Mit Anfa im Garten

Der Wolf und die Wissenschaft

Auszug aus dem Ende Oktober 2016 erschienenen Buch "Wölfe" von Petra Ahne.

Volker Griener / SMNK Drei Wölfe reißen Rotwild.

09. Dezember 2016

Es muss sehr still gewesen sein, als der Hundeschlitten, der ihn hergebracht hatte, sich auf den Rückweg gemacht hatte und Adolph Murie allein war, mitten in Alaska, im bergigen Mount McKinley Nationalpark. Am ersten Tag sah er wilde weiße Schafe vor einem hellblauen Frühlingshimmel und fand am Boden, auf dem noch Schnee lag, etwas, das er für eine Wolfslosung hielt. Irgendwo mussten sie sein. Es war April 1939, und der junge Zoologe war von der Nationalparkverwaltung an einen der wenigen Orte in den USA geschickt worden, an dem es überhaupt noch Wölfe gab. In letzter Zeit schienen sie sich im Nationalpark vermehrt zu haben, und er sollte herausfinden, was das für die dort lebenden wilden Schafe hieß: Wurden sie weniger? Sollte man die Zahl der Wölfe wieder dezimieren?

Während Murie, mit Fernglas, Skiern und einer zusammenrollbaren Matratze ausgerüstet, den Tieren nachstellte und dabei, wie er später notierte, allein im ersten halben Jahr 1700 Meilen zurücklegte, führte ein anderer junger Zoologe in Basel seine Studien an Wölfen fort, ohne sich dabei nennenswert von der Stelle bewegen zu müssen. Die Tiere, die Rudolf Schenkel seit ein paar Jahren beobachtete, waren überaus überschaubar in einem 200 Quadratmeter großen Gehege untergebracht.

Beide, der Amerikaner Adolph Murie und der Schweizer Rudolf Schenkel, sind als Pioniere in die noch junge Geschichte der Wolfsforschung eingegangen: Sie waren, jeder auf seine Weise, die ersten, die sich den Tieren systematisch widmeten; mit ihnen nahm das bis heute andauernde Projekt seinen Anfang, den Wolf aus dem Dickicht von Vorurteilen, Aberglauben und Nichtwissen zu befreien, das sich so verhängnisvoll um ihn gelegt hat.

Dass dahinter gleich der Wolf an sich wartet, ist allerdings auch ein Irrtum. Die Beziehung von Wolf und Wissenschaft ist auch deswegen so aufschlussreich, weil sie besonders anschaulich zeigt, was passiert, wenn der Mensch – auch der forschende – Natur betrachtet: Er sieht immer auch sich selbst und seine Art, die Welt zu deuten. Was das Tier tut, kann er nur mit seinem Erfahrungshorizont abgleichen und in Kategorien interpretieren, die sein menschlicher Blickwinkel erst hervorgebracht hat. Das Werkzeug ist also von vornherein limitiert, aber auch das einzig verfügbare: Ohne Deutung, ohne ein In-Bezug-Setzen bleibt das Beobachtete Faktensammlung – mit seiner Interpretation ist der Versuch, das Tier an sich freizulegen, jedoch genaugenommen schon gescheitert. In dem Moment, in dem wir es erklären, erschaffen wir es sozusagen erst.

Man könnte also sagen, dass der vermenschlichende Blick, den die frühen Naturkundler so unbekümmert auf den Rest der Welt richteten, ein Stück weit unausweichlich ist. Und letztlich beruht die ebenfalls noch junge Disziplin der Verhaltensforschung, die den biologischen Zweck der Verhaltensweisen von Tieren zu entschlüsseln versucht, auf der Überzeugung, dass allem Leben ähnliche Mechanismen zugrunde liegen. Aber auch, wenn das so ist - wie weit darf und muss man gehen in der Deutung des Gesehenen?

»Hunger, Ernst, Wut und ähnliches kann jeder nur bei sich selbst erleben. Beim anderen Subjekt, zumal, wenn es von anderer Art ist, kann man über entsprechende subjektive Zustände nur Vermutungen äußern«, betonte der Verhaltensforscher Niko Tinbergen, der 1973 gemeinsam mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch den Medizinnobelpreis für die Pionierarbeit der drei in der Ethologie bekam. Und doch sind gerade solchen entschlossen formulierten Vermutungen wichtige Erkenntnisse zu verdanken. Konrad Lorenz etwa war da sehr beherzt und wurde berühmt für seine Überzeugung, tierisches Verhalten intuitiv erfassen zu können.

