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Die wundersame Kiebitz-Vermehrung

Am Dümmer See in Niedersachsen erleben Wat- und Wiesenvögel seit Jahren einen neuen Aufschwung – dank konsequentem Naturschutz

von
08.08.2018
15 Minuten
Ein Schwarm von rund 50 Kiebitzen beim Anflug auf eine Rastfläche am See

Neulich wollte jemand mein ornithologisches Wissen testen und spielte mir auf dem Handy ein Vogelstimmenquiz vor. Anfangs schlug ich mich gut. Singdrossel, Rotkehlchen, Schwalben, Grasmücken – die meisten heimischen Arten habe ich „drauf“, weil ich sie oft genug höre. Dann aber kam ein Rohrsänger, und ich war unsicher. Schilf- oder Sumpf-? Die nächste Stimme war noch kniffliger: ein hohes „kalüha, kalüha“, weich und durchdringend zugleich. Watvogel, klar. Aber welcher? Brachvogel, Rotschenkel, Bekassine, Uferschnepfe, Flussregenpfeifer? Im Prinzip kenne ich auch sie, aber die letzten Begegnungen mit ihnen sind Monate bis Jahre her. Und die meisten hielten dabei den Schnabel.

Das ist eine kleine, traurige Nebenwirkung des anhaltenden Vogelschwunds: Je seltener man eine Art beobachtet, desto mehr verblasst die Erinnerung an sie – ihr Aussehen, ihr Verhalten, ihre Stimme. Irgendwann erscheinen einem selbst früher vertraute Vögel beinahe wie exotische Neuentdeckungen.

In meiner näheren Umgebung gibt kaum noch Watvögel, bis auf ein paar Kiebitze und den ein oder anderen durchreisenden Goldregenpfeifer. Selbst in den Naturschutzgebieten der Elbtalaue sind die „Limis“, wie sie im Beobachterjargon heißen (vom Ordnungsnamen „Limikolen“ abgeleitet, übersetzt „im Schlamm lebend“) zu Raritäten geworden.

Ein großer Schwarm von Goldregenpfeifern überfliegt eine überschwemmte Wiese.
Schwärme von Goldregenpfeifern über einer überschwemmten Wiese – früher ein häufiger Anblick in ganz Norddeutschland. Heute muss man dafür weit reisen.

Die Gründe für ihr Verschwinden sind in meiner Umgebung dieselben, über die Watvogelschützer überall klagen – an Elbe und Niederrhein ebenso wie in den Marschen Ostfrieslands und Schleswig-Holsteins. Grund Nummer eins: der Verlust von feuchtem Grünland, dem wichtigsten Watvogel-Habitat – bis auf wenige Schutzflächen, die meist wie Inseln inmitten von intensiv bewirtschaftetem Agrarland liegen. Grund Nummer zwei: zu viele Füchse und Marderhunde, die von ebendiesen Inseln magnetisch angezogen werden und sich vor allem nachts (von Nestkameras dokumentiert) über die Gelege der Vögel hermachen. Deswegen melden fast alle deutschen Limikolen-Reservate sinkende, bestenfalls stagnierende Bestandszahlen.

Aber eben nur fast alle.

Es gibt einen Ort, der sich im Laufe der letzten Jahrzehnte zu einem europäischen Modell erfolgreichen Wat- und Wiesenvogelschutzes entwickelt hat: die Dümmerniederung. 4630 Hektar „Natura 2000-Schutzgebiet“, bestehend aus Fläche und Umland des zweitgrößten Sees in Niedersachsen. Der Dümmer gehört zu einem Gewässertyp, der in dieser Region „Meer“ genannt wird: flach, still, rund, entstanden in von Eiszeitgletschern hinterlassenen Mulden, die ursprünglich von ausgedehnten Mooren umgeben waren.

Luftaufnahme des Ochsenmoors.
Über 1000 Hektar feuchtes, zeitweise überschwemmtes Grünland: Das Ochsenmoor am Südufer des Dümmers ist ein Eldorado für wiesenbrütende Vögel.
Drei Uferschnepfen fliegen über ein Moor.
Drei Uferschnepfen fliegen über das Ochsenmoor am Dümmer – gut zu erkennen an ihren rostroten Köpfen und den breiten schwarz-weißen Flügelstreifen
Foto einer Uferschnepfe im Wasser. Sie steht im Schilf und hält die Schnabelspitze im Wasser. An ihren Beinen befinden sich mehrere bunte Ringe.
Die Uferschnepfen am Dümmer werden nicht nur beringt, sondern teils auch mit Sendern bestückt, um ihre Zugwege zu ermitteln. Neueste Erkenntnis: Jungvögel nehmen oft andere Routen als ihre Eltern.
Zwei Rotschenkel im Gras. Der eine hat seinen langen, an der Wurzel roten Schnabel leicht geöffnet, bei zeigen ihre namensgebenden leuchtend roten Beine
Zwei Rotschenkel, unschwer an der Farbe von Beinen und Schnabelansatz zu erkennen.

