Escape Rooms im Museum?

Was sich Bürger wünschen und Experten realisieren können / Ein Gespräch mit Johannes Bernhardt

Von Carmela Thiele

27. September 2019

Das Badische Landesmuseum (BLM) in Karlsruhe ist auf dem besten Weg, zum Vorreiter im Feld der Digitalisierung zu werden. Dabei geht es nicht allein um eine online aufrufbare Sammlung. Das kulturhistorische Museum soll mit Hilfe digitaler Anwendungen komplett neu strukturiert werden. Die Frage sei, wie man das Museum mit der draußen agierenden Welt zusammenbringt, fasst Johannes Bernhardt, der Leiter des BLM-Projekts „Creative Collections“ die Ausgangslage zusammen. Um diese Kluft zu schließen, bezog das Museum planvoll Bürgerinnen und Bürger in das Brainstorming ein. Nun sind erste Ergebnisse greifbar.

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Debattemuseum  Das Projekt „Creative Collections“ soll gemeinsam mit Experten, aber auch mit Bürgerinnen und Bürgern, Ideen für eine neue Museumsstruktur entwickeln. Konnten Sie bei der Konzeption des Kommunikationsprozesses auf bereits bekannte Strategien zurückgreifen?

Johannes Bernhardt  Teilweise. Wir haben zunächst drei Bausteine festgelegt. Am Anfang stand die Vernetzung mit Expertinnen und Experten, unter anderem Journalisten, Zukunftsforschern, Digitalisierungsexperten. Im zweiten Teil ging es um den Bürgerbeirat. Ich habe lange überlegt und gesucht, wie wir den bilden und produktiv einbinden können. Dafür gab es meines Wissens kein Vorbild. Der Schlüssel für diesen Baustein war, dass ich auf verschiedenen Umwegen bei der Methode des Design Thinking gelandet bin, die einen strukturierten Prozess vorgibt, um nutzerzentrierte Konzepte zu erarbeiten. Diese Methode haben wir für den Beirat weiterentwickelt. Wir haben die Bürgerinnen und Bürger mithilfe von Moderatoren aus dem Haus in die Entwicklerrolle versetzt. Es ist toll, was da passiert ist. Weil wir damit auch ganz andere Personen erreicht haben. Für den dritten Baustein, das Museumscamp, gibt es zwei Vorbilder. In den USA hat die Partizipationsvordenkerin Nina Simon immer wieder Museums- und Barcamps veranstaltet. An einem habe ich auch teilgenommen. Kollegen aus Amsterdam, mit denen wir immer wieder zusammenarbeiten, hatten dieses Modell schon adaptiert. Das stand als Vorbild im Raum. Es ist dann aber doch ganz anders geworden, weil wir wirklich alle eingeladen haben, die Interesse hatten teilzunehmen.

Gab es Ergebnisse, die in die Pilotausstellung „Archäologie in Baden“ eingeflossen sind?

Mein Projekt „Creative Collections“ baut darauf auf. Für die Ausstellung sind Online-Kataloge erstellt und eine Infrastruktur geschaffen worden. Jetzt stellt sich die Frage, was wollen die Bürgerinnen und Bürger mit dieser Infrastruktur und den Daten machen? Die Sammlungsabteilung wurde im Sommer eröffnet. Ich war noch mit der Auswertung der Veranstaltungen mit dem Bürgerbeirat beschäftigt, was gar nicht so einfach war. Aber dann haben sich klare Schwerpunkte herauskristallisiert. Das für uns wichtigste Ergebnis ist, dass Digitalisierung das Museum nicht infrage stellt. Wichtig für die meisten ist, aktiv mitmachen zu können, interaktive Formate zu haben. Ein großes Thema ist das Feld Schnitzeljagden, Schatzsuchen, Escape Rooms in allen möglichen Varianten. Es gibt aber auch ein starkes Bedürfnis, dass sich Museen stärker mit der Stadtgesellschaft vernetzen, etwa mit anderen Museen oder Bibliotheken. Ein großer Punkt war aber auch die Personalisierung des Museumserlebnisses. Es geht vor allem darum, sich eine eigene Tour zusammenzustellen, und um die Frage, wie komme ich an die Inhalte ran, die mich wirklich interessieren? Wie kann ich mich dazu verhalten? Es kam auch die Frage nach Avataren auf, die mich begleiten und individualisiert etwas beisteuern sollen. Manche spielerische Ansätze sind auch schon in die Pilot-Ausstellung eingegangen. Die Medientische dort bieten erste digitale Formate an, um individuell auf die Sammlung zuzugreifen. 

