KlimaSocial - vom Wissen zum Handeln

C.Schrader Symbolbild von Wissen zum Handeln. Im Vordergrund liegt ein Stapel Bücher über die nötige Transformation, im Hintergrund steigt ein Mann auf das Fahrrad

KlimaSocial - vom Wissen zum Handeln

Hamburg, den 22. Oktober 2018

Rund um den Globus muss eine Transformation stattfinden. Wer das bisher nicht wusste, der weiß es spätestens seit dem jüngsten Sonderbericht des Weltklimarats – doch von diesem Wissen zum Handeln ist es noch ein weiter Weg.

Technologische oder ökonomische Lösungen allein werden die Klimakrise nicht beenden, wir alle müssen auch unser Verhalten ändern. Doch die Bereitschaft dazu ist kaum zu erkennen.
In der Klimadebatte sind bisher die sozialen Faktoren, Prozesse und Rahmenbedingungen zu wenig beachtet worden. Bei KlimaSocial wollen wir uns darum auf diese Themen konzentrieren und so die Perspektive wechseln. 


„Schnelle und im Ausmaß beispiellose Veränderungen“ in allen Teilen der Gesellschaft – das ist es, was der Weltklimarat IPCC Anfang Oktober 2018 in seinem Sondergutachten zur 1,5-Grad-Grenze angemahnt hat. Sonst sei das Ziel nicht zu erreichen, das sich die Staatengemeinschaft 2015 in Paris gesetzt hat. Wenn die Welt so weitermacht wie bisher, und selbst wenn die Länder ihre bereits vorgelegten Versprechen einer Minderung bis 2030 erfüllen, dann ist schon in zwölf Jahren die globale Erwärmung mit keinen Mitteln mehr auf 1,5 Grad zu begrenzen. Erst recht nicht allein mit technischen Maßnahmen.

Das aber ist für viele Menschen zurzeit die geheime, verfehlte Hoffnung: mit genügend Windrädern und Elektroautos unseren Lebensstandard halten und trotzdem genug Energie und Treibhausgase einsparen zu können. Vermutlich, so die Vorstellung weiter, werden wir sogar aus der Krise heraus wachsen. Diesem Glauben erteilt der Weltklimarat eine deutliche Absage. Er warnt davor, sich übermäßig auf technologische Tricks zu verlassen, und damit sind auch die diskutierten Eingriffe ins Klima gemeint, um den Planeten künstlich zu kühlen. 

„Wir müssen das Wort ,oder‘ aus unseren Sätzen streichen und durch ,und‘ ersetzen“, sagte der Arbeitsgruppen-Leiter Jim Skea bei der Vorstellung des Berichts. „Wir können nicht mehr zwischen verschiedenen Maßnahmen wählen, wir werden alle brauchen.“ Und das geht von der Verkehrs- und Energietechnik bis zur privaten Lebensführung. Man muss nur einmal suchen, wie häufig der IPCC die Begriffe behaviourtraveloder diet verwendet – Verhalten, Reisen, Ernährung sind von den nötigen Veränderungen keinesfalls ausgenommen. 

„Die tiefgreifenden Veränderungen, unter denen eine nachhaltige Entwicklung und die Pfade zur 1,5-Grad-Grenze zusammenpassen, setzen eine Revision der Werte, der Ethik, der Einstellungen und Verhaltensweisen voraus, die Gesellschaften ausmachen“, heißt es zum Beispiel in Kapitel 5 des Berichts. Denn für den Weltklimarat ist nichts gewonnen, wenn zwar das Klima halbwegs stabilisiert wird, aber die ärmeren Staaten der Welt keine Chance auf eine nachhaltige Entwicklung bekommen. Die Ziele des Pariser Abkommens und die sogenannten SDGs, die sustainable development goals der Vereinten Nationen, lassen sich nur zusammen oder gar nicht erfüllen.

In den Nationen rund um den Globus muss eine Transformation stattfinden, über die schon viele Wissenschaftler und Aktivisten nachdenken – die sie erkunden und vorleben. Besonders in den alten Industriestaaten wie Deutschland muss die Umstellung praktisch sofort beginnen: Erstens haben sie historisch am meisten zur Klimakrise beigetragen. Zweitens verfügen sie über genug Wohlstand, um bei der nötigen Umstellung voranzugehen, die Pfade in eine nachhaltige Zukunft für alle Menschen zu erkunden und den ärmeren Staaten bei der Umstellung zu helfen. Wer das bisher nicht wusste, der weiß es jetzt – doch von diesem Wissen zu Handeln ist es noch ein weiter Weg.

Und doch gilt der Klimawandel bisher vor allem als naturwissenschaftliches, technisches und ökonomisches Problem. Das ist zwar einerseits richtig: Das Klima als langfristiges Muster von Wetterlagen ist Gegenstand der Meteorologie und Physik. Als geeignete Lösung galten bisher Erfindungen wie Windräder, Wärmepumpen und Elektroautos. Kohle- und Ölindustrie sowie die dort Beschäftigten wiederum haben zum bisherigen Wohlstand erheblich beigetragen, machen weiterhin wirtschaftliche Interessen geltend und pochen darauf, dass diese beim Umbau der Energiesysteme berücksichtigt werden.

