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Aus dem Reservat zum Weltnaturschutzgipfel: Die lange Wanderung der Elefanten nach Kunming

Interview mit der Zoologin Angela Stöger-Horwath über die 500 Kilometer weite Migration von 15 Elefanten in China und die Hintergründe des Phänomens

von
07.06.2021
7 Minuten
Auf diesem Luftbild, das am 28. Mai 2021 aufgenommen und von der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlicht wurde, sieht man eine Herde wilder asiatischer Elefanten im Landkreis E’shan in der südwestchinesischen Provinz Yunnan. Eine Herde von 15 wilden Elefanten, die 500 Kilometer (300 Meilen) von einem Naturreservat in Chinas Gebirgs-Südwesten gewandert sind, näherte sich am Mittwoch, den 2. Juni, der Großstadt Kunming, während die Behörden eilig versuchten, sie von besiedelten Gebieten fernzuhalten.

Eine Gruppe asiatischer Elefanten ist in China über ein Jahr hinweg 500 Kilometer weit gemeinsam gewandert. Unterwegs richteten die streng geschützten Tiere erhebliche Sachschäden an. Nun sind die Elefanten in der Nähe von Kunming unterwegs. Wie es der Zufall will, soll dort der nächste Weltnaturschutzgipfel stattfinden.

Die Elefanten lebten ursprünglich in der Region von Xishuangbanna an der Grenze von Myanmar und Laos. Von den rund 280 asiatischen Elefanten, die dort in zwei Reservaten geschützt werden, spaltete sich vor rund einem Jahr eine Gruppe von 15 Tieren ab. Auf ihrem Weg in den Norden durchquerten sie in den letzten Monaten Wälder, Dörfer und Städte. Dabei entfernen sich die Elefanten immer weiter aus ihrer gewohnten Umgebung.

Über die Probleme der Elefanten und mögliche Lösungen der Menschen sprachen wir mit der Zoologin Angela Stöger-Horwath. Sie hat sich auf die Kommunikation von Elefanten spezialisiert und leitet das Mammal Communication Lab der Universität Wien.

Frau Stöger-Horwath, was steckt hinter der ungewöhnlichen Wanderung?

Das Wichtigste wäre herauszufinden, warum die Elefanten aus ihrem Reservat aufgebrochen sind. War vielleicht die Zahl der Elefanten für den dort verfügbaren Platz zu groß? Wenn Konflikte um Wasser und Futter entstehen oder diese Ressourcen knapp werden, kann das eine Abwanderung der Tiere auslösen. Möglich wäre, dass sie jetzt für sich noch nicht den richtigen Ort gefunden haben, an dem sie gerne bleiben wollen .

Die Wiener Zoologin Angela Stöger-Horwath leitet das „Mammal Communication Lab“ der Universität Wien. Sie hat sich auf die Kommunikation von Elefanten spezialisiert. Auf dem Bild ist sie vor Elefanten zu sehen.
Die Wiener Zoologin Angela Stöger-Horwath leitet das „Mammal Communication Lab“ der Universität Wien. Sie hat sich auf die Kommunikation von Elefanten spezialisiert.

Was würde einen Ort denn aus Sicht der Elefanten geeignet erscheinen lassen, um zu bleiben?

Elefanten brauchen Platz, Nahrung und Wasser. Die Sozialgruppe scheint so gefestigt zu sein, dass die Elefanten sich zusammen auf den Weg gemacht haben. So ein Ort ist, da wo sie jetzt sind, immer schwerer zu finden, weil sich überall menschliche Siedlungen befinden. Das weist auf das grundlegende Problem hin, das auch andere Wildtiere haben, dass für sie immer weniger Platz vorhanden ist. Wir Menschen haben uns in einem relativ kurzen Zeitraum von 50 bis 100 Jahren stark ausgebreitet. Elefanten haben mit 60, 70 Jahren eine lange Lebenserwartung. Sich in dieser kurzen Zeitspanne komplett anzupassen, ist natürlich nicht so einfach. Deshalb ist die Frage auch, ob diese Wanderung nicht inzwischen etwas orientierungslos ist.

