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Löffler im Anflug

Beim Vogelbeobachten geht es darum, den richtigen Augenblick zu erwischen. Unser Autor hat einen echten Profitip dafür

von
23.09.2020
4 Minuten
Das Bild zeigt eine Gruppe von Löfflern im Überflug. Die großen weißen Vögel haben lange Schnäbel mit einer breiten Spitze.

Ich war von Bremen aus an die Nordseeküste geradelt, um Löffler zu sehen. Am Jadebusen soll es sie geben, hatte es geheißen, man könnte die großen weißen Tiere, die mit ihren löffelartig geformten Schnäbeln gerne gemeinsam Essbares aus flachem Wasser sieben, dort mit großer Wahrscheinlichkeit beobachten, hatte man mir gesagt.

Also setzte ich mich an einem Samstagmorgen auf mein Rad, nahm ortsunkundig die falsche Seite der Weser – die ohne Weserradweg – und kämpfte mich zunächst durch allerlei Industriegebiete und sogar vorbei an einem veritabel stinkenden Stahlwerk gen Norden durch, bis mich eine Fähre über den Fluss trug und am Velohighway gen Norden absetzte, auf dem ich bis in die Abendstunden Richtung Löffler strampelte.

Als ich am Jadebusen ankam, lag der Salzgeruch der Nordsee in der Luft. Ein Sturm hing am Firmament, entlud sich aber nicht, sondern verduftete gen Osten, so dass ich am nächsten Morgen unter tiefen Himmelsblau aufwachte. Sonntag ist Löfflertag, dachte ich mir.

Beim Vogelbeobachten geht es darum, den richtigen Moment zu erwischen. Das wissen VogelbeobachterInnen, wenn sie zur rechten Zeit am rechten Ort waren, aus glückserfüllten Erlebnissen – oder, wenn sie zur rechten Zeit am falschen Ort, zur falschen Zeit am rechten Ort oder zur falschen Zeit am falschen Ort waren, aus Enttäuschungen. Man geht behutsam durch die Landschaft, um ja den Eisvogel, die Wasseramsel oder den Fischadler, den man zu beobachten hofft, nicht zu beunruhigen. Doch nichts und niemand zeigt sich. Bei anderer Gelegenheit fliegt dann der unglaublichste Vogel einfach um die Ecke.

Endorphine in der Winterlandschaft

Im Februar war ich in Tirol, um im Gebirge zu wandern. Ein dichtes Schneegestöber lag auf der Landschaft oberhalb von Vent, einem der höchstgelegenen Dörfer Österreichs. Nichts bereitete mich auf den Moment vor, in dem ein großes Wesen um eine Felsecke glitt und drei, vier Meter über mir zum Stehen kam. Der Bartgeier nutzte den Gegenwind, um fast reglos über mir zu verharren und mich zu taxieren. Ich konnte jede einzelne seiner Federn sehen – und vor allem seinen stechenden Blick. Mir fiel in Zeitlupe die Kinnlade herunter, und mein Gehirn setzte, nachdem der Bartgeier weitergeflogen war, bestärkt durch die ans Mystische grenzende Anmutung des Vogels reichlich Endorphine und damit Glücksgefühl frei. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

Was der Bartgeier dachte, weiß ich nicht. Vielleicht verglich er mich einfach mit Abmessungen und Vitalzeichen der Gemsen, von deren Kadavern er sich im Winter gerne ernährt. Vielleicht war er so erstaunt wie ich, bei diesem Wetter jemandem zu begegnen. Es war jedenfalls eines dieser Erlebnisse, das ein kleines Fenster von Ewigkeit in den alltäglichen Fluss der Zeit bringt, Sekunden, die so intensiv sind wie sonst nur ereignisreiche Stunden und die zu jenen Reizen des Vogelbeobachtens zählen, wegen denen es sich lohnt, vor allen anderen aufzustehen, sich zu entlegenen Orten durchzuschlagen und in jeder Lebenslage ein Fernglas dabeizuhaben (wenngleich es beim Anflug des Bartgeiers gar nicht zum Einsatz zu kommen brauchte).

Würde es mir an diesem Sonntag mit den Löfflern ähnlich gehen?

