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Umwelthauptstadt, Fußgängerparadies, Fahrradhauptstadt

Vitoria Gasteiz ist der Klassenprimus, wenn es um Umweltschutz und nachhaltige Mobilität in Spanien geht

von
26.11.2018
5 Minuten
Eine Straßenbahn in Vitoria Gasteiz.

Busy Streets – Auf neuen Wegen in die Stadt der Zukunft

Wer braucht noch ein Auto? Wenn es nach den Stadtoberen der Basken-Hauptstadt Vitoria Gasteiz geht, lautet die Antwort: Niemand. Die Verkehrswende ist zurzeit zwar in aller Munde, aber kaum eine Kommune macht damit so ernst wie die spanische 250.000-Einwohner-Stadt. Deutsche Städte könnten viel von diesem Modell lernen.

Vitoria Gasteiz liegt 500 Meter über dem Meeresspiegel inmitten von Wäldern, eingerahmt von Bergen. Hier kann es auch im Sommer kühl werden – ähnlich wie in Deutschland. Im Umkreis von 300 Metern findet man überall in der Stadt einen Park oder eine Grünanlage. Erweitere man den Radius auf 500 Meter, finde man alles für den täglichen Gebrauch – Bildung, Gesundheit, Sport und Kultur, sagt Juan Carlos Escudero, der für die Umsetzung des nachhaltigen Mobilitätsplans in der Stadt verantwortlich ist. Sein Fazit: In Vitoria Gasteiz braucht man kein Auto. Die Stadt tut alles dafür, dass das Auto überflüssig wird.

In der Altstadt und weiten Teilen des umliegenden Zentrums besteht für Privatwagen bereits Fahrverbot. Die mittelalterliche Altstadt „Gasteiz“ liegt auf einem Hügel. Die schmalen steilen Gassen mit den rutschigen Pflastersteinen sind typisch für Südeuropa. Aber anders als man es dort vielerorts kennt, ist es in der Altstadt ruhig und die Luft ist gut. Hier fahren weder knatternde Mopeds noch stinkende und hustende Kleinlastwagen, um etwa Müll einzusammeln.

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Statt Mülltonnen stehen überall in der Altstadt übergroße dunkelgraue Müllschlucker. Hier wird der Abfall getrennt nach Biomüll, Verpackung und Papier eingeworfen. Über ein pneumatisches System fließt er in ein Lagerhaus in der Nähe der Altstadt. Ein bisschen erinnert das an Rohrpost. Von dem Lagerhaus wird der Müll dann per Lastwagen ins nahe gelegene Industriegebiet transportiert, wo er getrennt und recycelt wird.

Außerdem befinden sich überall in der Altstadt überdachte Rolltreppen und Fahrstühle. Die Rolltreppen sind stufenfrei und ideal für Menschen mit Einschränkungen oder Familien mit Kleinkindern und Kinderwagen.

Ein pompöses Gebäude mit Turm im Hintergrund. Davor steht der große Schriftzug „Vitoria Gasteiz“
Vitoria Gasteiz war 2012 Umwelthauptstadt Europas.
In der Mitte des Marktplatzes steht ein großer Brunnen. Viele Fußgänger sind zu sehen. Der Platz ist von Häusern umsäumt.
Das Stadtzentrum ist für den Autoverkehr gesperrt. Busse und Anwohner dürfen passieren.
Eine Rolltreppe mitten in der Innenstadt.
In der barrierefreien Altstadt gibt es viele Rollbänder und Fahrstühle
Eine überdachte Rolltreppe. Am oberen Ende sind drei Passanten zu sehen.
Die Rolltreppen sind stufenfrei und somit ideal für Menschen mit Einschränkungen oder Familien mit Kleinkindern und Kinderwagen.
Eine kleine Gasse. Links stehen vor zwei Müllschluckern parkende Autos.
Abfallentsorgung quasi per Rohrpost: Über ein pneumatisches System fließt der Müll über diese Behälter in ein Lagerhaus in der Nähe der Altstadt.
Blick auf eine Bushaltestelle mitten in der Stadt. Im Hintergrund ist eine Kathedrale zu sehen. Im Vordergrund ein Radfahrer und eine Skaterin.
Rund um die Kathedrale ist Autofahren nur Anwohnern erlaubt. Kameras erfassen die Nummernschilder. Wer keine Erlaubnis hat, zahlt 200 Euro Strafe

Die Rolltreppen mögen Luxus sein. Aber Vitoria Gasteiz war immer eine reiche und sehr kompakte Stadt. Rund um die Altstadt in einem Radius von drei Kilometern leben 89 Prozent der Bevölkerung. In diesem Gebiet sind auch zwei große Arbeitgeber der Stadt ansässig, der Autohersteller Daimler Benz und der Reifenfabrikant Continental. Sie sind mit dafür verantwortlich, dass die Stadt in den vergangenen drei Jahrzehnten von 130.000 auf 250.000 Einwohner angewachsen ist.

