Eine Geschichte des 20. Jahrhunderts

Sarah Mersch Der tunesische Schriftsteller Gilbert Naccache signiert ein Buch.

68er und Schriftsteller, Agrarwissenschaftler, Jude und Tunesier – Gilbert Naccache ist nicht leicht einzuordnen. Der facettenreiche 80jährige ist vor allem ein wichtiger Intellektueller und eine moralische Instanz Tunesiens. Sein Leben wurde von den Wirren des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt. 

Ein Beitrag von Sarah Mersch aus dem Online-Magazin Afrika-Reporter.

Hätte ein Unbekannter dem politischen Häftling Gilbert Naccache 1972 keinen Bleistift in seinen Essenskorb gelegt, das Leben des heute 80-jährigen Tunesiers wäre wahrscheinlich ganz anders abgelaufen – und die tunesische Literatur wäre um einige wichtige Werke ärmer. Eines Tages fand der damals 33-Jährige in seinem Essenskorb einen Bleistift. Auf das Papier von Zigarettenpackungen schrieb er damit in winzig kleinen Buchstaben seinen ersten Roman: „Cristal“, benannt nach den gleichnamigen tunesischen Zigaretten mit der blau-weißen Verpackung. 

Wer ihm den Stift in den Korb gelegt hat, wisse er bis heute nicht, doch er gab ihm ein Stückchen Freiheit zurück. Wenn er schrieb, dann träumte sich der Agronom nach draußen, ans Meer, weit weg von den in Stein gehauenen, feuchtkalten Grotten, die einst den französischen Kolonialherren als Munitionslager gedient hatten und nach der Unabhängigkeit vom jungen tunesischen Staat als Gefängnis genutzt wurden. Rund zehn Jahre seines Lebens verbrachte Naccache in Haft, die meisten davon in dem berüchtigten Foltergefängnis Borj Erroumi im Norden des Landes, wo die meisten politischen Häftlinge einsaßen. In den Siebziger Jahren waren das vor allem Angehörige der linken Studentenbewegung des nordafrikanischen Staates.

Eine Lebensgeschichte wie die von Gilbert Naccache kann in dieser Form eigentlich nur das 20. Jahrhundert schreiben. Geboren 1939 in einer jüdisch-tunesischen Familie wächst er in einfachen Verhältnissen auf. Die Mutter Hausfrau, der Vater eigentlich Handwerker, der aber kurz nach der Geburt des Sohnes ein Café in La Marsa pachtet, einem mondänen Seebad und Vorort der Hauptstadt Tunis. Wenn Gilbert Naccache heute von seiner Kindheit erzählt, legt sich ein Lächeln auf seine Lippen und seine Augen funkeln hinter den kleinen eckigen Brillengläsern. Mit seinen beiden älteren Schwestern hat er im Sommer dort am Meer unter den Maulbeerbäumen auf der Café-Terrasse gespielt, zur Abkühlung danach sind sie wenige Meter weiter ins Meer gesprungen. 

Eine Kindheit unter Nazideutschland und französischem Protektorat

Doch das Café sollte dem Vater bald zum Verhängnis werden. Von 1940 an bekamen die Juden den Zweiten Weltkrieg auch in Tunesien am eigenen Leib zu spüren. Das mit Nazideutschland kollaborierende Vichy-Regime registrierte sie und schränkte ihr Leben immer mehr ein. Am 9. November 1942 marschierten deutsche und italienische Truppen in Tunesien ein. Das Hauptquartier der deutschen Wehrmacht lag nur wenige Straßen von der Wohnung der Familie Naccache entfernt. Die Schreckensstimmung dieser Zeit prägte den nicht mal Vierjährigen, auch wenn er sich nur noch an einzelne Momente erinnert. „Alles war rationiert, es fehlte am Nötigsten. Aber wir Kinder wurden von den Eltern geschützt. Wir verstanden nicht genau, was passiert, aber wir wussten, dass man sich vor Menschen in Uniform in Acht nehmen muss.“ 

Im Frühjahr 1943 will die amerikanische Luftwaffe den Flughafen von Tunis bombardieren, der damals von den Deutschen kontrolliert wird. Doch weil sich der Wind plötzlich dreht, treffen die meisten Streubomben die nördlichen Vororte von Tunis, wo damals besonders viele Juden lebten. Zu den hunderten zivilen Opfern gehört auch der Vater von Gilbert Naccache, der sich gerade in seinem Café in La Marsa aufhielt.

Mit der Zeit sei der Tod des Vaters zu einer Familienlegende geworden, über die man ob ihrer Absurdität fast gelacht habe, so Naccache heute. Die Gäste des Cafés hätten die Flugzeuge gehört und seien nach draußen gegangen, um zu schauen, was passiert. „Einer der Gäste hat gesagt: ‚Das sind Amerikaner‘ und alle haben angefangen zu applaudieren. Und dann haben sie es mit voller Wucht abgekriegt.“ Auch der Sohn schmunzelt heute darüber. Dass er lange gebraucht hat, dieses einschneidende Ereignis zu verarbeiten, verrät ein Blick in sein Buch „Es regnet Flugzeuge“, erschienen 2016. In dem semibiographischen Roman erzählt er, wie aus dem jüdischen Halbwaisen einer der Vorkämpfer der tunesischen 68er-Bewegung geworden ist.  

