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  3. Aufruf zur Performance: Was passiert bei zunehmendem Rechtsruck?

Angst vor dem Rechtsruck

Mein ganz privates Rezept: eine Orientierungs-Performance zur Bewusstseins-Schärfung

05.03.2019
3 Minuten
Die zweiteilige Kollage zeigt oben den Ausschnitt aus einem in der St.-Petri-Kirche zu Lübeck ausgestellten Bild von Jonathan Meese und unten die Bildschirmdarstellung eines GPS-Tracks, der aus Lübeck herausführt und mitten im Wald endet. Der Meese-Ausschnitt gehört zu „Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)“; sein Projekt (17.2. bis 31.3.2019) setzt sich unter anderem mit dem Begriff „Heimat“ auseinander; Infos: http://st-petri-luebeck.de/index.php/854-dr-zuhause-k-u-n-s-t-erzliebe-grossmutter-macht

ACHTUNG Kunst

Dies ist ein Aufruf – Nachahmer erwünscht

Dass ein politischer Rechtsruck in Deutschland immer spürbarer wird, macht mir Angst. Wohin führt das? Diese Frage lässt mich im Alltag nicht los – und hat sich unter dem Eindruck aktueller Veranstaltungen zur Idee einer Performance verdichtet.
Rechtsruck-Performance heißt die Methode, mit der sich – glaube ich – ein wenig Bewusstsein schaffen lässt für politische Trends. Es geht dabei um eine ungewöhnliche Spielform der Outdoor-Orientierung (Bilderstrecke und Video unten): Das „Performende“ besteht darin, sich vor der Haustür oder in anderem, alltäglich vertrautem Gebiet zu Fuß, mit dem Rad, Skateboard oder Roller auf eine „Immer-rechts-Route“ zu begeben, konkret: an jeder Kreuzung oder Verzweigung rechts abzubiegen.

Anleitung zur Rechtsruck-Performance

  1. Biege bei jeder verkehrstechnisch „echten“ Gelegenheit rechts ab (also nicht, wenn es zum Beispiel weglos über eine Wiese gehen würde).
  2. Einschränkung: Meide vorausschauend bereits befahrene/begangene Straßen oder Wege (sonst endet die Performance rasch in ewigen Kreiseln): Dazu hat man sich beim oder vor dem zweiten Erreichen derselben Kreuzung, statt erneut rechts, nun gerade oder links zu halten.
  3. Nutzt Du ein Vehikel, beachte die Verkehrsregeln, zum Beispiel Einbahnstraßen.
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Mitten im Wald endet die Radroute vor einem halb umgestürzten Baum
Mit dem Rad am Ende – im Dickicht: immer rechts, so geht's nicht weiter!
idyllischer Waldweg im Spätwinter
Trügerische Waldidylle, kurz vor dem Ende (Dickicht).
Gebotsschild Pferde links, Fußgänger rechts, mitten im Wald.
Mit dem Fahrrad und weniger als 1 PS unterwegs: Hier darf linksseitig die Reitspur als einzig vernünftige und legitime Wahl gelten.
Radweg entlang der Mecklenburger Straße im Norden Lübecks.
Dass, wer sich im Norden Lübecks auf „Rechtsruck“ begibt, ausgerechnet Richtung Mecklenburg gewiesen wird, muss wohl Produkt des Zufalls sein.
Track der GPS-Aufzeichnung (blau) einer Radroute in Lübeck nach dem Motto: Immer rechts halten – aber keine Straße „wiederholen“!
Track der GPS-Aufzeichnung (blau) einer Radroute in Lübeck nach dem Motto: Immer rechts halten – aber keine Straße „wiederholen“! Der Endpunkt der Route liegt im Dickicht des Waldes (rotes Fähnchen „B“ auf grünem Grund; siehe erstes Bild dieser Bilderstrecke).
Aufnahme vom Startpunkt der Rechtsruck-Performance, im Osten von Lübecks Kernstadt: Neben einer Litfaßsäule geht's rechts in ein Sträßchen hinein.
Aufnahme vom Startpunkt der Rechtsruck-Performance, östlich von Lübecks Kernstadt.
Rennrad, mit dem der Autor die Rechtsruck-Performance durchführte.
Vehikel meiner ganz persönliche Rechtsruck-Performance Ende Feburar: das Rennrad, mit dem ich mich im Juni 2019 auf eine rund 2.300 Kilometer lange Fahrt durch alle Bundesländer begebe, um der Frage nachzugehen „Wie geht's Deutschhland?“
gelbes Plakat, rechts vor dem Eingangsportal der Backsteinkirche.
Portal der Lübecker Kirche St. Petri, die kulturellen Veranstaltungen dient. Im Februar und März 2019 beherbergt die Kirche eine Kirchenschiff-füllende Mega-Installation von Jonathan Meese (Plakat rechts). Die Ausstellung wirkte für den Autor dieses Beitrags, den „Erfinder“ der Rechtsruck-Performance, als kreativer Katalysator.
Detail der Meese-Installation: Puppenartig verfremdete Skelette stehen vor einem Wandplakat mit der Aufschrift KUNST!
Detail Meese-Ausstellung St. Petri – die #Mut#Holstein-Bildunterschiften-"Kolumne" ist nach Freischaltung des Beitrags sichtbar.
Veranstaltungsplakat im Schaukasten.
Ankündigung der Februar-2019-Veranstaltung zum Thema Rechtspopulismus, mit Beteiligung des Autors von „Endland“, Martin Schäuble.
Cover des Romans „Endland“ (vgl. „Quellen“ am Ende des Beitrags)
Cover des Romans „Endland“ (vgl. „Quellen“ am Ende dieses Beitrags, unten).

