RadelnderReporter: Heimattangente

Tausend Kilometer von BaWü bis MeckPomm

Reportage zur Fahrt durch alle Bundesländer. Komplett frei: der Reportage-Abschnitt, erschienen in der FR (siehe "RechercheRADius" unten).

Was bewegt die Menschen 30 Jahre nach dem Mauerfall?

Diese Frage habe ich auf einer gut tausend Kilometer langen Deutschlandfahrt mit dem Rennrad im Radgepäck. Passenderweise besitzt meine Route – acht Etappen, acht Bundesländer - die Form des Fragezeichens: Der gerade Strich steckt in Bayern und Württemberg, die Zeichenkrümmung umfasst Mittel- und Ostdeutschland und endet in einem Winkel Mecklenburgs. Meine Beobachtungen zu den Neuen Ländern decken sich mit denen, die Fontane seinerzeit zu Brandenburg machte: „Kinder“, schrieb er nach den Wanderungen an seine Frau, „so schlimm wie Ihr es macht, ist es nicht."

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Kilometer 0: Beuren, Schwäbische Alb

Schon zum Auftakt der Junifahrt durch Landschaften, Dörfer, Kleinstädte schwitze ich fürchterlich. Die erste Hitzewelle des Sommers naht, ich arbeite mich eine Bergstraße hoch. Schweißtreibend wirkt auch die Aufregung: Aufs Geratewohl Menschen anzusprechen um sie für Interviews über die Lage in Deutschland zu gewinnen, ist kein Kinderspiel. Irgendwie bedrückt mich auch die Szenerie: Hinter mir ragt die strenge Burg Hohenzollern in den blauen Himmel, vor mir liegt, am Ende der Bergstraße, eine der gut vierzig Bismarck-Gedenkstätten Baden-Württembergs.

Das bepackte Rad des RadelndenReporters lehnt am Bismarck-Gedenkstein.
Einer der gut vierzig Bismarck-Gedenkstätten Baden-Württembergs. Dieser Stein steht an der Bergstraße nach Beuren, unweit von Hechingen.
Der RadelndeReporter schaut in Richtung Burgberg.
Die Radroute führt unweit der Burg Hohenzollern an Hechingen vorbei. Das Insert zeigt die Burg in Nahaufnahme.
Martin C Roos

Danach kommt Beuren wo ich, wäre ich per Mountainbike unterwegs, noch den Gipfel des Dreifürstenstein mitnehmen könnte. Stattdessen schiebe ich zur Sonnenterrasse des Dorfgasthauses, wo sich das erste Spontangespräch zum Thema Ost-West entspinnt. Ausgerechnet im reichen Württemberg, schwäbelt eine Rentnerin, die am Fuß des Burgbergs lebt, begegne die Mehrzahl dem Osten mit Ablehnung. „Manche saget, no sollt mer de Mauer noch drei Meter höher mache. Aber die da so rausschwätze hen ja kei Ahnung, wie die drüben glebt hen - die hen ja kei Freiheit ghabt. Davon hen viele gar kei Ahnung!“

Und meist kein Interesse, darüber zu reden. Das stelle ich auf meiner Weiterfahrt durchs „Ländle“ fest. Ein einziges Gespräch über Deutschland gelingt mir noch, dreißig Kilometer hinter Beuren, aber es versackt in einem Schimpfmonolog, Kernzitat „Der Deutsche ist ein Schlamper geworden, und das hat er gelernt von den Ausländern“.

Haus, Treppenaufgang und Beete sind akkurat auf rechteckige und gerade Formen getrimmt und penibel sauber gehalten.
Schwäbische Aufgeräumtheit "Im Hörnle", Eningen unter Achalm. Zitat eines Eninger Rentners: "Der Deutsche ist ein Schlamper geworden, und das hat er gelernt von den Ausländern."
Martin C Roos
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Kilometer 292: Krautostheim, Mittelfranken

In Bayern haben Bauern Grund zu klagen. Nach jüngsten Erhebungen verlor das Land in der zurückliegenden Dekade rund 15.000 Höfe – etwa 15 Prozent des Gesamtbestandes. In vier Ortschaften unweit von Neustadt/Aisch sorgt eine mittelalterliche Tradition wenn nicht für materielle, so doch zumindest für spirituelle Zufriedenheit. Die Rede ist von der Osing-Verlosung, benannt nach einem Hügelzug. 

