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Zukunft des Waldes: „Im Klimawandel gibt es keine Gewinner“

Interview mit Forstwissenschaftler Dr. Ralf Petercord zum massenhaften Auftreten von Borkenkäfern, Schmetterlingsraupen & Co. sowie der Bedeutung von Pflanzenschutz im Wald

von
24.01.2020
16 Minuten
Raupen des Eichenprozessionsspinners

WaldReporter – Journalismus für Menschen, die dem Wald verbunden sind

Zahlreiche Organismen, die lebende Bäume als Nahrungsquelle nutzen – am bekanntesten sind Borkenkäfer und Schmetterlingsraupen – richten zunehmend verheerende Schäden in den Wäldern an. Waldschutzexperte Dr. Ralf Petercord erklärt im Interview, wie sich diese Organismen den wandelnden Klimabedingungen anpassen und warum der Mensch gegen sie vorgehen sollte.

Was genau bedeutet „Waldschutz“?

Oft wird der Begriff missverständlich genutzt. Waldschutz meint nicht Walderhalt im Hinblick auf die Waldfläche. Wenn also vom Erhalt des Tropischen Regenwaldes gesprochen wird, dann ist dies nicht Waldschutz, sondern dann geht es um Waldflächenerhalt. Waldschutz meint den Pflanzenschutz im Wald und ist auf den aktuellen Waldbestand ausgerichtet. Der Waldschutz ist den Grundsätzen des integrierten Pflanzenschutzes verpflichtet und besteht zunächst aus biologischen, biotechnischen und physikalische Maßnahmen. Das heißt, es wird versucht, den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel auf das notwendige Maß zu beschränken. Ihr Einsatz ist damit nicht ausgeschlossen, wird aber als Ultima ratio angesehen. Dieser Ansatz ist ein ganzheitlicher Ansatz, es gibt also strenggenommen keine verschiedenen Arten von Waldschutzmaßnahmen, sondern vielmehr ein Maßnahmenpaket, dessen Bestandteile aufeinander aufbauen.

Was macht einen Organismus zum Waldschädling?

Ein Organismus wird zum Waldschädling, wenn er dazu fähig ist, lebende Bäume oder frisches Holz zu besiedeln, als Nahrungsquelle zu nutzen und sich übermäßig zu vermehren. Die Bewertung geschieht aus Perspektive des Menschen und ist kein Begriff aus der Biologie. Beispielsweise gibt es in Deutschland gut 125 Borkenkäferarten, aber der Begriff „Borkenkäfer“ ist in der Gesellschaft ein gängiges Synonym für den Buchdrucker, diejenige Borkenkäferart, die große Schäden in Fichtenbeständen anrichtet. Hier wird die anthropozentrische Sichtweise deutlich. Der Biologe Prof. Dr. Josef Reichholf beschreibt dieses Verhältnis so: „Wenn man’s aus der Sicht der Forstwirtschaft betrachtet, ist er natürlich ein Schädling, und zwar einer der schlimmsten für die Forste. Betrachtet man den Borkenkäfer (…) aus der Sicht des Waldes und der übrigen Waldbewohner, dann ist er Teil der Lebensgemeinschaft des Waldes.“ Der Begriff Waldschädling passt eigentlich gar nicht, denn es geht um die Waldschutzsituation, die von bestimmten Arten in Folge Ihrer Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel verschärft wird. Den Begriff Schädling sollte man vermeiden, er ist absolut nicht mehr zeitgemäß. Besser wäre „Schaden verursachende Organismen“. Ihre Frage müsste also lauten: Wann verursacht ein Organismus einen Schaden, der Waldschutzmaßnahmen erfordert?

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Wie wirkt sich der Klimawandel auf Schaden verursachende Organismen aus?

