Mehr Mut für die Forschung

Ohne gute Ideen keine gute Zukunft. Doch wie sollen Wissenschaftler mit ungewöhnlichen Ideen gefördert werden?

Daniel Kunzfeld für VolkswagenStiftung

Die Zukunftsreporter – Ihre Korrespondenten aus möglichen Welten, in denen wir leben werden oder leben wollen

Das große Thema der Zukunftsreporter ist die Gestaltung der Zukunft. Doch wie ist es in Deutschland um gute Ideen für unsere Zukunft bestellt? Das Silicon Valley in den USA gilt weltweit als der Hort für Kreativität und als Platz, um ungewöhnliche Konzepte umzusetzen. Doch bei uns stoßen Forscher, die unkonventionell denken, oft auf Probleme. Deshalb hat die Volkswagenstiftung ein Förderprogramm aufgelegt, das Freigeister in der Wissenschaft unterstützen will. Johanna Brumberg und Oliver Grewe (im Bild oben) koordinieren das Programm im Förderteam „Personen und Strukturen“ der Volkswagenstiftung. Im Interview geben sie ein Plädoyer für mehr Mut und Risikobereitschaft in der Forschung.

Wie ist diese Idee entstanden? Müssen Freigeister in Deutschland besonders gefördert werden? Sind sie eine aussterbende Art?

Grewe Das hängt mit der Grundphilosophie der Stiftung zusammen. Wir möchten Impulse setzen und außergewöhnliche Nachwuchswissenschaftler fördern, die sonst nur schwer Unterstützung finden. Wir möchten insbesondere junge Freigeister fördern, die das Potential haben, die Forschungs- und Wissenschaftslandschaft mit ihren Ideen auch in Zukunft mitzugestalten.  

Brumberg Aber mit einer aussterbenden Spezies würde ich Freigeister nicht vergleichen. Um im Bild zu bleiben: Für Freigeister fehlen in Deutschland die Lebensräume. Die Möglichkeiten für junge Wissenschaftler, eigene Ideen zu verwirklichen, sind an vielen Stellen noch nicht gegeben. Da gibt es einen großen Bedarf, wenn man schon früh unabhängig an eigenen Vorhaben forschen will. Wir möchten diese Freiräume ermöglichen.

Ist das eine versteckte Kritik an der Förderpraxis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), bei der sich junge Forscher nach der Promotion um Fördermittel bewerben können?

Brumberg Nein, sicher nicht. Jedes Förderformat hat seine Berechtigung. Uns ist es wichtig, eine Nische zu bedienen. In diesem Sinne verstehen wir die Freigeist-Fellowships nicht als ein Massenprogramm. Es ist nicht unsere Erwartung, dass alle Wissenschaftler Freigeister sein müssen. Aber die, die es sind, möchten wir fördern.

Woran erkenne ich, dass ich Freigeist bin? Oder bin ich keiner, wenn ich es nicht weiß?

Grewe Es gibt keine Checkliste dafür. Wenn Sie mit Forscherkollegen über ihre Idee sprechen, und die sagen: ‚super spannend, aber das kriegst du nie gefördert‘, dann könnten Sie ein Freigeist sein. Und wer ständig auf Widerstand stößt, sollte wach bleiben und prüfen, ob dahinter vielleicht etwas Unkonventionelles steht. Man muss sich als Freigeist durchbeißen.

Gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern?

Grewe Da kann man keine pauschale Aussage machen. Die Freigeister, die wir fördern, besitzen – geschlechtsunabhängig - ganz unterschiedliche Charaktere. Von schüchtern und zurückhaltend bis absolut extrovertiert ist alles dabei. 

Ich dachte, Freigeister sind rebellisch und stehen gern im Rampenlicht?

Brumberg Nein, das stimmt nicht. Manche sind relativ still, aber sie können sehr hartnäckig ‚Nein‘ sagen.

Wie viele Bewerbungen gibt es jedes Jahr?

Brumberg Mittlerweile sind wir in der fünften Ausschreibungsrunde und haben pro Jahr in der Regel zwischen 100 und 120 Anträgen. Auch hier gilt: das Format ist nicht für jede Forschungsidee geeignet. Es soll nur außergewöhnliche, unkonventionelle und risikobehaftete Forschung gefördert werden.