Rad Rennrad lehnt an einem Pfosten mit der Aufschrift "Blumen zum Selbstschneiden" sowie Preisliste darunter. Allerdings steht nur hohes Gras hinter dem Schild.
Helmut Kohls "Blühende Landschaften" vermisst man auch mancherorts in den Alten Bundesländern. In Mittelfranken (Foto) und ganz Bayern geht die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe kontinuierlich zurück.
hinter dem Ortschild von Krautostheim ist das braune "Kulturerbe"-Schild zu sehen sowie das Vehikel des RadelndenReporters.
"Kulturerbeort": Die Osing-Verlosung steht unter dem Schutz der UNESCO.
Martin C Roos

Alle zehn Jahre ziehen auserwählte Kinder die Lose, um rund 200 Hektar Ackerland unter den ansässigen Bauern neu zu verteilen. Wie findet das Werner Rummel, Landwirt in Krautostheim? Rummel druckst herum, lacht und reißt sich zusammen um nicht allzu deutlich zu werden. „Also; hmm; rein von der Bewirtschaftung her, da bin ich nicht so begeistert.“ Weil etliche unwegsame, eher unzugängliche Landabschnitte dabei sind und solche mit schlechten Böden habe sich insgeheim eingebürgert, dass Landwirte nach der Verlosung Parzellen untereinander tauschen dürfen. Hoppla, bin ich da einem bäuerlichen Fake-Use UNESCO-geschützter Regeln auf die Schliche gekommen? Weitere Gespräche im Dorf zügeln meinen investigativen Trieb: Am wichtigsten ist den KrautostheimerInnen der Verlosungsbrauch an sich, die Brücken zur religiösen Sagenwelt und das Einbinden der Kinder in die Tradition.

Auf dem Grünstreifen neben der Dorfstraße steht "Vorsicht Rauschgefahr - Kerwa 11.7.-15.7.19".
Aus jungen Jahren weiß ich: In Franken hat man ein recht entspanntes Verhältnis zum Alkoholkonsum. Das warnende Schild stand in Ullstadt, Mittelfranken.

Hinter Bamberg amüsiere ich mich über einen alten, bezopften Gastwirt, der meine mittägliche Bestellung eines alkoholfreien Biers mit den Worten quittiert: „Ich trink ja so etwas nicht - und damit keine falschen Gedanken aufkommen: Ich hab auch keinen Sex mit Gummipuppen." Rührt der Übersprungskommentar des Wirts von der unerträglichen Saharahitze her, frage ich mich, oder vom Anblick meiner schweißfleckigen Kunststofftracht und der schicken Plastikbrille unter dem ausladenden Radhelm?

Der RadelndeReporter quert ein leeres Festzelt auf dem Rad.
Der Morgen danach am Feuerwehrhaus von Haig, Oberfranken: Nach einer wilden Johannisnacht-Feier ist alles wieder schön aufgeräumt und man rollt scherbenfrei durchs Festzelt.
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Kilometer 411: Blankenberg, Thüringer Schiefergebirge

Absurde Grenzabschnitte der einstigen DDR sah ich viele. Aber am Rand der steil zum Grenzfluss Saale abfallenden Felswände Blankenbergs bin ich perplex. Am Fluss hielt die DDR den Betrieb einer uralten Papierfabrik auch nach der Abriegelung zu Bayern am Laufen. Ich rätsle über die Logistik der von Dorf und Hinterland durch einen sperrigen Berg isolierten Fabrik. 

Einblick ins Saaletal von der Bastei Blankenbergs aus.
Thüringer Schiefergebirge, Saaletal: Obwohl direkt am Grenzfluss gelegen, wurde die alte Papierfabrik von Blankenberg auch zu DDR-Zeiten weiter betrieben.

Darüber sinnierend, dass die Saale zugleich Lebensader für Maschinen und Todeszone für Arbeiter war, stellt sich mir ein Mann erklärend zur Seite: „Direkt hinter der Fabrik war der Sperrzaun mit Spanischen Reitern.“ Dort sei 1962 sein Bruder mit zwei kleinen Kindern bei minus zwanzig Grad und einem guten halben Meter Schnee irgendwie durchgekommen. „Wie, das konnte er mir nie richtig erklären, wahrscheinlich war der in einer Art Flow.“ Der Mann, der seinen Namen nicht aufgeschrieben sehen möchte, startete gestern im Thüringer Wald per E-Mountainbike über den Rennsteig, um heute Eiserne Konfirmation zu begehen. Wie erlebte er die Nachwendezeit? „Ich hatte keine Probleme, wurde als Fernmelder von der Telekom übernommen und sehe mich als echten Gewinner der Einheit; hatte auch keinen Grund, irgendetwas nachzutrauern wie das Viele heute machen.“ Bevor er weiter geht, erzählt er schmunzelnd von den Kraxeleien mit Jugendfreunden - hin und wieder absichtlich Steine lostretend, wenn unten Grenzer patrouillierten.

