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War es die Mastpute und nicht die Reiherente?

Die Vogelgrippe treibt Virenforscher und Umweltschützer um: Wo genau kommt H5N8 her?

von
19.03.2017
14 Minuten
Tür mit Hochseiterheitsaufkleber

Die Schloßstraße ist eine der beliebtesten Einkaufsstraßen Berlins. Kleidungsläden, Cafés, Computer- und Handyshops reihen sich aneinander – Großstadtflair. Zehntausende Menschen sind hier jeden Tag unterwegs. Doch die Shopping-Gegend ist zugleich Seuchengebiet. An einer Straßenkreuzung prangt ein Schild: „Geflügelpest – Sperrbezirk“.

Was von den meisten Passanten übersehen oder ignoriert wird, kündigt vom größten Ausbruch der Vogelgrippe, den es je in Deutschland gegeben hat. Bei mehr als tausend Wildvögeln, die verendet aufgefunden wurden, haben Veterinärmediziner das gefürchtete Virus H5N8 als Todesursache bestätigen können: den Erreger der Aviären Influenza, auch Geflügelpest oder Vogelgrippe genannt. Viel extremer ist die Lage bei den deutschen Geflügelhaltern und in Zoos. In den offiziellen Statistiken ist von inzwischen 81 Ausbrüchen die Rede. Das klingt nach wenig, ist es aber nicht. Denn hinter der Hälfte dieser Ausbrüche stehen je Tausende oder Zehntausende Puten, Enten, Hühner oder Gänse in Mastanlagen und Bauernhöfen. Die Zahl der Vögel, die aus Tier- und Seuchenschutzgründen gekeult wurden, geht inzwischen in die Hunderttausende.

Dass die Öffentlichkeit sich nicht alarmiert zeigt angesichts von Schildern wie in der Schloßstraße, hat einen einfachen Grund: Im Gegensatz zur letzten Welle der Vogelgrippe im Winter 2006/07, damals ging es um das Virus mit dem Namen H5N1, hat es diesmal bisher keinen bekannten Fall gegeben, bei dem sich ein Mensch angesteckt hätte und erkrankt wäre. Das heißt aber nicht, dass H5N8 für den Menschen auf immer ungefährlich bleiben muss. Influenzaviren verändern sich ständig. Das H im Namen steht für Hämagglutinin und das N für Neuraminidase. Wenn sich eine der Komponente verändert, entsteht etwas gänzlich Neues. Eine Mutation kann aus einem Vogelvirus einen Menschenvirus machen.

Eine Reiherente auf dem Wasser
Die ersten Opfer der aktuellen Seuchenwelle waren Reiherenten auf dem Bodensee.
Landkarte mit Ausbreitungsmuster der Geflügelpest
Ausbreitung und derzeitige Verbreitung der Geflügelpest in Europa.
Portraitfoto einer der Influenzaforscherin Anja Globig
Vogelliebhaberin seit Kindheit, Expertin für Vogelgrippe von Beruf – die Influenzaforscherin Anja Globig.
Blick ins Hochsicherheitslabor mit gespiegelter See
Insel Riems – vom Hochsicherheitslabor zum Vogelparadies ist es hier nicht weit.

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Christian Schwägerl hat über den Ausbruch der Vogelgrippe 2006/2007 als damaliger Wissenschaftskorrespondent der FAZ intensiv berichtet. In seinem mit Andreas Rinke verfassten Buch „11 drohende Kriege“ geht es in einem Szenario um eine Pandemie, die durch industrielle Massentierhaltung entsteht.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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