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Fußwege aufräumen – Wild-West-Parken abschaffen

Lange Zeit haben Verkehrsplanerïnnen den Fußverkehr buchstäblich an den Straßenrand gedrängt. Im Interview erklärt Roland Stimpel vom Lobbyverband FUSS e.V., warum bald trotzdem mehr Menschen zu Fuß gehen und was Paris besser macht

13.11.2021
4 Minuten
Ein Transporter parkt auf dem Gehweg vor einer Eckkneipe

Zu Fuß gehen ist in Deutschland oft ziemlich anstrengend. Denn die Gehwege sind schon lange nicht mehr nur zum Gehen da. Sie sind die Abstellräume der Allgemeinheit. Hier werden Fahrzeuge mit zwei und vier Rädern geparkt, Werbetafeln abgestellt und gerne auch mal der alte Schuhschrank. An Ampeln wartet, wer zu Fuß geht, erst sehr lange, um dann bei Grün möglichst schnell über die Kreuzung zu sprinten.

Wer es nicht schafft, muss sich mit all den anderen seiner Art auf den meist viel zu schmalen Verkehrsinseln zusammendrängen, während einen halben Meter vor und hinter ihnen Autos und Lastwagen mit 50 km/h vorbeibrettern. Wer dann noch aufgrund eines Handicaps an hohen Bordsteinkanten scheitert, geht mit seinem Rollator auf der Straße oder bleibt gleich ganz zu Hause. Der Fußverkehrsexperte Roland Stimpel vom Lobbyverband FUSS e.V. erklärt, was sich ändern muss, damit zu Fuß gehen mehr Spaß macht.

Busy Streets: Seit Beginn der Corona-Pandemie gehen die Menschen in Deutschland mehr zu Fuß als in den Vorjahren, das zeigen die Untersuchungen von Infas. Ist das nur ein kurzes Zwischenhoch oder bleibt es dauerhaft dabei?

Roland Stimpel: Corona-Trends sind Sondereffekte, daran muss nichts nachhaltig sein. Aber es gibt drei Faktoren, die in den kommenden Jahren dazu führen, dass wieder mehr Menschen zu Fuß gehen. Einer ist der demografische Wandel. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Menschen ab ihrem 60. Lebensjahr wieder mehr gehen. Jetzt kommt die Babyboomer-Generation, die um 1960-Geborenen, in das Alter und sie sind eine sehr große Kohorte. Deshalb wird der Fußgängeranteil steigen. Außerdem fördert und fordert der Umbau der Innenstädte das Zufußgehen. Flächen müssen entsiegelt werden, damit Innenstädte klimaresilienter werden. Da hilft der besonders flächeneffiziente Fußverkehr. Grünere Zentren regen ihrerseits zum Gehen an. Hinzu kommt, dass nach wie vor viele Menschen in die Städte ziehen. Der Platz bleibt knapp. Wenn wir weiterhin alle mobil sein wollen, muss die vorhandene Fläche besser verteilt werden. Das heißt: Aktive Mobilität muss deutlich stärker gefördert werden als bisher. Davon profitiert dann auch der Fußverkehr.

Roland Stimpel steht auf einer Brücke in Berlin und blickt in die Kamera
Roland Stimpel, Journalist und Autor, engagiert sich seit 2018 ehrenamtlich im Lobbyverband FUSS e.V.

Busy Streets: Berlin hat im Frühjahr das bundesweit erste Fußgängerïnnengesetz beschlossen. Damit soll zu Fußgehen insbesondere für ältere Menschen und Kinder leichter werden. Berlin will die Zahl der Zebrastreifen erhöhen, mehr Mittelinseln schaffen, die Bordsteine absenken, mehr temporäre Spielstraßen einrichten und die Ampelphasen verlängern. Reicht das wirklich aus?

Roland Stimpel: Das Fußgängergesetz hat großartige Ziele. Wir wären sehr glücklich, wenn sie umgesetzt werden. Allerdings sind wir skeptisch. Denn Berlin hat ein großes Umsetzungsdefizit. In den Corona-Monaten haben wir aus Fußgängerperspektive viele Rückschläge erlebt. Der Autoverkehr hat in Berlin stark zugenommen, auf den Gehwegen sind deutlich mehr Radfahrer unterwegs als in den Vorjahren und es werden immer mehr E-Scooter auf den Gehwegen abgestellt und gefahren. Für uns wäre es zurzeit schon ein großer Gewinn, wenn die Fußwege freigehalten werden.