Die Zugezogenen hatten allerdings andere Vorlieben als die alteingesessenen Basken. Sie gingen seltener zu Fuß und stiegen stattdessen lieber ins Auto. Innerhalb von zehn Jahren steigerte sich der Autoverkehr in der Stadt von 29 Prozent (1996) auf 37 Prozent (2006). Zeitgleich sank die Zahl der Fußgänger um sechs Prozent.

Diese Entwicklung fanden viele Politiker in der Stadt absurd. „Wenn sie vom Zentrum bis zur Stadtgrenze laufen, sind sie 40 Minuten unterwegs“, sagt Escudero, „mit dem Fahrrad brauchen sie gerade mal 12 Minuten.“ Die Stadtoberen schritten ein. 2008 haben sämtliche Parteien den „Nachhaltigen Mobilitätsplan“ unterschrieben. Die Zeit drängte. 16.000 weitere Wohnungen sollten gebaut werden. Damals blockierten parkende Autos 64 Prozent der Straßen und Plätze. Das fanden die Politiker undemokratisch. Sie wollten ihnen nur noch 15 bis 20 Prozent der Fläche im Straßenraum erhalten. Die übrige Fläche sollten sich Radfahrer und Fußgänger teilen.

Zunächst stießen die Pläne in der Bevölkerung auf Kritik. Kein Wunder. Die Eingriffe in die Infrastruktur waren massiv. Große Einfallstraßen wurden komplett umstrukturiert. Beispielsweise die Sancho el Sabio Kalea. Früher gab es hier vier Parkspuren und die Autos fuhren zweispurig in zwei Richtungen. Heute surrt hier eine Straßenbahn übers Grün. Die Parkplätze wurden abgeschafft und es gibt nur noch eine verkehrsberuhigte Autospur in eine Richtung. Radfahrer fahren auf der Straße und auf den breiten Gehwegen, die sie sich mit den Fußgängern teilen.

Der Umbau hat sich bezahlt gemacht. Neue Händler zogen ein und es entstanden Cafés und Restaurants. Der Umsatz ist laut Escudero höher als zuvor, weil sich hier mehr Menschen länger aufhalten.


Eine Hand hält einen Block vor der Straße hoch. Auf dem Block ist ein Bild der Teil der Straße aus der Froschperspektive zu sehen.
In der Sancho el Sabio Kalea verstopften früher Blechlawinen die breite Straße …
Eine Straßenbahn in Vitoria Gasteiz.
… heute surrt hier die Straßenbahn übers Gras
Ein Fußgängerzone, die umsäumt von Hochhäusern ist.
Wo es früher vier Spuren für den Autoverkehr gab, flanieren heute Fußgänger
Nahaufnahme auf ein geöffnetes Buch, das von einer Hand gehalten wird. Die Doppelseite die Straße vor dem Umbau.
Vor dem Umbau war in dieser Straße kein Platz für Radfahrer …
Eine Radfahrerin fährt auf einer Radspur neben Tramschienen. Hochhäuser sind an beiden Straßenseiten zu sehen.
… nun sind Radfahrer hier sicher unterwegs

Außerdem haben die Stadtplaner das Konzept der Super-Blocks etabliert. Ein Super-Block ist ein Quadrat, das aus jeweils drei Straßen besteht, die sowohl horizontal wie vertikal parallel verlaufen. Die Straßen innerhalb des Quadrats werden in verkehrsberuhigte Einbahnstraßen umgewandelt. Sie sind eingefasst von der äußeren Straße, auf der sich der Durchgangsverkehr bewegt. Das Modell kam bei den Menschen, die in den Super-Blocks wohnen, gut an. Nun wird es nach und nach auf weitere Quartiere in der Stadt übertragen.

