Der Sommer mit Corona

Drei Exit-Strategien und wie Familien sie erleben könnten

A. Mäder Bei sonnigem Wetter zieht es viele Menschen in die Parks, wie hier in Stuttgart. Doch sie halten Abstand zueinander.

die ZukunftsReporter – wir berichten aus Welten, in denen wir bald leben könnten

Blicken wir ein paar Monate in die Zukunft. Wie werden wir mittelfristig mit dem Corona-Virus leben? Die ZukunftsReporter haben drei Szenarien ausgearbeitet – mit denselben Menschen, aber unterschiedlichen Schutzkonzepten. Damit möchten wir die Maßnahmen nicht bewerten, sondern vielmehr die Debatte darüber anregen. 

1. Szenario: Risikogruppen bleiben in Quarantäne

Das Corona-Virus wütet weiter im Land, leicht abgebremst, aber nach wie vor mit großer Macht. Die Regierung hat sich dem Druck der Öffentlichkeit und Wirtschaft gebeugt, die immer lauter forderten: „Wir müssen zur Normalität zurück. Lasst uns darauf konzentrieren, die Risikogruppen zu schützen.“ Seitdem sitzen Tausende alte und kranke Menschen zuhause fest – und mit ihnen Tausende Angehörige, die sich kümmern. So wie Isabelle Hauder.

Die neunte Woche ist geschafft. Das sind 63 Tage oder 1.512 Stunden. Wer hätte gedacht, dass Isabelle Hauder einmal Stunden und Tage zählen würde. Sie zu allerletzt. Aber jetzt tut sie es. Immer einen Schritt nach dem anderen, eine Stunde nach der anderen denken – mit dieser Haltung kommt sie halbwegs durch die Tage, ohne, dass die Verzweiflung sie packt. Sie darf nicht daran denken, dass es vielleicht noch Monate so weitergeht.

Isabelle sehnt sich nach Ihrem alten Leben zurück. Normalerweise sind ihre Tage eng getaktet. Bis nachmittags steht sie in der Buchhandlung, zu Hause warten Haushalt und die zwei Teenager-Kinder. Alle zwei Tage fährt sie bei ihrer Mutter Margot vorbei und hilft bei allem, was notwendig ist. Einkaufen, Wäsche waschen, Papierkram. Dann sitzen sie noch ein Stündchen zusammen und erzählen. Seit dem Schlaganfall vor zwei Jahren hat die alte Dame abgebaut. Das Gleichgewicht macht Probleme, sie kann nur schlecht laufen. Normalerweise kommt morgens ein Pflegedienst und hilft ihr beim Waschen und Anziehen, normalerweise besucht Margot regelmäßig Treffen der Seniorenhilfe. Aber was ist im Moment schon normal. Corona hat alles verändert.

Aufatmen allerorts

Als die Regierung beschließt, die Risikogruppen zu isolieren, damit Schulen, Geschäfte und Restaurants im Land wieder öffnen können, spürt Isabelle um sich herum vor allem eins: Erleichterung. Auflagen bleiben: Kleinere Klassen, in den Restaurants muss jeder zweite Tisch frei bleiben, maximal drei Personen dürfen gleichzeitig in ein Geschäft. Trotzdem atmen alle auf.

In der Klassen-Whatsapp-Gruppe jubeln Eltern: „Es ist geschafft!“. Ihre Freundinnen schreiben: „Jetzt schnell einen Tisch reservieren und endlich Essen gehen. Bist du dabei?“ Doch Isabelle antwortet mit einem knappen „Nein!“ Ihre Mutter gehört zur Risikogruppe. Eindeutig. Wie soll die alte Dame die Isolation überstehen, wenn ihr niemand hilft?

Eine Lösung muss her

Während um Isabelle herum die Menschen aus ihre Löchern kriechen, setzt sie sich mit ihrem Mann Thorsten an den Tisch und überlegt: Wie können wir Margot helfen? Zu uns holen? Geht nicht, die Kinder müssen wieder zur Schule. Thorsten arbeitet als Ingenieur in einem kleinen Büro. Er kann nicht auf Dauer im Homeoffice bleiben. So viele Kontakte nach außen erhöhen das Risiko, dass sich einer in der Familie mit Corona infiziert – für Margot wäre das lebensgefährlich.

