Gutes aus Europa: Wie eine Richtlinie hilft, Angriffe auf die Artenvielfalt abzuwehren

Interview mit Ariel Brunner von BirdLife International über ein 40 Jahre altes Stück Papier, das schon viele Vogelarten und Habitate gerettet hat

Thomas Krumenacker Vogelschutzgebiet Streng im Havelland

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In Bayern haben gerade 1,8 Millionen Menschen ein Gesetz zum besseren Schutz der Artenvielfalt gefordert. Mehr Naturschutz, das wollen viele Menschen auch außerhalb des Freistaats. Laut einer repräsentativen Umfrage von Emnid im Auftrag der „Campaign for Nature“ finden 69 Prozent der Bundesbürger sehr wichtig und 27 Prozent wichtig, das weltweite Artensterben zu bekämpfen. Nur vier Prozent der Befragten stuften das Problem als unwichtig ein. Auch Wirtschaftsinstitutionen sind alarmiert: In einer Studie für das World Economic Forum wird das Artensterben als eines der zehn größten Zukunftsrisiken beschrieben, zusammen mit Cyber-Attacken und drohender Massenmigration.

Diese Drohkulisse macht einen Jahrestag topaktuell, der sonst vielleicht einfach untergegangen wäre: Vor 40 Jahren, am 2. April 1979, erließ der Rat der Europäischen Gemeinschaft, wie die heutige Union damals noch hieß, die „Richtlinie über die Erhaltung der wildlebenden Vogelarten“, kurz Vogelschutzrichtlinie. Dieser Weitsicht haben wir heute viel zu verdanken.

Mit der Richtlinien bekamen erstmals in allen Mitgliedstaaten grundsätzlich alle frei vorkommenden Vogelarten Schutz zugesprochen. Im Prinzip genießen seitdem alle Arten – vom häufigen Haussperling bis zum vom Aussterben bedrohten Schreiadler, vom Brutvogel bis zum Wintergast oder Durchzügler – einen Rechtsanspruch auf ihren eigenen Schutz, aber auch auf Erhaltung und Verbesserung ihres Lebensraums.

Bis in die 1970er Jahre in vielen europäischen Ländern gängige Praktiken der Vogelverfolgung wurden mit der Richtlinie für illegal erklärt. Im Zuge der Umsetzung der Richtlinie wurde zudem ein Netz europäischer Vogelschutzgebiete geschaffen.

Wie ein Experte von BirdLife International die Richtlinie beurteilt

Die Umsetzung der Richtlinie in die jeweiligen nationalen Rechtssysteme und insbesondere die Ausweisung der Schutzgebiete verlief und verläuft teilweise immer noch mehr als schleppend und ist bis heute nicht vollständig abgeschlossen.Oftmals bringen erst Vertragsverletzungsverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof bringen die Bundesregierung zum Handeln.

Derzeit gibt es hierzulande nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz 742 EU-Vogelschutzgebiete, die einschließlich der Schutzgebiete auf dem Meer etwa 14,5 Prozent der Landesfläche umfassen. Zudem gibt es mehr als 4500 nach der EU-Naturschutzrichtlinie Flora-Fauna-Habitat (FFH) geschützte Gebiete. Beide überlappen sich zum Teil, sodass etwas mehr als 15 Prozent der Landesfläche Deutschlands durch Natura-2000-Schutzgebiete umfasst werden.

Das hört sich allerdings besser an als die reale Situation ist: So hat die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland angestrebt, weil der rechtliche Schutz der EU-Vogelschutzgebiete hierzulande immer noch nicht sichergestellt ist. Auch die für die konkrete Umsetzung des Schutzes wichtigen Managementpläne gibt es oft noch nicht.

Ist die Vogelschutzrichtlinie also ein Meilenstein oder ein Papiertiger, oder etwas von beidem? Thomas Krumenacker sprach mit Ariel Brunner. Er ist bei BirdLife International, dem Dachverband der Vogelschutzorganisationen, zuständig für internationale Politik. 

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privat
Schwarzstörche haben wie andere Großvogelarten durch die Vogelschutzrichtlinie profitiert.
Thomas Krumenacker

Herr Brunner, 40 Jahre Vogelschutzrichtlinie: Glücksfall oder Papiertiger, wie ist ihre Bilanz für Europa?

Es kann überhaupt keinen Zweifel daran geben, dass die Vogelschutzrichtlinie eine wahre Revolution für den Schutz der Vögel in Europa gebracht hat. Es hat viele Vogelarten vom Aussterben bewahrt und viele weitere sind von lokaler oder regionaler Ausrottung bewahrt worden. Ich denke an Großtrappe, Rötelfalke, Weißkopf-Ruderente, Spanischer Kaiseradler, die Liste könnte fortgesetzt werden. Viele der Arten wären ausgestorben ohne die Vogelschutzrichtlinie.

Wie hat die Richtlinie konkret Vögeln geholfen?

