Vögel füttern – ja oder nein?

Und wenn ja - nur im Winter oder ganzjährig? Eine persönliche Antwort auf eine alte Streitfrage. Von Johanna Romberg

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Ich habe eine Freundin im Nachbardorf, die hat ein so großes Herz für Vögel, dass selbst meines sich dagegen mickrig ausnimmt. Sie versorgt nicht nur eine umfangreiche Schar glücklicher Hühner, sondern überhaupt alles, was in ihren geräumigen Garten einfliegt. Und zwar größtenteils mit selbst zubereitetem Futter. Mindestens einmal die Woche steht sie am Herd und verrührt Haferflocken, Samen verschiedener Sorten und Rosinen in ausgelassenem Fett. Die Mischung streut sie dann entweder auf (gegen Katzen gesicherte) Futtertische oder streicht sie in Kokosnussschalen. Sie füttert ganzjährig, versteht sich, auch zur Brutzeit, auch wenn reichlich Insekten schwärmen.

Lange Zeit habe ich den Kopf geschüttelt über meine Freundin. Ich war eine Anhängerin der reinen, von den meisten Naturschutzverbänden bis heute hochgehaltenen Lehre, wonach Wildvögel, wenn überhaupt, nur bei strengem Winterwetter zu füttern sind. Zuwiderhandlungen gelten nach dieser reinen Lehre als unzulässige Eingriffe ins Ökosystem – bestenfalls überflüssig, schlimmstenfalls schädlich. Zu den Folgen, vor denen gewarnt wird, zählen Infektionen durch verschmutztes Streugut, übermäßige Förderung von häufigen zu Ungunsten seltener Arten und – besonders verwerflich! –„Wohlstandsverwahrlosung“: Das ständig verfügbare Fett- und Körnerbuffet im Garten verleite zum Faulsein; die Vögel verlernten auf Dauer, für sich selbst zu sorgen.

Es war vor allem der Garten meiner Freundin, der mich nach und nach an diesen Futter-Dogmen zweifeln ließ. Er wirkte so viel lebendiger als mein eigener. Mehrere Spatzenclans (Haus- und Feldspatzen) belagerten ihn, Meisen (Blau- und Kohlmeisen) zeterten aus jedem zweiten Busch, Grünfinken und Grasmücken trällerten in den Baumkronen, und fast alle Nistkästen, ein gutes Dutzend, waren und sind bis heute belegt – auch in kalten, verregneten Frühjahren, teils sogar von Staren, die in unserer Gegend längst Seltenheitswert haben. Rund um unsere Dörfer erstreckt sich das übliche Einerlei aus Mais, Raps und Intensivgrünland; ich begegne dort selbst auf langen Spaziergängen oft nicht mal halb so vielen Vögeln, wie sich im Garten meiner Freundin an einem einzigen Nachmittag versammeln.

Ein Schwarm Haussperlinge versammelt sich in einem schneebedeckten Garten rund um eine zum Körnerfutterspender umfunktionierte Plastikflasche
Spatzen futtern am liebsten in großer Gesellschaft. Form und Material des Futterspenders ist ihnen egal - Hauptsache, es ist genug drin.
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Nach einem meiner Besuche dort stieß ich beim Googeln auf den Klassiker zum Thema: „Vögel füttern, aber richtig“ von Peter Berthold, ehemaliger Leiter der Vogelwarte Radolfzell. Das reich illustrierte Bändchen ist nicht nur ein detaillierter Ratgeber zur Fütterungspraxis, sondern auch eine vehemente Streitschrift gegen die Doktrin des Die-Natur-sich-selbst-Überlassens. Bertholds Thesen sind unter Vogelfreunden durchaus umstritten, und auch ich kann dem prominenten Ornithologen nicht in allem folgen. Etwa wenn er das Zufüttern als „moralische Verpflichtung“ bezeichnet, um das mangelnde Nahrungsangebot in der offenen Landschaft auszugleichen.

