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Klönen auf Parkplätzen

Bevölkern plötzlich Menschen Parkbuchten, ist wieder Parking Day. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, wie jeden dritten Freitag im September.

20.09.2019
7 Minuten
Zwei Parkplätze sind mit Kunstrasen ausgelegt. Zimmerpflanzen bilden eine grüne Absperrung zur Fahrbahn. Außerdem wurden über die Pflanzen an einer Wäscheleine bunte Kinderzeichnungen aufgehängt. Ein Sofa, zwei alte Schulpulte und jede Menge Stühle für Groß und Klein sollen zum Verweilen und Malen einladen.

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Ticket ziehen, Rollrasen ausbreiten, Liegestuhl ausklappen – fertig ist der Minipark vor der Parkuhr. Am heutigen Parking Day verwandeln Stadtbewohner Stellplätze für kurze Zeit in Minioasen.

Dass Autos in der Stadt fahren und auch parken sollen, steht außer Frage. Das Ausmaß ist allerdings kritisch: Fast 47 Millionen Pkw besitzen die Deutschen. Genutzt werden sie allerdings nur etwa eine Stunde am Tag. Die übrige Zeit stehen sie herum. Inzwischen gibt es so viele Pkw in den Städten, dass sie sich gegenseitig das Fahren und Abstellen schwer machen. Staus sind an der Tagesordnung, ebenso wie wildes Parken und das Halten auf verbotenen Wegen.

Damit wollen sich viele Stadtbewohner weltweit nicht mehr abfinden. Seit 2005 zeigen sie am dritten Freitag im September, wie sich die Stellflächen stattdessen nutzen lassen: beispielsweise als Spielplatz, Liegewiese oder Minipark mit ein paar Bäumen vor der eigenen Haustür. Jedes Jahr ziehen mehr Aktivisten auf die Straße beziehungsweise auf den Parkplatz – auch in Deutschland, von Kiel bis Konstanz.

Die Aktivisten haben Rasen als Riesenherz zugeschnitten und eine Biergarnitur nebst Sonnenschirm aufgestellt
Grüne Wiese in Herzform statt grauer Asphalt: Dieser Parkplatz in München lädt durchaus zum Verweilen ein
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Zwischen Autos zu sitzen, klingt zunächst wenig verlockend. Allerdings haben sich Cafés und Restaurants längst in die Parkbuchten vor ihrem Fenstern ausgebreitet und trennen sie per Zaun oder Pflanzenkübel von der Fahrbahn ab. Das funktioniert auch in Wohnstraßen. Dort können ein paar Bäume und Sitzgelegenheiten einen schnöden Stellplatz in einen Nachbarschaftstreffpunkt verwandeln. Das hat Olivia Schwedhelm in diesem Sommer erlebt.

Im Mai war sie in Stuttgarts Mitte gezogen, in die Moserstraße. „Dort gibt es keine Bäume oder Sitzmöglichkeiten, nur Blech und Asphalt“, sagt sie. An heißen Sommertagen fand sie das Klima in der schmalen Einbahnstraße unerträglich. „Man konnte sich dort keine fünf Minuten aufhalten“, sagt sie. Das änderte sich schlagartig als die Wanderbaumallee Stuttgart mit zehn mobilen Bäumen und sechs Sitzgelegenheiten dort Station machte. (Busy Streets berichtete) Selbst der wenige Schatten unter den Bäumen war begehrt. Die Senioren nutzten die Mini-Grünanlage für eine Verschnaufpause mit ihren Einkaufstaschen, Familien mit Kleinkindern aßen dort zu Abend. Auch die Gäste aus dem naheliegenden Café zog es mit ihren Erfrischungen auf die Holzbänke und die Nachbarn trafen sich regelmäßig zum entspannten Feierabendplausch.

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Nicht am Straßenrand, sondern mitten auf der Straße haben die Aktivisten von der Wanderbaumallee Stuttgart die zehn Bäume und sechs Hochbeete nebst Sitzgelegenheiten in einem Oval platziert.
Nachbarschaftstreffpunkt mitten auf der Straßen.
Zwei Männer und zwei Frauen stehen auf den Stufen des Hauseingangs und singen. Ein weiterer Mann sitzt neben ihnen und spielt Gitarre. Rund ein Dutzend Anwohner in Sommerkleidern stehen oder sitzen zwischen den fünf Bäumen der Wanderbaumallee und hören ihnen zu.
In jeder Straßen wurden die zehn Bäume und sechs Sitzgelegenheiten unterschiedlich arrangiert.
Sieben junge Erwachsene sitzen bei Sonnenschein unter den vier Bäumen vor ihrer Haustür und unterhalten sich.
Klönschnack vor der Haustür
Die Anwohner sitzen auf mitgebrachten Bierbänken an der Hauswand und lauschen einer Sängerin, die auf der Straße steht und singt
Noch mehr Musik: Die Anwohner nutzten das neue Raumangebot rege

„Manche haben sich über die Whatsapp-Gruppe verabredet“, sagt Olivia Schwedhelm. Andere kamen spontan dazu. Für sie als Zugezogene war die Wanderbaumallee eine Kontaktbörse für die Nachbarschaft. „Es war deutlich einfacher sich unter den Bäumen zu verabreden als jemanden, den man kaum kennt, auf den heimischen Balkon einzuladen“, sagt sie.

Die Mitglieder der Wanderbaumallee Stuttgart wollen, wie die Aktivisten des Parking- Days, mit ihrem Experiment eine Diskussion über den öffentlichen Raum anstoßen. Sie brachten die Bäume in die Straßen, damit sich die Anwohner den Wandel überhaupt vorstellen konnten. Susanne Scherz, die Leiterin der Stuttgarter Straßenverkehrsbehörde, findet die Idee gut. Die Städte und der Verkehr befänden sich im Wandel, sagt sie. Für sie und ihre Mitarbeiter schaffe das Projekt einen echten Mehrwert. Die positiven wie negativen Rückmeldungen spiegelten ihnen sehr genau wider, welche Veränderung die Anwohner momentan akzeptieren. Zahlenmäßig halten sich laut Susanne Scherz pro und contra die Waage.

An einer Station empfanden die Anwohner den Tausch von Park gegen Parkplatz als Belastung, wie Susanne Scherz sagt. Dort hätten allerdings Baustellen die Stellplätze bereits verringert. Anderorts dagegen waren Anwohner begeistert und wünschten sich sofort eine dauerhafte Begrünung nach dem Projekt.

Was heißt das für die Wanderbaumallee und die Aktivisten des heutigen Parking Days? Die Arbeit der Aktivisten wird weitergehen. Immer mehr Menschen ziehen in die Städte, für sie sind Orte vor der Haustür wichtig, die allen gehören. Wie der Wandel im Quartier aussehen könnte, macht Amsterdam vor. Dort sind bereits ehemalige Autostellplätze zu farbenfrohen Grünflächen geworden. Vorher-Nachher-Bilder zeigt das Video ab Minute 1,48’.

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Die Regierung der Grachtenstadt fördert diesen Prozess im Zentrum. Dort soll die Zahl der Bewohnerparkausweise und damit die Zahl der Parkplätze jährlich um 1.500 reduziert werden, bis 2025 um mehr als 10.000. Mit diesem Vorhaben hat die Partei GroenLinks (Grüne Linke) 2018 unter anderem die Wahlen gewonnen.

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Andrea Reidl

Andrea Reidl

Andrea Reidl arbeitet als Journalistin, Moderatorin und Buchautorin


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Lektorat: Martin C Roos
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