Wetter- und Leistungsextreme auf dem Rad haben mein Immunsystem geschwächt. Seit dem Recherchestart bin ich in drei Tagen fast 4.000 Höhenmeter und mehr als 400 Kilometer gestrampelt. Zusammen mit der Radreise von meinem Wohnsitz in Lübeck nach Beuren summieren sich diese Zahlen auf 15.000 Höhenmeter und 1.600 Streckenkilometer. Nun zwingt mich in Thüringen eine Darmgrippe zu drei Tagen Pause. 

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Nach der Zwangspause gerät der letzte, eigentlich läppische Mittelgebirgsanstieg hinter dem vogtländischen Kemnitz zur Tortur. Trotz Gluthitze beginne ich zu frieren und zu fiebern, habe keine Kraft für Recherchen.

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Erst im Norden Sachsens bin ich fit, freue mich über die Hitze und darüber, dass östlich von Leipzig die Tagebau-Folgelandschaft nicht so schlimm aussieht wie befürchtet. Bis 2030 soll hier die Zahl der Seen auf 23 anwachsen sowie mit Flüssen und Kanälen der Großstadt verbunden sein. Als schwebe ich über dem Wasser, fahre ich zwischen Hainer und Kahnsdorfer See über eine schmale Landbrücke.

Rad lehnt vor dem See an einem Pfosten
Im Südosten von Leizig: Zwischen Kahnsdorfer See (Foto) und Hainer See wurde auf einer schmalen Landbrücke ein autofreies Sträßchen asfaltiert.
Screenshot des Navaigationssystems
Im Südosten von Leipzig: Zwischen Kahnsdorfer See und Hainer See wurde auf einer schmalen Landbrücke ein autofreies Sträßchen asfaltiert.
Martin C Roos

Der Bauboom am Hainer See erinnert mich nicht zuletzt sengender Sonne wegen ans Mittelmeer. „Zum Leuchtturm“ heißt hier ein Imbiss; „Lagune – Hafenplatz“ strahlt tiefblau ein frisch eingepflocktes Schild. Die hochbetagte Sächsin aus Kahnsdorf mit Küchenschürze, deren Hund hier gerade sein Bein hebt, sieht den Haus- und Autobahnbau rund um die Seenlandschaft skeptisch. Ich erwidere, Kahnsdorf stand bis 1995 quasi unter Belagerung; Riesenbagger lärmten, stanken, pulverten Tag und Nacht. Ist das heute so nicht viel besser hier? „Da kann man geteilter Meinung sein“, meint die Frau, weitertrottend ohne auf mein erneutes Nachfragen zu reagieren.

Das Rad lehnt an einem Schild mit der Aufrschrift Parkplatz Lagune - Hafenplatz Hainer See.
Bis zu 23 Seen sollen in der ehemaligen Tagebaulandschaft um Leipzig entstehen.

Kilometer 684: Piesteritz, anhaltinische Elbe

Unweit von Deutschlands beliebtestem Flussradweg treffe ich im Westen Wittenbergs einen Mann der klaren Worte: Rolf Kißling, Fotograf und Dozent der Muthesius Kunsthochschule. Verabredet bin ich in der größten autofreien Siedlung Deutschlands, der hundert Jahre alten Werkssiedlung im Stadtteil Piesteritz. Die rund 300 Wohnungen, seinerzeit für Arbeiter einer Düngerfabrik erschaffen, verloren gegen Ende der DDR-Ära durch Billigreparaturen und Materialmangel zunehmend ihr Gesicht, sagt Kißling.

Martin C Roos neben Rolf Kißling.
Kam aus dem Norden extra zum Interview nach Piesteritz/Wittenberg (Sachsen-Anhalt): Rolf Kißling, 79 Jahre und in Piesteritz aufgewachsen.
Straßenzug von Piesteritz.
Piesteritz-Werksiedlung: im Jahr 2019 hundert Jahre alt geworden und nebenbei der älteste autofreie Siedlungskern Deutschlands. Nach den Worten von Rolf Kißling eine architektonisch schützenswerte, "vorbildliche Garten-Werksiedlung". Obwohl Piesteritz zwischen Industriegebiet und Großstadtkern liegt, stören keine Maschinen die Ruhe. Vögel zwitschern um die Wette, Passanten kündigen sich durch Schrittgeräusche an, bevor sie um eine Hausecke biegen.

Obwohl die Siedlung zwischen Industriegebiet und Großstadtkern liegt, stören keine Maschinen die Ruhe. Vögel zwitschern um die Wette, Passanten kündigen sich durch Schrittgeräusche an, bevor sie um eine Hausecke biegen. Bewusst wird mir diese Idylle im anschließenden Kontrastprogramm: auf den Autostraßen heraus aus Sachsen-Anhalt.