Pauschale Aussagen wie „Schädlinge nehmen zu“ oder „Insekten profitieren von der Temperaturerhöhung“ sollte man kritisch hinterfragen. Vielmehr muss jede Art für sich betrachtet werden. Welche Auswirkungen der Klimawandel auf die verschiedenen Organismenarten und mögliche Schadereignisse durch sie hat, kann derzeit nur schwer prognostiziert werden. Insekten – im Übrigen auch Pilze – benötigen in Schlüsselphasen ihrer Entwicklung bestimmte, für sie günstige Witterungsbedingungen beziehungsweise einen bestimmten Entwicklungszustand ihrer Wirtspflanze, der in der Regel ebenfalls witterungsbeeinflusst ist. Leider ist weitgehend unbekannt, wie sich die abiotischen und biotischen Faktoren in den Schlüsselphasen der Entwicklung verändern werden. Beispielsweise benötigt der Maikäfer in seinen Flugjahren frischausgetriebene Blätter mit geringen Tanningehalten. Treiben die Wirtsbäume im Frühjahr nun früher aus, ist die Nahrungsgrundlage für den Maikäfer nicht mehr optimal. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Vermehrung und damit auf die Populationsdichte und damit auf die Höhe des Schadens, den seine Engerlinge durch ihren Fraß an den Wurzeln der Wirtspflanzen verursachen. Nun kann sich der Maikäfer aber von den Blättern verschiedener Baumarten ernähren. Treiben alle Baumarten künftig früher aus? Bieten alle Baumarten gleich gute Nahrungsgrundlagen? Kann der Maikäfer sich nicht auch anpassen und früher fliegen und somit langfristig zu einem „Aprilkäfer“ werden? Sie merken schon, es wird komplex.

Sind nur einzelne Arten vom Klimawandel betroffen?

Nein, grundsätzlich sind alle Arten mehr oder weniger stark von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen, darüber hinaus verändert sich durch den Klimawandel auch das Beziehungsgefüge zwischen Arten innerhalb der Gilde und damit die Konkurrenz der pflanzenfressenden Insekten untereinander sowie die Wirksamkeit von Räubern oder Parasiten als Gegenspieler. Die singuläre Betrachtung einzelner Arten reicht daher nicht aus, um die Auswirkungen auf die Ökosysteme zu verstehen. Aber natürlich lassen sich für bestimmte Arten Entwicklungen beschreiben. Aktuell können wir feststellen, dass Arten, die mehrere Generationen pro Jahr durchlaufen können, von den Temperaturerhöhungen profitieren. Dies sind häufig rindenbrütende Arten, wie Buchdrucker und Kupferstecher an der Fichte. Einige Arten profitieren auch von milden Wintertemperaturen, etwa Läuse oder auch Pilze. Schwammspinner und Eichenprozessionsspinner profitieren ebenfalls von den wärmeren Temperaturen, da sich das Bestandsinnenklima zu ihren Gunsten verändert. Große Sorgen bereiten uns die invasiven Arten, die über den globalen Handel eingeschleppt werden und sich bei günstigen Witterungsbedingungen erfolgreich etablieren können. Beispiele sind der Asiatische Laubnutzholzbockkäfer oder der Asiatische Moschusbockkäfer. In ihren neuen Verbreitungsgebieten haben ihre neuen Wirtspflanzen keine Abwehrstrategie gegen sie entwickelt und es gibt keine effektiven Gegenspieler. Das sind dann optimale Bedingungen, die zu großen Schäden führen können.

Welche Mechanismen der Anpassung gibt es?

Bakterien und Viren lasse ich mal unberücksichtigt, da sie in Sachen Waldschäden bisher noch keine große Rolle spielen. Insekten und Pilze reagieren auf den Klimawandel artspezifisch. Grundsätzlich sehe ich verschiedene Anpassungsmechanismen. Das ist zum einen die Änderung der Verbreitungsgebiete, wie etwa bei der Linden- oder Malvenwanze, die sich von Süd- nach Nordeuropa ausbreitet. Manche Arten können innerhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets nun in Regionen Massenvermehrungen machen, in denen sie es in der Vergangenheit nicht konnten. Das kann man beispielsweise beim Eichenprozessionsspinner beobachten. Die Fichtenborkenkäfer Buchdrucker und Kupferstecher reagieren mit schnelleren Generationsfolgen beziehungsweise einem erhöhten Vermehrungspotenzial. Zusätzlich können sie ihr Wirtsspektrum erweitern und andere Baumarten befallen. Am Beispiel der Fichtenblattwespe und der Gebirgsfichtenblattwespe erkennt man, dass sich Beziehungsgefüge im Ökosystem verändern. Aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen können sich nun invasive Arten in Ökosystem etablieren, wo sie es vorher nicht konnten. Die Japanische Edelkastanien-Gallwespe oder der Asiatische Moschusbockkäfer sind bekannte Beispiele, die in den vergangenen Jahren für Aufsehen gesorgt haben.