Bleibt noch Variante zwei. Isabelle zieht zu ihrer Mutter und geht mit ihr in Isolation. Die Buchhandlung hat im Moment sowieso kein Geld, um sie zu bezahlen. Thorsten könnte die Einkäufe übernehmen, sich um Job und Kinder kümmern, bis alles vorbei ist. Irgendwann. Sie reden darüber ganz nüchtern. Muss ja sein. Vielleicht ist die Entscheidung der Politik richtig. Die Wirtschaft, die Bildung der Kinder, die vielen Kleinunternehmen, die vor der Pleite stehen – auch daran muss man schließlich denken. Jeder ist jetzt gefragt, seinen Beitrag zu leisten. Die Entscheidung fällt, sie holen die Kinder Lukas und Mia. Mia sagt: „Aber Mama, dann sehe ich dich ja gar nicht mehr!“ – und Isabelle fängt an zu heulen. Trotz aller Vernunft.

Am nächsten Tag kontaktiert sie den Pflegedienst und hört, was zu erwarten war: „Wir haben klare Anweisung der Pflegekasse. Wir müssen vorrangig Menschen ohne Angehörige versorgen. Wir kommen nicht mehr. Ihre Mutter hat doch Sie.“ Danach ruft Isabelle Margot an und erzählt von ihren Plänen. Die alte Dame protestiert: „Kind, das kannst du doch nicht machen, ich komme schon irgendwie klar.“ Isabelle fragt: „Wie willst du dich alleine waschen, dich anziehen, für dich kochen?“ und hört: Schweigen.

Der Umzug

Isabelle packt ihre Sachen. Ein großer Koffer mit Kleidung, ein paar Bücher, das Tablet, Kosmetik – aber wie viel braucht man für einen Zeitraum „ungewiss“? Thorsten sagt: „Ich bringe dir alles andere vorbei.“ Trotzdem dauert das Packen ewig. Drei Stunden später zieht Isabelle in der Zwei-Zimmer-Wohnung ihrer Mutter ein. Sie legen eine Matratze ins Wohnzimmer, räumen einen Schrank für Isabelles Kleidung frei und sitzen abends zusammen vor dem Fernseher.

Die ersten Tage laufen ganz gut. Margot genießt die Gesellschaft. Sie erzählen viel, schauen Bilder im Fotoalbum an, spielen Mühle und Schach. Isabelle chattet mit ihrem Mann und freut sich, als die Kinder fröhlich erzählen, dass sie wieder zum Handball- und Judotraining dürfen. Ihre Freundinnen posten Bilder aus den zwar spärlich besetzten, aber endlich wieder offenen Cafés. Isabelle schreibt: „Ich versorge meine Mutter“ und hört: „Toll von dir! Wir denken an dich! Schade, dass du nicht dabei sein kannst.“

Die Alleingelassenen

Nach einer Woche ruft eine Schulfreundin völlig aufgelöst an, die seit Jahren am anderen Ende der Republik lebt. Sie habe gehört, dass sich Isabelle um ihre Mutter kümmert. Ihre eigenen Eltern wohnten doch nur zwei Straßen weg. Der Vater brauche dringend Hilfe, aber die private Pflegekraft sei von heute auf morgen weg und kein Pflegedienst habe freie Kapazitäten. Der Vater liege seit Tagen nur noch im Bett, könne Isabelle nicht bitte, bitte, bitte nach ihm sehen?

Leben in Isolation

Inzwischen sind neun Wochen vergangen. Genauer: 63 Tage oder 1.512 Stunden. Isabelle versorgt morgens ihre Mutter und fährt dann zu den Eltern ihrer Schulfreundin, hilft dem Vater beim Aufstehen und Anziehen, legt Medikamente bereit, unterstützt die Mutter bei der Hausarbeit. Dann fährt sie zurück zu ihrer Mutter, sie kochen, essen, viel zu erzählen gibt es nicht mehr. Sie erleben ja kaum etwas. Die Enge, die Nähe macht beiden Frauen zu schaffen. Sie streiten sich immer öfter über Kleinigkeiten – dass die Teekanne wieder an der falschen Stelle steht oder der Fernseher schon wieder läuft. Isabelle spürt, dass ihre Mutter genervt und dankbar ist, dass sie ein schlechtes Gewissen hat und eigentlich ihre Ruhe haben möchte. Ihr geht es ähnlich.