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Luftaufnahme einer Schilfzone.
Ein 1954 errichteter Deich trennt bis heute den See von seinem Umland. Doch in den geschützten Schilfzonen entlang des Westufers brüten heute wieder Rohrdommeln, Tüpfelsumpfhühner und Bartmeisen
Eine kleine Gruppe zottiger Galloway-Rinder, teils hellbraun, teils schwarz, steht auf einer nebelverhangenen Wiese am Dümmer See
Die Wiesen am Dümmer werden zum Teil von robusten Galloway-Rindern kurzgehalten, die das ganze Jahr über draußen sind
Heinrich Belting, Leiter der Naturschutzstation Dümmer, öffnet einen Stauwehr. Das Wasser fließt auf eine Wiese.
Heinrich Belting, Leiter der Naturschutzstation Dümmer, leitet an einem Stauwehr Wasser auf eine Wiese – gerade so viel, wie es den Bedürfnissen der dort brütenden oder rastenden Vögel entspricht
Zwei Kampfläufer Vögel.
In der Balzzeit legen sich Kampfläufer-Männchen einen individuell gefärbten Federkragen zu. Und gehen dann aufeinander los wie Stiere in der Arena.
Über eine sumpfige Wiese, auf der gelbe Sumpfdotterblumen blühen, schreitet ein Kiebitz; im Hintergrund sieht man einen Tümpel.
Ein Kiebitz schreitet über eine Wiese, auf der gelbe Sumpfdotterblumen blühen.
Ein Grauganspaar mit zehn Gösseln, sie kommen gerade im Gänsemarsch aus dem Wasser. Graugänse haben in den letzten Jahren am Dümmer stark zugenommen
Ein Grauganspaar führt seinen Nachwuchs aus. Und trägt damit zur weiteren Vermehrung des Brutbestands bei, der in den letzten Jahren auch am Dümmer stark zugenommen hat.
Eine Bekassine sitzt auf einem Zaunpfahl, der auf einer Wiese steht. Sie hat die Flügel ausgebreitet, um sich zum Balzflug zu erheben
Eine Bekassine hebt von einem Zaunpfahl zum Balzflug ab. Gleich wird sie ihre Schwanzfedern im Luftstrom vibrieren lassen – und dabei das charakteristische Wummern erzeugen

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Ich muss gestehen, dass ich den Dümmer See bis vor kurzem immer nur weiträumig umfahren habe. Der westniedersächsische „Schweinegürtel“, an dessen Südrand er liegt, drängt sich nicht unbedingt als Ziel einer Naturexkursion auf. Dann aber erzählten mir zwei Ornithologen, die ich (unabhängig voneinander) für mein Buch „Federnlesen“ interviewte, dass der See ein Geheimtipp vor allem für Wiesenvogelfreunde sei. Ich habe den Dümmer dann in dem Kapitel porträtiert, das sich speziell Kiebitz, Feldlerche & Co. widmet. Später erfuhr ich, dass sich die für das Gebiet zuständigen Vogel- und Naturschützer sehr über die Würdigung gefreut haben. Auch weil sie, wie leider viele ihrer haupt- wie ehrenamtlichen KollegInnen, im allgemeinen nur wenig Anerkennung bekommen – weder aus der Politik noch von den Leuten, die speziell von ihrer Arbeit profitieren, also VogelbeobachterInnen wie mir. – Ganz besonders bedanken wollte ich mich noch bei Oliver Lange, Fotograf und Landespfleger in der Naturschutzstation Dümmer: Er hat freundlicherweise die wunderbaren Fotos für diese Geschichte zur Verfügung gestellt.

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Johanna Romberg

Johanna Romberg

Johanna Romberg war von 1987 bis 2019 Autorin und Redakteurin der Zeitschrift GEO. 2018 erschien ihr erstes Buch „Federnlesen – vom Glück, Vögel zu beobachten“ im Lübbe-Verlag. Im Frühjahr 2021 kommt das zweite Buch heraus, Titel: „Der Braune Bär fliegt erst nach Mitternacht. Unsere Naturschätze – wie wir sie entdecken und retten können“.


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