Tödliches Waschen

Menschen, die einst Asbest einatmeten, erkranken derzeit an aggressivem Brustfellkrebs. Darunter sind Frauen wie Marlene Zepp, die ihrem Mann die asbesthaltige Arbeitskleidung wusch. Sie werden in allen Nachbarländern entschädigt, nur in Deutschland nicht.

Ein Artikel aus dem Online-Magazin "Unverkäuflich" von Susanne Donner

Drei überregionale Zeitungen und zwei Magazine hatten das Thema nacheinander abgelehnt. Ein Argument: Asbest, darüber haben wir schon so viel berichtet, das ist nicht mehr neu. Der rasche Reflex ist hier aber ganz falsch… Denn darüber wurde kaum geschrieben.

Marlene Zepp war Sportlehrerin, eine agile und vitale Frau, die mit ihren 78 Jahren noch die roten Pisten auf Skiern hinunter sauste. Doch eines Tages wird sie kurzatmig. In der Ultraschallaufnahme sieht der Arzt Wasser um die linke Lunge. Sie muss sofort ins Krankenhaus. Die Mediziner in der Thoraxklinik Heidelberg entdecken im Januar 2015 ein Pleuramesotheliom, einen hochaggressiven Brustfellkrebs. „Ich wusste sofort: Das ist ein Todesurteil“, sagt die Tochter, Birgit Löffler, die als Hausärztin praktiziert. Und: Der an sich sehr seltene Tumor geht eigentlich immer auf Asbestfasern, manchmal in geringen Mengen zurück.

Zepp erschrickt. Mit Asbest hat sie nie gearbeitet, wohl aber ihr vor langer Zeit bei einem Unfall verstorbener Mann. Dreißig Jahre trug er bei der Hoechst AG Schutzkleidung, die mit Asbest belastet war. Sie wusch seine Sachen zuhause, wie im Arbeitsvertrag vorgeschrieben. Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 500 Personen, die selbst nicht mit der Faser gearbeitet haben, an dem asbestbedingten Tumor, schätzt der Berliner Arbeitsmediziner Xaver Baur.

Sie bezahlen mit ihrer Gesundheit für die kapitale Leichtfertigkeit in den Betrieben seinerzeit: Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war bekannt, dass Asbestfasern gefährlich sind, weshalb Versicherer belasteten Arbeitern keine Lebensversicherung gewährten. Dessen ungeachtet setzte der eigentliche Boom der mineralischen Fasern nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Bis in die neunziger Jahre war das hochgradig feuerfeste Material fast überall anzutreffen, wo hohe Temperaturen auftraten: in Schutzanzügen und -handschuhen, in Bremsbelägen, in Nachtspeicheröfen und Thermoskannen. Den damaligen Arbeitsverträgen zufolge mussten Beschäftigte ihre Dienstkleidung meist zuhause waschen. Oft erledigten diese Hausarbeit die Ehefrauen, die so die Fasern beim Ausschütteln und Aufhängen der Textilien einatmeten. In den Nachbarländern, Schweiz, Niederlande und Frankreich, werden diese häuslichen Asbestopfer über Fonds entschädigt. Nicht so in Deutschland.

Der Gipfel der Erkrankungswelle

Der Bundesverband Asbestose fordert zwar seit langem eine Angleichung. Und die Konferenz der Gesundheitsminister fasste im vergangenen Jahr einen Beschluss, wonach die Regierung eine Entschädigung prüfen sollte. Aber seither ist nichts geschehen.

Asbestfasern dringen tief in die Lungenbläschen ein. Die Fresszellen, die gewöhnlich Fremdstoffe ausschleusen, schaffen dies bei den harten mineralischen Fasern nicht. Sie sterben sogar ab. Dabei werden chronisch Entzündungsstoffe frei. Über eine Latenzzeit von bis zu 60 Jahren bedingt dies Krebs, vor allem Mesotheliome, Lungen-, Kehlkopf- und Eierstockkrebs. „Wir sehen erst jetzt den Gipfel der Erkrankungswelle“, sagt Inke Feder vom Deutschen Mesotheliomregister an der Ruhr-Universität Bochum.

Immer wieder behaupten allerdings sogar Experten, die Fasern wirkten nicht derart lange und würden nach und nach ausgeschieden. Doch Feder konnte in einer 2017 erschienenen Studie zeigen, dass der Gehalt an Asbest über vierzig Jahre im Lungengewebe gleichbleibt. „Wir konnten das bei ein und denselben Patienten anhand mikroskopischer Untersuchungen nachweisen“, sagt sie.   

Jedes Jahr werden rund tausend Mesotheliompatienten als Berufskranke anerkannt. 1600 Fälle registrierte das Robert-Koch-Institut 2014. „Es gibt eine Diskrepanz von gut 500 Fällen im Jahr, die offensichtlich nicht durch die Arbeit bedingt sind. Darunter sind Angehörige, die zuhause belastet wurden, auch Heimwerker, die sich nicht ausreichend geschützt haben“, sagt Baur.