Die Kinder fragen immer öfter: „Mama, wann kommst du wieder?“ Ihr Mann lässt durchblicken, wie anstrengend sein Alltag ist. Die Freundinnen melden sich kaum noch, seit Isabelle auf ihr „Was machst du so“ stets antwortet: „Ich versorge meine Mutter“. Die Whatsapp-Gruppe ihrer Sportgruppe hat sie verlassen. Sie konnte die Bilder fröhlicher, feiernder Menschen nicht mehr ertragen.

Isabelle fühlt sich aus dem Leben katapultiert und liest im Internet, dass es anderen „Risikogruppen“ ähnlich geht. Da sind herzkranke Väter, die sich seit Wochen in einem Raum der Wohnung abschotten und ihre Familie nur noch über den Gang hinweg sehen. Alte Menschen, deren Kontakt zur Außenwelt darin besteht, dass sie die vor der Tür abgestellten Einkäufe reinholen. Eltern, die nicht mehr zur Arbeit gehen, weil ihr Kind schwer asthmakrank ist. Abgeriegelte Pflegeheime, in denen ein paar verbliebene Pflegekräfte mit allen Kräften versuchen, eine rudimentäre Versorgung aufrecht zu erhalten.

Als wäre der Shutdown ein böser Traum

Isabelle kann zumindest raus. Sie hat sich angewöhnt, nachmittags ein, zwei Stunden durch die Stadt zu streifen – immer schön auf Abstand zu Menschen, um sich nicht anzustecken. „Du musst deine Mutter schützen!“ ist ihr zum Mantra geworden. Die meisten Leute sind vorsichtig und halten Distanz. Aber die Spielplätze sind wieder voll, Menschen gehen shoppen und unterhalten sich in der Sonne, als wären die dramatischen Wochen des Shutdowns ein böser Traum. Klar, die Nachrichten berichten weiter täglich über die vielen Corona-Toten. Aber es sind vor allem Alte und Kranke – und die, nunja, sollen doch zu Hause bleiben. Irgendwie selbst schuld, wenn es sie trotzdem erwischt. Das sagt natürlich niemand laut, aber man liest es zwischen den Zeilen auf Twitter und Co.

Isabelle sieht das Leben um sich herum, aber sie ist kein Teil mehr davon. Sie fühlt sich ausgeschlossen, weggesperrt, gefangen, so wie Tausende andere Menschen in diesem Land – einfach, weil sie „Risikogruppe“ sind oder sich um sie kümmern. (Carina Frey)

Auf dem Schlossplatz in Stuttgart sitzen Menschen in der Sonne. Sie halten Abstand zueinander.
Höchstens eine Person auf einer Bank - wie lange werden die Abstandsregeln wohl gelten?
A. Mäder

2. Szenario: Der nächste Shutdown ist programmiert

Wenn es die Fallzahlen erlauben, werden für wenige Wochen die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren gelockert, damit Menschen zusammenkommen, Geschäfte öffnen und Betriebe wirtschaften können. Doch weil es noch kein Medikament und keinen Impfstoff gibt, ist klar: Sobald die Zahlen ansteigen, wird alles wieder dicht gemacht.

„Was machst du für ein langes Gesicht?“, fragt Thorsten Hauder seinen Sohn Lukas und schenkt sich eine Tasse Kaffee ein. Lukas blickt nicht von seinem Müsli auf, sondern hält seinem Vater wortlos sein Smartphone hin. Auf dem Bildschirm sieht Hauder eine auf Gelb geschaltete Ampel. „Darf ich?“, fragt er und nimmt seinem Sohn das Gerät aus der Hand. „Oh, ich verstehe“, murmelt er nach einem genaueren Blick auf das Display.