Was bedeutet für Sie unkonventionell? Ist es das Ergebnis, das Thema, die Vorgehensweise?

Brumberg Das kann das Thema sein. Oder eine ungewöhnliche Perspektive, die etablierte Meinungen in Frage stellt. Das kann eine neuartige Methodik sein, bei der nicht klar ist, ob sie am Ende funktionieren wird. Das kann ein Forschungsansatz sein, bei dem klar ist, dass er auf Widerstand stoßen wird, weil er Fächergrenzen in Frage stellt. Manchmal ist es auch eine Kombination dieser Faktoren.

Grewe Das sind oft Forscher, die in ihrer Biografie verschiedene Fächer verbunden haben und diese jetzt in einem Forschungsprojekt zusammenführen wollen.

Trotzdem vergeben Sie weniger Fördermittel als vorgesehen. Sie haben 15 Freigeister-Fellowships pro Jahr angekündigt, so viele werden es aber nicht. Was läuft da falsch? 

Grewe Es liegt nicht daran, dass es nicht genügend gute Forscher in Deutschland gibt. Die Anträge, die wir bekommen, haben eine hohe Qualität. Aber wir wollen Nachwuchsforscher mit einer großen wissenschaftlichen Reife finden, die nicht nur eine ganz eigene Idee haben, sondern diese auch umsetzen können. Viele Wissenschaftler verfolgen die Forschung aus ihrer Promotion weiter. Wir suchen Forscher, die sagen, mit meiner Idee falle ich zwischen alle Stühle. Dieser Gang ins Risiko ist ja nicht für jeden eine vernünftige Karriereperspektive.

Müssen sich Forscher in Deutschland entscheiden, ob sie eine tolle Idee verfolgen wollen und dafür ein großes Maß an Sicherheit aufgeben?

Brumberg Ein Stück weit ja. Es geht bei den Projekten auch um Vorhaben, bei denen nicht klar ist, ob die anvisierten Ergebnisse am Ende erreicht werden.

Die deutsche Universitätslandschaft ist für Freigeister also nicht einfach?

Brumberg Es ist sicher etwas dran, dass es nicht einfach ist, gegen den Strom zu schwimmen. Manche institutionellen Rahmenbedingungen fördern die frühe Eigenständigkeit nicht unbedingt. Ein Beispiel ist das Promotionsrecht, das die Freigeister für ihre Doktoranden erhalten sollen. Die Fellows benötigen ein gewisses Durchhaltevermögen, um Akzeptanz zu erreichen und sich Wege für Freiräume zu bahnen. Aber die Universitäten bewegen sich oft. Wir machen da gute Erfahrungen.

Grewe Dass es Freigeister nicht einfach haben, gilt übrigens auch für die internationale Forschungslandschaft.

Aber Sie wollen schon erreichen, dass es mehr Freigeister gibt.

Brumberg Wir möchten, dass sich auch junge Wissenschaftler schon früh etwas zutrauen. Und nicht zwingend im Schatten ihrer bisherigen Betreuer bleiben. Wir haben nicht den Anspruch, eine Masse an Freigeistern zu produzieren. Aber was wir uns wünschen ist, dass in der Forschung häufiger mit mehr Mut und eigenen Zielen gearbeitet wird. Je klarer ist, dass auch so etwas gefördert wird, desto mehr Freigeister wird es mittelfristig geben.

Was geschieht, wenn die Fellows mit ihrer Idee scheitern? Wie sind sie dann in der Wissenschaft „abgesichert“?

Brumberg Im Auswahlverfahren spielen natürlich auch Strategien zum Risikomanagement eine Rolle. Wichtig ist, dass sich die jungen Wissenschaftler der möglichen Risiken oder Soll-Bruch-Stellen ihrer Forschungsvorhaben bewusst sind. Sie sollten in der Lage sein, den damit verbundenen Herausforderungen auf kreative Weise zu begegnen und den Forschungsprozess entsprechend anzupassen. Möglicherweise entstehen gerade dadurch neue Fragestellungen und Perspektiven, die die Wissenschaft entscheidend voranbringen.