Nach Bertholds Berechnungen produzierten deutsche Äcker und Wiesen noch bis in die 1950er Jahre rund eine Million Tonnen Wildkräutersamen pro Jahr – heute dagegen, dank des großflächigen Einsatzes von Pestiziden, nur noch einen winzigen Bruchteil davon. Jeder Rundgang ums Dorf bestätigt mir diese Zahlen. Dennoch fühle ich mich von Bertholds Appell nur bedingt angesprochen. Wenn irgendwer in der Pflicht ist, unseren heimischen Vögeln zu helfen, dann sind es, denke ich, die Landwirte, im besonderen ihre Verbandsvertreter und deren politische Unterstützer in den Agrarministerien: Sie haben durch die jahrzehntelange Verteidigung eines einseitigen, stur auf Ertragssteigerung setzenden Subventionssystems dazu beigetragen, dass sich die deutsche Feldflur in eine öde, artenarme, auf weiten Flächen lebensfeindliche Nutzpflanzensteppe verwandelt hat – mit den bekannten Folgen nicht nur für Vögel, sondern auch für Insekten und andere Wildtiere. (Es gibt natürlich auch Landwirte, die gut für "ihre" Vögel sorgen, auch unter unseren Followern).

Ich habe mich nach Lektüre von Bertholds Vogelfuttermanifest dennoch entschlossen, auf die Seite der Ganzjahresversorger zu wechseln. Mich haben nicht zuletzt die zahlreichen Studien überzeugt, die der Ornithologe zitiert – eigene ebenso wie solche von Kollegen aus Großbritannien und den USA. Die Forschungen belegen, dass Wildvogelfütterung durchaus messbare positive Auswirkungen haben kann: Die gestärkten Vögel überleben den Winter häufiger, beginnen früher mit dem Brüten und haben mehr und gesündere Nachkommen. Bei konsequenter Rundumversorgung über mehrere Jahre nimmt nicht nur die Zahl der Individuen, sondern auch die der Arten im Umkreis der Futterstelle deutlich zu. Berthold selbst zählt an seinen diversen Körner- und Fettbuffets im Bodenseegebiet 72 Spezies, darunter auch wenig gartentypische wie Goldammern, Bachstelzen, Weidenmeisen, Stieglitze, Baumläufer und Kolkraben.

Kleiber können nicht nur mit dem Kopf nach unten klettern, sie fressen auch gern so. Dabei fällt natürlich schon mal was runter.
Kleiber können nicht nur mit dem Kopf nach unten klettern, sie fressen auch gern so. Dabei fällt natürlich schon mal was runter.
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Berthold widerspricht auch einer Reihe gängiger Vorbehalte gegen das Füttern. So werde die Infektionsgefahr überschätzt, weil Vögel schon aufgrund ihrer hohen Körpertemperatur – bis etwa 45 Grad - resistenter gegen Keime seien. Auch führe das Ganzjahresangebot nicht, wie befürchtet, zur Fehlernährung von Jungvögeln: Die bekämen nach wie vor nur artgerechte Insektenkost. Nur die Elterntiere nutzten die Fett- und Körnerdepots zur Stärkung für die Versorgungsflüge, die sie – Stichwort Insektenschwund – mittlerweile deutlich mehr Energie kosten als noch vor einigen Jahrzehnten.

Und von Wohlstandsverwahrlosung, so der Ornithologe, könne schon gar keine Rede sein: Wenn die Natur genügend Nahrung bietet, „leisten“ es sich die Vögel, vom Futterhaus wegzubleiben. Das passiert zum Beispiel in sogenannten Mastjahren, in denen Buchen, Kastanien und Ahorne überdurchschnittlich viele Früchte produzieren. Zuletzt war das im Herbst 2016 der Fall – vielleicht auch ein Grund, weshalb bei der diesjährigen „Stunde der Wintervögel“ auffallend wenige Meisen gezählt wurden.