Eine Fahrkarte mit Rückfahrschein

1956 wird Tunesien unabhängig - das Jahr, in dem Gilbert Naccache sein Abitur macht. Er geht nach Paris, um Agrarwissenschaften zu studieren. Damals war das auch mit tunesischem Pass noch ohne große Probleme möglich. Das Studium war dabei zweitrangig, der junge Mann wollte vor allem raus, die Welt sehen – und dann das Gelernte mit nach Tunesien zurückbringen. „Es war nie eine einfache Fahrt, wir hatten immer einen Rückfahrschein dabei.“ 1962 kehrt Gilbert Naccache mit seinem Diplom in der Tasche also nach Tunis zurück, wo er sogleich beim Landwirtschaftsministerium eingestellt wird. Er ist voller Elan, beim Aufbau des Landes zu helfen. Doch er ist schnell ernüchtert, als er merkt, dass er auch nach der Unabhängigkeit als Tunesier nur ein zweitrangiger Angestellter ist, der für die französischen Kollegen übersetzen soll. Auch Kritik am autokratischen Reformer und Übervater Habib Bourguiba, dem ersten Präsidenten des Landes, ist nicht erwünscht. Die kommunistische Partei, in die Naccache schon zu Schulzeiten eingetreten war, wird 1963 verboten. Naccache und seine linken Mitstreiter, die sich oft noch aus Studienzeiten in Paris kennen, sehen sich schnell an den Rand gedrängt. „Wir waren nicht als Oppositionelle zurückgekehrt, aber als kritische Geister. Nun wurde uns gesagt: ‚Hier wird nicht diskutiert, haltet eure großen Klappen. Wir waren gezwungen, uns zu radikalisieren, weil wir anders nicht gehört wurden."

Der Wendepunkt kam mit dem Sechstagekrieg: am 6. Juni 1967 demonstrieren Tunesiens Studenten. Sie marschieren zur Botschaft der USA. Gleichzeitig greift ein Mob radikaler arabischer Nationalisten die jüdischen Viertel von Tunis an. Dass die Studenten die jüdischen Mitbürger schützen wollen, spielt für die Regierung keine Rolle. Willkürlich lässt sie Demonstranten verhaften. Daraufhin verselbständigen sich die Proteste. Immer mehr Studenten gehen auf die Straße und Professoren solidarisieren sich. Und Gilbert Naccache mittendrin. Im März 1968 wird er zusammen mit Dutzenden anderen festgenommen. Es ist die Geburtsstunde der tunesischen 68er-Bewegung. „Als wir festgenommen wurden, dachten wir, das würde vielleicht eine Woche dauern. Aber im Innenministerium ging es schon nach einer Stunde Verhör mit der Folter los. Wir haben diesen Apparat der Gewalt und der Repression zuerst gar nicht begriffen. Wir wollten doch nur, dass uns jemand zuhört!“ Aus einer Woche werden mehr als zehn Jahre Haft und Hausarrest. Noch heute bebt seine Stimme, wenn er von damals erzählt. Dabei sind es weniger die grauenhaften Bedingungen im Gefängnis, die ihn erzürnen, die Folter oder das Ende seiner Berufslaufbahn als Agronom, sondern die Ungerechtigkeit und das Unverständnis über seine Verurteilung, die ihn bis heute umtreiben. 

Schreiben als Therapie

Die Haft, der Neuanfang seines Lebens Anfang der 1980er Jahre, als er nach der Entlassung mit über 40 Jahren vor dem Nichts stand, all das habe er nur durch das Schreiben bewältigen können. Seine unzähligen Romane, Gedichtbände und biographischen Texte: alles was er schreibe, sei letztendlich eine Therapie. „‘Cristal‘ gegen das Trauma des Gefängnisses, und die jüngeren Bücher gegen das Vergessen.“ Die Erinnerung sei für ihn eine Pflicht. „Wenn mein Leben einen Sinn haben soll, dann nicht, weil ich es gelebt habe, sondern weil ich es erinnert und erzählt habe.“ Bereut habe er sein politisches Engagement keine Sekunde, sagt er im Rückblick, denn im Gefängnis sei er zum Schriftsteller geworden. 

Wenn „Christal“, das Buch, dass er über Monate im Gefängnis auf den Zigarettenpackungen notiert hatte, als Gefängnisliteratur bezeichnet wird, stört ihn das bis heute. Denn obwohl „Cristal“ der erste Text der tunesischen Literatur ist, der im Gefängnis geschrieben wurde und die Haftbedingungen reflektiert, bezeichnet der Autor selbst seinen Text lieber als Literatur der Freiheit. Der Roman erzählt die Geschichte eines Ehepaares der bürgerlichen Mittelschicht, politisch interessiert, aber ebenso beschäftigt mit Kindern, Einladungen zum Abendessen, Kunst und Liebeleien. Die Kapitel des Romans über die Lebensentwürfe der tunesischen 68er wechseln in „Cristal“ mit Berichten über Naccaches Zeit im Gefängnis. Diese verfasste er erst nach seiner Freilassung. Doch kein Verleger wagte es, das außergewöhnliche Buch zu veröffentlichen. Also gründete Gilbert Naccache Anfang der 80er Jahre kurzerhand selbst einen kleinen Verlag. Im Herbst 2018, 36 Jahre nach Erscheinen des französischsprachigen Originals, erschien nun endlich eine arabische Übersetzung. 

