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„Ich würde Biodiversität als neues Produkt der Landwirtschaft definieren“

Der Vogelfragebogen: Heute mit Eick von Ruschkowski, Leiter der Alfred-Toepfer-Akademie für Naturschutz

30.10.2019
6 Minuten
Aufnahme des Sonnenuntergangs vom Leineufer. Die Sonne geht hinter den Baumkronen unter.

Mit unserem Vogelfragebogen stellen wir interessante Menschen aus Naturschutz und Ornithologie vor. Eick von Ruschkowski ist Direktor der Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz des Landes Niedersachsen. Er hat Umweltwissenschaften in Lüneburg studiert und war später für das Wissenschaftsmagazin „Science" tätig. Vor dem Wechsel nach Schneverdingen verantwortete er in der NABU-Bundesgeschäftsstelle den Fachbereich Umweltpolitik. Obwohl Ruschkowski sein Hobby zum Beruf gemacht hat, wünscht er sich, dass der Beruf des Naturschützers eigentlich überflüssig wird.

1. Wie haben Sie den Zugang zur Vogelwelt gefunden?

Als ich neun oder zehn Jahre alt war, schenkte unser Großonkel meinem Bruder und mir eine ältere Ausgabe von „Die Vögel Europas“ von Peterson, Mountford und Hollom, weil wir Interesse an der Vogelbeobachtung zeigten. Daraufhin begannen wir, vor unserer Haustür – in der Leineaue südlich von Hannover – mit regelmäßigen Beobachtungen. Die örtlichen Ornithologen kennenzulernen, war auch förderlich. Wir traten dann 1985 dem damaligen Deutschen Bund für Vogelschutz bei. Dass eine meiner Omas in Dithmarschen zu Hause war, half auch, weil wir so bei Besuchen unsere Artenkenntnis erweitern konnten. Ab da war der Weg mehr oder weniger vorgezeichnet.

2. Was bedeutet Ihnen Vogelbeobachten im Alltag – und was hält Sie vom Beobachten ab?

Ich genieße jede Minute, in der ich mal in der Gegend gucken kann, und kann mich dann auch sehr über „Allerweltsarten“ freuen, weil es einfach totale Entspannung ist. Die Arbeit am Schreibtisch hält mich vom Beobachten ab – eigentlich ist das ja ein wenig paradox, dass ich immer Naturschützer werden wollte und jetzt mit diesem tollen Beruf die meiste Zeit in Büros und Besprechungen verbringe. Aber das Berufsleben ist ja noch nicht zu Ende.

3. Teilen Sie ein besonders schönes Beobachtungserlebnis mit uns?

Eine Kranichbrut auf Hof Möhr, dem Sitz unserer Akademie – an einem Freitagnachmittag liefen die Kranicheltern mit Jungvogel durch unsere Streuobstwiese. Genauso gefreut habe ich mich, als ich es im Frühjahr 2018 endlich schaffte, Birkhähne bei der Balz zu beobachten.

4. Bei welchen Vögeln tun Sie sich bei der Bestimmung schwer?

KBVs – kleine braune Vögel… Ich komme ja nicht mehr so oft raus, also muss ich Vieles, was für andere vielleicht Routine ist, immer wieder einstudieren. Laubsänger, die über Fitis und Zilpzalp hinausgehen, da fehlt mir schlichtweg die Übung.

5. Welchen Gesang hören Sie am liebsten?

Sehr gerne mag ich den Ruf des Großen Brachvogels, weil er so an Nordsee oder Nebelstimmung erinnert. Am liebsten aber wahrscheinlich den Zaunkönig, weil man ihm aufgrund der geringen Größe dieses wundervoll laute Schmettern gar nicht so zutrauen würde.

6. Gibt es eine Vogelart, die Sie nicht ausstehen können?

Nein. Das Einzige, was ich früher im Garten meiner Eltern nervig fand war die Kombination einer gurrenden Ringeltaube, einer keckernden Elster und einer schimpfenden oder warnenden Amsel früh morgens.

Portrait von Eick von Ruschkowski
Eick von Ruschkowski

7. Wenn Sie sich CO2-frei an einen beliebigen Ort der Erde zum Vogelbeobachten beamen könnten, wohin?

Ich habe einen Freund, der arbeitet im Trainingscenter des US National Park Service direkt an der Kante des Grand Canyon. Und er berichtet mir regelmäßig von den Mittagspausen, an denen er die im Aufwind hochsteigenden Kalifornischen Kondore beobachtet. Eine solche Mittagspause wünsche ich mir auch.

