Corona weltweit: Die Masken fallen – und jetzt?

Rund um den Globus lockern die Regierungen die Corona-Auflagen, doch die Gefahr bleibt. Lageberichte und Eindrücke aus 13 Ländern.

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Eine Menge von Menschen tanzt auf einer Terrasse am Parc de la Vilette in Paris,

Menschen, die ohne Masken feiern, einkaufen gehen und in Büros zusammensitzen. Fast hatte man diesen Anblick schon vergessen. Doch im dritten Jahr der Pandemie wird es in vielen Ländern wieder normal, Mitmenschen im Alltag ohne Mund-Nasen-Schutz zu sehen. Weltweit fallen Beschränkungen, die in den vergangenen zwei Jahren die ungehemmte Ausbreitung des gefährlichen Virus Sars-CoV-2 zumindest gehemmt hatten.

Auch die globalen Zahlen an Infizierten und Menschen, die an Covid-19 sterben, sinken seit einem neuerlichen Peak Ende Januar wieder. Bald 500 Millionen registrierte Infizierte und 6,2 Millionen Corona-Tote verzeichnet die Johns Hopkins University inzwischen. Dem stehen 11 Milliarden schützende Impfdosen gegenüber, die allerdings hauptsächlich in reichen Ländern verabreicht wurden.

Weltweit macht sich eine Stimmung breit, als sei die Pandemie nun vorbei. Doch die Weltgesundheitsorganisation warnt vor vorschnellen Schlüssen und einer trügerischen Sicherheit. Wir berichten aus 13 Ländern über die aktuelle Entwicklung:

Kolumbien: Corona, wie?

Von Katharina Wojczenko, Themenmagazin Südamerika+Reporterinnen, Bogotá

„Corona gibt es nicht mehr in Kolumbien.” Der halbernst gemeinte Satz nach einer Partynacht in der Hauptstadt Bogotá klingt nach. Auf dem Weg zum Ort der Veranstaltung gilt noch Mundschutzpflicht im Taxi. Beim Bezahlen des Eintritts schreiben die Türsteher die persönlichen Daten inklusive Mailadresse und Telefon auf. Nach dem Impfpass fragt niemand. Drinnen tanzt und singt das Partyvolk, fast alle ohne Mundschutz. Es ist ein Gefühl wie vor der Pandemie.

Tatsächlich ist Corona kaum ein Thema mehr in Kolumbien. In Bogotá ist seit Anfang März der Mundschutz im öffentlichen Raum und in Freiluft keine Pflicht mehr – wohl aber immer noch in geschlossenen Räumen und im Nahverkehr. In Bogotá laufen dennoch relativ viele Menschen auf der Straße noch mit Mundschutz herum – und in geschlossenen Räumen auch ohne. Theorie und (Covid-)Praxis klaffen in Kolumbien schon immer auseinander.

Offiziell gilt noch bis Ende April der Gesundheitsnotstand. Die nationalen Regelungen zu Corona, die auf der Seite des Gesundheitsministeriums stehen, wurden seit 2020 nicht aktualisiert. Es ist praktisch unmöglich herauszufinden, welche Regeln im Alltag noch gelten.

Corona gibt es durchaus noch: Laut Gesundheitsministerium sind es derzeit fast 4.000 aktive Fälle (und das, obwohl kaum mehr getestet wird) und fast 140.000 Covid-Tote. Am 5. April wurden zehn Todesfälle gemeldet. Der nationale Impfplan befindet sich derzeit in der Endstufe: Von den rund 51 Millionen Kolumbianerïnnen haben fast 35 Millionen das komplette Impfschema (also doppelt geimpft oder Monodosis Johnson und Johnson). Das ist eine Quote von 68,6 Prozent.10,5 Millionen sind sogar geboostert.

