4 Uhr morgens: Wenn den Vögeln die Welt gehört

Naturgenuss, wenn die meisten noch schlafen. Von Christiane Habermalz, Markus Hofmann, Franz Lindinger, Johanna Romberg, Claudia Ruby und Christian Schwägerl

38 Minuten

Die meisten Menschen sind um 4 Uhr morgens im warmen Bett, schlafend, vielleicht sogar träumend. Auf dem Land trifft man um diese Uhrzeit höchstens Jäger an. In der Stadt sind – sehr vereinzelt – nur spezielle Menschen unterwegs: Nachtschwärmer auf dem Weg nach Hause und die ersten Arbeiter, Bäcker, Paketfahrer, U-Bahnfahrer.

Dafür sind andere Lebewesen umso präsenter. Im Frühling gehören Stadt wie Land zu dieser Uhrzeit den Vögeln. Viele von ihnen kommen jetzt frisch aus ihren südlichen Winterquartieren zurück, andere haben den Winter bei uns überdauert. Alle haben nun ein gemeinsames Ziel: ein Gebiet abzustecken, in dem sie sich ernähren können, einen Partner zu finden, um Nachwuchs in die Welt zu setzen. Das ist der biologische Sinn des Singens, den wir Menschen erkennen. Wir hören aber auch: Schönheit.

Wir sind am selben Tag um drei Uhr morgens aufgestanden, um diese besondere Tages- und Jahreszeit zu erleben. Wir haben den Vogelstimmen gelauscht, die in diesen Morgenstunden eine einmalige Klanglandschaft entstehen lassen – in Berlin, Zürich, Köln und in der Lüneburger Heide.


4 Uhr

Ein verfallenes, bewachsenes Backsteinhaus.
Im Park am Gleisdreieck wird Kultur zu Natur – und umgekehrt. Ziemlich „anthropozän“ hier.
Aufnahme eines Weges im Park am frühen Morgen.
Eine erste Ahnung von Morgenlicht – unterwegs sind zu dieser Zeit nur Flaschensammler und Vogelbeobachter.
Aufnahme einer Straße bei Nacht.
Urbaner geht es kaum: In den Gebäuden rechts des Weges findet jedes Jahr die Internetkonferenz re:publica statt.
Aufnahme einer Straße bei Nacht.
Metall, Teer, Holz, Autos am U-Bahnhof Gleisdreieck – und eine flötende Amsel.
Ein altes Bahnwärterhäuschen im Park am Gleisdreieck bei Nacht.
Wenn Natur und Kultur verschmelzen – ein altes Bahnwärterhäuschen im Park am Gleisdreieck.
Eine Singdrossel auf einem Ast im Morgengrauen.
Die Singdrossel markiert mit ständig wechselnden Strophen ihr Territorium.
Alte, bewachsene Gleisanlagen.
Wo früher Dampfloks und Güterwaggons rangiert wurden, erstreckt sich nun eine urbane Neo-Wildnis.
Ein Schild: „Gleiswildnis. Bitte nicht betreten. Ungesichertes Gelände“
Betreten verboten, aber Hinhören erlaubt: Die „Gleiswildnis“ bietet viel fürs Ohr.

Unsere vier Orte haben eines gemeinsam: Sie sind keine unberührten Wildnisareale, sondern durch menschliches Tun entstanden. Der Park am Gleisdreieck in Berlin ist ein vor wenigen Jahren umgestaltetes früheres Eisenbahnareal mitten im Berliner Zentrum. An Wochenenden tummeln sich hier Tausende Menschen, spielen Basketball oder picknicken. An das Areal grenzt auch auch das Technologiemuseum. Stadt, Natur, Technologie kommen am Gleisdreieck auf ganz spezielle Weise zusammen – verbunden durch die “Gleiswildnis”, die aus den stillgelegten Gleisbetten wächst.

Egestorf rühmt sich, “im Herzen des Naturparks Lüneburger Heide” zu liegen. Hier erstrecken sich die größten zusammenhängenden Heideflächen Europas. Aber “Natur”? Die Heide entstand, als Menschen in der Jungsteinzeit begannen, die hier ursprünglich wachsenden Wälder zu roden und sie als Weideland zu nutzen. Weil die Böden hier extrem mager und sandig sind, waren sie bald ausgelaugt; Besenheide breitete sich darauf aus. Heute steht diese Landschaft unter Schutz und ist ein Refugium vor allem für wiesenbrütende Vögel, die in der landwirtschaftlich intensiv genutzten Umgebung nur noch wenige geeignete Biotope finden.