8. Was machen Sie mit Ihren Beobachtungen?

Ich melde sie eher selten auf Plattformen wie ornitho.de, was nicht nur damit zu tun hat, dass die Zeit fehlt. In Niedersachsen hat man leider auch das Gefühl, dass mit den Naturschutzdaten nichts passiert. Also genieße ich eher den Moment.

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9. Wenn Sie sich in einen Vogel verwandeln dürften, welcher wäre das?

Der Weißstorch, weil ich von der Art seines Fliegens fasziniert bin. Auch wenn ich ein wenig besorgt wäre, dass ich auf den Zugstrecken Opfer menschlicher Dummheit werden könnte.

10. Wenn Vögel unsere Sprache verstehen könnten, was würden Sie ihnen gerne sagen?

Dass sie dagegen aufbegehren sollten, wie wir wirtschaften und den Planeten plündern.

11. Wenn Sie sich einen Begleiter zum Vogelbeobachten aussuchen dürften, wer wäre das?

Meine Familie, weil ich hoffe, dass der Funke überspringt und weil ich meine Zeit am liebsten mit Frau und Kindern verbringe.

12. Wer ist Ihr Held, Ihre Heldin in Biologie und Naturschutz?

Aufnahme eines Kiebitz. Er steht auf mit Moos bewachsenem Boden.
Kiebitz – früher ein Allerweltvogel, heute mangels geeigneter Habitate gefährdet.

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Meine größte Umweltsünde ist, dass es mir schwerfällt, aufs Fliegen komplett zu verzichten. Es ist das Dilemma der heutigen Zeit: in einer globalisierten Welt und auch bei der Arbeit in internationalen Zusammenhängen ist der Austausch über Grenzen hinweg unverzichtbar. Ich teile auch die Ansicht Alexander von Humboldts, dass die gefährlichste Weltanschauung die von denjenigen ist, die die Welt nicht angeschaut haben. Aber keines der beiden Argumente darf als Begründung für fortlaufendes Reisen herhalten. Ich übe mich in der Reduktion, weil die Kompensation nur das zweitbeste Mittel nach dem Verzicht ist. Ganz zu verzichten ist eine Herausforderung, weil Videokonferenzen nicht dauerhaft gleichwertig sind. Das Bedürfnis, ein Ende dieses Dilemmas zu finden, nagt an mir.

17. Wenn Sie für einen Tag Bundeskanzlerin wären und eine Maßnahme zum Schutz der Vogelwelt umsetzen könnten, was wäre das?

Ich wäre ja lieber EU-Kommissionspräsident oder Ratsvorsitzender, weil im Naturschutz die wesentlichen Politikelemente ja – glücklicherweise – aus der EU kommen. Ich würde die derzeitige Ausrichtung der EU-Agrarpolitik beenden und „Biodiversität“ als neues Produkt der Landwirtschaft definieren – und das würde eine angemessene Entlohnung nach sich ziehen, also öffentliches Geld für den Erhalt öffentlicher Güter. Dies würde nicht nur der Vogelwelt, sondern der Natur insgesamt helfen. Aber dazu brauchen wir die Landwirte als wichtige Akteure auch.

18. Was beunruhigt Sie für die Zukunft der Artenvielfalt am meisten?

Dass selbst ich schon merke, dass in meiner Kindheit noch relativ häufige Arten wie der Kiebitz in manchen Gegenden komplett verschwunden sind. Und derzeit sehe ich noch nicht, wie der Trend aufgehalten werden kann, da die politischen Mechanismen dagegen arbeiten.


Eick von Ruschkowski steht vor einem Teich. Er schaut durch ein Fernglas.
Eick von Ruschkowski wäre gerne mehr „im Gelände“, wie er sagt. Hier sieht man ihn in seinem Element.

19. Woher nehmen Sie Hoffnung für die Zukunft der Vogelwelt?

Langsam scheint sich in allen Köpfen der Gedanke breit zu machen, dass unser Handlungsspielraum immer enger wird und wir nicht weiter zuschauen können. Daher glaub ich, dass noch nicht alles zu spät ist und wir die Wende noch schaffen. Es wird aber höchste Zeit.

20. Wenn Sie sich von der Evolution eine neue Vogelart wünschen dürften, wie würde sie heißen?

In meinen Unizeiten hatte ich zwar immer schon den Schluckspecht und die Schnapsdrossel auf meiner Liste, aber die wären genetisch ja eher rückschrittlich. Ich denke, dass die Evolution schon von allein auf eventuelle Veränderungen stößt.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Ich bin Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik sowie Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. In früheren Stationen war ich Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012). Von mir stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leite ich die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“.


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