1. RiffReporter /
  2. Umwelt /
  3. Wenn die Elster ein Geschenk bringt

Wenn die Elster ein Geschenk bringt

Das Schöne am Vogelbeobachten: Aus der Zeit treten.

von
18.04.2018
5 Minuten
Fliegende Elster mit blauem Himmel im Hintergrund.

Es war keine Rarität, wegen der ich das Fernglas hob, sondern ein Vogel, den viele keines Blickes würdigen. Elstern gelten als Allerweltstiere und bei manchem sind sie unbeliebt, weil sie sich auch von Jungvögeln anderer Arten ernähren. Aber was maßen wir Menschen uns an, Tiere nach ihren Ernährungsweisen zu beurteilen? Und es gibt viel zu sehen, wenn man eine Elster betrachtet: Den schönen, an die Pariser Mode der 1950er Jahre erinnernden Kontrast von Schwarz und Weiß an ihrer Brust, das edle Blau ihrer Flügel, dazu die ungewöhnlich langen Schwanzfedern, die im Sonnenlicht grünlich schimmern.

Ich habe schon viele Elstern betrachtet. Doch diesmal war etwas anders. Nicht mit der Elster, sondern mit mir. Als ich das Fernglas wieder senkte, kam ich aus einer anderen Welt zurück. In der Zeit, in der ich den Vogel angeschaut hatte, war ich wie weggetreten, wie in Trance gewesen. Es war wie in einem dieser merkwürdigen Momente, die es manchmal nach dem Aufwachen gibt: wenn man sich nicht nur kurz ins Gedächtnis rufen muss, wo man ist, sondern auch, wer man ist.

Es können, gemessen im Takt der physikalischen Zeit, nur Sekunden gewesen sein, in denen ich die Elster betrachtet und an nichts anderes gedacht hatte. In meinem eigenen Empfinden könnte es sich aber auch um Stunden gehandelt haben. Zumindest musste ich mich, nachdem die Elster auf- und weggeflogen war, kurz vergewissern, wie spät es war. Ok, 14.21 Uhr. Der Vogel hatte mich aus der Zeit katapultiert, in eine von jedem Zweck befreite Selbstvergessenheit.

Statt weißem Kaninchen eine Elster

Unser ganzes Leben ist von Rhythmen und Zeitordnungen bestimmt: Wachzeit, Schlafzeit, Arbeitszeit, Freizeit – das strukturiert unseren Alltag. Aber es gibt noch viel mehr: Unser ganzes Wirtschaftssystem funktioniert hauptsächlich über Zeitregeln, etwa bei Zinszahlungen oder bei der Fälligkeit von Krediten. In ganz anderen Dimensionen versuchen Umweltschützer, uns Rücksicht auf lange Zeiträume beizubringen, etwa dass wir nicht fliegen sollen, weil es das Weltklima auf Jahrhunderte negativ verändert. Und dann gibt es seit noch gar nicht so langer Zeit diese kleinen Hosentaschenmaschinchen, die einen ganz neuen Rhythmus geschaffen haben: das Stakkato eintreffender Emails, Tweets und Facebookeinträge. Wenn man genauer hinschaut, liegt fast allem, was wir tun, eine Zeit-Regel oder ein Takt zugrunde. Und nicht selten legen sich mehrere Schichten einengender Takte übereinander – dann beherrscht uns die Zeit.

Aber das Vogelbeobachten eröffnet einen Ausweg.

Eine Elster im Flug.
Von der Elster heißt es, sie sei diebisch. Doch im richtigen Moment kann sie den Vogelbeobachter beschenken.

Kostenfreier Newsletter: Die Flugbegleiter

Tragen Sie sich hier ein – dann bekommen Sie jeden Mittwoch die neuen Beiträge über Natur und Vogelwelt von den Flugbegleiter-Journalisten zugeschickt.

Kaufen Sie diesen Artikel.
Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


Flugbegleiter – die Korrespondenten aus der Vogelwelt

Sie wollen guten Journalismus zu Ornithologie, Artenvielfalt, Naturschutz, Umweltpolitik? Herzlich willkommen bei den „Flugbegleitern“. Wir sind neun Journalistïnnen, die sich auskennen und für Sie recherchieren. Die UN-Dekade für Biologische Vielfalt hat uns dafür ausgezeichnet. Unsere Beiträge gibt es jeden Mittwoch im Einzelkauf, im Flugbegleiter-Abo und als Teil der RiffReporter-Flatrate. Und wir haben ein tolles Buch für Sie!

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Christian Schwägerl

Aßmannshauser Str. 17
14197 Berlin

E-Mail: christian.schwaegerl@riffreporter.de

www: https://www.riffreporter.de/de/autorinnen-und-autoren/christian-schwaegerl

Tel: +49 30 33847628

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Lektorat: Petra Ahne
Redaktion: Joachim Budde