Und keinen juckt's!

In Kalifornien ist das nächste Mega-Erdbeben überfällig. Doch Übungen sind rar und freiwillig - und die Bürger zeigen kaum Interesse.

Steve Przybilla Ein Park in San Francisco voller Menschen

In Sacramento, der Hauptstadt Kaliforniens, fürchten die Wissenschaftler nicht nur Erdbeben, sondern auch finanzielle Erschütterungen. Falls der Gouverneur anruft, soll bei der Kommission für Seismische Sicherheit deshalb niemand ins Stottern geraten. Auf zwei Seiten haben die Mitarbeiter vorsorglich alle Fakten gesammelt, die ihrer Meinung nach für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze sprechen.

Dass ausgerechnet eine so wichtige Behörde um ihre Existenz bangt, hängt mit der hohen Staatsverschuldung zusammen. Von den Sparmaßnahmen könnten auch diejenigen betroffen sein, die einsturzgefährdete Gebäude ausfindig machen, Tsunamis erforschen und die Öffentlichkeit wachrütteln sollen. Aus geologischer Sicht nämlich ist es allein eine Frage der Zeit, bis "The Big One", das nächste Mega-Erdbeben, die amerikanische Westküste erschüttert.

Doch wozu der ganze Aufwand? Das fragen sich viele Kalifornier, die mit ihrer bekannt lockeren Lebensweise die Sorgen der Seismologen kaum teilen. Von rund 40 Millionen Einwohnern, die im bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat leben, haben nur 10,4 Millionen beim letzten „California ShakeOut“ mitgemacht, einer Großübung, die das nächste Mega-Erdbeben simuliert.

Der Anteil der Privatpersonen, die sich zu einer bestimmten Uhrzeit unter ihren Schreibtischen verkriechen, dürfte verschwindend gering sein. Die meisten Teilnehmer befinden sich in öffentlichen Gebäuden und in Schulen, in denen Kinder seit jeher das Verhalten bei Erdbeben üben.

Ein Mann sitzt am Schreibtisch.
Richard McCarthy soll Kalifornien erdbebensicher machen. Doch seine Behörde leidet unter Sparzwängen.
Steve Przybilla

Kalifornien gilt als besonders gefährdet, weil der so genannte San-Andreas-Graben mitten durch den Bundesstaat verläuft. Dort treffen zwei Kontinentalplatten aufeinander. Die entstehenden Spannungen entladen sich durch Erdbeben, die verheerende Schäden anrichten können.

1989, beim schwersten Beben der vergangenen Jahre, kamen in San Francisco 63 Menschen ums Leben. "The Big One“ im Jahre 1906 forderte bis zu 3000 Tote. Die Stärke lag bei 7,8.

Seither haben sich die Sicherheitsbestimmungen für neue Gebäude deutlich verschärft. Highway-Brücken, die bei zurückliegenden Beben oft einstürzten oder schwer beschädigt wurden, müssen auch starken Erdstößen standhalten. Bei Schulen und Krankenhäusern gelten besonders strenge Regeln.

„Doch es gibt noch sehr viele alte Häuser, die ein schweres Erdbeben wahrscheinlich nicht überstehen“, sagt Richard McCarthy, der Leiter der Kommission für Seismische Sicherheit.

Um für den Ernstfall vorbereitet zu sein, soll jeder Bewohner des Bundesstaates zu Hause einen Notvorrat anlegen: Lebensmittel, Taschenlampen, Radios und Batterien, die für mindestens 72 Stunden ausreichen. Zurückliegende Katastrophen hätten gezeigt, dass es so lange dauern kann, bis die Wasser- und Stromversorgung sowie das Handynetz wieder funktionieren.

In einer massiven Informationskampagne informieren Feuerwehren, Polizeiwachen und Kommunen, was im Ernstfall zu tun ist: „Ruhig bleiben, unter einem Tisch Schutz suchen und auf keinen Fall panisch nach draußen rennen“, verrät eine Broschüre.

