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Ein Besuch im Jahr 2048

Die Zukunftsreporter machen eine Zeitreise. Zu Besuch bei einer Konferenz, die versucht, das Leben in 30 Jahren zu beschreiben.

von
26.11.2018
5 Minuten
Details einer Kunstperformance der Berliner Künstlerin Mona Glass. An der Decke des Veranstaltungsortes läuft ein Video.

Wie müssen reden. Aber wie wollen wir über unser Leben in der Zukunft sprechen? Manche Wissenschaftler versuchen, Prognosen zu erstellen. Das Berliner „Forum Umwelt & Entwicklung“ ging einen anderen Weg. Es schickte die Teilnehmer einer Tagung auf eine fiktive Zeitreise in die „Schöne neue Welt“. Zwei Tage lang diskutierten sie über das Leben im Jahr 2048.. Die Zukunftsreporter waren mit unterwegs.


Am Anfang der Tagung steht Aldous Huxley auf der Bühne und empfängt die Besucher in der „Schönen neuen Welt“. Das Berliner „Forum Umwelt & Entwicklung“ hatte zur Zeitreise in das Jahr 2048 eingeladen. Ein Aufbruch in eine ungewisse Zukunft. Wie leben wir in 30 Jahren? Huxleys düsteres Buch gab dem ungewöhnlichen Kongress seinen Namen und so wurde der längst verstorbene britische Schriftsteller für eine Eröffnungsrede reaktiviert. Der notorische Schwarzmaler verzichtet in seiner Begrüßung darauf, den drohenden Weltuntergang zu akzeptieren. „Zukunft ist kein Schicksal“, erklärt Huxley. Stärker in Erinnerung bleibt ein anderes Zitat, ein Satz gemünzt auf den Veranstaltungsort im Berliner Wedding. „Dass dieser Kongress in einem umgebauten Krematorium stattfindet, das ist für mich auch eine Metapher“, sagt Huxley. Was er damit genau meint, wird in den kommenden zwei Tagen nicht aufgeklärt. Das „Silent Green“ am Rande eines Gräberfeldes dient in Berlin seit drei Jahren als Kulturquartier. Könnte es einen besseren Ort geben, um über die Zukunft zu sprechen?

Das „Forum Umwelt & Entwicklung“ hat ein spannendes Konzept gewählt und lässt die Zeitreisenden im Ungewissen, was sie in ihrem neuen Zuhause vorfinden. Acht Themen beschäftigen den Kongress: Es gibt für das Jahr 2048 immer zwei Entwürfe. Plan A steht für ein Szenario mit einem eher menschlichen Antlitz, Plan B verkörpert das Gegenteil. Beide Varianten scheinen möglich und obwohl sie so unterschiedlich sind. Damit steht gleich die erste Frage im Raum: Gibt es überhaupt eine kollektiv gewünschte Zukunft? Haben wir alle einen ähnlichen Traum, wie das Leben in 30 Jahren sein sollte?

Blick ins Plenum – der Kongress „Schöne neue Welt“ versucht sich an eine Prognose, wie das Leben in 30 Jahren sein könnte.
Eine Zeitreise in das Jahr 2048 – der Kongress „Schöne neue Welt“ in einem umgebauten Krematorium versucht sich an eine Prognose, wie das Leben in 30 Jahren sein könnte.

„Wir sind im Jahr 2048, aber wir wissen nicht genau, wie die Realität aussieht“, erklärt Geschäftsführer Jürgen Maier das Konzept. Die Perspektive von Wissenschaftlern aus dem Jahr 2018 ist dabei nicht gefragt. Das würde nicht passen, sagt Maier. Podiumsdiskussionen aus diesem Blickwinkel gebe es schon sehr viele. „Für uns war das auch ein Experiment, aber es ist eines, das offenbar sehr willkommen ist“, erzählt der Geschäftsführer.

Herta Däubler-Gmelin ist gefordert, zum Auftakt den Plan A als übergreifendes Bild zu entwerfen. „Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mal diese Mischung aus Kreativität, Analyse und Naivität vorzutragen“, sagt die ehemalige Justizministerin. Diese Form packe die Leute viel mehr. Däubler-Gmelin hat gar nicht erst versucht, eine umfassende Vision zu entwickeln. „Meine Beispiele waren relativ willkürlich gewählt“, erklärt sie, „sie haben nur die Funktion zu sagen, kannst ja mal selber nachdenken.“ Sie hätte auch das Szenario von Plan B geschrieben und vorgetragen, wenn sie gefragt worden wäre: „Mich hätte das sehr gereizt, aber die Frage stellte sich nicht.“

Im Plan A der Politikerin hat sich bis 2048 das Wahlrecht geändert. Parteien spielen eine geringere Rolle, Vertreter der Zivilgesellschaft sitzen im Parlament, wo die Debatten viel lebhafter geworden sind. Däubler-Gmelins Leitmotiv ist die Bekämpfung der Ungerechtigkeit in der Welt. Früher seien zu viele Entscheidungen abhängig von Wirtschaft und Kommerz gewesen. Steueroasen seien ausgetrocknet, das Bankgeheimnis wurde gelockert. In ihrer Schönen neuen Welt gibt es nur noch Produkte, die vollständig recycelbar sind. Soziale Medien seien als Tor zur Manipulation und als Mittel zur Verbreitung von Hass gebannt worden. Der Motor für den Wandel zu ihrer Vision waren die Bürgerinnen und Bürger. „Immer mehr Menschen wollen neues ausprobieren, sie wollen Vorbild für andere sein“, erklärt die Optimistin.

