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Auch Kriminelle können gute Vogelbeobachter sein

In der Netflix-Serie „Blacklist“ entpuppt sich der Schwerstverbrecher Raymond Reddington als sensibler Ornithologe

13.10.2021
4 Minuten
Reddington in einer Maschinenhalle, er grinst ziemlich arrogant

Bis es soweit kommt und Raymond Reddington in einem Park die Vogelbeobachterin Anne kennenlernt, hat er so ziemlich jedes auf Geld und Einfluss zielende Verbrechen begangen, das man sich vorstellen kann – und das auf beinahe jede erdenkliche Weise.

Über 156 Folgen der US-Serie “Blacklist” hinweg hat Amerikas Top-Krimineller zu diesem Zeitpunkt schon jeden beiseitegeräumt oder beiseiten räumen lassen, der ihm auf dem Weg zu seinen meist geheimnisvollen Zielen gefährlich geworden ist. Er tut das mal lakonisch lächelnd mit dem Revolver, mal mit der Maschinenpistole, mal mit einer Fernlenkrakete, mal mit einem Flugzeugabsturz, mal einer Plastiktüte. Und wenn es sein muss, mit Hilfe des Dachses seines Folterspezialisten.

Nachdem Reddington (James Spader) sich gleich zu Beginn von “Blacklist” theatralisch dem FBI stellt und für den Zuschauer die nicht mehr verschwindende Frage aufwirft, ob man ihn nun abgrundtief unsympathisch oder doch herzerwärmend menschlich finden soll, ziehen die Macher der Serie so ziemlich alle Register des Genres Actionkrimi.

Sprüche wie Revolverkugeln

Obwohl er sich in einer Niederlassung des FBI, eingesperrt in einem dickwandigen Glascontainer, in einer ausweglosen Lage zu befinden scheint, stellt er den Ermittlern Bedingungen. Er bietet eine Zusammenarbeit dabei an, zahlreiche gesuchte Verbrecher zu finden, die auf seiner “Blacklist” stehen – aber nur, wenn er sich frei bewegen und bei seiner Arbeit für die Behörde mit der bis dahin unauffälligen FBI-Mitarbeiterin Elizabeth Keen (Megan Boone) zusammenarbeiten kann.

Folge für Folge wird klarer, was dahintersteckt. Reddington, der mindestens so viele lässige Sprüche durch die Gegend fliegen lässt wie Revolverkugeln, spannt das FBI bei seinen eigenen Vendettas ein, mit einer in die Zeit des Kalten Kriegs reichenden Familiengeschichte als eigentlichem Motiv.

Doch so abgezockt, berechnend, brutal, ja kaltblütig, Reddington handelt, es gibt noch eine andere Seite von ihm – eine ganz andere Seite. Als sie mir in Folge 3 der fünften Staffel das erste Mal auffiel, dachte ich an die Laune eines Drehbuchschreibers. Reddington hat eine Gang von Waffenhändlern um ihren Anführer Adika Buhari dazu gebracht, ihm ein ganzes Flugzeug voll mit Kriegswaffen zu besorgen. Für die Übergabe wird irgendwo im Nirgendwo eine provisorische Landebahn geschaffen. Die Stimmung ist angespannt. Als die erste Kiste Waffen geöffnet wird, hält Reddington inne.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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