Das erste ist eine grundlegende Kehrtwende in der Vogelverfolgung durch Jagd und generell Verfolgung in Europa. Natürlich haben wir immer noch große Probleme mit illegaler Vogelverfolgung und auch mit unnachhaltiger Jagd, dennoch sollten wir nicht vergessen, wie schlimm die Situation in den 1970er Jahren war. Vor der Richtlinie begann die Jagdzeit im August und dauerte bis Mai. Das war die Norm in den meisten europäischen Ländern. Heute haben wir keine erlaubte Jagd während des Frühjahrszugs und in der Brutzeit. Auch Fallen, Leim und Netze waren überall üblich und legal. Heute passiert so etwas noch in Zypern und in einigen Gegenden Italiens oder Maltas: Aber gegenüber damals sind das Überreste.

Großtrappen können in Deutschland nur mit intensivem Schutz überleben. Dass es großflächige Schutzgebiete gibt, ist auch das Verdienst der Vogelschutzrichtlinie.
Thomas Krumenacker

Die Vogelschutzrichtlinie hat auch den Ausbau eines Schutzgebiet-Systems nach sich gezogen. Wie steht es darum?

Das ist ein weiterer großer Erfolg. Das Natura-2000-Schutzgebietnetzwerk geht auf die Vogelschutzrichtlinie zurück. Hier können wir aber nicht von einem durchschlagenden Erfolg sprechen, aber schon von einem Erfolg. Es hat zwar Jahrzehnte gedauert, in denen wir vor Gerichten prozessieren mussten, bis die einzelnen Gebiete ausgewiesen wurden und selbst dann haperte und hapert es bis heute an der Umsetzung des Managements der Gebiete.

Aber Ihre Bilanz ist rundum positiv?

Natura 2000-Gebiete werden in jedem Land in Europa an jedem Tag zerstört. Aber dennoch hat Natura 2000 uns ein Werkzeug an die Hand gegeben, für den Schutz der wichtigsten Gebiete zu kämpfen. Die Tatsache, dass heute die meisten Important Bird Areas (IBAs) in Europa unter gesetzlichem Schutz stehen, ist eine Revolution. In den 1970ern konnte jeder ungehindert ein Feuchtgebiet zerstören, um Landwirtschaft zu betreiben, oder eine Vogelkolonie zerstören, um ein Hotel zu bauen. Heute haben wir die Habitatrichtlinie und mehr, also Mittel so etwas zu stoppen. Manchmal gewinnen wir, manchmal verlieren wir, aber es gibt rechtliche Handhabe gegen die Zerstörung. Wir haben ein sehr machtvolles juristisches Arsenal.


„Wir konnten die polnische Regierung dazu bringen,

den Holzeinschlag im Bialowiecza-Urwald einzustellen.“


Ich wünschte, ich könnte Ihnen zustimmen, erlebe das in der Praxis aber anders ...

Ja, wir haben riesige Probleme vor allem in der Landwirtschaft. Aber wenn jemand eine Autobahn oder eine Stromtrasse bauen will, würde man sich in Deutschland erstmal das Natura-2000-Netzwerk ansehen und versuchen, den Konflikt dort zu vermeiden.

Haben Sie Beispiele, die Ihre Euphorie stützen?

Letztes Jahr haben wir die polnische Regierung dazu bringen können, den Holzeinschlag im Bialowiecza-Urwald einzustellen, kürzlich hat die EU-Kommission eine Anklage gegen die Zerstörung im spanischen Nationalpark der Coto de Donana durch Entwässerung für Erdbeerplantagen eingeleitet, eines der heiligen Gebiete des Vogelschutzes in Europa. Es gibt viele Beispiele. Viele wirklich schädliche Entwicklungen konnten mithilfe des Natura-2000-Netzwerkes gestoppt werden. 

Wie ist Ihre Bilanz mit Blick auf konkrete Artenhilfsprogramme?

Das ist das dritte große Verdienst der Richtlinie, vor allem die Finanzierung von LIFE-Projekten, die später dazukam nach der Annahme der Habitatrichtlinie. Viele Vogelarten haben dadurch profitiert. Das Zusammenspiel von Natura-2000-Netzwerken, rechtlichem Schutz und LIFE-Programmen hat für viele Arten das Überleben gesichert oder den Trend ins positive gewendet. Ich nenne nur Großtrappe, Kaiser- und Schreiadler, Rötelfalke, Seeadler. Für Rotmilan und Wachtelkönig gilt das in bestimmten Gebieten und viele mehr. Teils waren das ganz praktische Dinge wie Isolierung von Leitungen, Nestplattformen oder Nistkästen oder bestimmte Änderungen in Landwirtschaft.

Können Sie noch Beispiele von Arten nennen, die profitieren?

Nehmen wir die Großtrappe in Portugal, sie lebt quasi nur in SPAs und es geht ihr dort gut, während sie in anderen Gebieten weiter verschwindet. Es gibt eine klare Verbindung zwischen neu finanzierten Schutzmaßnahmen und der Erholung der Arten. Das gilt auch für die Artenschutzprogramme, die Special Action Plans, die als Antwort auf die Verpflichtung aus der VSR geboren wurden, Schutzkonzepte für Annex-1-Arten zu entwickeln. Einige sind wirklich erfolgreich und haben das Blatt gewendet, wie beim Würgfalken, andere haben versagt, wie bei der Zwergtrappe. Insgesamt haben wir gute Aktionspläne.