Die Sürther Aue beschreiben örtliche Naturschutzinitiativen als ein “Paradies", aber auch ganz offen als Gebiet aus Menschenhand, das erst Anfang der sechziger Jahre entstand, als der Godorfer Hafen ausgebaut wurde und die ausgebaggerten Sande und Kiese plateauartig in der Rheinaue aufgetürmt wurden. Mittlerweile ist daraus ein ein vielfältiger Lebensraum aus Auwald, Feldern und Wiesen gworden. Nur ein paar Kilometer von der Kölner Innenstadt entfernt grasen hier Kühe und Pferde. Seltene Tier- und Pflanzenarten haben sich angesiedelt, und damit arrangiert, das am Wochenende zahlreiche Ausflügler das Flußufer, die Rad- und Wanderwege in Beschlag nehmen.

Wo Markus Hofmann unterwegs ist, befindet sich auch die Psychiatrische Universitätsklinik, an der C.G. Jung vor über 100 Jahren praktizierte. Zur Psychiatrischen Klinik gehört ein großes Grundstück, auf dem ein Obstgarten gedeiht. An der südlichen Flanke des Hügels wird Wein auf einer Fläche von 4 Hektaren angebaut. Die Bevölkerung betreibt einen nahegelegenen Bauernhof naturnah, und mehrere Hausbesitzer bemühen sich hier darum, ihre Gärten möglichst extensiv zu pflegen…

5 Uhr

Aufnahme der Lüneburger Heide im Dämmerlicht
Lüneburger Heide im Dämmerlicht – Heidelerchen und Baumpieper sind schon ab fünf Uhr am Singen.

Wir erleben eine erfreuliche Vielfalt an Arten. Aber wir vermissen auch Vögel. Zu merken, was fehlt, ist eine wichtige Kompetenz beim Vogelbeobachten. In Berlin zum Beispiel, eigentlich ja auch die Hauptstadt der Spatzen, ist von ihnen nichts zu hören und nichts zu sehen. Liegt es nur an der Tageszeit? Und sind die Feld- und Heidelerchen in der Lüneburger Heide an diesem Morgen nur träge, oder sind einfach sehr wenige unterwegs? In der Sürther Aue hat früher die Nachtigall gebrütet. An diesem Morgen haben wir sie nicht gehört. Zufall – oder haben die Vögel das Gebiet längst verlassen? Solche Fragen kann man nicht mit einer Exkursion klären. Es braucht viele Beobachtungen, über lange Zeiträume, um echte Trends ausmachen zu können. Nur so entsteht das nötige Wissen darüber, wie gut oder schlecht es der Vogelwelt geht.

6 Uhr

Eine Waldlichtung bei Dämmerung im Nebel.
Stadt, Land, Fluß – in dem Naturschutzgebiet kommen einige rare Arten vor, darunter das Braunkehlchen.
Aufnahme eines deutschen Feuchtgebietes bei Dämmerung im Nebel.
Auenstimmung – Feuchtgebiete sind in Deutschland selten geworden.
Nachtaufnahme. Man erkennt die Umrisse von Bäumen. Rechts leuchtet ein orangenes Licht.
4 Uhr morgens – eine ganz besondere Zeit. Doch noch schlafen auch die Vögel. Kein Laut ist zu hören
Aufnahme des Rheins bei Dämmerung vom Ufer aus.
Der Rhein hat durch Begradigung viel von seiner biologischen Vielfalt eingebüßt – die Sürther Aue ist aber überhaupt erst durch Aushubarbeiten und Aufforstung entstanden.
Die Sürther Aue bei Dämmerung im Nebel.
Die Sürther Aue ist ein beliebtes Naherholgungsgebiet der Kölner. Um vier Uhr ist es hier aber noch leer.
Sonnenaufgang über einem Feld.
Wenn man um drei Uhr für das Vogelkonzert aufsteht, fühlt sich der Morgen wie Mittag an.

Der Tag ist noch jung. Wir erleben mit, wie aus nächtlicher Stille Klanglandschaften entsteht, wie sie sich verändern, und wie sie, sobald die Menschen in großer Zahl aufwachen, den Geräuschen der Technosphäre weichen. Die Vogelklänge sind an jedem Ort anders. Aber zugleich erleben wir vieles gemeinsam – den Chor der Amseln, der plötzlich verstummt, das Crescendo des Vogelchors kurz vor dem Sonnenaufgang, die Arten (wie Mauersegler und Rotschwänze), die ganz frisch aus ihren Winterquartieren zurückgekehrt sind. Wir genießen gemeinsam den Zauber des Beobachtens, der es ermöglicht, den Alltag hinter sich zu lassen.