Die Diagnose, ein Todesurteil

Womöglich sterben auch einige Patienten, ehe die Berufsgenossenschaften ihren Fall in monatelangem Hin und Her anerkennen. Denn es gibt keine spezifischen Therapien für diese seltene Krebsart. Sie ist deshalb ähnlich tückisch wie Bauchspeicheldrüsenkrebs. Weil die Zahl der betroffenen Patienten verglichen mit anderen Tumorleiden klein ist, investiert die Pharmaindustrie nicht. Ausgewiesene Spezialisten sind weltweit handverlesen. Die Folge: Die Patienten sterben gewöhnlich innerhalb eines Jahres, Männer deutlich schneller als Frauen.


Marlene Zepp ist 2014 aber noch so rüstig, dass sie dem Schicksal trotzen und um ihr Leben kämpfen will. Sie bekommt eine Chemotherapie und eine Bestrahlung. Der Tumor bildet sich zurück. Dunkel erinnert sie sich in dieser Zeit, dass sie von 1960 bis 1963 bei Höchst als Sekretärin arbeitete, in dem Betrieb, in dem auch ihr Mann in der Phosphorproduktion tätig war. Sie saß allerdings am Schreibtisch. Im Treppenhaus begegneten ihr jedoch die Arbeiter mit ihren verstaubten asbestbelasteten Anzügen. Selten musste sie auch mal einen eiligen Brief in die Produktion bringen. Gewiss hat sie viel mehr Fasern beim Waschen der Kleidung ihres Mannes eingeatmet. Kann sie aufgrund dieser drei Jahre eine berufliche Belastung und damit eine Entschädigung geltend machen? Sie wendet sich an die auf solche Fälle spezialisierte Kanzlei Battenstein bei Düsseldorf.

Asbest ist überall

Was viele nicht wissen: Noch immer ist Asbest ein Thema, wenngleich seine Anwendung in Deutschland seit 1993 verboten ist. Aber es steckt in Fußbodenklebern, in altem Mauerwerk, in Straßenbelägen und in Fahrstuhl- und Rolltreppenschächten. Diese dürfen Arbeiter eigentlich nur mit Schutzanzug und Atemmaske sanieren. Das Gebäude müsste dafür in Plastikfolien eingehaust und die Luft aus dem Inneren permanent mit Pumpen abgesaugt werden. Sehr viele Bauten aus den fünfziger, sechziger Jahren müssten betroffen sein. Warum sieht man nur so selten Bauarbeiter im Ganzkörperschutzanzug?

„Ein Großteil der Sanierungsarbeiten erfolgt nicht fachgerecht. Die strengen Vorschriften werden nicht eingehalten, weshalb besonders in den großen Städten die Luft ständig mit Asbestfasern kontaminiert wird“, klagt Baur. Er selbst zeigte erst kürzlich einen Betrieb, ein ausgewiesenes Asbestsanierungsunternehmen aus Berlin, bei der Polizei an, als dieses sein Nachbarhaus ohne Schutzmaßnahmen zu sanieren begann, obwohl darin nachweislich die krebserzeugenden Fasern steckten. Der Bundesverband Asbestose fordert aufgrund dieses Missstands ein öffentliches Asbestkataster, in dem Eigentümer, Käufer, Verkäufer und Bauherrn nachschauen können, in welchen Immobilien die Fasern stecken.

Aufgrund von Bauarbeiten fliegen in Großstädten wie Berlin üblicherweise einige hundert Asbestfasern pro Kubikmeter Luft. Hinzu kommen Regelungslücken: Etwa darf bei Arbeiten in Steinbrüchen Asbest in die Luft gelangen. „Diese breite Kontamination der Umwelt besonders in den Städten bedingt auch Krebsfälle. Es gibt nämlich praktisch kein Limit, unterhalb dem Asbest nichts mehr macht“, sagt Baur.

Nicht zu vergessen: 2017 bauten Minenarbeiter insgesamt 1,3 Millionen Tonnen Asbest weltweit ab. In vielen Ländern ist das Material nach wie vor begehrt. Und über Internetverkäufe können sogar entsprechende Produkte, etwa asbestgedämmte Thermoskannen, nach Deutschland gelangen. 

Anerkennung nach dem Tod

2016 wächst der Tumor in Marlene Zepps Körper wieder. Chirurgen entfernen eine Rippe. Doch von da an geht es ihr immer schlechter. Um ihre linke Lunge sammelt sich ständig Wasser an. „Ihr Leben bestand nur noch aus den drei Worten: „Angst, Atemnot und Schmerzen““, erinnert sich die Tochter. Im Herbst 2017 stirbt Zepp in einem Hospiz an eine Morphiumpumpe angeschlossen unter den sonst unerträglichen Schmerzen. „Es war so schrecklich. Ohne diese Krankheit hätte sie noch viele schöne Jahre gehabt“, sagt Löffler.

Ein Jahr nach dem Tod von Marlene Zepp wird ihr Leiden wegen der drei Berufsjahre in dem asbestverarbeitenden Betrieb als Berufskrankheit anerkannt. In Frankreich hätte man die Verantwortung des Unternehmens an Zepps schwerem Krebsleiden sofort zugestanden. Sie hätte noch zu Lebzeiten eine Rente bekommen.   

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