Das Reporterrad lehnt am Ortsschild von "Klein Schulzendorf - Stadt Trebbin".
Der niedliche Schein trügt: Im Brandenburg südlich Berlins spiegelt starker Straßenverkehr das wirtschaftliche Erstarken des Landkreises Teltow-Fläming wider.

Den Süden Brandenburgs durchziehen wenige Straßen, aber die sind stark befahren. Nett fährt es sich auf Teilen des ausgedehnten Rad- und Skate-Wegenetzes, das für mich südlich von Jüterbog beginnt und in Luckenwalde endet. Danach scheine ich mal mit, mal gegen Verkehrswellen zu fahren, deren Epizentrum bereits in der Bundeshauptstadt liegt.

Martin C Roos mit seinem Rad vor Reichs- bzw. Bundestag.
Nach insgesamt 2.070 Kilometern: im Zentrum der Hauptstadt. Außergewöhnliche Berlin-Aufnahmen - jenseits allfälliger Touristenströme - habe ich im "Bilder-Riff-Buch" unter https://www.riffreporter.de/deutschland/nicht-touri-berlin-fotos zusammengestellt. Mit dem Kauf dieses Beitrags unterstützen Sie direkt die Arbeit des RadelndenReporters.
Lochplatten-Skulpturen des "Molecule Man" im Gegenlicht der untergehenden Sonne. Von den drei Skulpturen sind aufgrund des Aufnahmewinkels nur zwei zu sehen.
Berlin: Lochplatten-Skulpturen des "Molecule Man" im Gegenlicht der untergehenden Sonne. Von den drei Skulpturen sind aufgrund des Aufnahmewinkels nur zwei zu sehen.

Kilometer 827: Berlin

Vor dem Flughafen Schönefeld gibt sich Brandenburg noch einmal versöhnlich, mit lieblichen Hügeln, Pferderanch, alten Villen. Dann umfängt mich Berlins herbe Geschichte. Ich halte mich an den Mauerweg, studiere die Erklärtafeln, schlängle mich an den drei touristischen Hotspots Checkpoint Charlie, Brandenburger Tor und Reichstag durch die Massen. Mein Ziel ist die Bernauer Straße, wo der Mauerbau die Stadt am krassesten zerschnitt. Noch im August 1961 folgt der siebzehnjährige Carl-Wolfgang Holzapfel von Westberlin aus erstmals seiner Berufung als Provokateur. Vier Jahre später setzen ihn DDR-Grenzer bei einer Protestaktion jenseits der Demarkationslinie fest. Es folgen Stasihaft, endlose Verhöre, Freikauf durch die Bundesrepublik.

Als ich zum Treffpunkt mit Holzapfel in Berlin Mitte komme, um ihn zum Thema gewaltfreier politischer Protest zu befragen, bin ich auf einen gebrochenen Menschen gefasst, stelle mich auf behutsames Fragen ein. Doch Holzapfel ist ein rüstiger Mittsiebziger – als ob er mit den einstigen Hungerstreiks sich nicht fast den Tod verschafft hätte, sondern die Basis gesunder Lebensführung. Aus Holzapfels Worten klingt keine Kampflust heraus sondern kristalline Ruhe. Ihr verdankt er wohl seine Leidensfähigkeit im Protest gegen die deutsche Teilung und das DDR-Regime. 1961 schwor er sich: „Du wirst so lange gegen diese Mauer kämpfen, bis Du stirbst, oder bis diese Mauer gefallen ist. Ich hielt mich an die Tradition Gandhis, der sagte: Hab kein Vertrauen in Appelle, wenn dahinter nicht die Kraft steht, etwas Persönliches zu opfern. In meinem Fall hieß das: Mir ist mein Anliegen so wichtig, dass ich keine Angst habe eingesperrt zu werden.“ 

Porträt-Aufnahme mit Häuserzeile und Fernsehturm-Abschnitt im Hintergrund.
"Ich hielt mich an die Tradition Gandhis, der sagte: Hab kein Vertrauen in Appelle, wenn dahinter nicht die Kraft steht, etwas Persönliches zu opfern. In meinem Fall hieß das: Mir ist mein Anliegen so wichtig, dass ich keine Angst habe eingesperrt zu werden.“ 1965 setzen DDR-Grenzer Carl-Wolfgang Holzapfel bei einer Protestaktion jenseits der Demarkationslinie fest. Er landete im Stasigefängnis, später wurde er von der Bundesrepublik freigekauft.

