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Wo Kinder lernen, die Natur zu lieben

Frau mit Erfahrung: Karin Gimm hat zwanzig Jahre im ältesten Waldkindergarten Deutschlands gearbeitet – ein Interview

03.05.2019
5 Minuten
Kinder springen in Pfützen

Die Waldreporter

Waldkindergärten erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Schätzungen des Bundesverbands der Natur- und Waldkindergärten in Deutschland e.V. zufolge gibt es bundesweit mittlerweile etwa 2500. Die pensionierte Erzieherin Karin Gimm hat 20 Jahre lang im ältesten davon gearbeitet, dem Flensburger Waldkindergarten. Im Waldreporter-Interview erklärt sie, warum sie keinen Tag davon missen möchte.

Frau Gimm, wie beginnt ein Tag im Waldkindergarten?

Wir treffen uns morgens um 8.30 Uhr an einem Treffpunkt im Wald. Dann im Morgenkreis begrüßen wir uns, spielen Kreisspiele und stimmen ab, zu welchem Platz wir gehen wollen um den Vormittag dort zu verbringen. Die Plätze haben besondere Namen, die den Kindern zur Orientierung dienen, etwa den Ententeich oder den Goldwurzelplatz, weil dort viel gelber Sand am Boden liegt. Es ist immer wieder interessant, nach welchen Kriterien die Kinder die Plätze benennen. Ist der Morgenkreis vorbei, ist der Weg ist das Ziel. Manche Kinder sind langsamer, manche schneller, Wegkreuzungen und Kurven sind Warteplätze, damit wir uns nicht verlieren. Bis wir ankommen vergehen dann zwischen zehn und 45 Minuten. Es gibt keine Zeitvorgabe dafür, wann wir an unserem ausgewählten Platz ankommen. Mit einem gemeinsamen Frühstück und danach einer Freispielphase verleben die Kinder den Vormittag im Wald.

Im Waldkindergarten gibt es kein künstliches Spielzeug. Wie gehen die Kinder damit um?

Die Kinder spielen mit allem was die Natur ihnen bietet. Im Sand graben sie Schätze aus oder formen Kugeln. Sie spielen mit Moos, Rinde oder Steinchen. Sie lassen ihre Fantasie walten und denken sich ihre Spielwelt selbst aus…

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Zeichnung im Sand
Anstatt mit Buntstiften auf Papier wird im Waldkindergarten mit Stöckchen in den Sand gemalt.

Es werden auch Spiele gespielt, die es im Hauskindergarten gibt, zum Beispiel Vater-Mutter-Kind. Im Morgen- oder Abschlusskreis bieten wir Spiele mit Naturmaterialien an, legen zum Beispiel Buchstaben aus Stöckchen oder machen Spiele mit Blättern, um die Baumarten zu lernen. Einmal habe ich ein Blatt von einer Buche abgezupft und gefragt von welchem Baum das Blatt wäre. Ein Junge meldete sich, zeigte auf einen Baum hinter mir und sagte: „Von dem da!“ Er hatte gesehen von welchem Baum ich das Blatt abgepflückt hatte. Ich fragte dann, ob er wisse wie der Baum heißt. Er überlegte kurz und dann meinte er: „Vielleicht Andreas?“ Wir haben alle herzlich gelacht und dann mit einer besseren Fragestellung von mir herausgefunden, dass es ein Buchenblatt war.

Nach welchem pädagogischen Konzept arbeiten Waldkindergärten?

Es gibt kein universelles pädagogisches Konzept. Jeder Kindergarten muss ein eigenes Konzept schreiben, je nach den Gegebenheiten vor Ort. Es gibt beispielsweise auch Hauskindergärten, die Waldgruppen haben oder Waldkindergärten, die einen Bauwagen haben. Viele Waldkindergärten in Deutschland haben sich am Flensburger Konzept orientiert, das wiederum aus Dänemark stammt. Waldkindergärten haben dort lange Tradition. Im Zentrum stehen das Ausleben des kindlichen Bewegungsdrangs in der freien Natur, die Stärkung der körperlich-seelischen Gesundheit und die Zunahme der Sicherheit und des Selbstvertrauens, das Wahrnehmen von Stille und vieles mehr.

Sie sind mit den Kindern zu allen Jahreszeiten draußen. Was machen Sie bei Kälte und Regen?

Herbst und Winter sind natürlich eine Herausforderung für Kinder und Erzieher. Wir wollen, dass es den Kindern gut geht und es ist unsere Aufgabe, die Kinder gut durch die Jahreszeiten zu begleiten. Wenn es regnet spannen wir eine Plane zwischen die Bäume, damit die Kinder im Trockenen frühstücken können. Danach wollen sie gleich raus, der Regen ist ihnen egal. Ich kann mich an meinen ersten Arbeitstag erinnern, da hat es geschüttet wie aus Eimern. Ich dachte nur: die armen Kinder, doch die hatten Riesenspaß, sind im Regen herumgesprungen und haben Staudämme gebaut. Wetterfeste Kleidung ist im Waldkindergarten ein wichtiges Thema. Manchmal frieren die Erzieher mehr als die Kinder. Die sind ständig in Bewegung und wir beobachten sie beim Spielen und Entdecken. Bei längeren Kälteperioden haben wir eine Hütte als Rückzugspunkt, in der wir uns aufwärmen können. Aber auch dort wollen die meisten der Kinder nach dem Essen raus zum Spielen.

Ist das Verletzungsrisiko im Waldkindergarten höher?