Peter Wahl präsentiert ein alternatives Szenario. Zwei verlorene Jahrzehnte des Nichtstuns haben ihre Spuren hinterlassen. Die Menschheit hat überlebt, aber die Lebensbedingungen sind schlechter geworden. "Ich kann die nüchternen Fakten des jüngsten Klimaberichts nicht verdrängen“, sagt der Mitbegründer von Attac Deutschland später auf dem Podium. Ein neuer Weltkrieg wurde nur verhindert, weil eine engagierte Programmiererin einen illegalen Abschaltungsmechanismus im Programmiercode der Kriegsroboter versteckt hat. Peter Wahls Plan B ist düster, erinnert zuweilen an die Fantasie von Hollywood.

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Die Teilnehmer einer Konferenz diskutieren über unser Leben im Jahr 2048.
Arbeitsgruppen diskutieren bei der Konferenz „Schöne neue Welt“ die beiden möglichen Alternativen für das Leben im Jahr 2048. Zunächst stellen zwei Referenten Plan A und Plan B vor, danach folgt eine Fragerunde.

In den Kleingruppen, die danach über konkrete Themen diskutieren, ist Plan B häufig technisch dominiert. Beispielsweise im Fall Landwirtschaft und Bio-Ökonomie: Die Bevölkerung bevorzugt im Jahr 2048 Lebensmittel aus der Retorte. Geschickte Werbung und psychologische Manipulation haben den Pillen und Pasten den Weg geebnet, die Argumentation läuft meist über den hohen gesundheitlichen Wert der neuen Nahrungsmittel. Das Gegenstück in Plan A ist der Sieg der Slow-Food-Bewegung, die Lebensmittel in der Region anbaut und bei der Produktion der Nahrung völlige Transparenz verspricht. Im Plan B wird Natur längst imitiert. Die inzwischen ausgestorbene Feldlerche ertönt aus raffinierten Lautsprechersystemen – eine Naturempfindung, wie wir sie aus einigen Wellnessbereichen kennen, ist flächendeckend Realität geworden. Was macht gesunde Ernährung aus? Warum essen wir eigentlich? Kann ein virtueller Waldspaziergang mit authentischem Laub unseren Sonntagsspaziergang ersetzen?

Die Antworten auf die Fragen bleiben den Zuhörern überlassen. Eine Variante lautet: Wir sollten die Simulationsfähigkeit von Technik und Computern nicht unterschätzen. Doch schon in der Kaffeepause wird klar: Jeder Besucher hat nicht nur seine eigene Antwort, sondern verlässt die Runde auch mit seinen eigenen Fragen. Zuweilen versinkt das Jahr 2048 dadurch in einem Nebel aus Ungewissheit, Wer will, kann es sich einfach machen, und wie der Besucher eines Kinos die Visionen der unterhaltsamen Geschichtenerzähler verfolgen, mal lachen und mal erschrecken. Eine Putzfrau klagt darüber, dass es zwar die guten Reinigungsroboter gebe, aber ihr Chef trotzdem lieber Menschen als billige Arbeitskraft beschäftige. Eine Managerin eines Unternehmens berichtet, dass seine Firma sich entschieden habe, freiwillig fünf Prozent Steuern zu zahlen und wertet das als Geste an die Gesellschaft. Ein Maschinenerklärer sorgt dafür, dass die Bürger verstehen, wie Apparate funktionieren und welche Daten sie verwenden. Hacker stehen im Kampf mit der künstlichen Intelligenz und wollen ihren Einfluss verringern.

Die Schauspielerin Katharina Schlothauer spielt Margaret Thatcher
Katharina Schlothauer als Margaret Thatcher

Das ungewöhnliche Format der Konferenz hat auch Nachteile. Denn die meisten Referenten von Plan A oder Plan B können nicht erklären, welche Faktoren entscheidend waren, damit es so gekommen ist, wie sie berichten. Vielleicht müssen sie das auch nicht. Jürgen Maier sagt, dass es von vornherein klar gewesen sei, dass es sich um eine Fiktion handele. Aber es sei eben auch keine komplett ausgedachte Fiktion.

Margaret Thatcher soll am zweiten Tag der Reise eine Methode empfehlen. „Wenn Sie die Welt verändern wollen, dann sollten Sie sich sachkundig machen, bei jemandem, der die Welt verändert hat.“, sagt Thatcher, die von Katharina Schlothauer gespielt wird. Maier hat Thatchers Rede geschrieben. Die meisten Menschen seien mit kleinen Korrekturen zufrieden, sagt Thatcher und warnt: “Wenn Sie zu viel Rücksicht nehmen, werden Sie die Welt nicht verändern.“ Die Reise in die „Schöne neue Welt“ ist häufig gleichzeitig eine Provokation und eine Quelle der Ratlosigkeit. Wer soll und wer wird denn nun die Welt verändern? Und in welche Richtung soll die Reise gehen?

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Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann ist promovierter Chemiker und arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Journalist. Er schreibt nicht nur über Wissenschaft, sondern sucht als Moderator auch den Dialog mit Menschen und Innovationen für die Diskussion über Wissenschaft. „Der Geranienmann“ ist sein erster Wissenschaftskrimi, weitere Bücher werden folgen.


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Unsere Zukunft beginnt nicht irgendwann, sondern schon heute. Wenn wir sie gestalten wollen, müssen wir unsere Optionen diskutieren. Die ZukunftsReporter zeigen auf, welche Herausforderungen auf uns warten, und sprechen mit Menschen, die dafür Lösungen entwickeln. Wir schreiben keine Science Fiction, sondern alltagsnahe, wissenschaftlich fundierte Zukunftsszenarien. Wir rechnen nicht damit, dass uns technische Erfindungen retten werden, und setzen uns für einen differenzierten Umgang mit Innovationen ein.

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