Holzapfels Worte hallen in mir nach als ich auf der Weiterfahrt die Jugendstrafanstalt in Nordwest-Berlin passiere. Über dem Gefängniseingang hängt ein Transparent mit der Aufschrift „Jugend hat Zukunft – wir feilen dran!“

Anders als im Brandenburg südlich von Berlin habe ich mir gen Nordwesten kleinstmögliche Straßen zur Weiterfahrt herausgepickt. Weil hier die am dünnsten besiedelten Gebiete Deutschlands liegen, bedeutet das allerlei Umwege. Und unwegsames Fahren: Die ersten dreißig Kilometer nach der Hauptstadtgrenze liegt meist nur eine dünne, ausgebeulte Asphaltdecke über gefühlt kaiserlichen Pflastersteinen. Manchmal ist nur eine Spur asphaltiert, sodass ich bis zum nächsten Gegenverkehr auf der falschen Seite fahre, damit es mir über meinen 23-Millimeterreifen mit dem Druck von sieben Bar nicht eine Bandscheibe zwischen den Lendenwirbeln heraushaut.

Das Rad lehnt am Ortsschild von Lobeofsund, auf der Kopfsteinpflasterstraße ist nur eine Spur asfaltiert.
Brandenburg nordwestlich der Hauptstadt wartet nicht nur mit kuriosen Ortsnamen auf, sondern auch mit eigenwilligen Formen von "Radwegen": Um nicht auf kilometerlang von Kopfsteinen durchgerüttelt zu werden, fahre ich auf der Gegenfahrbahn - nur dass man so bisweilen vor großen Vehikeln zu flüchten hat.

Kilometer 879: Karolinenhof, Landkreis Oberhavel

Belohnt werde ich mit nahezu autofreiem Fortkommen und mit kuriosen Ortsnamen: Pausin, Paaren im Glien, Börnicke. Die erste Einkehrmöglichkeit finde ich im Karolinenhof, westlich von Kremmen. Dort kann ich, nach all den Männern, im siebten Bundesland meiner Route wieder eine Frau zum Interview gewinnen. Gela Angermann kaufte den Hof mit Ihrem inzwischen verstorbenen Mann 1991 von der Treuhand. Sie belebten holländische Käsereitradition aus dem 18. Jahrhundert, angetrieben von einer glücklichen Mischung aus Fleiß und Anarchie (das „Schwarzer-Stern“-Emblem ziert noch heute das Hof-Logo). Zunächst verkauften die Angermanns auf Märkten in Berlin; heute wird hundertprozentig direkt vom Hof vermarktet - obwohl Berlins Mitte mit dem Auto über eine Stunde entfernt ist. Seit bald zwanzig Jahren betreibt Angermann zudem das „Wiesencafe“, es war Brandenburgs erstes biozertifiziertes Café.

zwei Fotostrecken aus Brandenburg gibt's in meinen Riff-Beitrag "Was Brandenburg schon vor dem 1. September wählte".
Neben einem dunkelblauen Simson-Moped steht ein hellblauer Trabbi.
Glänzendes Blech und Pappe stehen im Schönheitswettstreit beim Simson-Treffen Vietnitz.
Einem gelben Moped fehlt das Hinterrad
Simson-Treffen in Vietznitz: Schön, auch wenn nicht mehr einsatzfähig

Zugegeben, der Cappuccino mit aufgeschäumter Ziegenmilch ist gewöhnungsbedürftig. Aber so schlürfe ich mich quasi bereit für andere ungewöhnliche Leidenschaften im westlichen Havelland: zum Beispiel das Jahrestreffen der Moped-Kultmarke Simson in Vietznitz, mit Motorblock-Weitwerfen und Felgen-Zielwurf. Vier Kilometer weiter schlendern tiefschwarz gekleidete, maximal tätowierte Langhaarige unter der Mittagssonne durch Friesack, in Erwartung des Abschlusskonzerts beim Black-Sun-Festival. Ohnewitz, so heißen wenig später Straße und Ortsteil im „Ländchen Rhinow“.

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Kilometer 935: Joachimshof, Naturpark Westhavelland

Zwanzig Kilometer hinter Ohnewitz rolle ich auf den Lochplatten eines Kolonnenwegs in Joachimshof ein. Ich streife hier zum wiederholten Mal den Landkreis Ostprignitz-Ruppin, der im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Aufholjagd in den Neuen Ländern als erstrangig gilt. Aber vom Aufschwung Ost ist in Joachimshof nichts zu spüren. Deprimiert glotzen sich der monströse Backsteinspeicher am einstigen Gleisbett und das verfallende Bahnhofswärterhäuschen aus blinden Fenstern an. 

