Rollrasen vor der Stadt

Gerhard Richter Auf einem Rasen steht der Klappschreibtisch von Autor Gerhard Richter mit Schreibmaschine und Hocker.


Fieldwriter Gerhard Richter schreibt auf einem Rollrasen. Minutenlang starrt er ins Gras, bis es ihn gruselt.

Dieser Rasen ist ein Triumpf. Ansehnlich, eben und grün. Ein Sieg über das herkömmliche Säen, Wässern und Warten. Ein Rollrasen muss nicht keimen. Ein Rollrasen kann gleich gemäht werden. Das Mähmesser des Rasentraktors erneuert turnusmäßig den Sieg über das Wachstum und verhindert, dass aus Rasen Wiese wird. Selbst die Hundebesitzer verbeugen sich vor dieser Reinheit und klauben die Kotbrocken ihrer Lieblinge brav aus dem Gras. Die Hunde, die rund um den Rasen spazieren geführt werden, sind klein und krummbeinig und erinnern kein bisschen an ihre Wolfsahnen. Diesen Rasen würde ein Wolf nur zögernd betreten. So fremd und unwirklich würde er ihm erscheinen. Wir Menschen dagegen mögen solche Grünflächen.

Der Rest der Welt ist weit weg

Ungefährdet sitze ich in der Rasenmitte. Ich habe extra darauf geachtet, den Klappschreibtisch samt Hocker so zu platzieren, dass die Wege am Rand möglichst weit entfernt sind. Ich will maximal viel Rasen um mich haben. Davon verspreche ich mir die intensivste Wirkung seiner Schlichtheit. Von der Mitte dieses Rollrasens aus betrachtet, vereinfacht sich die Landschaft. Unten grün, oben Himmel. Der Rest der Welt ist weit weg. Auch unsere Vergangenheit, in der wir täglich mit der Natur ums Überleben ringen mussten, ist verschwunden. Die Natur ist jetzt zurechtgestutzt. Das macht gepflegten Rasen scheinbar so erholsam. Außer man sitzt mit einem Klapphocker darauf und schaut sich minutenlang die Flora genau an. So wie ich.

Die grüne Wüste

Auffällig ist, das vieles fehlt. Auch bei genauer Betrachtung sind fast alle Pflanzen, die es auf Grünflächen sonst gibt, nicht da: Spitzwegerich, Huflattich, Mieren, Moose, Quecken oder Gänseblümchen - Fehlanzeige. Dieser Rasen hier beheimatet genau drei Arten. Gras, Klee und Löwenzahn. Löwenzahn mit seinen gezähnten Blattrosetten hat sich verstreut in kleinen Gruppen angesiedelt; Klee drängt sich in metergroßen Inseln zusammen. Aber um hier kein falsches abwechslungsreiches Bild zu malen: 99 Prozent der Fläche sind mit Gras bewachsen.

Um genau zu sein: Im frühjahr 2019 sind die Flächen mit Gras ausgerollt worden. Dieses Areal hier grenzte direkt an den Eingangsbereich der Wittstocker Landesgartenschau, und der Rollrasen war ein fußballfeldgroßes Statement der Gestaltungskraft ihrer gehetzten Planer. Vom Zuschlag der Jury bis zur Eröffnung war viel zu wenig Zeit für gemächliches Wachstum. Es musste schnell gehen. Dieser Rollrasen verwandelte eine planierte Fläche quasi über Nacht in eine gepflegt wirkende fertige Grünfläche. Einige Gäste wunderten sich, dass es keine Schilder gab, die das Betreten verboten und ärgerten sich über diejenigen, die es einfach taten. Andere fanden Rollrasen grauenhaft und nannten ihn zurecht eine „grüne Wüste“. Manche Mitarbeiter des Gäste-Service luden die Besucherinnen ein, doch einmal über den Rollrasen zu flanieren, gern auch barfuß!

Alles vertrieben vom Rasentraktor

Kinder fühlen sich eingeladen von dieser Leere. Ganz unbekümmert betreten sie den Rasen, rennen im Kreis, lassen sich in das satte weiche Grün fallen und stürmen davon. Keinerlei Gefahr geht von diesem Fleck Natur aus. Kein Raubtier, keine Wespe, keine Spinne, keine Distel oder Brennnessel, kein giftiger Pilz, nicht einmal Keime hausen hier. Alles nachhaltig und regelmäßig vertrieben vom Rasentraktor und seinem rotierenden Schneideisen. Die abgehauenen Enden der Grashalme zeugen vom letzten Einsatz.

Ein Meer aus Narben

Alle Halmspitzen sind gekappt und enden in braunen Fasern. Beuge ich mich hinunter, bis dicht über das Gras, entsteht ein interessanter Effekt. Die vertrockneten Spitzen der Grashalme verdichten sich in dieser Perspektive zu einem Teppich aus Narben. Wie die Borsten einer Bürste und in einem hellen Braun wirken die Stümpfe fast wie winzige Blüten. Es sind aber Narben. Ein Meer aus Narben. Hier wüten Kontrollsucht und Gestaltungswahn. Gebremstes Wachstum, niedergehalten auf einer ästhetisch fragwürdigen Stufe. Keine Pflanze wird je hier Samen tragen. Die ganze Fläche wirkt unterjocht und bedürftig. Ein verödeter Raum im Netz des Lebens.

Nach dem Rollrasen: der Schottergarten

Törichterweise gilt so ein gepflegter Rasen als Gradmesser guten Gärtnerns. Zierrasen gilt als hochstehendes Landschaftselement, als zivilisatorische Errungenschaft, ist aber lediglich das Ergebnis beharrlichen Ausmerzens unerwünschter Kräuter. Bleibt man in dieser Logik, kann nach dem Rollrasen nur noch der Schottergarten folgen.

Knapp über der Grasnarbe jagen Schwalben dahin und üben abrupte Flugmanöver. Sie mögen den Rasen und genießen das freie Flugfeld ohne jedes Hindernis. Alle anderen Tiere meiden den Rasen, weil er keinerlei Schutz oder Deckung bietet. Es ist nicht einmal ein Insekt zu entdecken, welches durchs Gras krabbelt. Nichts hüpft, nichts kriecht, nichts schlängelt sich. Ökologisch betrachtet hat dieser Rollrasen das Artensterben schon hinter sich. Ein gruseliges Fiasko!

Das monochrome Grün flutet die Augen

Ruhigen Schrittes wandeln Spaziergänger im Abendlicht vorbei. Nach des Tages Hektik suchen und finden sie hier rund um den Rollrasen Ruhe und Ausgleich. Das monochrome Grün flutet die Augen. Der Blick kann über freie Fläche schweifen. Die Stadt schrumpft zu einem schmalen unbedeutenden Band zwischen blauem Himmel und grüner Erde. Hier ist nichts kompliziert. Die Wildnis, wie wir sie 40.000 Jahre lang ertragen mussten, ist zurückgedrängt – bis auf die altbekannte vertraute Farbe. Dieser Rasen ist Fläche und Symbol. Das genügt dem Menschen der Moderne. Der Rasen ist der Fußabtreter unserer Psyche, ausgerollt für ein Natur- und Freizeitverhalten frei von Wurzeln und ökologischem Verständnis.

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