(Detaillierte Beispiele zu den einzelnen Anpassungsmechanismen finden Sie im Anschluss an das Interview.)

Raupen des Eichenprozessionsspinners
Der Eichenprozessionsspinner kann sich nun in Regionen massenhaft vermehren, wo er es vorher nicht konnte.

Könnte man genannte Organismen als „Gewinner des Klimawandels“ bezeichnen?

Nein, irgendwann wird jede Art aus ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet abwandern müssen, entweder, weil es schlicht zu warm wird, weil es kein Wasser mehr gibt, weil die Wirtspflanze ausgestorben ist oder weil sie durch eine andere, konkurrenzstärkere Art verdrängt wird, die ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet ebenfalls verlassen musste. Sollten wir solche „Klimaflüchtlinge“ als Gewinner bezeichnen? Grundsätzlich mag ich die Begrifflichkeit „Gewinner des Klimawandels“ nicht, weil er suggeriert, der Klimawandel hätte für irgendetwas oder irgendjemanden einen Vorteil. Die Natur wird sich anpassen, wenn auch mit gravierenden Veränderungen, die das Aussterben von uns bekannten und noch unbekannten Arten beinhalten. Das könnte man auch mit dem Begriff Evolution bezeichnen. Die Natur ist grundsätzlich ergebnisoffen – es gibt keinen Gewinner und keinen Verlierer, weil die Natur nicht bewertet.

Sind Urwälder klimastabiler als Wirtschaftswälder?

Bisherige Regulationsmechanismen, die zu Gleichgewichtszuständen führten, werden zunehmend schwächer oder gar ganz ausfallen. Diese Instabilität wird solange anhalten, bis sich neue Gleichgewichtszustände einstellen. Voraussetzung dafür sind aber relativ stabile Klimabedingungen. Das heißt, solange der Klimawandel sich fortsetzt, werden Anpassungsprozesse innerhalb der Ökosysteme ablaufen. Die „ökosystemare Neubewertung“ der Wälder in Sachen Baumartenzusammensetzung, Struktur und Biodiversität, läuft in forstwirtschaftlich genutzten Wäldern ebenso ab wie in unberührten Urwäldern. Dabei übernehmen Schaden verursachende Organismen die Rolle eines aktiven Regulativs. Urwälder oder stillgelegte Wälder werden sich dabei nicht als stabiler gegenüber diesen Veränderungen erweisen als forstwirtschaftlich genutzte Wälder. Für Deutschland ist diese Differenzierung ohnehin nur akademischer Natur, da alle Wälder in geschichtlicher Zeit einer Nutzung unterworfen waren und selbst die Wälder in den Nationalparken keine Urwälder mehr sind. Die Wälder wurden bereits von den Kelten umgestaltet und im Mittelalter zunehmend explorativ genutzt. Der Klimawandel und seine Regularien differenzieren nicht zwischen verschiedenen Waldformen. Dies hat die Massenvermehrung des Buchdruckers im Nationalpark Bayerischer Wald eindrucksvoll gezeigt. Die natürlichen Fichtenhochlagenwälder wurden genauso vernichtet wie die Fichtenwälder anthropogenen Ursprungs.

Schneebedeckter Fichtenwald
Auch vor den natürlichen Fichtenwäldern des Fichtelgebirges macht den Klimawandel nicht Halt.

Welche Folgen wird diese Entwicklung auf Gesellschaft und Holznutzung haben?

Die Gesellschaft wird künftig zunehmend Holz benötigen. Denn die Nutzung von Holz ist der einzige natürliche Weg, Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu entfernen und als Kohlenstoff zu speichern. Dies nennt man Holzproduktspeicher. Selbst die energetische Nutzung von Holz ist kohlendioxidneutral und kann damit die Nutzung fossiler Energieträger ersetzen. Im Holzproduktspeicher wird eine Kaskadennutzung des Holzes angestrebt, also die Mehrfachnutzung über verschiedene Stufen. So wird das in der Photosynthese fixierte und zu Holz umgewandelte Kohlendioxid möglichst lange dem Kohlenstoff-Kreislauf entzogen. Gleichzeitig geht es um den Walderhalt. Die klimatischen Rahmenbedingungen und damit der ökosystemare Widerstand gegen die uns bekannten Waldökosysteme und die bisher praktizierte Forstwirtschaft wird immer größer. So wird die Holzproduktion immer schwieriger. In der Summe heißt das, wir müssen mehr Holz nutzen und erzeugen – bei gleichzeitig schwierigeren Produktionsbedingungen.