Ehemaliges Bahnhofsareal: Deprimiert glotzen sich der monströse Backsteinspeicher am einstigen Gleisbett und das verfallende Bahnhofswärterhäuschen aus blinden Fenstern gegenseitig an.
In Joachimshof, Westhavelland, ist spürbar, dass in dieser Region Brandenburgs - anders als südlich von Berlin - keine Rede sein kann von Kohls "blühenden Landschaften".

In den folgenden Ortschaften erscheint mir die Bausubstanz sukzessive in besserem Zustand. Voigtsbrügge, Kümmernitz, Damelack - viele Häuser sind frisch renoviert. In Bendelin ist der Sitz der Agrargenossenschaft fein herausgeputzt, stolz prangt, breit wie zwei Fenster, der Name der einstigen Keimzelle „LPG Einigkeit“ - gegründet in meinem Geburtsjahr, 1967. Je näher ich mich der Elbe und der Grenze zu Mecklenburg nähere, umso reicher erscheinen mir die Dörfer.

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Kilometer 980: Kuhblank, Brandenburgische Elbtalaue

Als ich kurz vor Wittenberge allein wegen des kuriosen Namens in die Stichstraße nach Kuhblank abbiege, wähne ich mich in einem Museum. Ich stehe in einem perfekten mittelalterlichen „Rundling“. Vergleicht man den mittigen Dorfplatz mit der runden Fensteröffnung einer Backsteinburg, sind die Gehöfte ringsum die radial angeordneten Backsteine. In heißem Rot glänzen die Steine der Hofgemäuer. Besonders gepflegt wirkt das Anwesen von Günter Pey, der herbeieilt als ich mich zum Fotografieren anschicke. Der Mittfünfziger hängt an Modell- und Museumseisenbahnen ebenso wie an den alten Stallungen und Scheunen hinter seinem elterlichen Wohnhaus, das am Dorfplatz steht. „So lang ich lebe, krieg ich det gehalten“, schildert er seine Heimatverbundenheit, aber mit einer Betonung als spure er sich durch seine Worte selbst immer wieder neu ein. 

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Hinter dem Gehöft zieht Pey Weihnachtsbäume hoch. Besonders gut gehen Colorado-Tannen. „Da brauch ich gar nischt sagen, geben mir die Leute schon dreißig Euro für.“ Zum winterlichen Verkaufstag finden sich gern über hundert potenzielle Käufer ein, so Pey und unser Gespräch wird abrupt unterbrochen: Auf den Schienen hinter Kuhblank donnert kurz vor 18 Uhr der ICE gen Hamburg vorbei. Ich nutze die Unterbrechung, um mich vom redseligen Pey zu verabschieden.

Der RadelndeReporter auf dem Rad vor einem alten Wachturm
Ehemaliger DDR-Grenzwachturm an der Elbe, zwischen Wittenberge und Lenzen. Gegen 6 Uhr morgens hat man Deutschlands beliebtesten Flussradweg ganz für sich alleine.

Dem Kurs des ICE folge ich anderntags bis auf die Höhe des mecklenburgischen Lübtheen, wo ich auf die ersten ernster zu nehmenden Anstiege seit Sachsen stoße. Die Sommerhitze macht mir nun seit acht Tagen zu schaffen – was aber auch sein Gutes hat: Weil ich wegen der Temperaturen inzwischen bei Sonnenaufgang aufbreche und nur minimale Pausen einlege, komme ich heute voran. Denn es ist der Tag, an dem in den munitionsverseuchten Kiefern-Monokulturen südlich von Lübtheen die tagelang unlöschbaren Waldbrände ausbrechen werden. Als die Straßen gesperrt und Menschen evakuiert werden, bin ich bereits in der eiszeitlichen Landschaften mit Hügeln und Seen.

Kilometer 1.098: Boize, Biosphärenreservat Schaalsee

In der tiefsten Provinz Württembergs begann meine Tour, in der tiefsten Provinz Mecklenburgs soll sie enden. Die vierzig Häuser von Boize wurden Zu DDR-Zeiten von drei Seiten eng umschlossen; vier bewohnte Häuser sind heute übrig. „Das wurde zu DDR-Zeiten nach und nach ausgerottet, Boize sollte wegsterben“, sagt der Besitzer des größten, herausgeputzten Anwesens. 

Der RadelndeReporter richtet das Vorderrad seines Rennmaschine, die an einem Schildpfahl vor dem Bushäuschen lehnt.
Reportage-Ende bei km 1.098 am inzwischen zweckfreien Bushäuschen der Splittersiedlung Boize, westlich des Schaalsees.