Seit gut anderthalb Jahren befülle ich nun auch in unserem Garten die Futterstellen durchgängig – mit Qualitätsmischungen aus dem Fachhandel und Fettknödeln, die ich vorsorglich aus ihren Plastiknetzen befreie. (Vögel können mit ihren Krallen darin hängenbleiben). Das eigenhändige Zubereiten von Vogelmüslis habe ich nach ein paar Versuchen aufgegeben. Ich habe großen Respekt vor Leuten, die sich die Mühe machen, wie etwa manche unserer Follower.

Ein Vogelfutterspender, in dem mehrere Fett-und Körnerknödel übereinander gestapelt sind. Daran picken gerade mehrere Schwanzmeisen und eine Blaumeise.
An diesem großzügigen Futterspender können sich Schwanz- und Blaumeise gleichzeitig bedienen.

Aber ich finde, dass ich auch so schon genug Zeit am Herd verbringe. Auch verwöhne ich meine Gartengäste nicht mit mehlwurm-angereicherten De-Luxe-Mischungen oder Energiekuchen mit Krabben und Aktivkohle für € 13,99 das Kilo: Ich muss, bei aller Liebe zu Vögeln, auch noch einen Haushalt und zwei studierende Söhne mitversorgen.

Unser Garten hat sich aber auch so spürbar belebt: Die Feldsperlingsclans unter unserem Dach ziehen mittlerweile mindestens drei Bruten jährlich hoch, Meisen (Kohl-, Blau-, gelegentlich auch Sumpfmeisen) zetern aus jedem zweiten Busch, Grünlinge treffen sich zum Familienfrühstück, Gimpel und Erlenzeisige stärken sich auf der Durchreise, und zwei Kleiber unternehmen regelmäßig Selbstversuche zum Thema „Die 20 unbequemsten Positionen zur Aufnahme von Körnernahrung“.

Diese Aufzählung zeigt natürlich, dass mein Garten vor allem von sogenannten Allerweltsarten aufgesucht wird. Das bestätigt das Argument der Natur-ihren-Lauf-lassen-Fraktion, wonach Fütterung von Menschenhand nur solchen Arten zu Aber dieses Argument hat mich schon immer am wenigsten von allen überzeugt. Wer bin ich denn, dass ich entscheiden könnte, wer es nötig hat und wer nicht? In den paar Jahrzehnten, die ich mittlerweile beobachte, haben ein gutes Dutzend Allerweltsarten Raritätenstatus erlangt – siehe Kiebitz, Feldlerche, Rebhuhn, Gartenrotschwanz, Kuckuck. Sogar Sperlinge und Stare, noch in den 1950er Jahren als Landplage bekämpft, sind aus vielen Gegenden schon weitgehend verschwunden.

Ein Rotkehlchen pickt an einer Kugel aus selbstgemachtem Erdnusspüree
Mit Erdnusspüree, angeboten von unserem Follower @ho_uston, kann man auch Insektenfresser wie Rotkehlchen glücklich machen.
Andre Ruschmeier

Soll ich also den Kohlmeisen, die erwartungsvoll in den kahlen Birkenzweigen über dem Futterhaus hocken, sagen, sorry, Jungs, ihr seid leider noch nicht bedroht genug? Soll ich den Rotkehlchen, Amseln und Spatzen, die sich aus den akkurat gestutzten, mit Laubsauger und Giftspritze traktierten Gärten der Nachbarschaft auf unser Grundstück flüchten, zurufen: Hey, ihr Lieben, macht euch keine Sorgen, wenn ihr demnächst verhungert - die Bestände eurer Arten sind noch einigermaßen stabil?

Nein, das bringe ich nicht übers Herz. Und deshalb gehe ich jetzt raus, Körner und Nüsse nachlegen. Seit einigen Tagen wird mein Futterhaus von einer Bande Eichelhäher heimgesucht. Die haben so einen Mordshunger, dass ich die Tagesrationen notgedrungen werde erhöhen müssen.