Lukas hat auf seinem Smartphone eine epidemiologische App geöffnet, mit der viele Menschen derzeit die Daten zum Corona-Virus überwachen. Die App zeigt heute an, dass die Kliniken in Deutschland in den vergangenen 24 Stunden mehr Patienten aufgenommen haben, als es die Modelle für den Infektionsschutz vorsahen. Die Modelle sind keine Prognosen, aber auf ihrer Grundlage geben die Behörden Schätzungen heraus, wie lange die Phasen der gelockerten Maßnahmen dauern werden. Wenn sich die tatsächlichen Zahlen anders entwickeln, kann der nächste Shutdown früher kommen als geplant. Im Moment sieht es so aus, als ob Geschäfte, Schulen und Spielplätze nicht wie errechnet sechs Wochen offen bleiben, sondern nur fünf. Davor warnt nun die gelbe Ampel.

Auf der Kippe

„Ein paar Tage werden schon nichts…“, beginnt Hauder, doch dann erkennt er, warum sein Sohn schlechte Laune hat: Am Wochenende möchte Lukas in ein Judo-Trainingslager fahren. Das könnte nun ins Wasser fallen. Der Arme! Lukas blickt seinen Vater grimmig an: „Das ist dann schon das zweite Mal, dass ich zu Hause bleiben muss“, schimpft er. „Und Jonathan und seine Leute dürfen fahren.“ Jonathan und einige andere Judoka hatten sich im Frühjahr mit dem Corona-Virus angesteckt, vielleicht beim Skifahren, das kann niemand sagen. Ein Antikörpertest hat jedenfalls ergeben, dass sie gegen das Virus immun sind. Daher tragen sie nun das Bändchen der Corona-Genesenen am rechten Arm und müssen sich um viele Einschränkungen nicht mehr kümmern.

Thorsten Hauder schießt die Frage in den Kopf, ob er den Besuch bei seinem Unterlieferanten vorziehen sollte, um dem Shutdown zuvorzukommen. Er will die Motoren besichtigen, die seine Firma für den großen Auftrag in Dubai benötigt. Und dann? Wie soll ich in den nächsten Wochen nach Dubai kommen, um mit den Scheichs zu verhandeln?, fragt er sich. Vielleicht verschiebt sich das ganze Projekt auch – oder der Kunde vergibt den Auftrag an einen Konkurrenten.

Auf Verdacht hin

Während Hauder im Stillen überlegt, schimpft Lukas weiter: „Wenn ich doch wenigstens zur Schule gehen dürfte! Ich treffe ja kaum noch jemanden.“ Doch Hauder und seine Frau Isabelle haben sich dagegen entschieden. Das Training im Judoclub mit 15 Kindern, darunter mehrere genesene, halten sie als Risiko für vertretbar. Das Gymnasium mit 1000 Schülern hingegen nicht. Ihre Kinder Lukas und Mia besuchen seit dem Ende der Sommerferien eine private Nachhilfeschule, die Jugendliche in kleinen Gruppen unterrichtet. Denn wenn die Kinder den Erreger nach Hause bringen würden, wäre Großmutter Margot in ernster Gefahr. Lukas und Mia verstehen das natürlich, doch es gefällt ihnen überhaupt nicht.

„Wusstest du…“, setzt Thorsten Hauder an, als Isabelle ins Esszimmer kommt. „Ich hab’s schon gehört“, schneidet sie ihm das Wort ab. „Die Ampel steht wieder auf Gelb und jetzt diskutieren sie darüber, woher die zusätzlichen Infektionen kommen. Der neue Sündenbock sollen die Bibliotheken sein, weil so viele Leute die Bücher anfassen.“ Hauder versteht die Sorge seiner Frau: Isabelle arbeitet in einer Buchhandlung. Wenn es dumm läuft, wird das Geschäft, in dem sie arbeitet, ebenso wie die Bibliotheken nach dem nächsten Shutdown nicht mehr öffnen dürfen – so wie die Friseursalons heute schon. Manchmal genügt ein Verdacht, um eine Berufssparte vom wirtschaftlichen Leben auszuschließen. Der öffentliche Druck auf die Politik wird schnell sehr groß. Als Ingenieur stand er bisher zum Glück nicht im Mittelpunkt der Debatte.