Busy Streets: Das Problem mit Falschparkerïnnen auf Gehwegen haben vielen Städte. Funktioniert das in anderen Ländern besser?

Roland Stimpel: Auf jeden Fall. Ein anschauliches Beispiel ist Paris, die Fußgängermetropole Europas. Die Hälfte aller Wege wird dort zu Fuß zurückgelegt. Das funktioniert auch, weil die Wege konsequent freigehalten werden.

Vor einigen Jahren wurde noch infrage gestellt, dass zu Fuß gehen überhaupt Verkehr ist.

Busy Streets: Wie schaffen es die Behörden, das Wild-West-Parken zu unterbinden?

Roland Stimpel: Die Bußgelder sind mit 135 Euro für das Zuparken von Gehwegen deutlich höher als in Deutschland und es wird regelmäßig kontrolliert. Hinzu kommt, dass die Stadt sehr konsequent den Parkverkehr regelt. Für die 20.000 Räder aus dem städtischen Vélib-System gibt es 1400 Mietstationen, die meisten davon befinden sich Fahrbahnrand. Dort werden auch die Motorradparkplätze installiert, die Ladesäulen für Elektroautos oder die Haltezonen für E-Scooter. In Deutschland wird all das auf dem Fußweg abgestellt.

Busy Streets: Im Sommer 2019 wurde das Abstellen von E-Scootern auf den Gehwegen in Paris offiziell verboten. In der Pressemitteilung hieß es damals, sie seien „eine Quelle der Unsicherheit für Fußgänger, insbesondere für ältere Menschen und Kinder“ und ihr oft anarchisches Parken störe die Bewegungsfreiheit von Eltern mit Kinderwagen und Menschen mit Behinderungen. Der Fußverkehr genießt demnach einen hohen Stellenwert in Paris. Wie ist das hierzulande?

Roland Stimpel: Vor einigen Jahren wurde noch infrage gestellt, dass zu Fuß gehen überhaupt Verkehr ist. Das hat sich aber geändert. Im April haben die Verkehrsminister der Länder beschlossen, den Fußverkehr zu stärken und als gleichberechtigten Verkehrsmodus anzuerkennen. Das war für uns ein wichtiger Schritt. Die Minister und Ministerinnen haben 18 Punkte aufgelistet, um den Fußverkehr zu stärken – viele davon aus unserem Katalog von 66 Forderungen übernommen. Sie umzusetzen, ist nun die Aufgabe der nächsten Bundesregierung

Busy Streets: Was fordern der Fuß e.V. konkret von der neuen Bundesregierung?

Roland Stimpel: Unser zentrales Ziel ist Tempo 30 überall dort, wo Menschen ungepanzert auf der Fahrbahn unterwegs sind – ob quer zu Fuß oder längs auf Zweirädern. Das wäre ein immenser Gewinn an Sicherheit für alle. Bei der Geschwindigkeit kommt ein Auto schon nach etwa 13 Metern zu stehen, wenn ein Kind zu Fuß oder per Rad die Fahrbahn quert. Bei Tempo 50 erst nach 27 Metern. Viele der heutigen Unfälle würden bei der deutlich niedrigeren Geschwindigkeit gar nicht erst passieren – und wenn, dann wären die Folgen nicht ganz so schlimm. Wir sind sehr zuversichtlich, dass die nächste Verkehrsministerin nicht wie Andreas Scheuer alle Initiativen von Städten für Tempo-30-Versuche abwürgt. Viele Städte wollen das ja – so Leipzig, Aachen, Augsburg, Freiburg im Breisgau, Hannover, Münster und Ulm.

Busy Streets: Herr Stimpel, vielen Dank für das Gespräch.

Im August ist Roland Stimpels Buch „Wer langsam macht, kommt eher an. Verkehr abrüsten – Mobilität gewinnen“ im Eigenverlag „epubli“ erschienen.

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Andrea Reidl

Andrea Reidl

Andrea Reidl arbeitet als Journalistin, Moderatorin und Buchautorin


Busy Streets

Wie soll die Stadt von morgen aussehen? Bei „Busy Streets“ geht es um nachhaltige Mobilität und die Entwicklung unserer Städte. Ich berichte schon seit längerem für große Medien über Sharing-Angebote, Radverkehr, autonome Fahrzeuge und Stadtbewohner, die Plätze und Grünflächen zurückerobern.

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