Brasilien: Manaus wurde unfreiwillig zum Experiment

Von Ulrike Prinz, Themenmagazin Südamerika+Reporterinnen

Am 1. April hat Brasilien die Zahl der Todesfälle durch das Coronavirus von 600.000 überschritten. Damit hält das Land weiterhin den Rekord der meisten Corona-Toten nach den USA. Dennoch: Die Situation hat sich beruhigt. Genau zwei Jahre nach ihrer Einführung fällt die Maskenpflicht der Brasilianerïnnen bei der Arbeit und in Innenräumen.

Auch in Manaus, wo die Pandemie am schlimmsten gewütet hatte, entspannt sich das Leben wieder. Die meisten Leute tragen weiterhin ihre Masken und waschen sich die Hände. Vor zwei Jahren hatte hier am Tor zum Amazonas das Virus fast ungehindert wüten können. Massengräber wurden ausgehoben. Die Stadt war unfreiwillig ein Experiment in Sachen Herdenimmunität geworden. Im September 2020 hatte eine Studie gezeigt, dass bei 66 bis 70 Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen Covid-19 nachweisbar waren. Dennoch erlebte Manaus zu Beginn des Jahres 2021 die zweite tödliche Superwelle, das Gesundheitssystembrach zusammen und es fehlte an Sauerstoff.

Am 4. April 2022 werden im Bundesstaat Amazonas insgesamt nur 26 neue Infektionen protokolliert und die 7-Tage-Inzidenz liegt bei nur 40. Obgleich die Dunkelziffer der Neuinfektionen viel höher liegen dürfte, da Brasilien täglich nur 30 Personen (pro 100.000 Einwohner) testet, während es in Deutschland über 400 sind. Dass die Zahlen in Manaus und im Bundesstaat Amazonas vergleichsweise nicht so hochschnellten, hat sicherlich mit der guten Impfquote aber auch mit der schlimmen Durchseuchung während der ersten beiden Wellen zu tun.

Ecuador: Die Erinnerung verblasst

Von Sandra Weiss, Themenmagazin Südamerika+Reporterinnen

Die Hafenstadt Guayaquil hatte es in der ersten Welle besonders schlimm getroffen, von dort gingen im März und April 2020 Bilder wie aus Norditalien um die Welt: Menschen, die auf der Straße tot umkippten und Leichen, die auf Parkbänken abgelegt wurden, weil die Bestattungsunternehmen nicht nachkamen. Das hat ein nationales Trauma verursacht. Und wohl deshalb ist Ecuador weiterhin recht strikt. In vielen Restaurants und Einkaufszentren der Hauptstadt Quito muss man seinen Impfpass vorzeigen, um Einlass zu bekommen. Weiterhin herrscht Maskenpflicht im öffentlichen Raum, und die Menschen halten sich recht diszipliniert daran. Etwas lockerer sieht man das am kaum besiedelten Amazonas, wo ich mit einer Gesundheits-und Impfbrigade in indigenen Gemeinden unterwegs war. In der tropischen Schwüle behindert die Maske die Atmung doch sehr, und draußen trägt sie eigentlich kaum noch jemand. In Innenräumen hingegen sieht man sie noch, allerdings nicht besonders diszipliniert. Sind keine Gäste in Sicht, setzen Hotelportiers und Bedienungen sie auch gerne mal ab.

Eine Frau mit Kopftuch bekommt eine Corona-Impfung. Menschen in weißen Kitteln stehen darum.
Die Zahl der Impfungen geht in Tunesien beständig zurück. Gerade mal rund 5000 Personen haben sich Anfang April ihren Booster abgeholt.
Etwa 20 Protestierende liegen auf dem Boden und halten Schilder fest, auf denen Ländernamen mit Corona-Todeszahlen stehen. Dahinter ein Plakat: „End Covid Monopolies“
Demonstration für die Freigabe von Patenten auf Corona-Impfstoffe vor der New Yorker Börse Mitte März 2022.
Eine Verkäuferin bedient eine Kundin im Supermarkt. Beide tragen keine Maske.
In der Schweiz ist die Maskenpflicht im Supermarkt bereits seit Mitte Februar aufgehoben. Seit dem 1. April gilt dort die „normale Lage.“

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Redaktion: Patricia Friedek