Am seidenen Faden

Beim Aufstehen stößt Thorsten Hauder gegen etwas Leichtes und zuckt zurück. „Wer hat denn das hier aufgehängt?“, fragt er und zeigt auf ein Mobile, das von einer Lampe herabhängt. Mehrere Corona-Viren aus Papier tanzen in der Luft. „Das Mobile haben uns die Schmitterers geschenkt“, sagt seine Frau. „Ihre Kinder haben so viele gebastelt, dass sie einige davon weggeben mussten.“ Hauder tippt das Mobile an und sagt gedankenverloren: „Das erinnert mich an die bewegliche Dachkonstruktion, die die Scheichs in Dubai wollen. Die ist auch noch etwas wackelig.“ Und er fügt in Gedanken hinzu: „Aber an diesem Projekt hängt das Schicksal meiner Firma.“ (Alexander Mäder)

Ein einsamer Tisch steht verlassen in der Fußgängerzone. Das Restaurant ist geschlossen.
Noch sind die Restaurants geschlossen. Dass dort bald wieder der Betrieb brummt wie noch vor wenigen Wochen, kann man sich kaum vorstellen.
A. Mäder

3. Szenario: Kontaktsperre, bis das Virus verschwindet

Die Regierung hält sich strikt an die Vorgabe, dass Gesundheitssystem nicht zu überfordern. Deshalb bleibt die Kontaktsperre noch einige Zeit bestehen. Es mag Lockerungen im Alltag geben, aber im großen Ganzen müssen die Menschen zuhause bleiben.

Jede Woche wird es für Familie Hauder ein bisschen schwieriger. Die Ausgangsbeschränkungen gelten weiter, die meisten Läden und alle Schulen bleiben geschlossen. Denn das Coronavirus sorgt für Stress in den Krankenhäusern. Zwar melden die Kliniken noch wenige freie Plätze auf den Intensivstationen, aber jeder kennt inzwischen die Bilder der abgekämpften Ärzte und Pflegekräfte, die seit Wochen überarbeitet sind. Das Gesundheitssystem arbeitet am Limit.

Thorsten Hauder schimpft mit seiner Tochter. „Schau Dir diese Bilder an, Du weißt doch genau, warum es die Kontaktsperre gibt“, sagt er ernst. Mia antwortet nicht. Sie will sich nicht rechtfertigen müssen, dass sie sich mit ihren Freundinnen getroffen hat. Ihr Vater zeigt kein Verständnis. „Die Strafe wirst Du bezahlen, von uns bekommst Du keinen Cent“, tobt er. Mia sagt nichts. Die Polizei hat die Geburtstagsparty aufgelöst, jedes Mädchen wird angezeigt. 300 Euro. „Wie kannst Du nur so blöd sein“, brüllt ihr Vater. Jetzt greift die Mutter ein. „Thorsten, es ist genug“, sagt Isabelle. Mia hat Saskia und Lea zwei Monate lang kaum gesehen. Vorher waren die Freundinnen fast jeden Tag zusammen. Dann hat Lea in einem verschlüsselten Chat den Vorschlag zu dieser Party gemacht. Keine laute Musik, geheim im Schrebergarten-Häuschen von Leas Eltern. Doch ein Nachbar hat die acht Jugendlichen gesehen und die Polizei informiert.

Die Moral lässt nach

Mia nutzt den Moment. Sie springt auf. „Du kannst gut meckern“, sagt sie zu ihrem Vater. „Du kannst immerhin nach Dubai, ich bin hier eingesperrt“, schreit sie, bevor sie die Tür zu ihrem Zimmer zuknallt. „Mia, Du weißt genau“, antwortet der Vater, doch er kann den Satz nicht mehr beenden. Dubai sei wichtig für die Firma, wollte er sagen. Das Ingenieurbüro steht vor der Pleite, weil die Firmen in diesem und im kommenden Jahr keine Aufträge mehr erteilen. Deshalb wird Thorsten Hauder nach Dubai reisen, um mit den Scheichs ein Großprojekt zu besprechen. Er profitiert von einer Sonderregelung für Firmen, die überwiegend vom Export leben. Den privaten Sommerurlaub haben die Hauders längst abgesagt. Und die Geschäftsreise wird eine Qual: Erst mindestens zwei Wochen Quarantäne in Dubai, dann zwei Wochen Projektbesprechungen, Verhandlungen und vielleicht der Vertragsabschluss. Auf dem Rückweg muss Hauder zwei Wochen in einem Einzelzimmer am Flughafenhotel in Frankfurt verbringen. Wieder allein in Quarantäne. Sechs Wochen ohne Familie. Doch ohne die Unterschrift der Scheichs ist seine Firma am Ende.

