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Was muss man bei Studien beachten, die noch nicht offiziell publiziert sind (Preprints)?

Was die Begutachtung bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen leisten kann und welche Vorteile und Risiken sogenannte Preprints bergen

von
19.05.2020
4 Minuten

Bei RiffReporter berichten WissenschaftsjournalistInnen für Sie über die Pandemie

Kurzantwort

Um die Qualität zu sichern, setzen viele wissenschaftliche Zeitschriften auf das sogenannte Peer-Review-Verfahren. Dabei begutachten WissenschaftlerInnen anonym eine Veröffentlichung, bevor sie publiziert wird. Allerdings heißt das nicht, dass auch alle möglichen Fehler entdeckt werden. Mitunter fehlt es an Sorgfalt bei der Begutachtung, auch vor Betrug kann Peer Review nicht schützen. Der Prozess dauert oft relativ lang, so dass von der Fertigstellung einer wissenschaftlichen Arbeit bis zur Veröffentlichung Monate vergehen können. Schneller verfügbar sind die sogenannten Preprints, die online veröffentlicht werden. Sie sind noch nicht fertig begutachtet. Damit steigt auch das Risiko für unzureichende Qualität und ungesicherte Informationen. Der Zeitdruck in der Wissenschaft während der Corona-Pandemie begünstigt sowohl in begutachteten Artikeln als auch in Preprints Fehler. Kommentare von anderen WissenschaftlerInnen können helfen, Schwächen der Preprint-Studien aufzudecken.

Erklärung

Traditionell werden wissenschaftliche Ergebnissen in wissenschaftlichen Zeitschriften („Journals“) veröffentlicht. Dabei müssen sich Studien vorher einem „Peer Review“ unterziehen, werden also von WissenschaftlerInnen aus dem gleichen Fachgebiet begutachtet. Das dient der Qualitätssicherung. Dieser Prozess kann jedoch mehrere Monate dauern und endet nicht immer mit der Veröffentlichung.

Wenn eine Arbeit von einer Zeitschrift abgelehnt wird, liegt das nicht immer an schlechter Qualität, sondern manchmal erscheint das Thema nicht interessant genug oder es gibt andere Manuskripte, die als noch relevanter eingeschätzt werden.

Wird ein Manuskript von einem Journal abgelehnt, reichen die WissenschaftlerInnen die Studie meist bei einer anderen Zeitschrift ein. Die Begutachtung beginnt von vorn und so kann es manchmal mehrere Jahre dauern, bis eine wissenschaftliche Untersuchung in einem Journal veröffentlicht wird.

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Preprints: Schneller online, aber ohne Begutachtung

Um neue Erkenntnisse schneller veröffentlichen zu können, gibt es für verschiedene Fachgebiete seit einiger Zeit „Preprint-Server“. Das sind Plattformen im Internet, auf denen WissenschaftlerInnen ihre Manuskripte online veröffentlichen können.

Die Plattformen haben Richtlinien, welche Arten von wissenschaftlichen Veröffentlichungen dort publiziert werden können, und es gibt einen groben Check auf Plagiate und offensichtlich gesundheitsgefährdende Praktiken. Allerdings fehlt ein Peer Review vor der Veröffentlichung. Registrierte BenutzerInnen, etwa andere WissenschaftlerInnen, können den Preprint kommentieren, sobald er online ist, und auf eventuelle Schwächen hinweisen.

Preprints heißen übrigens so, weil sie online “vor dem Druck” in einem (Papier-)Journal erscheinen. Der Name bezieht sich darauf, dass es bei einigen Journals möglich ist, parallel zur regulären Einreichung ein Manuskript auch auf einem Preprint-Server zu veröffentlichen, so dass es bereits während des Peer Reviews verfügbar ist. Allerdings werden bei Weitem nicht alle Manuskripte, die auf einem Preprint-Server veröffentlicht werden, auch bei einem Journal eingereicht.

Peer Review: Was die Gutachten leisten können und was nicht

Allerdings ist der Peer-Review-Prozess bei Journals keine Garantie für Richtigkeit. Wenn der Prozess gut läuft, prüfen die GutachterInnen, ob sich mit den verwendeten Methoden die Forschungsfrage überhaupt vernünftig beantworten lässt und ob es Fehler bei der Durchführung gibt. Sie können auch abschätzen, ob die AutorInnen die Ergebnisse angemessen interpretieren und korrekt in den Kontext der bisherigen Forschung einordnen. Sie können bei widersprüchlichen Angaben nachhaken oder weitere Details anfordern, die für die Bewertung der Methoden notwendig sind. Wenn die Ergebnisse nicht plausibel oder eindeutig sind, können die GutachterInnen die AutorInnen auch auffordern, weitere Experimente durchzuführen und diese Daten nachzureichen.

Was jedoch in der Regel nicht passiert: Dass zum Beispiel die AutorInnen des Manuskripts die Rohdaten mitschicken und die GutachterInnen die Ergebnisse nachrechnen. Auch führen die GutachterInnen nicht selbst die gleichen Experimente durch und prüfen, ob sie zum gleichen Ergebnis kommen. Das bedeutet: Wenn WissenschaftlerInnen ihre Ergebnisse schön rechnen oder gar fälschen und sich dabei geschickt anstellen, haben die GutachterInnen oft keine Chance, das zu bemerken.

Manchmal fallen Schwachpunkte einer wissenschaftlichen Studie erst nach der Publikation auf. In seltenen Fällen werden Studien dann sogar zurückgezogen.

Fazit

Bei Studien, die nach einem Peer Review in einem Journal erschienen sind, haben mehr Fachleute vor der Veröffentlichung auf das Manuskript geschaut. Wurde dieser Peer-Review-Prozess sorgfältig durchgeführt, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Studie wissenschaftlichen Standards gerecht wird.

Preprints haben den Peer-Review-Prozess dagegen nicht oder noch nicht absolviert. Deshalb blenden Preprint-Server wie bioRXiv oder medRXiv, auf denen viele der Manuskripte zu Sars-CoV-2 und Covid-19 veröffentlicht werden, inzwischen einen Standardhinweis ein und warnen davor, sich für die Gesundheitsversorgung auf die vorläufigen Berichte zu verlassen, weil es sich nicht um gesicherte Informationen handelt.

Allerdings sind Studien, die durch ein Peer-Review-Verfahren gegangen sind, nicht automatisch zuverlässiger als Preprints. Manchmal mangelt es an Sorgfalt, manchmal ist es der gestiegene Zeitdruck. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie muss die Wissenschaft bei der Forschung und beim Zusammenstellen der Ergebnisse schneller agieren als sonst. Dabei wird auch der Peer-Review deutlich beschleunigt und Fehler rutschen leichter durch. (Iris Hinneburg)

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