Pandemien: Wie gesichert ist es, dass Naturzerstörung dahintersteckt?

Debatte: Claudia Ruby und Thomas Krumenacker diskutieren über eine Frage, die durch Streichungen in einem Regierungsdokument politisch brisant geworden ist

Bundeskanzlerin Angela Merkel fand Ende April klare Worte: Epidemien vergangener Jahrzehnte seien “insbesondere auf die verstärkte Nutzung bislang ungestörter Lebensräume und der damit verbundenen Nähe zu wilden Tieren zurückzuführen”, sagte sie beim Petersberger Klimadialog. Merkel forderte, beim internationalen Schutz der biologischen Vielfalt müsse es endlich Fortschritte geben. Dafür sieht sie die 15. UN-Konferenz zur Biodiversitätskonvention 2021 als Chance.

Doch innerhalb der Bundesregierung wird darum gerungen, ob ein solcher Zusammenhang zwischen Naturzerstörung und Epidemien überhaupt wissenschaftlich gesichert ist. In der vergangenen Woche haben wir darüber berichtet, wie das Bundeslandwirtschaftsministerium einen gemeinsamen Bericht mit dem Umweltministerium umschreiben ließ. Das Ressort von Ministerin Julia Klöckner (CDU) bestand darauf, beim Thema Zoonosen – also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen überspringen – alle Bezüge der aktuellen Corona-Pandemie zur Umweltzerstörung zu streichen.

Auch Passagen, die öffentliche Äußerungen von Umweltministerin Svenja Schulze fast wortgleich wiedergaben, wurden mit dem Kommentar gestrichen, die Zusammenhänge der Pandemie mit Umwelt- und Naturzerstörung seien spekulativ. Umweltschützer sehen dahinter den Versuch des Landwirtschaftsministeriums, Gefahren etwa durch Regenwaldzerstörung für den Export von Soja und Palmöl nach Deutschland kleinzureden. 

Gesichert ist derzeit, dass das neuartige Virus Sars-CoV-2 genetisch gesehen große Ähnlichkeiten mit Viren hat, die in chinesischen Fledermäusen gefunden wurden. Diskutiert wird darüber, ob die Nutzung von Fledermausdung oder der Verzehr der Tiere für einen direkten Sprung zum Menschen verantwortlich sein könnten. Alternativ wird untersucht, ob es einen Zwischenwirt gegeben haben könnte, etwa die sogenannten Larvenroller, industriell gehaltene Marderhunde oder für den Verzehr getötete Schuppentiere. 

Auch bei uns Flugbegleitern wird die Frage nach dem Zusammenhang von Pandemie und Umweltzerstörung kontrovers diskutiert. Thomas Krumenacker, der Autor des Artikels, findet die These, dass die Corona-Krise auch Ausdruck einer tiefergehenden ökologischen Krise ist und dass Umweltzerstörung den Ausbruch verheerender Pandemien begünstigt, ausreichend wissenschaftlich belegt. Er sieht im Landwirtschaftsministerium Wissenschaftsfeindlichkeit und "Realitätsverweigerung" in der Art von US-Präsident Trump am Werk. Claudia Ruby dagegen hat Zweifel. Sie warnt davor, voreilige Schlüsse zu ziehen.

In den vergangenen Tagen haben Thomas und Claudia ihre Diskussion zu Papier gebracht.

***

Ein offenkundiger Zusammenhang – oder konstruiert?

Claudia: Thomas, Dein Artikel hat ja enorme Resonanz bekommen, und ich fand es extrem spannend zu lesen, wie der Abstimmungsprozess zwischen den Ministerien gelaufen ist. Mit der Grundthese allerdings habe ich Schwierigkeiten, also mit der Annahme, dass die Biodiversitätskrise für die aktuelle Corona-Pandemie verantwortlich ist. Verstehe mich nicht falsch: Der Verlust der Artenvielfalt ist vermutlich das gravierendste Problem, was wir gerade haben. Eine Spezies, die ausgestorben ist, lässt sich nicht mehr zurückholen. Das Thema braucht unbedingt mehr Aufmerksamkeit. Aber der Zusammenhang zur Corona-Pandemie kommt mir sehr konstruiert vor – da kann ich die Einwände aus dem Landwirtschaftsministerium verstehen.

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Portrait von Thomas Krumenacker auf einem Feld. Er schultert ein Stativ und trägt ein Fernglas um den Hals.
Thomas Krumenacker arbeitet als Wissenschafts- und Umweltjournalist für Medien wie die Süddeutsche Zeitung und ZEIT Online. Er ist Mitglied der Fachredaktion der Zeitschrift „Falke“.
Christian Schwägerl
Portrait von Claudia Ruby
Die Radio- und Fernsehjournalistin Claudia Ruby arbeitet für ARD und ZDF hauptsächlich zu Umwelt- und Wissenschaftsthemen. Sie ist Mitglied im Vorstand der Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK).
Foto: Privat, mit frdl. Genehmigung
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