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Pirol: Der Sommervogel schlechthin

Die farbenfrohe Art bezaubert mit einem wunderbaren Gesang. In diesem schwierigen Jahr ist das ein besonderes Geschenk.

22.07.2020
8 Minuten
Ein Pirol sitzt auf einem Ast.

Auf dem Ferienhaus, das wir für zwei Sommerwochen gemietet hatten, und auf den Straßen der kleinen okzitanischen Ortschaft Prémian im Südwesten Frankreichs lag noch die Stille des frühen Morgens. Die Nacht war wieder heiß gewesen, sehr heiß, der Schlaf leicht, sehr leicht. Jetzt, wo es etwas abgekühlt hatte, noch einmal hinwegdämmern – das wär’s, dachte ich mir.

Doch dann ertönte der Gesang.

Ein Flöten so weich, als wäre es aus Seide gemacht. Eine Melodie so fröhlich und beschwingt, dass man lächeln muss. Eine Stimme so glockig, dass man glauben könnte, ein Tropenvogel habe sich in nördlichen Breiten verirrt.

Ich nahm mein Fernglas in die Hand, schlich mich in die Küche, auf Zehenspitzen, um die anderen nicht um ihren kühlen Morgenschlaf zu bringen, trank eine Tasse kalten Kaffees vom Vortag (denn ohne morgendlichen Kaffee kann ich mich kaum an meinen eigenen Namen erinnern, geschweige denn den eines Vogels), sperrte leise die große Holztür zum Garten auf und stapfte davon, in Richtung des Flusses Jaur, dorthin, von wo der Vogel gerufen hatte.

Der Fluss plätscherte an diesem Morgen sommerlich-ruhig dahin. Lose Baumstämme, die in mehreren Metern Höhe in die Uferbäume eingeklemmt waren, Plastikmüll, der sich noch höher im Kronendach befand und allerlei Treibgut im Flussbett zeigten allerdings als Spuren vergangener Hochwasser an, dass es hier auch deutlich weniger idyllisch zugehen kann.

Unvergesslicher Ruf

Ich folgte dem Pfad am Ufer des Jaur in der Hoffnung, den Vogel wieder zu hören. Doch es blieb still, mit Ausnahme der Tropfen, die hinter einem Gebüsch zu hören waren und mir den Weg zu einer wunderbaren kleinen Grotte wiesen, in der es von Schmetterlingen und Libellen nur so wimmelte. In den Bäumen über mir raschelte es immer wieder, der Gesang blieb aber aus.

Dasselbe wiederholte sich ein paar Tage hintereinander. Bis ich schließlich Glück hatte. Auf das Rascheln folgten direkt über mir die verzückenden Strophen.

Wer einmal einen Pirol gehört hat, wird den Ruf nicht wieder vergessen. Das geht Menschen schon seit vielen Jahrhunderten so, was sich in unzähligen lautmalerischen Namen im Volksmund niederschlägt, von witewal im 13. Jahrhundert über Birolff im 16. Jahrhundert bis zu Bülow in späteren Jahren. Und auch der lateinische Name Oriolus bildet den Ruf nach, schreibt der Ornithologe Einhard Bezzel in seinem 1990 erschienen Bändchen über den Vogel.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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