Was in Zukunft wertvoll wird

Drei Buchempfehlungen zum Umgang mit Prognosen

iStock / Wenjie Dong Skyline von New York City

Die Zukunftsreporter – Ihre Korrespondenten aus möglichen Welten, in denen wir leben werden oder leben wollen

Drei Bücher – von Kim Stanley Robinson, Jens Beckert und der Initiative D2030 – zeigen auf ganz unterschiedliche Weise, wie Zukunftsszenarien wirken können: Sie regen nicht nur zum Nachdenken an, sondern beeinflussen auch wichtige Entscheidungen.

Stellen wir uns doch einmal vor, im 22. Jahrhundert, nachdem die Welt die Katastrophe des Klimawandels durchstanden hat, normalisiert sich das Leben wieder. So malt es sich der Science-Fiction-Autor Kim Stanley Robinson in seinem neuen Roman „New York 2140“ aus. Der Meeresspiegel ist zwar sprunghaft angestiegen, die Deiche sind gebrochen und Lower Manhattan ist dauerhaft überflutet. Aber die Stadt ist wieder lebenswert wie zu ihren Glanzzeiten, „SuperVenice“ wird sie nun genannt. Alle Gebäude, die auf felsigem Grund gebaut wurden, blieben stehen und man hat die unteren Stockwerke wasserdicht versiegelt. In luftiger Höhe hat man die Hochhäuser durch Brücken verbunden. Fifth Avenue und Broadway sind Kanäle und man fährt statt mit der Metro mit einem Vaporetto.

Das lockt Investoren an: Sie kaufen Immobilien auf und sabotieren sogar die Gebäude, falls nötig, um die Besitzer zum Verkaufen zu drängen. Erneut entwickelt sich eine Immobilienblase, als hätte man aus dem Finanzcrash des Jahres 2008 nichts gelernt. Robinson beschreibt liebevoll den Alltag von ganz unterschiedlichen Bewohnern eines Gebäudes, die nach und nach zusammenfinden: ein TV-Sternchen, eine Gewerkschaftlerin, eine Polizistin, ein Investmentbanker, der Hausmeister und die beiden obdachlosen, aufgeweckten Jungs, denen er hin und wieder etwas zu Essen gibt. Sie alle haben Aufgaben zu meistern, sie alle scheitern zunächst – und zetteln schließlich gemeinsam eine Revolution an: Sie rufen alle Mieter der Stadt auf, ihre Mietzahlungen zu verweigern.

Der Roman ist damit weniger eine Klima- als vielmehr eine Finanzgeschichte. Die bunte Truppe will unter den Investoren Panik auslösen. Die Spekulanten sollen das Vertrauen in die Zahlungsbereitschaft der Mieter verlieren, damit die Blase platzt. Und die Gewerkschaftlerin soll mit ihrem Exmann sprechen: Er ist schließlich der neue Chef der US-Notenbank. Wenn sie ihn überredet, einen anderen Weg einzuschlagen als 2008, dann könnte man Geschichte zu schreiben.

Wenn Gerechtigkeit wichtiger ist als Gewinne

So lange will die Initiative D2030 nicht warten. Sie stellt in ihrem Buch „Deutschland neu denken“ ein ähnliches Szenario schon für die 2030er-Jahre auf: Die Politik beschneidet darin die Macht der Banken und IT-Konzerne wirkungsvoll, sie verteilt den Wohlstand um und verringert damit die Ungleichheit in der Gesellschaft. Plötzlich zählt Gerechtigkeit mehr als „ökonomische Sachzwänge“. Doch bei diesem Modell, das die Autoren „Renaissance der Politik“ betiteln, handelt sich nur um eins von acht Szenarien der Initiative, die von Unternehmen, Verbänden und Wissenschaftlern getragen wird. Sie möchte damit nicht die Zukunft vorhersagen, sondern zum Nachdenken darüber anregen. Das Land braucht Visionen, um Bürger zusammenzubringen, lautet das Ziel von D2030. „Wenn wir eine wirklich nachhaltige Veränderung bewirken wollen, dann müssen wir Bürger (und Wähler) uns neu positionieren und vom Zuschauer zum Mitspieler werden“, schreiben die Autoren des Buchs.

Was halten die Menschen von dem Szenario der Bankenregulierung und neuen Werteorientierung? Sie bewerten es als attraktiv – aber auch als unrealistisch. Als die Initiative D2030 dieses Szenario vor einem Jahr mit 300 Bürgern diskutierte, gaben ihm die Workshop-Teilnehmer im Durchschnitt 67 Punkte für Wünschbarkeit. Das ist ein recht hoher Wert auf einer Skala von 0 („So sollte die Zukunft keinesfalls sein“) bis 100 („Das sollte sie sein“). Bei der Frage, wie wahrscheinlich dieses Szenario sei, erhielt das Modell jedoch nur 42 Punkte.

Bei der Entwicklung der acht Szenarien haben die Autoren in Online-Dialogen mit Bürgern zunächst 33 Faktoren zusammengestellt, die unsere Zukunft prägen werden: von Deutschlands Rolle in der Weltwirtschaft über Bildung und Bürgerbeteiligung bis zum Klimaschutz und der inneren Sicherheit. Bei jedem Faktor untersuchten sie gemeinsam, wie er sich entwickeln könnte. Beim Aspekt der Demokratie und Bürgerbeteiligung standen am Ende des Dialogs beispielsweise fünf Möglichkeiten: (1) Das heutige System der repräsentativen Demokratie erweist sich als stabil. (2) Das heutige System bleibt, doch die Bürger sind frustriert und gehen nicht mehr zur Wahl. (3) Die Bürger sind frustriert und es entstehen autokratische Strukturen. (4) Die Bürger werden stärker in politische Entscheidungen eingebunden, doch man verzettelt sich und es kommt zu einem lähmenden Stillstand. (5) Die Bürger werden stärker eingebunden und stärken dadurch die repräsentative Demokratie. Der Online-Dialog lieferte auf diese Weise 149 Prognosen, die schließlich in einem zweiten Schritt mit Bürgerbeteiligung zu acht konsistenten Szenarien für das Jahr 2030 gruppiert wurden. Das langwierige Verfahren soll aufzeigen, welche Handlungsoptionen wir als Land haben.