Andererseits ist diese Beschreibung unvollständig: Es fehlen die sozialen Faktoren, Prozesse und Rahmenbedingungen. Letztendlich sind es Menschen, die als Einzelne, in Familien, Gruppen und Staaten das Problem verursachen und es gemeinsam lösen müssen. Um es deutlich zu sagen: Wir alle sind es, die einen aufwendigen Lebensstil pflegen und einen Wohlstand verteidigen, der zu einem gewaltigen Ausstoß von Treibhausgasen führt. Wir sind es daher auch, die die Lösungen in der Hand halten: Wir können zum Beispiel unsere Stromversorgung auf erneuerbare Quellen umstellen, unsere Reiselust zähmen, unsere Ernährung umstellen und unsere Abgeordneten dazu drängen, die vereinbarten Klimaziele fest im Blick zu behalten. Wir müssen bereit sein, unsere gewohnte Bequemlichkeit aufzugeben und das gute Leben in einer nachhaltigen Zukunft zu suchen. 

Das fällt uns nicht leicht: Wir alle – und das schließt die Autoren dieser Koralle ein – müssen innere Widerstände überwinden, um auch bei Regenwetter zur Haltestelle zu laufen oder mit dem Fahrrad statt mit Auto oder Flugzeug in den Urlaub zu reisen. Wie nahe liegt da der Gedanke: Ich habe, wir haben doch schon genug getan. Sollen doch mal die anderen, sollen doch mal die Politiker! So beginnt ein Teufelskreis des Phlegmas: Die Bürger verweisen auf Regierung und Parlament und fordern Regeln zum Klimaschutz, während diese Repräsentanten des Volkswillens auf die Menschen schielen, deren Zögern erkennen und einschneidende Reformen, also die nötige Transformation unserer Gesellschaften, auf die lange Bank schieben. Wahlkämpfe sind damit ja bisher nicht zu gewinnen.

Den Klimawandel herunterzuspielen, wenn Einschnitte verlangt werden – das ist eine normale, menschliche Reaktion und keinesfalls auf Charakterschwache und Ungebildete beschränkt. Im Gegenteil: Je gebildeter wir sind, desto leichter fällt es uns, Argumente im Geiste zu entkräften, die uns sonst zu einer unbequeme Verhaltensänderung drängen würden. Und Konflikte um Gemeingüter treten auch nicht zum ersten Mal auf, sie sind unter dem Namen „Tragik der Allmende“ seit langem bekannt. Gehen die allen Menschen zur Verfügung stehende Ressourcen zur Neige, versucht jeder Einzelne weiterhin, seinen Ertrag zu maximieren. Die Folgen muss dann nicht nur der Einzelne, sondern die Gemeinschaft tragen.

Die Naturwissenschaft weiß genug über die Ursachen und Folgen der Veränderung, technische Lösungen stehen zur Verfügung und es gibt gute Pläne von Ökonomen, wie der Widerstand der Lobbyisten zu besänftigen und gleichzeitig die Ungleichheit auf der Welt zu bekämpfen sind. Nur wie wir uns selbst dazu bringen, das zu unterstützen und vielleicht sogar stolz darauf zu sein – da gibt es eine große Leerstelle. Um sie zu überwinden, um sie mit Bedeutung zu füllen, müssen wir soziale Prozesse erkunden, verstehen und nutzen. Diese sind inzwischen zu einem zentralen Hindernis geworden, können aber auch zur Lösung beitragen. Es ist schließlich das gemeinsame, geteilte Ziel, das Politik zum Klimaschutz überhaupt erst effektiv macht. 

Hier liegt der Grund für den Perspektivenwechsel, den wir bei KlimaSocial vornehmen: Wir wollen die Pfade vom Wissen zum Handeln ausleuchten, die psychologischen und soziologischen Hindernisse, das eigene Leben zu verändern, analysieren und Wege aufzeigen, diese Hindernisse zu überwinden. Hier warten nach Auffassung vieler Beteiligter und Beobachter – und nach unserer festen Überzeugung – die wichtigsten Geschichten unserer Zeit. Das Ziel ist, im Kampf gegen den Klimawandel neue Freunde zu finden, Freude zu haben und Genugtuung über Erfolge zu spüren. Das soll der Kern der Koralle sein, die wir KlimaSocial genannt haben.

Unser journalistisches Credo: Wir Autoren sind davon überzeugt, dass der Klimawandel eine gefährliche Entwicklung darstellt, deren Folgen die Menschheit durch deutliche Änderungen im eigenen Verhalten begrenzen kann und muss. Industrienationen wie Deutschland haben dabei eine besondere Verantwortung: Sie sollten als Vorbilder vorangehen und einen überproportionalen Anteil der Kosten übernehmen, weil sie auch einen überproportionalen Vorteil aus dem bisherigen ungehinderten Ausstoß von Treibhausgasen gezogen haben. Diese Überzeugung verstößt für uns als Journalisten nicht gegen unser Berufsethos, denn wir halten bedingungslose Neutralität ohnehin für einen Mythos. Zudem bedroht die Klimakrise die Grundlagen unser aller Leben, da verbietet sich ein vermeintlich objektives Beobachten. Wichtig ist uns vielmehr größtmögliche Transparenz. Wir werden keine Fakten und Rechercheergebnisse ignorieren oder unterdrücken, die unserer Meinung widersprechen könnten. 

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Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse. Unsere Texte finden Sie hier.

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