Die natürliche Umgebung regt die Kinder an, sich Bewegungsanlässe zu suchen. Ich kann mich erinnern, dass ein Mädchen einmal unbedingt auf die Wurzel eines umgestürzten Baums klettern wollte. Drei Tage lang sind wir an diesen Platz gegangen, bis sie es geschafft hat. Sie hat nicht aufgegeben. Ich kann mich noch erinnern, wie sie oben saß und gestrahlt hat. In 20 Jahren hatten wir nie einen großen Unfall. Es gab kleinere Verletzungen, etwa, dass sich jemand beim Schnitzen in den Finger geschnitten oder sich beim Stolpern eine Schramme zugezogen hat. Es kommt vor, dass die Kinder in den ersten 14 Tagen im Waldkindergarten öfters stolpern und stürzen, weil der Waldboden andere Gleichgewichtsanforderungen hat als die Straße. Da ist der Boden manchmal weicher, manchmal härter, es gibt Wurzeln und Steine. Aber irgendwann haben sich die Kinder daran gewöhnt und heben die Beine automatisch um zum Beispiel über einen Ast zu steigen.

Wie sieht es mit Zecken aus und den Krankheiten, die sie übertragen?

Ja, Zecken gibt es im Wald, aber auch auf Wiesen oder auf dem Fußballplatz. Wir haben eine Absprache mit den Eltern, dass sie die Kinder mittags und abends angucken. Wenn sie eine Zecke entdecken, tragen wir das in unser Dienstbuch ein. Süddeutschland ist mit FSME stärker belastet. Im Norden gibt es bisher ausschließlich Borreliose. Der Zeckenstich wird mit einem Kugelschreiber umkreist und wir achten auf Rötung und andere Symptome. Bei mir kam das nicht so häufig vor, ich hatte in 20 Jahren drei Zecken.

Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile eines Waldkindergartens?

Zum einen wäre da die Reizarmut. Die Kinder haben wirklich die Möglichkeit, sich auf ihre Freunde und die Natur zu konzentrieren. Zum anderen ist es die viele Zeit, die wir haben. Wir müssen nicht hetzen. Es gibt kein Zeitplan, nur Orientierungen wie den Morgen- und Abschlusskreis oder die Abenteuerzeit, in der wir kleine Geschichten mit Naturmaterialien erzählen. Zeit im Wald ist viel und ereignisreich, die Arbeit der Kinder ist das Spielen. Im Wald ist einfach mehr Platz als in einem Haus. Das Draußensein ist gesund und stärkt das Immunsystem. Wir haben auch sehr gute Rückmeldungen von den Schulen bekommen, weil die Kinder im Unterricht ruhig und konzentriert sind, soziale und emotionale Kompetenzen mitbringen. Von meinen 20 Jahren im Waldkindergarten möchte ich keinen einzigen Tag missen.

Gibt es besondere Lieder, die im Waldkindergarten gesungen werden?

Wir singen alle Lieder, die man in anderen Kindergärten im Jahresverlauf auch singt. Seit zwei Jahren gibt es allerdings die Waldkindergartenhymne „Ich bin ein Waldkind“. Die mögen die Kinder sehr gerne, weil sie ihren Alltag sehr schön beschreibt und sie sich damit identifizieren können. Der Schweizer Musiker und Naturpädagoge Marius Tschirky hat sie anlässlich des Internationalen Tags des Waldkindergartens am 3. Mai komponiert.

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Porträtfoto Karin Gimm
Karin Gimm hat 20 Jahre lang im ältesten Waldkindergarten Deutschlands gearbeitet.

Karin Gimm ist Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Natur- und Waldkindergärten in Deutschland e.V. Vom 20. bis 22. September 2019 wird der Verband die nächste Fachtagung in Berlin abhalten, bei der es diesmal um die Ressourcen der ErzieherInnen in Waldkindergärten geht. Weitere Informationen gibt es bei www.waldkindergarten.de

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Adriane Lochner

Adriane Lochner

Adriane Lochner ist promovierte Biologin und arbeitet seit 2013 als freie Journalistin. Sie schreibt über Natur- und Gesellschaftsthemen, unter anderem für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), National Geographic Online, die tageszeitung (taz), Süddeutsche Zeitung und die britische Tageszeitung The Guardian.


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Wir alle lieben den Wald. Doch die Gründe dafür könnten unterschiedlicher nicht sein: Die einen suchen unberührte Natur und frische Luft, für die anderen ist der Wald eine wichtige Rohstoffquelle oder ein Refugium für Wildtiere. Moderne Holzwirtschaft, Waldnaturschutz, Energiewende und Klimawandel stellen Waldnutzer und -genießer vor große Herausforderungen. Viele Interessen müssen unter einen Hut gebracht werden, um unsere Wälder für kommende Generationen zu erhalten. Mit Die Waldreporter wollen wir unterschiedliche Blickwinkel darstellen und den Wald auf seinem Weg in die Zukunft begleiten.

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Adriane Lochner ist promovierte Biologin und arbeitet seit 2013 als freie Journalistin. Sie schreibt über Natur- und Gesellschaftsthemen, unter anderem für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), National Geographic Online, die tageszeitung (taz), Süddeutsche Zeitung und die britische Tageszeitung The Guardian.

Jens Eber, gelernter Forstwirt, hat mehrere Jahre Berufserfahrung als Lokalredakteur und arbeitet seit 2003 freiberuflich, unter anderem für Tageszeitungen, Magazine und Fachzeitschriften. Sein Themenschwerpunkt liegt auf der Beziehung zwischen Mensch und Wald, von Waldnaturschutz über Wildmanagement bis hin zu nachhaltigen Methoden in der Forstwirtschaft.  


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