Wie wird der Wald der Zukunft aussehen?

Das Waldbild wird sich künftig stark verändern, dies zeichnet sich bereits heute ab. Der Dürresommer 2018 hat zu gravierenden Waldschäden geführt. Auf 114.000 Hektar sind Waldflächen durch Stürme, Trockenheit oder Borkenkäferbefall zerstört worden und müssen neu begründet werden. Der Wald wird insgesamt nicht mehr so alt werden können, wie in der Vergangenheit, da die höheren Temperaturen zu einer schnelleren physiologischen Alterung führen. Die heute noch vorhandenen Altbestände hat die Natur unter deutlich kühleren Klimabedingungen selektiert, ihre Mitglieder waren die konkurrenzstärksten. Unter den neuen Bedingungen sind sie es nicht mehr. Daher ist ein grundlegender Waldumbau notwendig. Der Wald muss verjüngt werden, um ihm Anpassungsmöglichkeiten über die natürliche Selektion der Jungpflanzen zu ermöglichen.

Werden wir Baumarten verlieren?

Die Baumartenfrage spielt eine große, aber nicht die alleinige Rolle. Das Absterben alter Bäume bedeutet nicht automatisch, dass die Baumart insgesamt zukünftig nicht mehr geeignet sein wird. Genetische Herkunft und Diversität sind für die Anpassung von hoher Bedeutung. Auch die Frage, ob es notwendig ist, fremdländische Baumarten anzubauen, muss ideologiefrei beantwortet werden. Der anthropogen verursachte Klimawandel wird vermutlich viel zu rasant ablaufen, um den Ökosystemen eine natürliche Anpassung zu ermöglichen. Beispielsweise ist die natürliche Verbreitungsgeschwindigkeit vieler Baumarten viel zu langsam. Würden wir der Natur ihren Lauf lassen, würde dies wahrscheinlich bei entsprechender Klimaveränderung eine vollständig waldfreie Phase unbekannter zeitlicher Länge beinhalten.

Muss der Mensch gegen Schaden verursachende Organismen vorgehen?

Ja! Die Gesellschaft braucht stabile Wälder. Das betrifft nicht nur die wirtschaftliche Nutzung von Holz, sondern auch die Schutzfunktionen des Waldes hinsichtlich Biodiversität, Bodenerosion, Wasserrückhalt oder Luft- und Trinkwasseraufbereitung. Entwicklungen wie im Nationalpark Bayerischer Wald zeigen sehr deutlich was passiert, wenn Schaden verursachende Organismen nicht reguliert werden. Auch seit dem Dürresommer 2018 wissen wir, dass potente Schaderreger binnen weniger Jahre Waldbestände vernichten und in die Sukzessionsphase zurückwerfen können. Die Waldnutzung ist dann für lange Zeit nur eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich.

Schaffen Waldökosysteme diese Anpassung nicht alleine?

Selbstverständlich entwickelt sich – so lange die Klimabedingungen es noch zu lassen – wieder ein Wald, aber dieser ist ohne Steuerung des Menschen nicht automatisch klimastabil. In den Hochlagen des Nationalparks Bayerischer Wald wächst auf großer Fläche ein nahezu gleichaltriger Fichtenreinbestand nach. In absehbarer Zeit wird er erneut von Stürmen und Borkenkäfermassenvermehrungen zerstört werden. Diese nachwachsende Generation dürfte für die genannten Schadfaktoren sogar noch anfälliger sein, als die vorangegangene. Wald wächst am besten unter Wald und nicht auf großen Kahlflächen. Unter dem Schirm der alten Bäume kann der Waldumbau kleinflächig erfolgen und so die Ungleichaltrigkeit und Strukturvielfalt fördern. Grundsätzlich sind Altbestände daher für den Waldumbau viel günstiger.

Welche Rolle werden Pflanzenschutzmittel künftig im Wald spielen?