Die Gruppe ist seit einem Jahr unterwegs und wohl immer noch gesund. Laut BBC setzten sich wahrscheinlich bereits in der Anfangszeit zwei Elefanten von der Gruppe ab und kehrten vermutlich in das Reservat zurück.

Unter Umständen waren das Jungbullen, die sich sowieso von der Gruppe mit der Zeit in Bachelor-Gruppen von der mütterlichen Herde abgesondert hätten.

Die verbleibenden 15 Elefanten sind schon länger zusammen unterwegs, teilen sich aber auch immer wieder auf. Wie ist das zu erklären?

Von afrikanischen Elefanten ist bekannt, dass sie gut wissen, in welchem Terrain sie sich eher schneller bewegen müssen und wo sie eher zusammenbleiben müssen, wenn sie sich bedroht fühlen. In einem weitläufigeren Waldgebiet werden sie sich wieder etwas auftrennen, um in Ruhe zu fressen. Sie suchen ihren Weg, bleiben in Kontakt.

Was ist die größte Gefahr für die Tiere?

Dass für die Elefanten besonders belastende Grenzsituationen entstehen und dass die Toleranz der Menschen gegenüber den Elefanten schwindet. Man wird früher oder später erwägen, einzugreifen. Ich habe gelesen, dass Barrieren aufgebaut werden, um sie ein bisschen zu lenken, um Konflikte zu vermeiden.

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Die asiatischen Elefanten sind in China streng geschützt. Bedeutet das, dass sie so lange ihre Wanderung fortsetzen können, bis ein extremer Schaden entsteht? Ab welchem Zeitpunkt gäbe es das Recht einzugreifen und welche Art des Eingriffs wäre vernünftig?

Ich denke, dass man eingreifen müsste, wenn das tierische wie das menschliche Wohl wirklich gefährdet wäre. Bis jetzt sind ja vor allem Sachschäden entstanden. Wenn jedoch Menschen akut gefährdet wären oder ums Leben kämen, wäre die Toleranzgrenze in der Bevölkerung erreicht. Dann muss man auch eingreifen. Besser wäre es natürlich, bereits zuvor einzugreifen.

Man sollte heutzutage wirklich vermeiden, Tiere, die in der freien Wildbahn aufgewachsen sind und dort leben, in einen Zoo zu bringen.

Tödliche Unfälle sind möglich?

Natürlich, das kommt häufig vor. In Afrika und Asien werden jährlich 300 bis 400 Menschen von Elefanten getötet. In Afrika treiben Bauern ihre Kühe in die Reservate hinein, die Elefanten riechen das Futter und kommen auf die Felder raus – einfach weil der Lebensraum so klein ist. Dann kommt es zum Konflikt.

Was würde geschehen, wenn man die Tiere in ihr ursprüngliches Reservat zurückbringen würde?

Man müsste herausfinden, warum die Tiere ausgewandert sind. Denn sonst könnte es passieren, dass sie wieder losmarschieren, sobald sie zurückgebracht wurden.

Die Tiere haben auf ihrer Wanderung ja bereits jede Menge Erfahrungen sammeln können. Sie sollen in Dörfern auch Wasserhähne aufdrehen, um an Wasser zu kommen.

Das ist sehr beeindruckend. Aber es sind dennoch große und gefährliche Tiere. Das ist auf lange Zeit nicht zu tolerieren.

Aber wohin? Wenn die hohe Bevölkerungsdichte von uns Menschen der Anlass für die Wanderung war, müsste dann ein neues Reservat ausgewiesen werden?

Man kann natürlich versuchen, die Tiere in neue ungestörte Gebiete zu transportieren, die als Lebensraum geeignet sind. Wenn es keine solchen Gebiete mehr gibt, bleibt das Problem bestehen.

Würde man die Tiere dann in einen Zoo bringen?

Man sollte heutzutage wirklich vermeiden, Tiere, die in der freien Wildbahn aufgewachsen sind und dort leben, in einen Zoo zu bringen. Das wäre meiner Meinung nach keine Lösung. Man müsste ja vermutlich dann auch die Gruppe auftrennen, denn 15 Elefanten sind viel für einen Zoo – das ist eigentlich unmöglich. Die Gruppe aufzutrennen wäre absolut nicht im Sinne der Tiere, denn Elefanten haben sehr starke soziale Bindungen.