Je mehr den Menschen das Beobachtete an sich selbst erinnert, desto größer ist die Verlockung, es auch in diesem Sinne zu interpretieren – was die Geschichte der Wolfsforschung plastisch illustriert. Der Wolf beeindruckt nämlich, seit er in den Fokus der Wissenschaft geriet, mit einem Verhalten, das den Vergleich mit dem Menschen geradezu herauszufordern scheint: Er hat sich als äußerst soziales Tier herausgestellt und ist von Geburt an Teil eines vor allem familiären Miteinanders, das durch komplexe Kommunikation geregelt wird.

Beide, der durch die Berge Alaskas stapfende Murie und der die eingesperrten Wölfe beobachtende Schenkel, beschäftigten sich mit diesem differenzierten Sozialverhalten.

Seine Deutung durch Schenkel ist bis heute populär - und doch Teil des Siegeszugs eines Irrtums, der den Wolf einmal mehr zu einer falschen Projektionsfläche werden ließ. Hier hat der Alpha-Wolf seinen Ursprung: der die Ordnung wahrende, sich zugleich in ständigen Machtkämpfen seiner Position vergewissernde Rudelführer. Ein, wie man inzwischen weiß, nicht richtiges, aber sich hartnäckig behauptendes Bild.

Zuerst jedoch, im Jahr 1944, veröffentlichte Adolph Murie seine Studie. Ein Werk von - zumal für einen vom US-Innenministerium herausgegebenen Bericht - überraschender Erzählfreude und interpretatorischer Kühnheit. Das Wolfsrudel wird zur Großfamilie mit eher traditioneller Rollenverteilung. Es gibt den Vater, der, schreibt Murie, »ernster als die anderen schien, aber vielleicht habe ich mir das nur eingebildet, da ich ja wusste, dass ein Großteil der Verantwortung für die Familie auf seinen Schultern ruhte«. Es gibt die Mutter, die, nach wochenlangem Verharren mit dem Nachwuchs in der Höhle, diese zum ersten Mal verlässt und »losrannte, als ob sie bester Laune sei, froh, mit den anderen auf Expedition zu gehen«.

Die Möglichkeit, ein Rudel und heranwachsende Welpen zu beobachten, verdankte Murie einem Glücksfall: Im zweiten Frühling, den er in der Abgeschiedenheit des Nationalparks verbrachte, führten ihn Spuren im Schnee zu einer Höhle, in der eine Wölfin ihre Jungen zur Welt gebracht hatte. Er postierte sich in der Nähe und gewann in den insgesamt 195 Stunden, die er, wie er notierte, die Wölfe beobachtete, vermutlich nie dagewesene Einblicke in deren Sozialverhalten. Er erkannte richtig, dass im Frühling und Sommer die Welpen zum sozialen Zentrum des Rudels werden, und protokollierte überrascht, dass sich fünf bis sieben erwachsene Wölfe regelmäßig in der Nähe der Höhle aufhielten und den Welpen und der Mutter Futter brachten. Der Verwandtschaftsgrad zwischen diesen erwachsenen Wölfen gab ihm Rätsel auf.

Inzwischen weiß man, dass ein Rudel meistens aus einem Elternpaar und dessen Nachwuchs der letzten ein bis drei Jahre besteht. Meist verlassen die Jungen nach zwei Jahren die Eltern und machen sich selbst auf die Suche nach einem Partner und einem eigenen Revier. Im Durchschnitt neun bis zwölf Tiere bilden ein Rudel. Es gibt nur einen Wurf im Jahr, um den kümmert sich zunächst die Mutter, später, wenn die blind geborenen jungen Wölfe die Höhle verlassen, auch die anderen erwachsenen Tiere. Sich kümmern, das heißt spielen, aber auch Nahrung bringen: Leckt ein Jungtier an der Schnauze eines vom Jagen zurückkehrenden Wolfs, würgt dieser einen Teil der gegessenen Beute wieder hervor.


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Conrad Gesner, Icones Animalium, Zürich
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