Wir müssen reden

Drei Themen, die uns beschäftigen (sollten)

Die Zukunftsreporter – Ihre Korrespondenten aus möglichen Welten, in denen wir leben werden oder leben wollen

Von Rainer Kurlemann und Alexander Mäder

Ein vielleicht provozierender Satz zu Beginn: Das Schweigen in Deutschland muss überwunden werden. Als Wissenschaftsjournalisten erleben wir häufig einen seltsamen Widerspruch. Forscher stellen neue Konzepte vor oder dokumentieren negative Entwicklungen, aber ihre Ergebnisse finden nur wenig Interesse. Dabei gibt es viele Fragen, die Deutschland beschäftigten sollten. Beispielsweise die Folgen und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Die bewusste und unbewusste Manipulation von Menschen. Oder, drittens, der bessere Umgang mit den Ressourcen. Zu diesen Themen liefern wir Ihnen heute ein paar Diskussionsansätze.

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Thema 1: Künstliche Intelligenz

Die KI ist ein mächtiges Instrument, aber nicht leicht zu durchschauen.
Die KI ist ein mächtiges Instrument, aber nicht leicht zu durchschauen.

Im Jahr 2019 werden wir dem Thema Künstliche Intelligenz besondere Aufmerksamkeit schenken, denn es wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung als zentrales Thema des Wissenschaftsjahres 2019 ausgewählt. Eine längst überfällige Entscheidung. Die KI wird bereits in vielen Bereichen unseres Lebens eingesetzt, doch die Reichweite und Tiefe der damit verbundenen Veränderungen überschauen wir noch nicht. Viele Menschen vergleichen den Einsatz der KI mit dem Einzug der Roboter in die Fabrikhallen. Doch das ist nur ein kleiner Teil dessen, was uns erwartet. Wir müssen viel grundsätzlichere Fragen klären. Die vielleicht wichtigste lautet: Welche Entscheidungen überlassen wir der Künstlichen Intelligenz?

Das ist weit mehr als nur eine theoretisch-philosophische Betrachtung, sondern eine Frage mit ganz praktischen Auswirkungen. Wenn ein autonom fahrendes Fahrzeug einen Unfall nicht verhindern kann, soll es dann eher die Insassen im Fahrzeug schützen oder die Passanten auf der Straße? Ein anderes Beispiel: Ein Staubsauger-Roboter überfährt eine Spinne und einen Marienkäfer, die auf dem Boden sitzen und saugt sie auf - doch die meisten Menschen würden anders handeln: Die Spinne landet im Sauger, der Marienkäfer wird dagegen gerettet. Sollte sich die KI diesem Verhalten anpassen? Wir Zukunftsreporter haben vier weitere Beispiele auf der Basis von aktueller Forschung als Zukunftsszenarien ausgearbeitet - als mögliche Einstiege in eine gesellschaftliche Diskussion. Hier einige Auszüge aus den Szenarien:

"Die Analyse von Helene, unserer KI, bleibt rätselhaft und ich muss zugeben, dass ich ratlos bin“, hört José Roberto da Silva Schäfer seine Chefin sagen. „Ich würde ihre Logik gerne verstehen, wenn wir unsere Strategie danach ausrichten sollen.“  In diesem Szenario empfiehlt die Künstliche Intelligenz in einem Unternehmen überraschende strategische Entscheidungen.
Dr. Pascal Hirmer öffnete die Nachricht von MediBrain und erschrak. Den Namen Janine G. hatte er nicht auf seiner Liste. Im Gegenteil: Heute hätte er Frau G. über ihre guten Aussichten auf Genesung aufklären wollen. Nun aber prognostizierte MediBrain den Tod der jungen Mutter innerhalb von sechs Monaten. Hier beurteilt die KI die Überlebenschancen von Patienten im Krankenhaus.
"Der Computer kennt Millionen Bilder von Organen im gesunden Zustand und in den verschiedenen Phasen der wichtigsten Erkrankungen. Manche Menschen verlassen das Untersuchungszimmer im öffentlichen Institut für Radiologie kreidebleich. Sie haben die Empfehlung bekommen, bald einen Arzt aufzusuchen."  Hier geht es um die Frage, ob Computer die besseren Diagnosen stellen, weil sie im Unterschied zu Ärzten nichts übersehen.
„Wenn die Revolution in der Biotechnologie mit der Revolution in der Informationstechnologie verschmilzt, werden daraus Big-Data-Algorithmen entstehen, die meine Gefühle viel besser überwachen und verstehen können als ich selbst, und damit wird sich die Macht vermutlich von den Menschen hin zu den Computern verschieben." Dieses Zitat stammt nicht von uns Zukunftsreportern, sondern vom Bestseller-Autor Yuval Noah Harari. Aber es passt gut zu unseren Themen, deshalb beschäftigen wir uns mit seinem neuen Buch.

Thema 2: Manipulation von Menschen

Der Mensch - ein einfach zu kontrollierendes Herdentier?
Der Mensch - ein einfach zu kontrollierendes Herdentier?