„Nun beruhige Dich mal“, sagt Isabelle Hauder, „wir sind nicht die einzige Familie, in der es Stress gibt. Eva hat mir gerade geschrieben, dass sie sich von ihrem Mann getrennt hat.“ Eva und Martin hatten schon vor Corona Probleme, acht Wochen Home office haben die Konflikte eskalieren lassen. Thorsten Hauder spürt, wie der Stress aus seinen Gliedern weicht. „Ja, Du hast Recht, uns geht es noch gut“, sagt er, „und wir sind gesund.“ Isabelle berichtet von Margot, der es nun auch wieder besser geht. „Es war doch nur eine Erkältung, auch das Fieber war harmlos“, erzählt sie. Die Hauders hatten Angst gehabt, als Margot trotz aller Vorsichtsmaßnahmen plötzlich hustete. In diesen Zeiten hat jeder sofort die Bilder von überfüllten Krankenhäusern und den Beatmungsmaschinen vor Augen.

In diesem Moment tritt Lukas in die Küche. „Kannst Du mal mit Mia sprechen, damit sie wieder mit uns redet?“, fragt Isabelle. Lukas nickt. Alle haben Probleme mit ihren Eltern, denkt er. Auch Mia. Lukas weiß, dass seine Schwester seit Wochen beim E-Learning nur noch auf den Bildschirm starrt und nicht mehr dem Unterricht folgt. Aber das behält er lieber für sich. „Vielleicht kann Mia ja eine Woche bei Saskia wohnen, deren Eltern halten sich ja auch an die Vorschriften“, sagt er stattdessen.

Bleiben alle vernünftig?

Thorsten Hauder will schon lospoltern, schließlich sind solche Kontakte noch immer verboten, aber Isabelle hält ihn zurück. „Margot meint auch, dass wir den Kindern eine etwas längere Leine geben sollten“, sagt sie. Dabei zählt ihre alte Mutter zur Risikogruppe bei Covid-19, die durch eine Ansteckung besonders gefährdet ist. Isabelle ist nicht sicher, was sie von dem Vorschlag halten soll. Sie hat Vertrauen zu Saskias Eltern, aber falls Mia erwischt wird, wird sie nach dem Vorfall bei der Geburtstagsparty als Wiederholungstäterin eine höhere Strafe bekommen. „Ich kann ja mit Saskias Vater telefonieren“, sagt Thorsten schließlich. Die beiden kennen sich aus dem Sportverein.

Was ist nur aus uns geworden, wir planen heimlich, wie unsere Kinder Freunde sehen können und unterlaufen damit die geltenden Gesetze, denkt sich Isabelle. Doch der Gedanke schwirrt ihr schon länger durch den Kopf. Hatte die Kanzlerin nicht gesagt, die Bürgerinnen und Bürger sollten vernünftig handeln? Während sie darüber nachdenkt, öffnet Mia die Tür ihres Zimmers. Ihre Augen sind verheult. „Es tut mir leid“, sagt sie.

Am Abend wollen Isabelle und Thorsten entscheiden, ob sie Lukas Vorschlag aufnehmen. Ob sie vorher die Nachrichten schauen, wissen sie nicht. (Rainer Kurlemann)

Wissenschaftlicher Hintergrund zu den drei Szenarien

Im 1. Szenario beschließt die Regierung, besonders gefährdete Menschen zu isolieren, damit das öffentliche Leben für alle anderen langsam wieder hochgefahren werden kann. Dieser Gedanke wird immer wieder ins Spiel gebracht. So sagte zum Beispiel der Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner in der FAZ, er halte viel von dem Vorschlag, statt der gesamten Bevölkerung gezielt besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen zu isolieren, insbesondere Ältere und Vorerkrankte. Denkbar wäre eine Ausgangssperre für Personen über 70 Jahre.

