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Nach der Corona-Höhle: Die Natur wiederentdecken

Sozialleben, das gibt es auch mit Tieren, Pflanzen und Biotopen – nun kommt es zurück

von
30.06.2021
6 Minuten
Ausgang einer Höhle, der ins Grüne weist.

Kürzlich habe ich gemerkt, dass mir etwas fehlt.

Zuerst war da nur diese Frage: “Wo ist eigentlich mein Vogelbestimmungsbuch?" Normalerweise liegt dieses Buch, kurz “Svensson” genannt, an einem von zwei, drei festen Plätzen.

Diese Frage muss schon eine Weile in meinem Unterbewusstsein gekreist sein, sich ihre Nervenbahnen gesucht haben, ohne von mir bemerkt zu werden, bevor sie an die Oberfläche des Gedachten durchbrach: “Wo ist eigentlich mein Vogelbestimmungsbuch?” Jetzt konnte ich nicht anders, als das Buch zu suchen, das mich schon so lange begleitet.

Dort, wo das Buch sonst immer liegt – eine Fensterbank, eine Werkbank, im Regal neben dem Fernglas, war es nicht. So fing ich an, die Regalreihen durchzugehen, blieb hier hängen und da hängen, aber fand es nicht.

Ich musste feststellen, dass ich ausgerechnet dieses Buch in den vergangenen Monaten aus den Augen verloren habe. Das war mir eigentlich noch nie in meinem Leben passiert.

In meinem Smartphone sind zehn Apps zur Vogelbestimmung installiert, darunter so exquisite wie “Die Flugrufe der Vögel Mitteleuropas”. Dennoch habe ich, wenn ich in Natur und Landschaft rein gehe (ich gehe gedanklich “raus”, wenn ich in ein Gebäude trete, und “rein”, wenn ich mich ins Freie bewege), immer dieses Buch bei mir. Praktisch daran ist zum Beispiel, dass die Darstellung der Bilder auch ohne Batterie funktioniert und sie nicht mitten im Wald in einem schwarzen Nichts verschwinden.

Wiedersehen mit einem alten Freund

Obwohl prall gefüllt mit allen Vogelarten Deutschlands und Europas, ist der Kosmos-Vogelführer klein genug für fast jede Tasche, um schnell nachzublättern, wenn es beim Beobachten eine Unsicherheit gibt. Ich bin, durch endlose Stunden mit diesem Buch in Kindheit und Jugend, auf die Bilder, Texte und Landkarten geprägt wie ein junger Gänserich auf einen Ziehvater.

Die Grenzen der Verbreitungsgebiete, die in den kleinen quadratischen Landkarten neben den Arten zu sehen sind, bilden so etwas wie die Grenzen meiner ornithologischen Welt. Vogelarten von außerhalb der Grenzen des “Svensson” interessieren mich, das gebe ich unumwunden zu, deutlich weniger. Das Hellblau, das Verbreitungsgebiete im Winter anzeigt, das Hellgelb der Sommergebiete – sie sind für mich die Farben dieser Jahreszeiten.

An ungezählten Abenden habe ich im Bett liegend einfach in diesem Buch geblättert und mich zu den Vögeln geträumt, die es enthält, neue Merkmale und Unterschiede bei Arten entdeckt, die ich schon längst zu kennen meinte.

Ich musste eine Weile suchen, bis ich meinen eigentlich so vertrauten Lebensbegleiter gefunden habe. Er stand stumm und unverändert in einem Regal. Nicht bei den Bestimmungsbüchern, wo ich zuerst gesucht hatte, sondern eingeklemmt zwischen einer Abhandlung von Alfred Döblin und einem Traktat über den digitalen Kapitalismus. Irgendwie war das Buch da hingeraten, ich weiß nicht mehr wie. Als ich es aus dieser seltsamen Nachbarschaft herausholte, hatte ich das Gefühl, einen alten Freund wiederzutreffen, den ich vernachlässigt habe.

In diesem Moment fiel mir auf, warum der Gedanke an das Buch aus meinem Unterbewusstsein aufgetaucht war, und was mir wirklich fehlt.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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