Gelingt es, die Massenvermehrung von Schadorganismen durch vorbeugende, biologische, biotechnische und physikalische Maßnahmen zu verhindern, sind chemische Maßnahmen nicht erforderlich. Dies wird in Folge des im Klimawandels allerdings immer schwieriger. Chemische Maßnahmen haben immer den Nachteil auch andere Arten zu beeinträchtigen. Dies kann durch möglichst exakte Prognosen des Schadverlaufs, selektive Pflanzenschutzmittel, die strikte Beachtung der Anwendungsbestimmungen und einen konsequenten Abwägungsprozess der Zielsetzungen minimiert werden. Klar ist aber auch, dass sich die Waldschutzsituation in den kommenden Jahren deutlich verschärfen wird. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird damit vermutlich zunehmen. Ein entsprechender Trend zeichnet sich bereits ab. Der verantwortungsvolle Umgang mit Pflanzenschutzmitteln ist dabei unerlässlich.

Porträtfoto Petercord
Forstwissenschaftler und Waldschutzexperte Dr. Ralf Petercord

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Der Forstwissenschaftler Dr. Ralf Petercord war zum Zeitpunkt, als dieses Interview geführt wurde, Leiter der Abteilung Waldschutz an der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) in Freising. Derzeit ist er Referent für Pflanzenschutz im Forst beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Bonn.

Beispiele für Anpassungsmechanismen im Klimawandel

1. Änderung der Verbreitungsgebiete

Organismen können aktiv oder passiv in neue Verbreitungsgebiete gelangen und sich dort etablieren, wenn ökologische Rahmenbedingungen wie Temperatur, Winterkälte, Nahrungsquellen oder Konkurrenzbedingungen passen. Entsprechende Migrationsbewegungen sind bereits erkennbar, so etwa bei der Linden- oder Malvenwanze (Oxycarenus lavaterae), die ursprünglich im Mittelmeerraum sowie im tropischen Afrika bis nach Südafrika verbreitet war. Diese wärmeliebende Art hat ihr Verbreitungsgebiet nun nach Norden ausgedehnt und findet sich seit 2001 in Österreich, seit 2004 in der Schweiz und in Süddeutschland und seit 2005 auch in der Normandie. Es gibt allerdings nicht nur Wanderbewegungen von Süd nach Nord sondern auch von Ost nach West. So breitet sich aktuell der Sibirische Arvenspinner (Dendrolimus superans sibiricus) Richtung Westen aus. Dies hat möglicherweise mit den höheren Wintertemperaturen zu tun.

2. Ausweitung der Massenwechselgebiete

Einheimische Arten können aufgrund besserer Witterungsbedingungen innerhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes nun in Regionen Massenvermehrungen machen, in denen sie es in der Vergangenheit nicht konnten. Bestes Beispiel ist der Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea). Die einheimische Schmetterlingsart war bis Anfang des Jahrtausends ausgesprochen selten und wurde in vielen Bundesländern in der Roten Liste der gefährdeten Tierarten geführt. Seit der Jahrtausendwende findet man den Eichenprozessionsspinner immer häufiger in hohen Populationsdichten in allen zunehmend wärmebegünstigten Regionen Deutschlands. In den vergangenen 20 Jahren ist er wohl zu einer der bekanntesten Schmetterlingsarten geworden, vor allem, weil die Brennhaare der Raupen beim Menschen häufig allergische Reaktionen auslösen. Grundsätzlich ist die Massenvermehrung eher ein Unfall für die Art. Sie ist zwar ein natürliches Ereignis, wird aber durch den Klimawandel übersteigert, da gerade abiotische Regelmechanismen, wie verregnete, kühle Jahre ausfallen, während disponierende Faktoren wie Sturmereignisse oder Dürren zunehmen. So kommt es zu einem sich zunehmend selbstverstärkenden Prozess, der im schlimmsten Fall erst ein Ende findet, wenn die Lebensgrundlage zerstört ist.