Das zentrale Problem: Die Risikogruppe ist groß. Eine Studie des University College London schätzt, dass in Deutschland 16,5 Millionen Menschen zur Risikogruppe zählen – das sind 20 Prozent der Bevölkerung. Viele dieser Menschen könnten sich gar nicht isolieren, weil sie im Alltag auf Hilfe angewiesen sind oder Familie haben. 3,4 Millionen Männer und Frauen gelten als offiziell pflegebedürftig, davon werden 2,6 Millionen durch Angehörige versorgt. Weitere ein bis zwei Millionen Menschen benötigen im Alltag Unterstützung. Auch um sie kümmern sich vor allem Angehörige, die mit in Isolation gehen müssten. Menschen mit Diabetes und Herzkrankheiten, Krebs oder Asthma haben Eltern, Partner und Kinder, von denen sie sich kaum abschotten können.

Im SPIEGEL sprechen sich verschiedene Fachleute wie Michael Hölscher, Leiter der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin an der Uniklinik München, oder Gerd Antes, ehemaliger Direktor des Cochrane Zentrums Deutschland gegen dieses Modell aus: Eine Abschottung der Risikogruppen sei unmöglich, weil auch diese Menschen einkaufen und zum Arzt gehen müssten. Und selbst wenn Mitarbeiter in Pflegeheimen unter verstärkten Hygienevorschriften arbeiteten, böte das keinen sicheren Schutz. "Wir können das Problem nicht allein auf dem Rücken der Alten und Schwachen austragen, gerade weil wir sie besonders schützen müssen", so Hölscher.

Das 2. Szenario, in dem das öffentliche und wirtschaftliche Leben intervallartig herunter- und wieder hochgefahren wird, geht auf eine Studie des Imperial College London zurück. Der IT-Manager Tomas Pueyo, der viel gelesene Berichte zur Corona-Krise schreibt, hat die Strategie als „The Hammer and the Dance“ bekannt gemacht. Als Hammer bezeichnet er den Shutdown, der die exponentiell steigenden Infektionszahlen deutlich senken soll, der Tanz ist das Hoch- und Runterfahren in Abhängigkeit von den jeweiligen Zahlen.

In den vergangenen Wochen haben wir uns in Deutschland vor allem auf die Zahl der nachgewiesenen Infektionen mit SARS-CoV-2 konzentriert sowie auf die Todesfälle mit nachgewiesenem Covid-19. Diese Zahlen sind jedoch keine gute Grundlage für die nächsten Entscheidungen in den kommenden Wochen und Monaten. Wenn man eine Überlastung des Gesundheitssystems vermeiden möchte, könnte man die Belegungen der Intensivstationen im Blick behalten, schlägt der Datenjournalist Jens Schröder vor. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hat dafür ein Online-Portal aufgebaut und gibt täglich Berichte heraus.

Eine Gruppe von Medizinern um Matthias Schrappe von der Universität Köln schlägt in einer Stellungnahme hingegen einen Risikoscore vor, der für Einzelpersonen oder Gruppen berechnet werden könnte. Er solle sich aus dem Alter und den Vorerkrankungen ableiten, außerdem aus der Nähe zu einem lokalen Infektionsherd und dem Kontakt zu Klinik oder Pflegeheim, weil das Virus derzeit vor allem dort weiterverbreitet werde. Dieser Wert könnte helfen, für jeden die effektivste Schutzmaßnahme festzulegen.

Eine andere Möglichkeit ist, mehr Menschen zu testen und eventuelle Ansteckungen zu rekonstruieren, wie es Hendrik Streeck von der Uniklinik Bonn versucht. Im „Zeit“-Interview äußert er zum Beispiel den vorläufigen Verdacht, dass sich nur wenige Menschen über Gegenstände und Oberflächen sowie in Geschäften mit dem Corona-Erreger anstecken. Solche Erkenntnisse könnten dabei helfen, die Schutzmaßnahmen differenzierter und gezielter anzulegen.

In der ersten Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts (RKI) nach Ostern äußerte sich der RKI-Präsident Lothar Wieler zurückhaltend zur möglichen Immunität genesener Patienten: „Solange wir über den Immunitätsstatus, also darüber, ob die Menschen vor einer zweiten Infektion wirklich geschützt sind, so wenig wissen, kann man sich viele Sachen ausdenken“, sagte er. Das lässt ein Szenario mit Bändchen oder Zertifikaten für genesene Patienten nach heutigem Stand unwahrscheinlich erscheinen.