Das fiktionale Element der Ökonomie

Solche Erzählungen über die Zukunft sind nach Ansicht des Soziologen Jens Beckert mächtige Instrumente, denn die Wirtschaft orientiert sich an ihnen, wenn sie über Investitionen und Kredite entscheidet. Geschichten seien der Kern des Kapitalismus, nicht mathematisch ausgefeilte Abschätzungen von Werten und Risiken. In seinem Buch „Imaginierte Zukunft“ geht der Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln gegen das Modell des Homo oeconomicus vor. Dieses Modell eines rationalen Nutzenmaximierers wird oft kritisiert, weil es an der Realität scheitert: Menschen bewerten die Optionen längst nicht so nüchtern und unvoreingenommen, wie es die Theorie vorsieht. Und der Homo oeconomicus eignet sich nicht für Prognosen; den Finanzcrash von 2008 haben die Wirtschaftswissenschaften zum Beispiel nicht kommen sehen.

Doch Beckert geht in seiner Kritik weiter und argumentiert, dass man die Zukunft unmöglich rational in seine Entscheidungen einbeziehen könne. Ökonomen berechnen zwar viele Kennzahlen und geben die Risiken präzise an, doch letztlich sei es eine Reise ins Ungewisse. Oft werde zum Beispiel angenommen, dass sich die unvorhersehbaren Faktoren – die positiven und negativen – ungefähr die Waage halten und gegenseitig aufheben. Kein Wunder, dass Ökonomen immer wieder überrascht werden. „Insbesondere in Situationen, die mit Veränderungen, Neuerungen und Krisen zu tun haben, ist die Ungewissheit allgegenwärtig“, schreibt Beckert. „Aber genau diese Situationen sind am engsten mit der kapitalistischen Dynamik verknüpft.“

Um Entscheidungen zu treffen, stützt man sich letztlich auf Erzählungen, die man für glaubwürdig hält – und die auch von anderen für glaubwürdig gehalten werden. Es bilden sich fiktionale Erwartungen heraus, und man handelt, als ob diese Zukunftsgeschichte schon wahr wäre. Wenn die Wirtschaft wächst, scheint zum Beispiel eine Geschichte fast zwangsläufig erzählt zu werden: die Geschichte der zukünftigen Zahlungsbereitschaft und -fähigkeit der Verbraucher. Beckert beschreibt sie so: „In Phasen großer Zuversicht erweitert sich der Zeithorizont. Kredite holen die erwartete künftige Kaufkraft in die Gegenwart.“ Auch die Verbraucher lassen sich durch solche Geschichten beeindrucken: Als Angela Merkel und ihr damaliger Finanzminister Peer Steinbrück am 5. Oktober 2008 im Fernsehen versicherten, der Staat übernehme die Garantie für die privaten Bankguthaben in Höhe von 568 Milliarden Euro, glaubten ihnen die Bankkunden. Beckert schreibt: „Diese fiktionalen Erwartungen hielten die deutschen Bürgerinnen und Bürger von einem Kassensturm ab.“

Prognosen sind Beckert zufolge zwar nicht geeignet, um die Zukunft vorherzusagen. Aber sie erfüllen einen wichtigen Zweck: Sie bieten allen, die Entscheidungen fällen müssen, eine Orientierungshilfe. Mit Prognosen kann man Entscheidungen begründen. In Beckerts Worten schaffen Prognosen „Vertrauen unter Bedingungen der Ungewissheit“. Und falls sich eine Prognose als falsch erweise, werde sie eben durch eine andere ersetzt.

Ein besonders beliebtes Szenario

Die Bürger, mit denen die Initiative D2030 ihre Szenarien diskutierte, hielt übrigens eine andere Vision für realistischer als das Szenario der „Renaissance der Politik“ – und auch für attraktiver: Das Szenario „Stärke durch Vielfalt“ erhielt in Sachen Umsetzbarkeit und Wünschbarkeit deutlich mehr Punkte (59 und 77). In diesem Szenario verändern sich Entscheidungsstrukturen radikal. Sie werden möglichst dezentral, gehen in die Hände von Verbänden und Kommunen. Die Welt ist viel zu komplex, um sie im Detail von oben regieren zu wollen, lautet die Maxime. Die nationale und internationale Politik beschränkt sich daher auf zentrale Aufgaben, etwa auf die Sicherheit der digitalen Infrastruktur. Allerdings löst sie diese Aufgaben auch: In einer Geschichte, die der Science-Fiction-Autor Karlheinz Steinmüller zu diesem Szenario beisteuert, erläutert ein Polizist, dass eine Regelung für den Schutz der Privatsphäre gefunden wurde, die es erlaubt, Gefährdungslagen mit Big-Data-Technik zu analysieren. Die Frage, welche Spielräume die Politik den Unternehmen gewährt, um die „positiven Kräfte der Digitalisierung“ zu entfalten, gehört für die Initiative D2030 zu den Kernfragen unserer Zeit.

Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-Koralle „Die Zukunftsreporter“. Sie finden unsere anderen Artikel auf dieser Seite.

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A. Mäder
Die Zukunftsreporter

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