3. Schnellere Generationsfolge, erhöhtes Vermehrungspotential

Solche Arten, die innerhalb eines Jahres mehrere Generationen durchlaufen, können besonders eindrucksvoll auf den Klimawandel reagieren. Temperatursummenmodelle des Buchdruckers (Ips typographus) zeigen, dass die Art am Ende des 19. Jahrhunderts, abhängig von der Höhenlage, in Bayern regelmäßig anderthalb bis zwei Generationen pro Jahr durchlaufen konnte. Aktuell werden zweieinhalb bis drei Generationen beobachtet. 2018 war die dritte Generation bereits bis Mitte September abgeschlossen – ein Novum! Eine analoge Entwicklung zeichnet sich beim Kupferstecher (Pityogenes chalcographus) ab. Diese Arten können durch ihre temperaturabhängige Entwicklungsgeschwindigkeit vom Klimawandel direkt profitieren und höhere Populationsdichten aufbauen. Da sie diese Fähigkeit grundsätzlich haben, stellt sich die Frage, ob es sich dabei überhaupt um einen Anpassungsprozess handelt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass durch den temperaturabhängigen, früheren Beginn und das spätere Ende der Vegetationszeit, Individuen mit der genetischen Anlage zum frühen Schwärmen beziehungsweise zur späten Brutbereitschaft konkurrenzfähiger sind. Die Gene, die diese Eigenschaften bedingen, treten damit in der Population häufiger auf.

4. Erweiterung des Wirtsspektrums

Wirtspflanze und Schadorganismus haben eine koevolutionäre Beziehung, das heißt sie haben sich über lange Zeit aufeinander eingestellt haben. Ein Gleichgewicht hat sich entwickelt. Viele Pflanzen sind bei Hitze und Wasserstress physiologisch geschwächt. Dann ist das Gleichgewicht gestört und die Pflanze leichter angreifbar. So können Organismen häufig auch Wirtspflanzen nutzen, die in der Vergangenheit für sie nicht oder nur bedingt besiedelbar waren. Ein Beispiel ist der Grüne Wacholderprachtkäfer (Palmar festiva), der zunehmend auch an Thuja beobachtet wird, eine vom Menschen eingebürgerte Pflanzenart, an die sich die Art anpassen konnte. Befallen werden vornehmlich geschwächte oder kränkelnde Individuen. Auch heimische Borkenkäferarten, die bisher auf Tanne und Fichte spezialisiert waren, richten zunehmend Schäden an der Douglasie an. Dabei handelt es sich, um den Kupferstecher, den Furchenflügelligen Fichtenborkenkäfer, den Kleinen Tannenborkenkäfer (Cryphalus piceae) und die drei Arten der Krummzähnigen Tannenborkenkäfer (Pityokteines spp.). Der Buchdrucker kann die Douglasie bereits besiedeln, allerdings bisher ohne Bruterfolg. Vor der letzten Eiszeit gehörten Douglasien zur Flora Europas. Möglicherweise ist ihre Befallseignung für die genannten Borkenkäferarten das Relikt einer gemeinsamen evolutionären Vorgeschichte oder, wie es für den Buchdrucker anzunehmen ist, das Produkt eines sukzessiven Anpassungsprozesses der Borkenkäferarten an eine neue Wirtspflanze. Beim Buchdrucker wäre dieser dann noch nicht abgeschlossen.