Ein Vorbild für das 3. Szenario ist das Verhalten vieler anderer Länder. Im internationalen Vergleich scheint es möglich, dass die Ausgangsbeschränkungen in Deutschland länger bestehen bleiben. In China galten die Ausgangssperren mehrere Monate. Über die Situation in Österreich lesen wir zwar häufig die Überschrift: Österreich lockert Anti-Corona-Maßnahmen. Doch das gilt nur für die Öffnung von Läden. Die Ausgangsbeschränkungen für die Bürger werden noch einmal zwei Wochen bis Ende April verlängert, Schulen bleiben bis Mitte Mai zu. Veranstaltungen sollen bis Ende Juni nicht stattfinden.

Das Kriterium für die Abschaffung der Maßnahmen ist in diesem Szenario weder eine Steigerungsrate, noch die Zahl der positiv Getesteten, noch die Zahl der Genesenen. Angesichts der bestehenden Dunkelziffer von Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, ohne Symptome zu entwickeln, werden diese Zahlen als kaum belastbar bewertet. Deshalb richtet sich die Dauer der Ausgangsbeschränkungen nur nach der Zahl der freien Intensivbetten. Wirtschaftliche Erwägungen treten dabei in den Hintergrund.

Dass die Auswirkungen der Kontaktsperre die Menschen unterschiedlich treffen, sagt Peter Neher, Präsident des deutschen Caritasverbandes: „Wer in einer kleinen Wohnung ohne Garten und Balkon mit seinen Kindern wohnt, ist anders von den Maßnahmen betroffen, die uns zur Häuslichkeit auffordern. Und wer zuhause mit Laptop und Tablet ausgestattet ist, kann seine Kinder deutlich besser unterstützen als jene, denen diese Dinge fremd sind.“ So oder so bedeutet eine monatelange Ausgangs- und Kontaktsperre für die Menschen aber Stress. Ob die Corona-Krise die Zahl der Scheidungen nach oben treibt oder Delikte wie häusliche Gewalt oder sexueller Missbrauch zunehmen, lässt sich derzeit noch nicht sicher sagen. 

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Röhrig, appelliert an die Bevölkerung „in der aktuellen dramatischen Situation Kinder nicht aus den Augen zu verlieren“. Schnelle Hilfe bei sexuellem Missbrauch und anderer familiärer Gewalt können Kinder und Jugendliche ab sofort über eine neue Webseite erhalten. Die Seite www.kein-kind-alleine-lassen.de wurde am Gründonnerstag gestartet.

Neben den drei hier skizzierten Szenarien sind weitere denkbar. Eine Arbeitsgruppe um Clemens Fuest vom ifo-Institut und Martin Lohse von der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte entwickelt in einer Stellungnahme eine abgestufte Strategie, um das öffentliche und wirtschaftliche Leben in Teilen wieder hochzufahren. Zum Beispiel könne man regional differenziert vorgehen und dort die Maßnahmen schneller lockern, wo es wenige Infektionen und große Kapazitäten in den Kliniken gibt. Auch Schulen und Hochschulen könne man früher öffnen, weil Schüler*innen und Studierende in der Regel nicht zur Risikogruppe gehören. Doch die Forscher warnen vor pauschalen Entscheidungen: auch Eltern und Lehrer*innen könnten gefährdet sein.

Es ist also gut möglich, dass keines der drei skizzierten Szenarien Wirklichkeit wird, sondern dass wir uns auf eine differenzierte Betrachtung einstellen müssen, um die Maßnahmen für jeden Bereich einzeln festzulegen. Hier den Überblick zu bewahren und niemanden ungerechtfertigt zu benachteiligen, wird eine große Herausforderung für alle Teile der Gesellschaft.

Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-​​Koralle „die ZukunftsReporter“. Eine Übersicht unserer Artikel finden Sie hier. Einmal in der Woche schicken wir Ihnen gerne einen kostenlosen Newsletter über unsere Arbeit und Nachrichten, die wichtig für die Zukunft sind. Uns interessiert Ihre Meinung: Bitte schreiben Sie uns unter [email protected]

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