Was verbirgt sich hinter dem Namen museum x, das auch Teil ihres Projekt ist? Es ist temporär im Erdgeschoss des Museums beim Markt eingerichtet, einer der Dependancen des BLM.

Der Titel soll Offenheit für die Bürgerschaft, ihre Projekte und Veranstaltungen signalisieren. Im ersten Stock befindet sich auch weiterhin eine Sammlungsausstellung. Das x steht für unsere tiefere Projekt-Philosophie: Wir wollen zeigen, dass die Frage, wie sich das Museum verändern soll, wirklich offen ist, dass eigentlich nichts vorgegeben ist. Deshalb haben wir diese Variable gewählt. Und das ist auch angemessen, denn keiner kann bei der rapiden technologischen Entwicklung sagen, wie die Patentlösung aussieht.

Ein Mann und zwei Frauen sitzen an einem Tisch und unterhalten sich angeregt.
"Mit vielen verschiedenen Menschen zu reden, bringt enorm viel", sagt Johannes Bernhardt (links). Der Althistoriker und Gamer arbeitete lange in Forschung und Lehre - bis ihn ein Projekt ins Badische Landemuseum führte.

Das museum x steht also für das Projekt „Creative Collections“?

Ja, es ist seine Plattform und die brauchen wir auch. Das Museumscamp haben wir noch im Museum durchgeführt. Die Arbeitsräume, in denen sich die Teilnehmer zu ihren Sessions trafen, waren im Haus verstreut, so dass wir ein eigenes Wegesystem bauen mussten. Das war logistisch enorm aufwendig, auch weil die Räume mit Flipcharts und anderem Material ausgestattet werden mussten. Die Abschlussveranstaltung mit dem Bürgerrat fand dann bereits hier statt, allerdings auch inmitten einer Ausstellung. Und es wurde klar, dass man einen extra Raum braucht, wenn man den Dialog ernsthaft weiterführen will.

Welche konkreten Schritte folgen dieser gemeinschaftlichen Arbeit?

Als nächstes steht die Umsetzung von digitalen Projekten an, die im Dialog mit der Bürgerschaft erarbeitet worden sind. Das ist ja der Kern des Ganzen. Es sollen nun konkrete Anwendungen produziert werden. Wir kooperieren vermehrt mit Leuten, die da mehr technische Expertise haben. In einem kulturhistorischen Museum gibt es eben keine IT-Abteilung, auf die wir zurückgreifen könnten. Und dann wird man sehen, wie man diese Ideen mit der Pilotausstellung „Archäologie in Baden“ oder künftigen Ausstellungsprojekten verknüpfen kann.

Und was passiert konkret im museum x?

Hier geht es darum, zentrale Themenkomplexe genauer anzuschauen. Der erste Schwerpunkt liegt auf Games und Spielen im Museum. In diesem Rahmen würde ich auch gerne einen Hackathon veranstalten, um externe Studierende einzuladen, schon existierende Spielideen auszuprobieren oder zu einfachen funktionalen Prototypen weiterzuentwickeln. Für das nächste Jahr haben wir uns vorgenommen, über künstliche Intelligenz im Museum zu sprechen und über Citizen Science, Bürger-Wissenschaft unter digitalen Bedingungen, auch das haben wir schon mit dem Bürgerbeirat diskutiert. In naturhistorischen Museen hat sich das schon bewährt, in kulturhistorischen Museen gibt es noch Luft nach oben.

Ist dieser Wunsch nach Gamification des Museums tatsächlich aus der Bürgerschaft gekommen?