Bei meiner ganz persönlichen Test-Performance kam heraus

  • dass erstens die Wahrnehmung der Umgebung eine andere ist als bei einer typischen „Outdoor-Aktivität“: Politisch rechte Schmierereien an Mauern, Ampeln oder Stromkästen zum Beispiel fallen eher ins Auge. Und man wird irgendwie misstrauisch: Der Blick in die Gesichter anderer Menschen unterwegs gerät bisweilen in einen fragenden, prüfenden – was wiederum die Beschäftigung mit eigenen Urteilen und Vorurteilen anstößt.Zweitens laden Spannung und Ungewissheit bei einer Orientierungs-Performance dazu ein, sich nachhaltiger mit den politischen Dimensionen des Themas Rechtsruck zu befassen. Die Frage „Wo wird das enden?“ führt dann auf der reinen Outdoor-Ebene zu einem vielleicht erwartbaren, vielleicht aber auch völlig überraschendem Ende in der Stadt oder in der Natur.

Oder mündet die Rechtsruck-Performance womöglich in eine Endlos-Route? Teilen Sie Ihre Erfahrung unter #Rechtsruckperformance – gerne auch auf facebook.com/roosreporter. Ich selbst konstatiere auf einer Outdoor-Plattform: Wer den Rechtsruck mitmacht, landet im unwegsamen Dickicht („Immer nur rechts: So kann das enden“, siehe auch Bilderstrecke oben; zeitliche Abfolge darin umgekehrt: Ende – Dickicht – zu Beginn. Den Ausgangspunkt dokumentieren die Bilder im hinteren Teil der Strecke).

P.S. Keiner behauptet, ein Linksruck endet besser ;-)

Verortung des Beitrags

A) Ausgangspunkt

„Sehr viel deutet darauf hin, dass es längst eine unausgesprochene Arbeitsteilung gibt zwischen der AfD und der extremen Neonazi-Szene mit dem Ziel, diese Republik in ihren Grundfesten zu erschüttern.“ So lautet eine der Diagnosen in einem Report des „stern“, erschienen Anfang Februar; Dachzeile über dem Report-Titel: „Rechtsruck in Deutschland“ [1].

Mit derartigen Medienberichten geht es dem Autor ein wenig wie mit kosmischen Partikeln, die in die Erdatmosphäre eindringen: Sie sind immer da, wechselwirken aber nur selten mit Materie des Alltags. Um bei der Metapher „Teilchenphysik“ zu bleiben: Kollidiert so ein Partikel mit einem anderen, entstehen einige Quanten Energie, bisweilen sogar neue Teilchen – und unter Katalyse vielleicht sogar neue Materie.

Die neue Materie ist im vorliegenden Fall das Konzept der Rechtsruck-Performance (Beispiel des Autors hier einsehbar). Entstanden ist sie unter dem katalytischen Einfluss zweier Kulturveranstaltungen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben: eine Ausstellung von Jonathan Meese und eine Podiumsdiskussion mit Martin Schäuble (siehe Quellen am Ende des Beitrags).

  • Meese mischt mit verstörenden, skurrilen Werken derzeit unter dem Titel „Dr.Zuhause: K.U.N.S.T.(Erzliebe)“ Lübeck an mehreren Ausstellungsorten auf, unter anderem in der Kirche St. Petri (Informationen hier) – siehe Titelbild des Beitrags sowie hinteren Teil der Fotogalerie
  • Schäuble las am 27.2.2019 auf Einladung der „Gemeinnützigen“ (eine Lübecker Stiftung) aus seinem Roman „Endland“ [3]. Anschließend diskutierte er mit Schülern und Erwachsenen über das Thema Rechtspopulismus in Deutschland.

B) Quellen

  1. Das neue Wirr-Gefühl: Geschichten aus einem Land, in dem sich das Klima ändert; https://www.stern.de/politik/ausland/themen/rechtsruck-4144884.html, abgerufen zuletzt 28.2.2019
  2. Jonathan Meese: Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe); sein Projekt (17.2. bis 31.3.2019) setzt sich unter anderem mit dem Begriff „Heimat“ auseinander.
  3. Martin Schäuble: Endland; Hanser, München 2017. In diesem Jugendroman geht es um die Frage was passiert, wenn Rechtspopulisten die Macht in Deutschland übernehmen.

C) Dieser Beitrag

  • fällt in die Kategorien Kommentar, News, Aufzeichnung (derzeit vertretene Kategorien im Projekt „Gesichter aus Deutschland“: Analyse, Kolumne, Kommentar, News, Porträt, Report bzw. Aufzeichnung, Stimmungsbild, Zusammenfassung)
  • wurde recherchiert exklusiv für RiffReporter.
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Martin C Roos

Martin C Roos

Ich texte und fotografiere seit 1996 freiberuflich für Internetmedien, Magazine und Zeitungen. Themen schöpfe ich aus den LifeSciences, aus der Geographie und mitten aus unserem Land, dem ich seit 2018 als RadelnderReporter auf den Zahn fühle. Ende 2021 erhielt ich ein Kultur-Stipendium der VG Wort.


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Rasch reagieren, spontan auf's Rad steigen, vor Ort recherchieren – mit unverstellter Neugierde, aus eigener Muskelkraft: So gehe ich auch kleine Themen an, aus denen sich bisweilen große Fragen formen. Wie geht’s Deutschland? Unter diesem Motto gab ich 2019 meinen Einstand als RadelnderReporter. Er ist mein Signum und meine Hommage an Egon Erwin Kisch. Seit 2021 sind meine Schwerpunkte Umwelt, Wirtschaft sowie Politik und Kultur. Über das Erscheinen von Texten, Bildern und Clips informiert der kostenlose Newsletter. Hier finden Sie Infos zu meiner Person sowie zum aktuellen Deutschlandbuch.

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