Ich wollte, die Menschen im Süden der Republik wären ebenso entspannt wie der Mann aus Boize. Hier geht meine Tour als radelnder Reporter zu Ende und auf den fehlenden fünfzig Kilometern nach Hause in Lübeck lasse ich meine Recherchegespräche Revue passieren. Je weiter weg vom angestammten bundesrepublikanischen Wohlstand im Süden, umso unbeschwerter scheinen sie durchs Leben zu gehen. Als gebürtiger Schwabe mit innigem Verhältnis zu württembergischem Land und Leuten fällt es mir schwer, dieses Urteil abzugeben. Aber wenn ich auf Leichtigkeit aus gewesen wäre bei meiner Radreise, hätte ich mir ja auch ein E-Bike leihen können.

Seitenporträt des RadelndenReporters mit Radhelm.
"Wäre ich auf Leichtigkeit aus gewesen bei meiner Radreise, hätte ich mir ja auch ein E-Bike leihen können."

RechercheRADius – Fragen und Antworten

Warum deckt diese Reportage "nur" ein gutes Drittel ab meiner 2.451 Kilometer langen Fahrt durch alle Bundesländer im Juni 2019?

Explizit für diesen Abschnitt erhielt ich ein Recherchestipendium der Karl-Gerold-Stiftung. Die Gesamtroute erschien dem Kuratorium zu lang.

Warum gefiel dem Stiftungskuratorium die Gesamtroute nicht?

Im Gegenteil: Die Gesamtroute gefiel sehr wohl. Nur ist an den Erhalt eines Stipendiums die Veröffentlichung in der Frankfurter Rundschau gekoppelt - und dort ist der Reportage-Umfang auf 9.000 Zeichen limitiert.

Wann und welchem Umfang erschien die Reportage in der Frankfurter Rundschau, abgekürzt FR?

Sie erschien am 6.11.2019 in einem Umfang von rund 14.500 Zeichen (im FR-Magazin). Weil dem Kuratoriumsleiter die Reportage so zusagte, setzte er sich bei der Magazin-Leitung für den erweiterten Druckumfang ein.

Wie wurde die Reportage honoriert?

Für den Abdruck von Text und Bildern gab es kein Honorar - dieses ist für die Stiftung mit der Vergabe des Stipendiums abgegolten (1.200 Euro brutto - umsatzsteuerpflichtig, da mit Gegenleistung verbunden).

Wie sieht der gesamte Finanzierungsrahmen der Radreise durch Deutschland aus?

Neben dem Stipendium habe ich Unterstützung durch Crowdfunding eingeworben; so kamen netto 3.043 Euro zusammen. Diese verteilen sich auf (gerundete Werte):
- 8 Monate Vorbereitungszeit, was bei umgerechnet drei investierten 8-Stunden-Tagen pro Woche 108 Arbeitstage bedeutete.
-
1 Monat Radreise: 27 Elf-Stunden-Tage (Überstunden streiche ich allerdings). Unterkünfte und Verpflegungsmehraufwand wurden zum einen durch die netto 1.121 Euro des Stipendiums, zum anderen durch das Rennradmagazin TOUR gedeckt, in dem zum Oktober 2020 eine weitere Reportage von mir über die Recherchefahrt erscheint.
-
4 Monate Nachbereitungs- und Schreibe-Phase (Stand 28.10.2019), was bei umgerechnet 2 investierten 8-Stunden-Tagen pro Woche 36 Arbeitstagen gleichkommt.
Subtrahiere ich vom Fundingbetrag von 3.043 Euro die voraussichtlichen Gesamtausgaben für "Crowd-Dankeschöns" von ca. 210 Euro (Reportagebuch erscheint erst 2020), und addiere ich die Netto-Einnahmen bei den RiffReportern von 104 Euro (Stand 28.10.2019) - Summe 2.937 Euro -, komme ich bei insgesamt 171 Arbeitstagen auf einen Tagessatz von 17,18 Euro (vor Steuern).

Aus welchen Gründen sind die Abschnitte der Reportage, die nicht in der Frankfurter Rundschau erschienen, kostenpflichtig (durch Einzelkauf oder Abonnement)?

Damit möchte ich dem Arbeitsaufwand Rechnung tragen, den Reportage-Abschnitt, wie er im FR-Magazin erschien, umfassender, also mit mehr Fotos und in einer textlich längeren Fassung für das "Riff" aufzubereiten.