„In der Realität ist aber genau das Gegenteil der Fall“, sagt Rick Adams, der in Los Gatos südlich von San Francisco wohnt. Das letzte große Erdbeben, das der 69-Jährige mitgemacht hat, liegt mehr als 20 Jahre zurück. „Ich war gerade im Einkaufszentrum, als es anfing. Natürlich sind alle sofort nach draußen gestürmt, weil sie es da für sicherer hielten.“

Straßenszene in San Francisco.
Stromleitungen, Laternenmasten, Ampeln: Gerade in den weniger betuchten Vierteln (hier in San Francisco) ist die Infrastruktur brüchig.
Steve Przybilla
Eine Küstenstraße mit Klippen, dahinter das Meer.
Sehnsuchtsort Kalifornien: Wer denkt da schon gerne an Katastrophen?
Steve Przybilla

Dass ein Schreibtisch wirklich ein sicherer Ort ist, bezweifelt der Ingenieur, dessen Haus beim letzten Erdbeben dank neuer Bauweise kaum beschädigt wurde: „Wenn das Dach über dir zusammenkracht, hilft dir das auch nicht mehr weiter.“ Auch die Vorräte, die Kalifornier für den Notfall anlegen sollen, existieren bei Adams schon seit Jahren nicht mehr.

„Nachdem die Mäuse angefangen hatten, daran zu fressen, habe ich alles weggeworfen“, sagt Adams. „Es stimmt schon, dass man mit der Zeit ein wenig nachlässig wird.“ In der Schule sei seine Generation auf solche Naturkatastrophen nicht vorbereitet worden: „Wir haben nur gelernt, was man bei einem Atombombenangriff macht.“

Tatsächlich stellt sich die Frage, wie viel die jährliche Erdbeben-Übung wirklich bringt. Unter einen Tisch kriechen und sich vorstellen, dass es wackelt? „So banal es klingt, aber das hilft“, meint Seismik-Experte Richard McCarthy. Die Übung rücke das Thema ins Bewusstsein. „Bei vielen ist die Gefahr sonst gar nicht präsent. Außerdem probt die Feuerwehr am Übungstag in vielen Städten die Bergung von Verschütteten.“

Auch jüngere Leute, die in ihrem Leben noch kein großes Erdbeben erlebt haben, verdrängen die Gefahr. „Wir haben wichtigere Probleme als ein Erdbeben, das vielleicht irgendwann einmal kommt“, sagt die 29-jährige Diana Straham, die mit ihrer Familie in der Kleinstadt Paso Robles lebt. „Der Staat sollte erst einmal seinen Haushalt sanieren.“

Angst vor einer Katastrophe wie im japanischen Fukushima hat die Kalifornierin nicht. „Ich vertraue darauf, dass wir bei uns sicher sind.“ Mit dieser Einstellung ist sie nicht allein: Gerade einmal 13 Prozent aller Kalifornier sind gegen die Folgen von Erdbeben versichert, berichtet die New York Times.

Erdbeben sind nicht die einzige Gefahr: Durch die Erdstöße können sich Tsunamis bilden.
Steve Przybilla

Diejenigen, die sich mit der Materie genauer befassen, finden diese Laissez-faire-Haltung naiv. „In flacher gelegenen Regionen sind Tsunamis die größte Gefahr“, warnt James Wheeler, der als Ranger im Redwood-Nationalpark an der Pazifikküste arbeitet.

„In Japan ist das Warnnetz für Tsunamis viel höher entwickelt als bei uns, und trotzdem kam es zur Katastrophe.“ Vielen sei gar nicht bewusst, dass sie sofort in höheres Gelände flüchten müssen, wenn sich das Wasser nach einem Erdbeben zurückzieht.

Rund 400.000 Touristen kommen jährlich in den Nationalpark, der sich mehrere Kilometer an der Küste entlang zieht. Warnsirenen gibt es dort nur in den Städten. „Zum Glück“, sagt Wheeler, „überwiegt bei den meisten Besuchern die Neugier, wenn sie die Tsunami-Warnschilder am Straßenrand sehen. Dann kommen sie zu uns ins Besucherzentrum und fragen, was es damit auf sich hat.“

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Dieser Beitrag gehört zur Koralle "America First: Verrücktes Land. Faszinierende Geschichten". Der Text wurde zuerst im Offenburger Tageblatt veröffentlicht und behutsam aktualisiert.

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