Ich war der erste, der im Hotel auscheckte, auf mich wartete der Deich mit den dahinterliegenden Flachwassern, aus denen schon das Flöten von Brachvögeln, das Kreischen von Seeschwalben und das Trillern unzähliger Austernfischer erklang. Erwartungsvoll radelte ich an dem über Jahrhunderte aufgehäuften Schutzwall entlang, schaute hinaus auf das Wasser, hinüber nach Wilhelmshaven, hinauf in den Himmel.

Und dann, genau um 10.05 Uhr, fiel es mir ein.

Memes im Anflug

Ich musste meinem Freund Andreas noch auf eine Nachricht antworten. Ich hielt an, holte mein Handy aus der Tasche, öffnete die Signal-App und fing zu tippen an. Irgendetwas sagte mir, dass ich genau jetzt in dieser Sekunde darauf eingehen musste, umgeben von Meer und einer wunderschönen Küstenlandschaften. Wie das eben so ist mit den SMS, Whatsapps, Tweets, Emails und sonstigen Botschaften, die uns auf digitalen Wegen die ganze Zeit erreichen. Sie führen in unserem Inneren ein Eigenleben – als Memes, eigenständige Informationseinheiten mit eigenen Zielen, Bedürfnissen und Mitteln, sich durchzusetzen und fortzupflanzen, wie Richard Dawkins bereits in den 1970er Jahren schrieb.

Seit Dawkins den Begriff Memes als informatorisches Gegenstück zu den biologischen Fortpflanzungseinheiten der Gene geprägt und die Schriftstellerin Susan Blackmore die Idee der Memes in den 1990er Jahren popularisiert hat, hat durch die Digitalisierung eine Art kambrische Explosion der Memes stattgefunden. Und eine dieser eigenständigen Informationseinheiten war an diesem Morgen wohl schon eine ganze Weile durch das Nervennetz in meinem Gehirn geflattert, auf der Suche nach meinem Handlungszentrum. Dort hatte es eine Türe ins Innere gefunden und einen Kommandoposten erreicht: Eine Antwort muss her! „Haha, ich dachte einfach, es gefällt dir“, erwiderte ich auf einen Witz, den Andreas am Vortag über ein Foto eines Segelschiffs gemacht hatte, das ich ihm geschickt hatte, weil er mir ein anderes Foto geschickt hatte, als Teil eines munteren Ökosystems von Memes. Ich tippte weiter und weiter, gab Andreas noch einen Rat, machte noch einen Witz…

Eine Vogelbeobachterin, die in diesem Moment hundert oder zweihundert Meter von mir entfernt gestanden hätte, hätte Folgendes gesehen: Ein Typ kommt angeradelt, bremst unvermittelt, zückt sein Handy und tippt auf den Bildschirm ein. Gleichzeitig nähert sich vom Land her ein großer Truppe wunderschöner Löffler, mit grazilem Federschwung, tief über der Landschaft fliegend, hellweiß im Morgenlicht strahlend. Die Löffler, es sind vielleicht hundert Tiere, nähern sich dem Mann, der aber weiter einfach nur auf sein Handy schaut. Sie nähern sich immer mehr, fliegen keine fünf Meter über ihm hinweg…

Und erst dann reißt der Mann seinen Blick nach oben, während seine Kinnlade gen Deichboden fällt. Hektisch sucht er den Auslöserknopf auf seinem Handy…

Das Bild ist ein Schnappschuss mit verschwommen sichtbaren Löfflern, die über den Deich des Jadebusens fliegen.
Beim Vogelbeobachten geht es darum, den richtigen Moment zu erwischen. Nicht auf sein Handy zu starren ist dafür schon mal eine gute Voraussetzung.

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Ich hatte an diesem Morgen dennoch Glück. In einem Flachwasser hatten sich unweit ein paar Vögel von dem Trupp abgespalten. Ich konnte ihnen zusehen, wie sie gemeinsam im Wasser herumstaksten und -löffelten. Aber den Moment, in dem die hundert Vögel knapp über mir hinwegflogen, in dem ich jede Feder hätte sehen und einem der Löffler vielleicht in die Augen hätte schauen können wie im Gebirge dem Bartgeier, den kann ich auf alle Zukunft nur imaginieren.

Beim Vogelbeobachten geht es darum, den richtigen Moment zu erwischen. Damit das gelingt, habe ich heute einen echten Profitip: Mitten in einer wunderschönen Landschaft nicht auf sein Handy zu starren – das erhöht die Chancen ungemein.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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