Danke für die Unterstützung rund um meine Deutschlandfahrt

Dank geht in erster Linie an meine Frau (Finanzierung Wohnung, Büro, Lebensunterhalt, Moral), sowie an Sohn und Schwiegermutter (beim Meistern meiner einmonatigen Abwesenheit). Desweiteren danke ich allen Geldgebern meines Crowdfundings sowie Riff-Vorstand Christian Schwägerl für den Intensivsupport während der Radreise, Dank geht auch an die Karl-Gerold-Stiftung sowie an die unterstützenden touristischen Einrichtungen: Von elf für die 16-Länder-Runde angefragten Bundesländern respektive Tourismuseinrichtungen haben sieben die Recherche in Form von Übernachtungen unterstützt und zwei den Kontakt zu unterstützenden Hotels vermittelt. Keine dieser Unterstützungen beeinflusste in irgendeiner Weise Recherche-​​Schwerpunkte, -​Inhalte oder -​Aussagen. Die Unterstützungen in den acht Bundesländern dieser Reportage im Einzelnen, in der Reihenfolge der Fahrt von Süd nach Nord: www.tourismus-bw.de, www.frankentourismus.de/radfahren, www.thueringen-entdecken.de, www.sachsen-anhalt-tourismus.de, reiseland-brandenburg.de, Kastanienhof Berlin respektive visitberlin.de,

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Recherche-Schema des Autors Martin C Roos für Deutschland 2019: bis Mai erfolgen die Vorrecherchen, im Juni fährt Roos mit dem Rennrad über 2300 Kilometer durch alle 16 Bundesländer, danach erfolgen Auswertung, Analysen und Schreiben.
Im Juni 2019 fuhr der RadelndeReporter 2.451 Kilometer auf einer Route durch Deutschland, die alle Bundesländer einbezog. Er brachte Material für viele Monate der Auswertung mit nach Hause auf dem Rennrad. Näheres zur Konzeption seiner Deutschlandfahrt siehe https://www.riffreporter.de/deutschland/recherche-komplexe-gesellschaft/
  1. Deutschlandfahrt
  2. MobileReporting
  3. RadRecherche

RadelnderReporter: Die Video-Zusammenfassung zur Deutschlandfahrt

Aus 90 Minuten wurden 57: Hier gibt es den "Best-of"-Zusammenschnitt aus den 48 Videoclips von unterwegs, auf den 24 Radetappen durch die 16 Bundesländer.

Recherchesituation
  1. Deutschland
  2. Meinung
  3. Merkel
  4. RadRecherche

Klischee, Vorurteil, Schwachsinn?

Sieben fotografische Kommentare zur Kampagne "Das ist sooo deutsch" der Bundesregierung.

Deutscher Sandalenträger mit weißen Socken.
  1. 3._Oktober
  2. Holstein
  3. Kolumne
  4. RadRecherche

Holstein einig Feierland

Tag der Deutschen Einheit, begangen heuer im nördlichsten Bundesland: "Mut verbindet". Diesem Motto stelle ich #Mut#Holstein gegenüber, hinterfrage den schönen Einigkeitsschein und schaue mit vielen Fotos satirisch hinaus über den Kai-Rand an der Kieler Förde.

Flaschengalerie auf einem überfüllten Altglascontainer
  1. Architektur
  2. RadRecherche
  3. Sachsen-Anhalt

Der RadelndeReporter auf Spurensuche in Wittenberg

Im "UNESCO-Schatten" von Dessau und "Gartenreich" birgt Wittenberg ein wenig beachtetes architektonisches Wunder, das, dem Bauhaus gleich, 2019 hundert Jahre alt wurde.

Martin C Roos vor einer Hauswand, verziert mit dem Elbeverlauf
  1. Berlin
  2. Currywurst
  3. RadRecherche

Basieren die 70-Jahr-Zelebrationen zur "Berliner Currywurst" auf falschen Fakten?

Gesichert ist: Die hier abgelichtete Speise kommt aus dem ältesten Berlin der Welt.

Nahaufnahme einer Portion Currywurst.
  1. Bilderstrecke
  2. Brandenburg
  3. RadRecherche

Brandenburg: Nach der Wahl ist vor der Wahl

Gewählt hat man im Havelland schon vor dem 1. September, sich trotz Strukturschwäche zu arrangieren (und ein Stück weit zu amüsieren). Eine Bilderstrecke.

handgemchtes Schild "Effi loves You".
  1. RadRecherche
  2. Stimmungslage
  3. Württemberg

"Der Deutsche ist ein Schlamper geworden. Und das hat er gelernt von den Ausländern"

Gebeten hat der RadelndeReporter um eine breite Einschätzung der Nachwendezeit, gezündet hat er eine einseitige Schimpfkanonade - Fahrt durch alle Bundesländer, Etappe 13.

Kompaktes, glänzendes Feuerwehrmobil mit Aufschrift Eningen unter Achalm
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Der radelnde Reporter