Der Rote Planet im Rückwärtsgang

Der Sternenhimmel im Juli: In den Mars wurde schon viel hineingedichtet. Dass er gerade scheinbar kehrtmacht, ist aber ein wohlbekanntes Phänomen

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In diesen Tagen lohnt sich ein Blick zum Mars. Zwar ist seine Oberfläche derzeit weitgehend durch einen starken Staubsturm verhüllt, und er steht recht tief am Horizont. Aber unser Nachbarplanet kommt der Erde derzeit wieder recht nahe und erscheint daher besonders hell.

So war es auch, als 1877 ein Astronom namens Giovanni Schiaparelli sein neues Teleskop an einem Planeten testen wollte. Bis dahin hatte der Direktor des Osservatorio Astronomico di Brera in Mailand mit dem Gerät vor allem Doppelsterne beobachtet. Schiaparelli sollte das Marsbild seiner Zeitgenossen tiefgreifend verändern – allerdings falsch.

Im Spätsommer 1877 machte sich Schiaparelli daran, die Oberfläche unseres Nachbarplaneten genauer zu studieren. Bereits damals konnte man zwischen helleren und dunkleren Flecken auf dem rötlichen Marsscheibchen unterscheiden. Man hatte herausgefunden, dass die Pole des Mars von helleren Regionen umgeben waren, die sich in regelmäßigem Wechsel um Nord- und Südpol bildeten und wieder verschwanden. Die logische Schlussfolgerung zu jener Zeit: Es gibt Wasser auf dem Mars, das im Lauf der Jahreszeiten an den Polkappen gefriert und taut.

Doch Schiaparelli fielen noch weit feinere Details auf. Er nahm schmale, dunkle Linien wahr, die teils miteinander verbunden waren und sich auffächerten, bevor sie in die dunkleren, großflächigen Gebiete mündeten. Einem Vorschlag seines Kollegen Angelo Secchi folgend nannte er diese Strukturen „Canali“. In den Folgejahren kartierte Schiaparelli die Marsoberfläche neu. Ganz ähnliche Beobachtungen machten auch einige seiner Kollegen. Dies heizte auch in Fachkreisen die Spekulationen über Leben, ja gar eine intelligente Zivilisation auf dem roten Planeten an.

Der Mars aus Sicht der Kometensonde Rosetta im Jahr 2007.

Dass es auf dem Mars flüssiges Wasser geben muss, daran zweifelten selbst viele Experten damals nicht. Die dunklen Gegenden interpretierte man als Ozeane, die helleren, gelblich-roten als wüstenartiges Festland. Aber waren die feinen Wasserläufe, die die Trockengebiete durchzogen, natürlichen Ursprungs oder künstlich angelegt von einer technisch versierten Zivilisation? Möglich auch, dass man dabei gar nicht direkt auf Wasser blickte, sondern die dunklen Streifen Abbild einer reichen Vegetation waren, die schmalere Flussläufe säumte. So abwegig diese Spekulationen aus heutiger Sicht klingen mögen: Sie galten damals als angesehene Lehrmeinung und fanden Einzug in Meyers Konversationslexikon noch zu Beginn es 20. Jahrhunderts.

Entzaubern ließen sich diese Mythen erst endgültig, als die ersten Raumsonden in den 1960er Jahren den Mars zu erforschen begannen. Derzeit erkundet unter anderem der Mars Rover Curiosity neugierig die Planetenoberfläche. Dabei deuten seine Funde durchaus darauf hin, dass auf dem Mars einst für mikrobielles Leben günstige Bedingungen geherrscht haben könnten. Ob es dort vor langer Zeit aber tatsächlich jemals flüssiges Wasser in größeren Mengen gegeben hat, darüber streiten sich die Forscher immer noch. Zu Schiaparellis Zeiten war der Mars ganz gewiss staubtrocken. Die Mars-Theorien von damals sind ein guter Beleg dafür, dass Wissenschaft allzu oft nur den „momentanen Stand des Irrtums“ darstellt.

Der Grund dafür, warum der Mars so trocken ist, liegt in der verhältnismäßig geringen Schwerkraft des Planeten. Dadurch kann er keine dichte Atmosphäre halten. Die leichten Wassermoleküle aus ursprünglichen Marsozeanen müssten bei Verdunstungsprozessen in die Atmosphäre von dort rasch weiter ins Weltall entwichen sein. Nur tiefgekühlt hatte das Wasser noch eine Chance. Die gefrorenen, dauerhaften Polkappen bestehen vor allem aus Kohlendioxideis, vermischt mit etwas Wassereis; im Winterhalbjahr liegen diese jeweils im Schatten. Weiteres Wassereis ist aber noch in unterirdischen Schichten gespeichert, sowie in schattigen Kraterregionen.