Dass sein Buch lange nur auf Französisch existierte und daher vielen Tunesiern nicht zugänglich war, hat Gilbert Naccache Jahre lang gewurmt. Drei Jahre und drei Übersetzer brauchte es im letzten Anlauf, bis die arabische Version schließlich in den Druck ging. Jetzt ist sie erschienen, mit dem gleichen Einband wie das Original, auf dem die unverwechselbare Zigarettenpackung prangt – auch wenn Naccache selbst schon lange aufgehört hat zu rauchen. 

Dass er selbst, wie die meisten jüdischen Tunesier seiner Generation, besser französisch als arabisch spreche und daher auch in der Sprache der ehemaligen Kolonialmacht schreibe, das trenne ihn mehr von seinen muslimischen Landsleuten als die Religion, glaubt er. Denn in seiner Jugend wurden jüdische Kinder von der Kolonialverwaltung systematisch auf französischsprachige Schulen geschickt. Die Generation seiner Mutter habe vor allem Französisch gesprochen, nur mit der Großmutter sprachen Gilbert und seine Schwestern in ihrer Jugend noch Judeo-Arabisch. „Wir haben das Französische als eine Sprache des Aufstiegs begriffen. Judeo-Arabisch lehnten wir ab. Wir haben es nur gesprochen, wenn es wirklich nicht anders ging. Wir hatten verinnerlicht, dass man Franzose werden musste, um im Leben etwas zu erreichen.“ 

Zeugnis ablegen

In seiner bescheidenen Drei-Zimmer-Wohnung, die er mit seiner Frau Azza in einem Vorort der Hauptstadt Tunis bewohnt, zeugt nichts von der Religion des Schriftstellers. Für die tunesischen Juden sei die Religion ähnlich wie bei den tunesischen Muslimen vor allem eine Reihe an Ritualen. „Das Wichtigste an der ganzen Sache waren in meiner Kindheit die religiösen Feste - das bedeutete nämlich, dass es gutes Essen gab.“ Sein Vater soll ein überzeugter Atheist gewesen sein und er habe das von ihm geerbt, erzählt der 80-Jährige mit einem schelmischen Lachen.

Mit der jetzt erschienen Übersetzung hofft Nacchache vor allem eine jüngere, eher arabischsprachige Generation zu erreichen. Wenn er das Buch heute vorstellt, hört er immer wieder, dass es nach wie vor aktuell sei. Ein bisschen erschrecke ihn das, denn schließlich habe das Land 2011 ja seinen politischen Umbruch erlebt, mit dem das autokratische System in Tunesien eigentlich endgültig der Vergangenheit angehören sollte.

Nach der Revolution wurde in Tunesien eine Wahrheitskommission eingesetzt. Sie sollte die Verbrechen der Regime von Präsident Bourguiba und Ben Ali aufarbeiten und den Opfern eine Stimme geben. Mehr als 60000 Tunesier haben bei der Kommission für Wahrheit und Würde, wie sie offiziell heißt, Anträge auf Widergutmachung eingereicht, unter ihnen auch Gilbert Naccache. Als die Kommission im Herbst 2016 beginnt, auch öffentliche Anhörungen durchzuführen, ist der Schriftsteller einer der ersten, der aussagt – vor der Kommission und vor hunderttausenden Tunesiern, die die Anhörungen im Radio und im Fernsehen verfolgen. 

Diese Anhörungen bedeuten ihm sehr viel. „Die Wahrheitskommission ist für mich heute der einzige Ort, wo die politischen Aspekte der Revolution noch lebendig sind. Dann habe ich, so hoffe ich zumindest, all die Jahre nicht umsonst gekämpft.“

Ganz hinter sich lassen kann er die Zeit der Herrschaft von Staatsgründer Habib Bourguiba aber immer noch nicht. Um zu seiner Wohnung zu kommen, müsse man direkt an der Statue des Ex-Präsidenten abbiegen, dann stünde man quasi schon bei ihm vor der Tür. Dort erwartet er Besucher, aufs Treppengeländer gestützt, dunkler Anzug, das dichte ergraute Haar im Bürstenschnitt. Tatsächlich kann er vom Treppenabsatz seines Wohnhauses direkt auf die überlebensgroße Statue des ehemaligen Präsidenten blicken. Die sei gewiss nicht der Grund gewesen, dass er die Wohnung gemietet habe, aber sein verschmitztes Grinsen verrät, dass ihn die Nachbarschaft zum Bronze-Bourguiba heute amüsiert.


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