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Abschalten!

Ein Gespräch mit Developers For Future, die zum Klimastreik aufrufen – auch im Digitalen

27.08.2019
5 Minuten
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KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

Umwelt- und Klimaschutzaktivisten rufen für den 20. September 2019 zu einem globalen Klimastreik auf. Die Straßen sollen voll von Demonstranten sein – und die Computerbildschirme grün. Ein Gespräch mit der Aktivistin Marion Linhuber aus Ampfing in Bayern, die den Streik auch im Digitalen umsetzen möchte.

München, den 27. August 2019

Frau Linhuber, Sie haben KlimaSocial gebeten, uns am digitalen Klimastreik zu beteiligen. Das fällt uns als Online-Journalisten etwas schwer. Wir wollen schließlich an dem Tag auch berichten.

Klar, in erster Linie geht es uns ja darum, auf den Streik aufmerksam zu machen. Um mehr Druck auf die Politik aufzubauen, in Sachen Klimaschutz zu handeln.

Können Sie uns sagen, wer Sie sind und was für Sie ausschlaggebend war, sich für einen Klimastreik einzusetzen? Gab es einen bestimmten Anlass?

Ich bin Informatikerin, 53 Jahre alt. Umwelt- und Klimaschutz sind für mich schon lange ein Thema; gedanklich war ich schon lange sehr intensiv dabei. Aber mir hat die Möglichkeit gefehlt, richtig zu partizipieren. Aktiv geworden bin ich ungefähr Anfang des Jahres und habe etwa im Mai in dem „Fridays For Future-Universum“ die „Developers for Future“ [Q1] entdeckt. Das war für mich erstmals eine Möglichkeit, tatsächlich konkret etwas zu unterstützen. Da steckt ja eine irrsinnige technische Infrastruktur dahinter: Webseiten, Flyer-Designs, Kommunikationskanäle. Alles Leistungen, die man normalerweise teuer bezahlen muss. Ich muss sagen, dass ich extrem fasziniert bin, wie viele Menschen eine ungeheure Energie und Zeit ehrenamtlich da reinstecken. Ich gehöre zu dem Team, das die „Scientists for Future“-Webseite betreut. Und ich bin sehr froh und auch stolz darauf, Teil davon zu sein.

Sie wollen den Klimastreik auch im Digitalen umsetzen. Woher kommt die Idee?

Die Idee ist entstanden auf einem Treffen des Chaos Computer Club. Da gibt es eine Unterorganisation, die nennt sich C3 Sustainability. Dort ist die Idee entwickelt worden, als Unterstützung für den Klimastreik einen Shutdown zu organisieren. Ich selbst bin darauf in unserem „Mattermost“ gestoßen, das ist ein Diskussionsforum, fand das gut und wollte es weiter vorantreiben. Ich habe dafür in vielen weiteren Foren Unterstützung gesucht und sie insbesondere bei „Climate Action Tech“ gefunden. Wir sind jetzt ein sehr internationales Team aus dem Umfeld von DevelopersForFuture.org, ThoughtWorks, 350.org, Avaaz, WeMove, makrwatch und anderen, die freiwillig und ohne Bezahlung für dieses Ziel arbeiten. Die Webseite digital.globalclimatestrike.net [Q3] läuft über die Server von 350.org, die den globalen Klimastreik ganz massiv mit organisieren. Die haben dort auch das technische Rüstzeug, um viele Anfragen zu bewältigen. Das internationale Team konzentriert sich im Moment sehr auf die USA, weil da das öffentliche Interesse weitaus geringer als hier bei uns ist. Wir werden hier hauptsächlich von deren technischen Entwicklungen profitieren.

Was kann ich mir unter dem Shutdown vorstellen?

Unser Ziel ist, dass möglichst viele Websites bis zum 20. September den Streikaufruf verbreiten und am Tag des Streiks nur eine statische, grüne Seite zeigen. Für Content Management Systeme wie WordPress gibt es Plugins, die Webseiten auf eine statische grüne Webseite umleitet, die dann nur sagt „Wir streiken heute“. Es gibt JavaScript-Code-Schnipsel, die im Vorfeld ein Banner veröffentlichen und am Tag des Streiks die ganze Seite umfassen. Da gibt es auch abgestufte Möglichkeiten von einem wegklickbaren Banner, Bannern, die sich nicht wegklicken lassen bis hin zu komplett stillgelegten Seiten. Es gibt ja durchaus Unternehmen mit Webseiten, die man nicht einfach einen ganzen Tag lang abschalten kann. Wir hatten zum Beispiel Kontakt mit einem schwedischen Eisenbahnunternehmen. Die wollen natürlich nicht, dass die Leute dann das Auto nehmen, statt den Zug zu buchen. Auch für die sozialen Medien gibt es Angebote, sodass man zum Beispiel an dem Tag oder auch schon vorher sein Avatar-Bild bei Facebook ändern kann. Die entsprechenden Tools, Technik-Kits und Designvorlagen für diverse Content Management Systeme finden sich auf unseren Webseiten zum Download.