5. Veränderung der Beziehungsgefüge im Ökosystem

Grundsätzlich macht es keinen Sinn, die Auswirkungen des Klimawandels ausschließlich auf eine Art zu betrachten. Der Klimawandel wirkt auf alle Mitglieder eines Ökosystems und damit auf das Beziehungsgefüge innerhalb der Biozönose. Dies kann man am Beispiel der Kleinen Fichtenblattwespe (Pristiphora abietina) und der Gebirgsfichtenblattwespe (Pachynematus montanus) sehr anschaulich beschreiben. Die beiden Arten konkurrieren um das selbe Nahrungs- beziehungsweise Eiablagesubstrat: die Nadeln des Maitriebes der Fichte. Das zeitliche Zusammentreffen von Austrieb und Eiablage ist für die Kleine Fichtenblattwespe von entscheidender Bedeutung, denn sie legt ihre Eier nur in die Nadeln von frisch austreibenden Fichtenknospen. Die Gebirgsfichtenblattwespe legt ihre Eier an die Nadeln des bereits deutlich gestreckten Maitriebs. Das heißt, die Eilarve der Kleinen Fichtenblattwespe hat einen zeitlichen Vorsprung gegenüber der der Gebirgsfichtenblattwespe. In der Vergangenheit war sie damit konkurrenzkräftiger, Massenvermehrungen der Gebirgsfichtenblattwespe konnte man deshalb nur in den höheren Lagen beobachten. Da beide Arten im Boden überwintern war dort der zeitliche Vorsprung der Kleinen Fichtenblattwespe aufgrund der verzögerten Schneeschmelze nicht wirksam. Die Fichten in den Hochlagen treiben aus, bevor die Kleine Fichtenblattwespe überhaupt fliegen kann. Aktuelle Massenvermehrungen der Gebirgsfichtenblattwespe in Gebieten, wo sonst die Kleine Fichtenblattwespe vorherrschte, deuten darauf hin, dass sich die Konkurrenzsituation zugunsten der Erstgenannten verändert hat. Erklärt werden kann die Entwicklung bei Berücksichtigung der Wirtspflanze Fichte. Diese treibt in Folge des Klimawandels deutlich früher aus. Der Schwärmflug beider Blattwespenarten setzt zwar ebenfalls früher ein, trotzdem kommen die Kleine Fichtenblattwespe aktuell zu spät. Die Knospen sind zur erfolgreichen Eiablage bereits zu weit geöffnet. Die Gebirgsfichtenblattwespe kann die Konkurrenzschwäche der anderen Art nutzen und findet nun optimale Vermehrungsbedingungen vor.

6. Auftreten invasiver Arten

Das Auftreten invasiver Arten hat auf den ersten Blick wenig mit dem Klimawandel zu tun, sondern vielmehr mit immer größeren und schnelleren, globalen Handelsströmen. Trotzdem muss auch hier der Klimawandel berücksichtigt werden, denn nicht das Einschleppen einer invasiven Art ist das Problem, sondern ihre erfolgreiche Etablierung im neuen Ökosystem. Die Etablierung kann nur gelingen, wenn die klimatischen Rahmenbedingungen den Ansprüchen der Art entsprechen. Die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Etablierung von Arten aus wärmeren Regionen steigt daher mit dem Klimawandel. Daher ist für die Zukunft mit einer deutlich höheren Rate invasiver Arten, die sich etablieren können zu rechnen. Sie stellen für Ökosysteme eine besondere Gefahr dar. Da die koevolutionäre Entwicklung zwischen Schadorganismus und Wirtspflanze fehlt, hat diese keinerlei Abwehrmechanismen. Natürliche Gegenspieler, die regulierend eingreifen könnten, erkennen die invasive Art nicht als Beute, da auch sie kein Beuteschema entwickeln konnten. Der invasive Organismus findet also optimale Bedingungen und wird diese über kurz oder lang konsequent ausnutzen. Hierfür gibt es zahllose Beispiele, in der Forstwirtschaft sind die Erreger des Ulmensterbens, des Eschentriebsterbens oder des Erlensterbens von besonderer Bedeutung. Aber auch der Asiatische Laubnutzholzbockkäfer (Anoplophora glabripennis), der Asiatische Moschusbockkäfer (Aromia bungii), die Japanische Edelkastanien-Gallwespe (Dryocosmus kuriphilus) oder die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) sind bekannte Beispiele für invasive Arten, die in den vergangenen Jahren für Aufsehen gesorgt haben.

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Adriane Lochner

Adriane Lochner

Adriane Lochner ist promovierte Biologin und arbeitet seit 2013 als freie Journalistin. Sie schreibt über Natur- und Gesellschaftsthemen, unter anderem für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), National Geographic Online, die tageszeitung (taz), Süddeutsche Zeitung und die britische Tageszeitung The Guardian.


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Adriane Lochner ist promovierte Biologin und arbeitet seit 2013 als freie Journalistin. Sie schreibt über Natur- und Gesellschaftsthemen, unter anderem für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), National Geographic Online, die tageszeitung (taz), Süddeutsche Zeitung und die britische Tageszeitung The Guardian.

Jens Eber, gelernter Forstwirt, hat mehrere Jahre Berufserfahrung als Lokalredakteur und arbeitet seit 2003 freiberuflich, unter anderem für Tageszeitungen, Magazine und Fachzeitschriften. Sein Themenschwerpunkt liegt auf der Beziehung zwischen Mensch und Wald, von Waldnaturschutz über Wildmanagement bis hin zu nachhaltigen Methoden in der Forstwirtschaft.  


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