“Das Gesundheitsamt hat sich nie wieder gemeldet”

Claudia hatte typische Corona-Symptome. Trotzdem wurde sie nicht getestet

Ein Beitrag des Projekts #50survivors

Diesen Arztbesuch am 15. Mai werde ich nie vergessen. Unser Hausarzt war leider in Rente gegangen, nun saß ich zum ersten Mal vor seinem Nachfolger. Mein 12-jähriger Sohn hatte heftige Halsschmerzen bekommen. Einen Tag später fingen die Symptome bei mir an. Ich dachte sofort an Corona – und bekam Angst. Auf keinen Fall wollte ich meinen Mann und meinen 2-jährigen Sohn anstecken. Der Hausarzt untersuchte uns, schloss eine bakterielle Ursache aus. Es sei ein Virus, sagte er. „Corona?“, fragte mein Sohn. Der Arzt war unsicher. Könnte sein, sagte er, könnte auch nicht sein. Dazu müsse er einen Test machen. Wir sollten uns das übers Wochenende überlegen.

Am Wochenende ging es mir immer schlechter. Ich fühlte mich schlapp, hatte staubtrockenen Husten, Halsweh und schreckliche Kopfschmerzen. Die üblichen Tabletten halfen nicht. Dann bekam ich Durchfall. Und massive Nierenschmerzen. Auch mein Sohn litt. Das war ernst. Wir waren noch nie zuvor so krank gewesen.

"Die Frau am Telefon sagte, dass man uns nicht testen würde"

Montag riefen wir beim Hausarzt an, Dienstag schleppten mein Sohn und ich uns wieder in die Praxis, zum Termin. Dort erklärte mir eine unfreundliche Arzthelferin, dass der Arzt uns über die Kosten eines Antikörpertests aufgeklärt habe. Ich dachte, ich falle aus allen Wolken! Der Arzt hatte weder gesagt, dass es um einen Antikörpertest geht – was bei einer akuten Infektion Schwachsinn ist – noch, dass wir den Test aus eigener Tasche bezahlen sollten. Wild fluchend verließ ich mit meinem Sohn die Praxis.

Im Auto, draußen auf dem Parkplatz, musste ich weinen. Wir hatten offensichtlich Corona-Symptome, wir hatten uns krank zum Arzt geschleppt, aber keiner schien uns ernst zu nehmen. 

Ich war verzweifelt und rief das Gesundheitsamt an. Die Frau am Telefon sagte, dass man uns nicht testen würde: kein Kontakt zu Infizierten, kein Auslandsaufenthalt, kein systemrelevanter Beruf. Sie sagte sowas wie: „Bleiben Sie einfach 14 Tage zu Hause. Wenn sie dann symptomfrei sind, können sie wieder raus. Und wenn es Ihnen schlechter geht, rufen sie den Krankenwagen.“

"Ich hoffe, man hört endlich auf die Erfahrungen von uns Überlebenden"

Das hat mich aufgeregt. Ich fühlte mich ohnehin schlecht wegen der ganzen Symptome. Und ich hatte Angst um das Leben meines Mannes und meiner zwei Söhne. Wir waren jetzt alle krank. Ich fühlte mich im Stich gelassen und allein mit unseren Ängsten, Sorgen und Symptomen. Eine Corona-Infektion ist doch kein Privatproblem.

Dabei haben wir noch Glück gehabt: Wir hatten recht milde Verläufe. Aber wir haben alles allein durchgestanden: Kein Arzt hat sich um uns gekümmert, das Gesundheitsamt hat sich nie wieder gemeldet. Ich habe bis heute keinen Zweifel, dass es Corona war. So eine Krankheit hatte ich nie zuvor. Die Symptome waren eindeutig. Und doch, selbst jetzt erlebe ich immer wieder, dass manche Menschen uns schräg anschauen – weil wir nicht getestet worden sind. Die erste Reaktion ist oft: „Wurdet ihr getestet? Nein?! Naja, dann kann es ja alles gewesen sein.“ Nach dem Motto: „Wo kein Corona draufsteht, ist auch kein Corona drin.“ Das macht mich unglaublich wütend.

Wenn ich dann morgens in den Nachrichten die neuesten Infektionszahlen sehe, muss ich lachen. Diese Zahlen können niemals stimmen! Wenn Leute wie wir nicht getestet werden, dann gibt es tausende Infizierte dort draußen, von denen keiner weiß. Und von denen man nur hoffen kann, dass sie bei den kleinsten Symptomen freiwillig zu Hause bleiben. Ich hoffe, man hört endlich auf die Erfahrungen von uns Überlebenden.

Was tun wir?

Im Dialog-Projekt #50survivors stellen wir 50 Covid19-Überlebenden über Wochen hinweg Fragen, jede Woche zu einem bestimmten Thema. Zu Beginn haben wir nach der Ansteckung gefragt, fortsetzen werden wir mit Fragen wie “Was hat sich seit der Erkrankung verändert?” oder “Welche Menschen wissen von der Erkrankung?”.

Wie genau die Ansteckung erfolgen kann, wie man sich selbst am besten schützt und welche Gefahr man als Infizierter für andere ist: All das erklären versierte WissenschaftsjournalistInnen HIER ausführlich bei Riffreporter. Und warum manche Corona-Infizierte eine große Zahl von Menschen anstecken, wird HIER fundiert erläutert.

Die Texte der Teilnehmenden korrigieren wir orthografisch und behalten uns vor, sie stellenweise zu kürzen. Doch in ihre Art des Erzählens greifen wir nicht ein. Alle eigenen Beiträge haben wir sorgfältig auf ihre Präzision, Relevanz und Richtigkeit geprüft. Sie ersetzen aber nicht eine ärztliche Einschätzung und Beratung.

Gibt es Fragen, die Sie beschäftigen? Dann melden Sie sich gern via eMail: [email protected]

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#50survivors