„Heute sind Schutzgebiete von der Mongolei bis zum

Amazonas von der Vogelschutzrichtlinie inspiriert.“


Zum Beispiel?

Etwa den neuen Plan für die Turteltaube. Er geht alle Aspekte an von Verschlechterungen in den Brutgebieten durch Landwirtschaft über Verfolgung auf den Zugwegen bis zur geänderten Landnutzung in der Sahel-Zone, dem Überwinterungsgebiet. Solche grenzüberschreitenden Aktionen haben spektakuläre Erfolge erzielt, wie beim Bartgeier. Alles wäre nicht möglich ohne die VSR, die Life-Unterstützung und die ganze Maschinerie die um die VSR herum gebildet wurde.

Hat die Richtlinie auch zu einem Umdenken bei politischen Entscheidungsträgern geführt, wie sehen Sie ihre Akzeptanz?

Die Richtlinie hat schmerzhaft langsam auch eine kulturelle Wende gebracht. Vogelschutz hat sich von einer völligen Randerscheinung einiger weniger, auf die kein Bürgermeister und keine Regierung gehört hat, zu einer breiten Bewegung gemausert. Vogelschutz wird heute in der Landschafts- und Vorhabensplanung berücksichtigt und in vielen Bereichen mehr. Jedes großes Infrastrukturprojekt prüft die Auswirkungen auf Vögel. Das würde es ohne die Vogelschutzrichtlinie nicht geben. Das Konzept der Important Bird Areas (IBAs) ist heute die globale Währung im Vogelschutz. Heute sind Schutzgebiete von der Mongolei bis zum Amazonas von der Vogelschutzrichtlinie inspiriert. 

Für Vögel in der Agrarlandschaft hat die Vogelschutzrichtlinie nicht halten können, was sie verspricht. Das Rebhuhn steht vielerorts, auch in Deutschland, vor dem Aussterben.
Thomas Krumenacker

Alles in Butter also? 

Nein, natürlich nicht, aber wir nehmen heute vieles als selbstverständlich gegeben hin. Manchmal hilft ein Blick auf das Erreichte. Aber natürlich gibt es Probleme: Das Maß an Umsetzung und Durchsetzung von Schutzgebieten oder -maßnahmen ist oft immer noch völlig ungenügend. Vogelverfolgung findet immer noch in jedem Land der EU statt. Es gibt viel Missbrauch mit Ausnahmen, und viel Missbrauch über Ausnahmeregeln nach Artikel 9.


„Wenn der Klimawandel außer Kontrolle gerät,

nützt die beste Umsetzung der Vogelschutzrichtlinie nichts.“


Warum wirkt die Richtlinie ganz offenkundig nicht beim Schutz von Agrarvögeln?

 Ja, es stimmt. Während wir in vielen Feldern zwar nicht genügend, aber große Fortschritte gemacht haben, gibt es auch Bereiche, in denen Trends katastrophal sind. Dies sind die Landwirtschaft und die Fischerei. Landwirtschaft intensiviert sich weiter und löscht buchstäblich eine Art nach der anderen aus, bis hin zu Insekten und Würmern. Bisher wurde die Vogelschutzrichtlinie im Kern nicht auf Agrarland umgesetzt. Das ist ein riesiges Loch, das darauf zurückgeht, dass auf höchster politischer Ebene der Wille herrscht, hier beide Augen zuzudrücken. Das ist ein Gebiet, auf dem es ein fast völliges Versagen der Vogelschutzrichtlinie gibt. Das andere ist die Umsetzung der VSR auf dem Meer. Hunderttausende Seevögel sterben weiter in Netzen. Einige, wie der Balearensturmtaucher, werden dadurch möglicherweise aussterben.

In vielen Vogelschutzgebieten, wie hier in Brandenburg, steht der Naturschutz nur auf dem Papier. Ein hier über viele Jahre erfolgreich brütendes Schreiadler-Paar hat seit der Verhüllung seines Lebensraums mit Plastikfolien für den Spargelanbau keinen Bruterfolg mehr. Die brandenburgische Landesregierung sieht darin dennoch einen vertretbaren Eingriff in einem europäischen Vogelschutzgebiet.
In vielen Vogelschutzgebieten, wie hier in Brandenburg, steht der Naturschutz nur auf dem Papier. Ein hier über viele Jahre erfolgreich brütendes Schreiadler-Paar hat seit der Verhüllung seines Lebensraums mit Plastikfolien für den Spargelanbau keinen Bruterfolg mehr. Die brandenburgische Landesregierung sieht darin dennoch einen vertretbaren Eingriff in einem europäischen Vogelschutzgebiet.
Thomas Krumenacker

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