Viele Themen, die Ihre Freigeister bearbeiten, schauen nicht in die Zukunft. Warum fördern Sie auch Ideen, die sich mehr mit der Vergangenheit auseinandersetzen?

Brumberg  Die Freigeister sollen mit ihren eigenen Fragen starten können, aus denen sich heraus dann möglicherweise Implikationen für die Gegenwart oder die Zukunft ergeben. Das muss aber nicht schon bei der Auswahl der Fellows klar sein. Auch aus historischen Projekten ergeben sich Perspektiven auf die Gegenwart und damit auf die Zukunft. Beispielsweise ergibt die Forschung an der Klimageschichte des Mittelalters auch Anknüpfungspunkte für heute.

Müssen wir uns Sorgen um das Wort Freigeist machen? Ist das ein aussterbender Begriff?

Brumberg Er wird nicht aussterben, schon weil wir Freigeister fördern.

Grewe Es ist gut, dass wir kein modernes Modewort gewählt haben. Freigeist klingt vielleicht etwas altmodisch. Aber das Wort bildet gut ab, was wir damit meinen. Und es wird gut verstanden. Das merken wir bei Gesprächen mit den Gutachtern und den Bewerbern.

Brumberg Die Fellows, die wir unterstützen, identifizieren sich sehr stark mit dem Begriff. 


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Fakten und Freigeister

Das Fördervolumen für die erste Förderphase beträgt rund 1,5 Mio. Die erste Förderphase kann für fünf oder sechs Jahre beantragt werden. 

Die Volkswagenstiftung gehört zu den größten Stiftungen in Europa und ist die größte private Wissenschaftsförderin in Deutschland. Anders als der Eindruck, den der Name erweckt, ist sie keine Unternehmensstiftung, sondern agiert unabhängig von VW.

Die folgenden zehn Freigeister und ihre Themen sind zufällig ausgewählt. Ihre Nennung stellt keine besondere Gewichtung ihrer Arbeit dar. Die Beschreibungen wurden ungeprüft von der VolkswagenStiftung übernommen, die auch eine Liste aller Freigeister anbietet.

Carolin Antos untersucht an der Universität Konstanz, wie die Forcing-Methode - eine vielfältig einsetzbare Technik, mit der unendlich viele neue mathematische Welten erzeugt werden können - die moderne Mengenlehre verändert hat.

Matthias Beyer erforscht an der Technischen Universität Braunschweig Wassertransportprozesse durch terrestrische Ökosysteme.

Volker Busskamp arbeitet an einem Projekt, das darauf abzielt, funktionsfähige menschliche Nervenschaltkreise künstlich herzustellen.

Barbara Caspers erforscht als Freigeist-Fellow an der Universität Bielefeld die Funktion des Verwandtengeruchs an Zebrafinken.

Julia Eichenberg erforscht als Freigeist-Fellow an der HU Berlin die transnationale Zusammenarbeit zwischen den Exilregierungen in London zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Malte Göttsche möchte mit seinem Projekt "Nuklear-Archäologie" an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen eine Forschungslücke schließen, um die nukleare Abrüstung voranzutreiben.

Patricia Kanngießer betrachtet an der Freien Universität Berlin aus einer kulturvergleichenden Perspektive heraus, wie Kinder in verschiedenen Gesellschaften ein Verständnis von sozialen Normen entwickeln.

Matthias Roick verfolgt an der Universität Göttingen die Frage, wie der Begriff der Tugend das Denken und Erleben in der frühen Neuzeit prägte.

Jonas Rose untersucht an der Universität Tübingen die neuronalen Grundlagen von kognitivem, intelligentem Verhalten - vor allem am Beispiel von Krähen.

Cathrin Zengerling erforscht an der HafenCity Universität Hamburg die Rolle von Städten für den Klima- und Ressourcenschutz.


Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-Koralle „Die Zukunftsreporter“. Unsere weiteren Beiträge finden Sie auf dieser Übersichtsseite.