Die Themenzyklen haben verschiedene Hintergründe. Games waren bei den Bürgerveranstaltungen durchweg ein Thema. Ebenso die Frage, wie man das Museum, ohne dass man die Inhalte aufgibt, unterhaltsamer gestalten kann. Wir hatten das auch schon intern diskutiert, weil Spiele sich gut in Sammlungszusammenhänge implementieren lassen. Bei dem Thema Künstliche Intelligenz ist das vielleicht ein bisschen anders. Das haben wir auf die Agenda gesetzt, weil wir überlegt haben, wie man dieses Themenfeld für kulturhistorische Museen erschließen kann. Es ist derzeit ein Hype-Thema, wir befinden uns gerade im Wissenschaftsjahr der Künstlichen Intelligenz! Der Begriff ist inflationär geworden und weckt oft falsche Assoziationen. Denn echte Intelligenz ist ja nicht im Spiel. Es geht bislang nur um extrem komplexe Mustererkennung, die für Außenstehende kreativ wirkt, aber mehr ist es im momentanen Stadium nicht. Es gibt in diesem Feld jedoch tolle Anwendungen, um Nutzerinnen und Nutzern Hilfesysteme an die Hand zu geben. Ziel ist, dass sich Besucherinnen und Besucher im Museum noch autonomer und individueller mit Inhalten auseinanderzusetzen können. Darin liegt meines Erachtens ein riesiges Potential.

Kooperieren Sie mit dem Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) oder anderen Institutionen?

Mit dem ZKM habe ich schon im letzten Jahr auf der Experten-Ebene Gespräche geführt. Momentan plane ich auch ein Podium zu offenen Räumen in der Stadtgesellschaft. Ich bin selbst ein Fan der „Open Codes“, ein ZKM-Projekt, das auch mit der Frage der offenen Räume experimentiert hat. Heute Morgen habe ich mich mit zwei Kollegen aus dem KIT (Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft) zu Design Thinking-Ansätzen ausgetauscht und über eine Kooperation nachgedacht. Am Samstag findet eine ganztägige Veranstaltung im museum x zum Thema „Zukunft Lernen - Digitalität als Chance“ statt, zu der wir externe Partner eingeladen haben, die Anwendungen und Vermittlungsformate mitbringen, die man hier den ganzen Tag ausprobieren kann. Mitveranstalter ist ein Kölner Bildungsnetzwerk und das Karlsruher Medienkompetenz-Team. Das ist ein Verein vor Ort, der auch Kontakt mit unserem Bürgerbeirat hatte. Wir hoffen außerdem auf Kooperationsanfragen von außen zur Nutzung dieses Raums, die aber passen müssen. Mit vielen verschiedenen Menschen zu reden, bringt enorm viel.

Aber der Schwerpunkt liegt ganz klar auf digitalen Projekten?

Die Grundlage von „Creative Collections“ ist, dass das Projekt vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in der Förderlinie „Digitale Wege ins Museum“ unterstützt wird. Dadurch ergibt sich von allein dieser Schwerpunkt. Die Frage ist, wie man das Museum an die neue Kultur der Digitalität heranführen kann. Und das ist auch keine Frage, die nur Museen betrifft, sondern viele Lebensbereiche. Wir sind in einer Situation, um die uns Kolleginnen und Kollegen in anderen Bundesländern beneiden, dass nämlich das Ministerium diese Themen ganz entschieden auf die Agenda gesetzt hat. Die Digitalisierung ist nichts Additives, Zusätzliches, sondern etwas, das grundsätzlich alle betrifft. Dafür braucht es zusätzliche Ressourcen.

Was ist ihr Fazit nach eineinhalb Jahren Arbeit?

Ich glaube, dass sich für Museen im Feld der Digitalität gigantische Chancen auftun, auch in ethischer Hinsicht. Museen sind öffentliche Einrichtungen, die nicht von kommerziellem Profit getrieben sind. Digitale Konzepte, die bei Internetriesen wie Google oder Amazon zu Recht kritisiert werden und fest etabliert sind, können Museen aufgreifen, aber auf eine ethisch korrekte Art und Weise. Museen können gesellschaftliche Leuchttürme sein, die Beispiele geben, wie man anders mit diesen Technologien umgeht. Es geht ja bei einem kulturhistorischen Museum nicht wie bei anderen Anwendern von Design Thinking darum, allein Kunden- oder Nutzerzufriedenheit zu erreichen. Das ist natürlich auch ein Thema. Aber unsere Kernaufgabe ist, sinnvolle Angebote zu machen. Wenn man im Kulturbereich tätig ist, verhandelt man die Kategorien Sinn und Bedeutung, und das verändert alle Parameter. Da können wir datenschutztechnisch, anwendungstechnisch eine Vorreiterrolle einnehmen und ein Zeichen setzen. Dann bekommen Museen auch eine ganz neue gesellschaftliche Relevanz.

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