Der Marsrover Curiosity untersucht derzeit den Boden des roten Planeten. In diesem Selbstporträt des Rovers vom 15. Juni 2018 zeigt sich die Marsatmosphäre im Hintergrund durch den aktuellen Staubsturm getrübt.


Bei den „Kanälen des Schiaparelli“ handelte es sich wohl teils um Canyons oder Höhenabstufungen im Gelände. Tatsächlich verfügt Mars über eines der größten Grabensysteme im Sonnensystem: Die Valles Marineris erstrecken sich über eine Länge von 4000 Kilometern bei einer Breite bis zu 700 Metern. In den meisten Fällen kamen die Linienstrukturen, die Schiaparelli und seine Kollegen gesichtet haben, vermutlich durch Kontrasteffekte zustande. Sie könnten auch schlichtweg optische Täuschungen gewesen sein oder Artefakte, die die damaligen Linsenfernrohre hervorriefen.

Auch wenn wir nicht auf die von einer fremden Zivilisation ausgehobenen Kanäle blicken, empfiehlt sich im Juli ein Blick zum Mars sehr. Wer das mehrmals tut, kann etwas Merkwürdiges beobachten: Der Rote Planet bewegt sich momentan entgegen seiner gewöhnlichen Laufrichtung am Himmel. Dieses Phänomen tritt immer dann ein, wenn wir ihn mit der Erde auf unserer weiter innen liegenden Bahn überholen. Während dieses Überholmanövers beschreibt Mars am Firmament die Oppositionsschleife, anschaulich dargestellt in diesem Video von Robert Schwarz. Die sogenannte Rückläufigkeit des Mars begann bereits am 28. Juni und dauert noch bis zum 28. August an. Am 27. Juli, dem Datum der Opposition, steht er von der Erde aus gesehen der Sonne genau gegenüber. Seinen geringsten Abstand zur Erde erreicht er am 31. Juli mit 57,7 Millionen Kilometern. So nahe kommen sich Mars und Erde wegen der Geometrie der Planetenbahnen aber nicht bei jeder Opposition.

Der Sternenhimmel Anfang Juli um 23:30 Uhr MESZ über Frankfurt am Main.

Position der Sternbilder

Die Nächte im Juli sind zwar noch kurz, aber meist angenehm warm. So laden sie zu ausgiebigen Himmelsspaziergängen ein. Im Westen geht bereits bei Einbruch der Nacht der Löwe unter. Auf der Ekliptik ziehen die Jungfrau mit dem Hauptstern Spika und die Waage hinterher. Höher im Süden erstreckt sich großflächig der Schlangenträger, oberhalb davon befindet sich Herkules im Zenit. Weiter östlich breitet sich das Sommerdreieck mit den hellen Sternen Vega in der Leier, Deneb im Schwan und Atair im Adler aus. Im Nordosten steigt bereits der markante Pegasus mit Andromeda empor.

Lauf des Mondes: Am 6. Juli befindet sich der abnehmende Halbmond unterhalb des Sternbilds Fische. Zu Neumond hält sich der Erdtrabant am 13.7. in den Zwillingen auf. Der wieder zunehmende Halbmond läuft am 19. des Monats durch die Jungfrau. Zu Vollmond am 27.7. ereignet sich eine Mondfinsternis von 20:24h bis 00:19h MESZ (siehe gesonderter Hinweis).

Lauf der Planeten: Venus dominiert im Juli als heller Abendstern im Westen. Mars steht Ende (27.7.) des Monats in Opposition. Er ist die gesamte Nacht über zu sehen, steht allerdings recht tief am Himmel. Jupiter lässt sich gut in der ersten Nachthälfte beobachten. Der Ringplanet Saturn ist in der ersten Monatshälfte die gesamte Nacht sichtbar, im letzten Monatsdrittel tritt er bereits früh in der zweiten Nachthälfte vom Firmament ab. Uranus lässt sich im Sternbild Widder auffinden. Für Neptun im Wassermann benötigt man optische Hilfsmittel.


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