Dosen für Europa nur noch 31 Millionen liefere und man offen über Exportverbote nachdenkt, warten viele afrikanische Länder vergeblich auf auch nur ansatzweise vergleichbare Chargen.

„Seien Sie ehrlich und sagen Sie: ‘Mein Volk zuerst‘“, sagte die ehemalige ruandische Gesundheitsministerin Agnes Binagwaho der Deutschen Welle: Lügen Sie uns nicht an und sagen Sie, wir seien gleichberechtigt.“ In Kenia, wo es nicht einmal genügend Schutzkleidung für die Ärztïnnen und Pflegerïnnen in den Krankenhäusern gibt, zeigt man sich ebenfalls ernüchtert. Kenias Gesundheitsminister Mutahi Kagwe sagte der Deutschen Welle: „Es ist töricht, sich in medizinischen Fragen auf die westlichen Nationen zu verlassen. Wir wollen nicht immer die Letzten sein, an die man denkt. “

Längst haben Länder wie China und Russland verstanden, wie sie die Situation für sich nutzen können. Oder vielleicht sind sie auch einfach solidarischer als wir? Fakt ist: Sie exportieren ihre Impfstoffe längst nach Afrika. Sie füllen damit eine Lücke, die unter anderem Europa und die USA hinterlassen haben. So sichern sie sich politischen Einfluss. Und natürlich wird man sich an all das lange erinnern – an das Gute wie an das Schlechte.

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Tanja Krämer

Tanja Krämer

Tanja Krämer ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Wissenschaft und Reportage. Sie ist zudem Mitgründerin und Vorstand von RiffReporter.


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