Um den Menschen den Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn zu erleichtern, wurde der öffentliche Nahverkehr ausgebaut. Die Buslinien wurden von 20 auf neun Linien reduziert, dafür die Taktung erhöht und eine Straßenbahn gebaut. Zeitgleich stiegen die Parkkosten für Pkws im Stadzentrum fast um das Dreifache – von 50 Cent pro Stunde auf 1,40 Euro. Das Signal war deutlich: Wer mit dem Auto in die Stadt kommt, muss zahlen.

Das Konzept geht auf. Die Zahl der Fußgänger hat wieder zugenommen, die Zahl der Autofahrer sank auf 25 Prozent und die Zahl Radfahrer steigt stetig. Vitoria Gasteiz hat sich innerhalb weniger Jahre zur Fahrradhauptstadt Spaniens gemausert. 12,3 Prozent der Verkehrsteilnehmer waren 2014 täglich mit dem Rad unterwegs. Ein Jahr später wurde an der Avenida Gasteiz, einer der wichtigsten Radverbindungen der Stadt, eine Zählstelle aufgestellt. Dort ist Anteil der Radfahrer innerhalb eines Jahres – von 2016 auf 2017 um neun Prozent gestiegen.

„Mit politischem Willen kannst du Dinge verändern“, sagt Escudero, „aber mit Geld geht es schneller.“ 26 Millionen Euro hat die Stadt von 2010 bis 2015 investiert, um ihren Mobilitätsplan umzusetzen. Ein Teil davon stammt von einem EU-Projekt, das nachhaltige Verkehrskonzepte fördert. Langfristig wollen die Basken viele Straßen wie die Sancho el Sabio Kalea umgestalten. Aber momentan fehlt dafür das Geld. Deshalb pinseln sie das neue Konzept buchstäblich auf die Straße.

Was früher für Autofahrer galt, dürfen jetzt Radfahrer und umgekehrt. Das heißt: In weiten Teilen der Stadt wurden herkömmliche Straßen zu Einbahnstraßen umgewandelt, Parkstreifen für Autos wurden in Fahrradspuren ummarkiert, Tempo 30-Zonen eingeführt und Radfahrer erhielten Vorrang. Während Autos nur noch in eine Richtung fahren dürfen, können Radler beide Richtungen nutzen. Autofahrer, die auf Fahrradspuren parken und erwischt werden, zahlen 200 Euro. Dieselbe Strafe droht auch jenen, die den Platz vor der historischen Kathedrale als Schleichweg durchs Stadtzentrum benutzen: Früher fuhren dort 10.000 Autos täglich, mit Verbotsschild waren es noch 2000. Nun registrieren Kameras die Nummernschilder an den Ein- und Ausfahrten.

Poller trennen Fahrradspur und Straße voneinander.
Einbahnstraßen dürfen Radfahrer in beide Richtung nutzen. Hier wird der Radstreifen zudem noch durch Poller vom Autoverkehr getrennt
Eine leere Straße. Hochhäuser im Hintergrund.
Mehr Gleichberechtigung für Radfahrer: Eine Autospur ist nun Fahrradspur
Radfahrer auf der Straße. Im Hintergrund sind Fußgänger und Hausfassaden zu sehen.
Tempo 30 steigert im Stadtzentrum die Sicherheit für Radfahrer
Eine Straße, die zwischen Altbauten verläuft. Radfahrer nutzen ein Teil der rechten Spur, links stehen parkende Autos.
Hier wurden Autoparkplätze entfernt und eine Radspur geschaffen

Mittlerweile hat Vitoria Gasteiz jedoch ein neues Parkplatzproblem: Im Sommer, wenn alle auf ihre Räder steigen, reichen die 9000 Stellplätze in der Stadt kaum aus. Hier bessert die Stadt ständig nach. Im vergangenem Jahr hat sie am Hauptbahnhof ein bewachtes Fahrradparkhaus mit 100 Stellplätzen eröffnet. Jetzt will sie versuchsweise in Parkhäusern Autostellplätze für Fahrräder räumen.

Die Politiker haben den Anteil der Radfahrer in den vergangenen zehn Jahren fast vervierfacht und bauen ihn weiterhin aus. Das Fahrrad ist angekommen in Vitoria Gasteiz – jetzt soll es sich in ganz Spanien ausbreiten.

Dieser Beitrag wurde im November 2018 aktualisiert und ergänzt.

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Andrea Reidl arbeitet als Journalistin, Moderatorin und Buchautorin


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