Überdruss an der Demokratie? Warum die Bevölkerung den Militärs in Mali applaudiert

In Mali hat die Armee geputscht, der Staat ist auch durch Islamisten bedroht. Im Interview spricht der malische Entwicklungsökonom Ousmane Sy über die Gründe der Krise.

11 Minuten
Im Anschnitt im Vordergrund eine Frau. Das Foto folgt ihrer Blickrichtung, leicht verschwommen im Hintergrund ein Redner mit erhobener Faust. Hinter ihm der Tisch, an dem die Organisatoren sitzen, und ein Techniker. Der Tisch ist mit der malischen Flagge drapiert, sie ist grün- gelb-rot gestreift.

Die Demokratie in Afrika ist unter Druck. In den vergangenen Monaten haben Militärs in mehreren Ländern geputscht. 2021 gab es Coups in Guinea, Tschad und Sudan, außerdem gleich zwei in Mali. Und 2022 einen weiteren in Burkina Faso. Zumindest in Mali ist die Zustimmung der Bevölkerung zu den Militärs offenbar groß, ähnlich ist es im benachbarten Burkina Faso. Und nicht nur, dass der Sturz gewählter Regierungen von der Bevölkerung begrüßt wird, in anderen Ländern scheint sich das Volk für Wahlen kaum zu interessieren. So in Kenia, dem wirtschaftlichen Schwergewicht im Osten des Kontinents. Dort findet morgen, am 9. August, eine Mega-Wahl statt. Aber nur 22 Millionen der rund 54 Millionen Kenianerïnnen haben sich überhaupt registrieren lassen. Was ist los mit der Demokratie in Afrika? Sind die Menschen ihrer müde, oder steckt etwas anderes hinter den oben beschriebenen Phänomenen?

Darüber hat Bettina Rühl mit Ousmane Sy gesprochen. Der 73-jährige malische Entwicklungsökonom war Fachberater der Vereinten Nationen und Innenminister von Mali. Seit 2004 leitet er das von ihm gegründete „Zentrum für politische und institutionelle Expertise in Afrika“ (CEPIA). Unter anderem veröffentlichte er das Buch „Reconstruire l’Afrique. Vers une nouvelle Gouvernance Fondee sur les dynamiques locales”, auf Deutsch erschienen unter dem Titel: „Vorwärts Afrika. Plädoyer für einen Wandel von unten.“

Bettina Rühl: Vor einigen Wochen war ich in Mali, da habe ich viel Zuspruch zu der militärischen Übergangsregierung und viel Kritik am Westen gehört, vor allem an der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Außerdem haben mir viele Menschen gesagt, sie wollten statt der Demokratie nach westlichem Vorbild die traditionelle, malische Demokratie wieder errichten. Gab es denn eine traditionelle malische Demokratie?

Ousmane Sy: Ich muss zugeben, dass ich nicht an afrikanische Demokratien glaube. Ich spreche stattdessen von Demokratie in Afrika. Die kleine Nuance macht einen großen Unterschied. Ich bin davon überzeugt, dass es nicht nur ein Modell von Demokratie gibt. Jede Gesellschaft, jedes Land passt sein Modell an seine Realitäten an.

Ich verstehe die mir bekannten Definitionen von Demokratie so, dass es dabei um Werte und um Modalitäten geht. Die Werte sind universell. Zum Beispiel Freiheit: danach streben Menschen in Deutschland, in Mali, in der ganzen Welt. Aber auf welche Weise die Freiheit verwirklicht wird, muss an jedes Land angepasst sein.

Ein Halbporträt von einem älteren Mann in traditioneller Kleidung: gelbe Kopfbedeckung, gelbes Gewand. Dunkle Brille mit breitem Rahmen. Das Foto wurde nachts aufgenommen, im Hintergrund die Lichter einer Großstadt.
Der malische Entwicklungsökonom und ehemalige Politiker Ousmane Sy.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Bettina Rühl

c/o ARD German Radio
P.O. Box 47021
00100 Nairobi

www: https://weltreporter.net/author/bettina_ruehl

E-Mail: ruehl@weltreporter.net

Tel: +254 728 533394