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Sehen, was da sein sollte, aber nicht da ist

Kunst des Vogelbeobachtens: Wir sammeln das Wissen für eine vielfältigere Zukunft

von
02.10.2018
10 Minuten
Stark verpixeltes Bild einer Naturszene.

Vor einigen Wochen war ich zurück in der Flussaue, in der ich als Kind und Jugendlicher viel mit dem Fernglas unterwegs gewesen bin. Oft radelte ich vor der Schule noch schnell dorthin, damit ich schon etwas Schönes wie eine Goldammer oder eine Mönchsgrasmücke zu sehen bekam, bevor ich mich mit Physik und Latein herumschlagen musste. Die „Alte Naab“, wie das Gebiet heißt, das sich nördlich der Altstadt von Weiden erstreckt, war in meinen Augen nicht nur ein Landschaftsschutzgebiet für Tiere und Pflanzen. Es war für mich als Heranwachsenden auch ein ganz persönliches Refugium, ein Ort, am dem ich meinen Gedanken und Launen nachhängen konnte.

Alte Naab heißt das Gebiet, weil es auch eine neue Naab gibt, den „Flutkanal“, den die Nazis mit dem Lineal in die Landschaft gezogen und mit Pappeln bepflanzt haben, deren Holz dem Bau von Leichtflugzeugen dienen sollte, wozu es aber nie kam. Der alte Flusslauf mäandert dagegen in engen Schleifen vor sich hin, wie es sich für ein Fließgewässer in einer Aue gehört, gesäumt von hängenden Weidenbäumen, denen meine Heimatstadt ihren Namen verdankt.

In den 1980er Jahren kannte ich im zwei Quadratkilometer großen Landschaftsschutzgebiet „Waldnaabniederung“, wie es offiziell heißt, jeden Baum, jeden Strauch, jeden Vogel. Ich führte Listen – aus der nicht nur für junge Vogelbeobachter typischen Sammelleidenschaft heraus und für den Fall, dass unser bauwütiger Oberbürgermeister auf die Idee kommen sollte, wie viele andere Landschaften rund um Weiden auch die „Alte Naab“ auf irgendeine Weise zu verunstalten, sei es durch eine Umgehungsstraße oder durch ein Gewerbegebiet.

Jetzt, mehr als dreißig Jahre später, war ich wieder einmal zurück und sah mich um. In diesem Moment merkte ich, dass ich eigentlich immer nur die Hälfte des Bildes betrachtet hatte.

Stark verpixeltes Bild einer Naturszene.
Stark verpixeltes Bild einer Naturszene.

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Verpixeltes Bild einer Naturszene.
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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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