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Homeoffice im Büro um die Ecke

Die Arbeitswelt verändert sich. Co-Working auf dem Land ersetzt das Pendeln in die Stadt. Das ist gut für das Klima, auch wenn die Homeoffice-Pflicht nach Corona ausgelaufen ist. Ein Zukunftsszenario

9 Minuten
Künstlerische Darstellung eines Hochhauses mit geöffneten Wänden: in jedem Zimmer sitzt ein Mensch im Homeoffice. Kein zwei Szenen sind gleich.

Corona hat die Pflicht zum Homeoffice gebracht und damit den Arbeitsalltag radikal verändert. Stellen wir uns einmal vor, die Menschen möchten nicht mehr in die Stadt pendeln, sondern lieber zuhause arbeiten. Das wäre gut für das Klima, Dich Homeoffice hat auch die Grenzen des Arbeitsplatzes in den eigenen vier Wänden aufgezeigt. Deshalb ist es Zeit, weiterzudenken. Neue Bürozentren in kleineren Städten schaffen neue Freiräume für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Ein Zukunftsszenario der ZukunftsReporter.

Benedikt Larson freut sich, wieder im Büro zu arbeiten. Er hat sich gegen einen Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden entschieden. Der viel gepriesene Trend zum Homeoffice ist nicht sein Ding. Larson hat es ein paar Monate versucht, aber der Stress war zu groß. Wenn die Kinder von der Schule kommen, lässt er sich gern von ihnen ablenken. Manchmal bringen sie noch Freunde mit, dann wird es laut. Und den Ärger vom Job kann er zuhause nicht abschütteln. Die Wut nach einem schlechten Meeting, oder wenn er das tägliche Pensum nicht geschafft hat, diesen Ärger lässt er dann an seiner Familie aus. Wie oft ist er vom Schreibtisch aufgestanden, in die Küche oder den Garten gelaufen und hat seine Frau und Kinder angemeckert, nur weil er schlechte Laune hatte. Manchmal braucht er Abstand von seiner Familie, das fehlt im Homeoffice.

Jetzt hat er wieder den Weg zur Arbeit und kann sich abreagieren. 30 Minuten ist Benedikt Larson unterwegs, meisten geht er zu Fuß. Schritt für Schritt lässt er nachmittags die Arbeit hinter sich. Am Morgen findet er die Zeit, sich auf die Aufgaben des Tages einzustellen. Der Weg führt durch die kleine Stadt, in der sie vor zehn Jahren das Haus gebaut haben. Ein netter Spaziergang ohne die nervenaufreibenden Staus, die er früher so lange ertragen hat.

Kleinstädte profitieren vom Co-Working

Larson ist ein LOCcer. Er betritt das vor einem Jahr eröffnete Local Office Center. Das dreistöckige Gebäude am Rande des Wohngebiets bietet 140 Büroplätze, ausgestattet mit schnellen Datenleitungen und der Technik für Videokonferenzen. Die meisten Loccer sind ehemalige Pendler, die zuhause Job und Privatleben nicht gut trennen konnten, als das Homeoffice die Arbeitswelt revolutionierte. Menschen, die trotzdem nicht pendeln wollen. So wie Larson.

Wissenschaftlicher Hintergrund

Homeoffice wird sich durchsetzen

Nach den ersten Erfahrungen während der Corona-Pandemie ist die Arbeit im Homeoffice bei den Beschäftigen immer beliebter geworden. Ein Trend, der die Arbeitswelt verändert. Kein Wunder, denn 86 Prozent der Homeoffice-NutzerInnen waren im Herbst 2021 mit ihrer Situation zufrieden. Das berichtet das Bayerische Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt), dass seit dem Beginn der Pandemie die Einstellung der Deutschen zum Homeoffice erforscht. Die Chance auf Homeoffice wird ein Element der Zufriedenheit im Job. Im Mai 2021 sagten 72 Prozent aller befragten Berufstätigen, die ihre Arbeit auch zuhause erledigen könnten, dass die Möglichkeit zum Homeoffice künftig für die Wahl einer neuen Arbeitsstelle wichtig sein werde.

Unternehmen, die sich flexibel zeigen, haben demnach Wettbewerbsvorteile. Bidt-Studienleiter Roland A. Stürz hält es für unwahrscheinlich, dass es nach der Pandemie zu einem kompletten Rückfall in die alten Muster der ausgeprägten deutschen Präsenzkultur kommen werde. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) teilt diese Einschätzung. In der Corona-Krise hätten im Zeitraffer und unter starkem Druck „Veränderungen stattgefunden, die vorher auch über viele Jahre hinweg nicht realisierbar schienen“.

Doch Homeoffice ist nicht gleich Homeoffice. Nur 46 Prozent der Zuhause-Arbeitenden können gemäß der bidt-Ergebnisse ein eigenes Büro nutzen. Der Rest arrangiert sich mit der bestehenden Situation. Etwa ein Drittel der Befragten hat sich einen Arbeitsplatz im Wohnbereich eingerichtet, wo die berufliche Tätigkeit leicht mit dem Familienleben kollidiert. 23 Prozent wechseln immer wieder innerhalb der Wohnung. In dieser Gruppe ist nur ein Drittel mit der Situation vor Ort zufrieden.

Co-Working gegen soziale Isolation

Es gibt also einen großen Bedarf für die im Szenario beschriebene Idee. Das „Local Office Center“ überträgt das Konzept der so genannten Co-Working-Spaces von den Großstädten in kleinere Städte, in denen viele Pendler leben. Dort könnte der Bedarf an Arbeitsplätzen groß genug sein, damit sich der Bau von kleineren Bürohäusern lohnt, die wiederum zur Attraktivität der Kleinstadtzentren beitragen. Diese Center wären auch die Lösung für ein anderes Problem: Viele Zuhause-Arbeitende befürchten soziale Isolation, weil die Arbeitskollegen fehlen. Studien belegen, dass der direkte Kontakt und Austausch bei den Beschäftigten zu mehr Motivation und Zufriedenheit führt.

„Co-Working-Spaces werden in vielen Städten gut angenommen, bisher aber vor allem von Solo-Selbstständigen. Die Idee, so etwas zu erweitern und auf abhängig Beschäftigte auszudehnen, halte ich für charmant, denn auch hier ist der Austausch, auch über Unternehmensgrenzen hinweg, aus fachlichen wie persönlichen Erwägungen heraus erstrebenswert“, sagt Stefan Süß, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf. Allerdings könnten Unternehmen Bedenken haben, dass die Vertraulichkeit gewahrt bleibe, wenn Beschäftigte aus verschiedenen Unternehmen gemeinsam in einem solchen Gebäude arbeiten.

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Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann ist promovierter Chemiker und arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Journalist. Er schreibt nicht nur über Wissenschaft, sondern sucht als Moderator auch den Dialog mit Menschen und Innovationen für die Diskussion über Wissenschaft. „Der Geranienmann“ ist sein erster Wissenschaftskrimi, weitere Bücher werden folgen.


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