Die Tiere können sich in so kurzer Zeit gar nicht anpassen.

Es wird auch über sichere Migrationspfade gesprochen. Aber wohin würde ihr Pfad führen? Offensichtlich ja ins Nirgendwo, weil im Norden die Nahrungsquellen immer dürftiger werden.

Eine Sackgasse ist kein Migrationspfad.

Wohl eher ein Explorationspfad…

Ja, die Migrationspfade machen nur Sinn, wenn es ein Ziel gibt, etwa um den Austausch von Elefantenpopulationen zu unterstützen – also wenn man Reservate miteinander verbindet, damit die Tiere abwandern können. Die Überpopulation in den Reservaten ist in Afrika auch ein Problem. Elefanten haben ja keine natürlichen Prädatoren, aber sie brauchen viele Ressourcen. Die Menschen sind deshalb mit dem Problem konfrontiert, die Populationen klein zu halten.

Es gibt in China nur noch etwa 300 asiatische Elefanten, aber diese 300 könnten schon zu viel sein?

Ja, das könnte schon zu viel sein, wenn der Lebensraum nicht mehr da ist.

Tiere ändern ihre Migrationspfade auch im Zuge der Klimakrise. Deshalb sind die ausgewiesenen Reservate vielleicht auch nicht mehr ausreichend, wenn sich die klimatischen Bedingungen ändern. Wie flexibel müsste die Ausweisung der Reservate denn künftig erfolgen? Kann man die Schutzgrenzen überhaupt nach Bedarf anpassen?

Das wäre ganz wichtig, denn die Lebensräume werden sich in den nächsten Jahren ändern – gerade auch in den afrikanischen Gebieten, die immer trockener werden. Die Tiere können sich in so kurzer Zeit gar nicht anpassen. Natürlich ist das Abwandern eine erste Reaktion. Es wäre ideal, wenn wir die Gebiete verlegen könnten. Aber die Realität sieht anders aus: Wo sollte man das tun? Soll man Menschen umsiedeln? In einzelnen Fällen wird das vielleicht möglich sein, aber es wäre angesichts der menschlichen Überpopulation nur sehr schwer durchzusetzen

Ist zu erwarten, dass auf dem Biodiversitätsgipfel in Kunming etwas passiert, was den Elefanten und anderen wandernden Tierarten helfen würde?

Was man tun müsste, weiß man ja. Aber der gesellschaftliche, politische Wille müsste erst einmal gegeben sein. Ob die menschliche Gesellschaft schon so weit ist, den Tieren Platz zu machen, ist fraglich. Die Bereitschaft verlischt rasch, wenn es an den eigenen Lebensstandard geht. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Es gibt hier wohl keine einfache Lösung.

Die Wanderung der 15 Elefanten zeigt das Problem der heutigen Zeit gut auf, dass die Tiere keinen Platz mehr haben. Wir Menschen versuchen so gut wie möglich damit umzugehen, aber auch nach einem Jahr gibt es noch keine Lösung. Das Positive ist die Aufmerksamkeit, die diese Elefantenherde weltweit erfährt und dass man auf die Problematik aufmerksam machen kann. Das ist vielleicht das einzige, was die Denkweise der Menschen ändern wird.

Aber wünschen sich nicht alle Beobachter ein Happy End?

Das Happy End gibt es vielleicht für diese Familiengruppe, aber die große Problematik bleibt bestehen.

Im Projekt Countdown Natur" berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Dieser Beitrag wurde gefördert durch die Hering Stiftung Natur und Mensch.

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Christiane Schulzki-Haddouti

Christiane Schulzki-Haddouti

schreibt seit 1996 über das Leben in der Informationsgesellschaft, seine Chancen und Schwierigkeiten. Für Riffrepoerter befasst sie sich mit praktischen und theoretischen Fragen der Kommunikation, Organisation und Vernetzung im Rahmen der Klimakrise.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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