Was ist genau das Ziel? Auf den Streik hinzuweisen oder mit dem Abschalten eine Botschaft zu senden?

Prinzipiell wollen wir den Streik unterstützen und möglichst vorher schon den Streikaufruf verbreiten, „Geht zum Streik oder lass Deine Webseite mitstreiken, um damit auch das mediale Interesse zu stärken.

Ist das nicht vielleicht kontraproduktiv, wenn man den Kampf für einen effektiven Klimaschutz mit „Abschalten“, „Stillstand“ und am Ende vom Tag wahrscheinlich auch dem Wort „Verzicht“ verknüpft?

Klar, es geht um das Abschalten von Webseiten. Aber ich habe jetzt sogar aus dem Umfeld von der Messe Gamescom die Rückmeldung bekommen eigentlich würde das allen mal ganz gut tun, einen Tag weg vom Rechner zu sein. Das eine nicht zu tun, eröffnet ja immer auch die Möglichkeit etwas anderes zu tun. In diesem Fall zu einem Streik zu gehen. Und das auch sehr öffentlich zu machen, in dem ich das auch auf meiner Webseite kundtue.

So rein energetisch betrachtet, wäre es ja für den Klimaschutz besser, wenn man sozusagen an den restlichen 364 Tagen des Jahres mehr abschaltet. Im Moment ist die Digitalisierung ein wahnsinniger Treiber des Energiebedarfs.

Ja, und wie man jetzt wieder sieht, seit Greta in Richtung USA segelt, auch ein wahnsinniger Treiber von Hass. Meine persönliche Auffassung ist, dass wir nicht zu wenige Informationen haben, sondern eher zu viele. Das überwältigt uns und wir wissen nicht mehr, wo wir ansetzen sollen oder was wir tun sollen. Ich hoffe daher, dass der „Shutdown“ ein Anstoß ist, sich auch mal wieder auf den eigenen Kopf zu verlassen.

Das heißt, sie betrachten den Shutdown auch als eine Art achtsamen Umgang auch mit sozialen Medien und Digitalisierung insgesamt?

Ja, wobei man in das konkrete Projekt nicht zu viel reininterpretieren muss. Für uns ist das Wichtigste, den Klimastreik zu unterstützen. Zu zeigen, dass man dahinter steht, und zwar so sehr, dass man das durch das Abschalten der eigenen Webseite dokumentiert, die ja ein ganz wichtiger Bestandteil von unserem digitalen Dasein als Privatperson und noch viel mehr als Unternehmen ist.

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Wird es denn auf den grünen Bildschirmen vielleicht auch Informationen zu grünen Providern geben, die die erneuerbare Energien oder besonders effiziente Rechenzentren nutzen?

Was wir anbieten, sind Seiten, die man selber ausfüllen kann. Das heißt, man kann eine eigene Botschaft senden. „Ich streike weil,…“, „Ich unterstütze das, weil…“. Informationen zu grünen Providern wäre natürlich auch eine Idee, aber am 20.9 wollen wir eben nicht, dass die Leute sich den ganzen Tag durchs Netz klicken, sondern sich auf den Streik konzentrieren.

Wer macht bisher mit?

Wir sind noch in der Verbreitungsphase, da die Webseite erst seit kurzem online ist und viele noch nicht so genau informieren konnten, worum es geht. Aber es gibt durchaus schon Rückmeldungen und feste Zusagen. Unter anderem wird uns der Musikkabarettist Bodo Wartke unterstützen und verbreitet das auch über seine Agenturen. Die GLS-Bank hat zum Beispiel eine eigene Kampagne, sie informiert ihre Kunden und wird am Streiktag sogar die Filialen schließen. Ich bin zuversichtlich, dass das noch viel mehr werden.

Weiterführende Informationen

[Q1] Webseite der „Developers for Future“ https://developersforfuture.org/home

[Q2] Webseite der „Scientist for Future“ https://www.scientists4future.org/

[Q3] Webseite zum digitalen Klimastreik https://digital.globalclimatestrike.net


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Daniela Becker

Daniela Becker

Daniela Becker ist Umweltwissenschaftlerin und arbeitet seit 2010 als freie Journalistin zu den Themen erneuerbare Energien, Energie- und Verkehrswende, Klimaschutz und Clean-Tech.


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