7 Uhr

Aufnahme von Weinbergen. Im Vordergrund sieht man eine kleine Stadt neben einem Fluss. Auf der anderen Seite erkennt man ebenfalls Gebäude und dahinter Berge.
Weinberge zwischen Zürichsee und Klinik – und mittendrin 44 hier nachgewiesene Vogelarten, darunter Schwarzmilane.


In den vergangenen Tagen haben Berichte über den besorgniserregenden Zustand der Vogelwelt Schlagzeilen gemacht, über den dramatischen Rückgang vieler Arten, vor allem jener, die in der offenen Landschaft leben. Die Zahlen waren eigentlich bekannt – nur weil der Deutsche Bundestag sie veröffentlicht hat, sind sie nun kurz ins öffentliche Bewußtsein gedrungen.

Viele Medien werden das Problem vermutlich erst wieder aufgreifen, wenn in ein paar Jahren die nächsten erschreckenden Zahlen bekannt werden. Wir “Flugbegleiter” aber bleiben dran, fragen nach, berichten. Wir schauen und hören genau hin. Gerne wieder um 4 Uhr morgens. Um diese Zeit sind Schönheit und Vielfalt der Vogelwelt in Reinform zu erleben.

Park am Gleisdreieck, Berlin, 4–7 Uhr

Amsel, Blaumeise, Buchfink, Fitis, Gartenbaumläufer, Gartenrotschwanz, Girlitz, Kohlmeise, Mauersegler, Mönchsgrasmücke, Nachtigall, Nebelkrähen, Rotkehlchen, Ringeltaube, Singdrossel, Stare, Stockente, Zaunkönig, Zilpzalp.

Lüneburger Heide, Egestorf, 4–8 Uhr

Amsel, Baumpieper, Blaumeise, Buchfink, Buntspecht, Dorngrasmücke, Eichelhäher, Feldlerche, Fitis, Gartengrasmücke, Goldammer, Grauschnäpper, Grünfink, Heidelerche, Kanadagans, Kohlmeise, Kuckuck, Mönchsgrasmücke, Rabenkrähe, Ringeltaube, Rotkehlchen, Stieglitz, Zaunkönig, Zilpzalp.

Sürther Aue, Köln, 4–9 Uhr

Amsel, Blaumeise, Braunkehlchen, Buchfink, Buntspecht, Feldlerche, Fitis, Gartenbaumläufer, Graureiher, Grünfink, Grünspecht, Halsbandsittich, Haussperling, Heckenbraunelle, Kanadagänse, Kohlmeise, Kormoran, Mönchsgrasmücke, Nilgans, Rabenkrähe, Rauchschwalbe, Ringeltaube, Rotkehlchen, Singdrossel, Star, Stieglitz, Stockenten, Zaunkönig, Zilpzalp.

Hügel „Burghölzli“, Zürich, 4–7.30 Uhr

Amsel, Buchfink, Buntspecht, Gartenbaumläufer, Grünspecht, Hausrotschwanz, Kohlmeise, Mauersegler, Mönchsgrasmücke, Rabenkrähe, Ringeltaube, Rotkehlchen, Schwanzmeise, Schwarzmilan, Sommergoldhähnchen, Stockente, Zaunkönig und Zilpzalp.


Vier Fotos zeigen die Autorinnen und Autoren bei der morgendlichen Vogelbeobachtung.
Ein Gemeinschaftswerk von Johanna Romberg, Markus Hofmann, Claudia Ruby, Franz Lindinger, Christiane Habermalz und Christian Schwägerl (im Uhrzeigersinn).

Die Kulturkorrespondentin Christiane Habermalz (Bild links unten) hat beim Deutschlandradio Kultur über viele Jahre hinweg die “Große Vogelschau” verantwortet und beobachtet auch gerne die Vogelbeobachter.

Markus Hofmann (Bild rechts oben, zum Beweis, wie früh er aufgestanden ist), Vogelbeobachter mit Schweizer Feldornithologie-Diplom, hat als Redakteur der Neuen Zürcher Zeitung über Umwelt- und Klimapolitik berichtet und arbeitet seit 2016 beim Schweizer Radio SRF.

Franz Lindinger (Bild rechts unten) arbeitet als freier Kameramann in Köln. Er ist Birder und Vogelfotograf und engagiert sich ornithologisch.

Die Radio- und Fernsehjournalistin Claudia Ruby (Bild rechts unten), Mitglied im Vorstand der WPK – Die Wissenschaftsjournalisten, hat ihre Biologie-Diplomarbeit über die „Diversität der Avifauna verschiedener Waldhabitate in Kolumbien“ geschrieben.

Johanna Romberg (Bild links oben) ist seit 1987 Redakteurin und Autorin der Zeitschrift GEO und schon von Kindesbeinen an leidenschaftliche Vogelbeobachterin.

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