In Yuval Hararis Buch geht es auch um die Frage, wie sich Menschen beeinflussen lassen. Bei diesem Thema denken wir häufig an die Algorithmen von Facebook oder Twitter, die in einer nicht transparenten Art und Weise vorsortieren, welche Informationen uns erreichen und welche wir gar nicht zu sehen bekommen. Aber in einer Welt, in der immer mehr Daten gesammelt und immer mehr Informationen zur Verfügung stehen, lohnt es sich, über den Tellerrand hinauszuschauen. Welche Rolle nehmen Informationen in unserem Leben ein und welchen Quellen vertrauen wir? Viele Menschen verlieren das Vertrauen in die Wissenschaft und die offiziellen Stellen. Benötigen wir neue Konzepte zur Beteiligung der Bürger, um dem entgegenzuwirken? Oder hat die Bevölkerung bereits die Lust daran verloren? Vier Gedanken zur Veränderung in der Gesellschaft im Umgang mit Informationen:

"Sie sehen, dieser Minister findet selbst hier bei diesem kritischen Publikum Sympathien. Dabei orientiert er sich nicht an den soliden Erkenntnissen der langjährigen Forschung, sondern an seinem eigenen Urteil. Er sucht sich wild aus, woran er glaubt und was er gut findet.“ Dieses Szenario fragt, ob Populismus in der Zukunft überall salonfähig sein wird.
Beim Nudging lassen wir nur die Optionen in einem anderen Licht erscheinen: Wir geben zum Beispiel die Information, dass andere Menschen mehr Sport treiben oder seltener ins Flugzeug steigen als man selbst. Natürlich möchten wir Menschen damit nahelegen, sich für eine bestimmte Option zu entscheiden. Aber niemand muss sich daran orientieren. Nudging ist eine neue Technik der Psychologie zur "sanften" Manipulation.
Peter Gesslick hatte viele Jahre den Versprechungen der Automobilindustrie und der Politiker geglaubt. Doch dann hatte er sich an einem heißen Tag, als die Grenzwerte wieder einmal übertroffen wurden, einfach auf die Straße gesetzt. Mitten in den Verkehr. 'Die Luft gehört den Menschen, die hier leben“, stand auf seinem Plakat. In diesem Szenario leisten Bürger Widerstand gegen Abgase und messen die Schadstoffe in Eigenregie.
Ich habe leider nicht das Glück, so lange zu leben. Doch wie gesagt, darauf war ich vorbereitet. Ich wusste immer, dass ich nichts auf den Ruhestand vertagen darf. Die Kollegen, die eine bessere genetische Perspektive hatten, haben ihr Leben eben anders geplant, damit sie sich im Alter ein bisschen mehr Luxus gönnen können. Hier lesen Sie den Abschiedsbrief eines Menschen, der sein Leben nach den Ergebnissen seiner DNA-Analyse ausrichtete.

Thema 3: Nachhaltigkeit

Blauer Himmel mit Wolken über Dänemark im August
Blauer Himmel mit Wolken über Dänemark im August

Die lange Trockenheit und die hohen Temperaturen im Herbst könnten zu den ersten eindeutigen Folgen des Klimawandels zählen. Auf jeden Fall ist klar, dass die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt. Sie geht nicht nachhaltig mit den natürlichen Ressourcen des Planeten um. Dabei sehen sich die Deutschen gern als Musterknaben: Sie trennen Müll, kaufen Bio-Produkte, leben vielleicht sogar vegan und zahlen alle eine Öko-Strom-Abgabe. Auf die globale Bilanz hat das keinen besonders positiven Einfluss, im Gegenteil: Deutschland schneidet im internationalen Vergleich eher schlecht ab. Wie lange wollen und können wir uns diese wenig nachhaltige Lebensweise noch leisten? Die Ziele des Klimavertrags von Paris sind praktisch nicht mehr zu erreichen, denn dafür müssten die Emissionen drastisch sinken. Die Bereiche Ernährung und Textilien sind zwei weitere Beispiele, die zeigen, wie wenig unser alltägliches Verhalten mit unseren ökologischen Ansprüchen übereinstimmt. Vier Leseempfehlungen:

Stellen wir uns doch einmal vor, die Menschen in Pakistan würden plötzlich lautstark etwas einfordern, was in Deutschland selbstverständlich ist: sauberes Wasser. In großen Demonstrationszügen ziehen die Arbeiter der Textilindustrie durch die Straßen. Sie greifen direkt die Konsumenten an und skandieren: „Pay five dollars more“. Dieses Szenario beschäftigt sich mit den ungleichen Produktionsbedingungen auf der Welt.
„Warum hat ein Staat wie Deutschland die Treibhausgase nicht einfach verbieten können?“, fragt Emilia Millenberg, nachdem die Schüler den Text gelesen haben. „Weil keiner Lust dazu hatte“, ruft ein Schüler in die Klasse. „Die wollten es sich gut gehen lassen“, stimmt ein anderer zu." Ein Gespräch im Unterricht in einigen Jahren: Es geht um die Frage, warum niemand den Klimawandel verhindert hat, obwohl alle davon wussten.
Mit eigenen Bioreaktoren im Haus können Menschen ihre Ernährung künftig selbst in die Hand nehmen, und die Ideen der Köche zeigen, dass es keine faden Ersatzprodukte sein müssen. Wir können allen günstige, gesunde und leckere Gerichte ermöglichen, wenn wir nur wollen.  Landwirtschaft ohne Felder, das synthetische Fleisch kommt hier aus dem 3D-Drucker.
Umweltschützer finden immer häufiger Schadstoffe in Flüssen und im Grundwasser. Arzneimittel-Rückstände, Mikroplastik, Pflanzenschutzmittel und Industriechemikalien. Langsam formiert sich die Gruppe der Aquaner, die nur noch Quellwasser trinkt. Es gibt zwei Optionen, wie wir auf Schadstoffe in der Umwelt reagieren können. Entweder produzieren wir sauberer - oder wir leisten uns stattdessen den Import teurer, exklusiver Lebensmittel.


Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-Koralle „Die Zukunftsreporter“. Eine Übersicht unserer Artikel finden Sie hier. Wir freuen uns, wenn Sie unsere Arbeit mit einem freiwilligen Beitrag finanziell unterstützen. Herzlichen Dank!

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