Nationalmannschaft im Exil

In Syrien gehörten die vier Männer zu den besten Radsportlern des Landes. Dann machte der Krieg sie zu Flüchtlingen. In Deutschland wollen sie nichts als zurück auf den Sattel. Eine Reportage von Andrew Curry (Text) und Timm Kölln (Foto)

04. Dezember 2016

15. August 2015. In Latakia werden die syrischen Meisterschaften im Radrennfahren ausgerichtet. Die Hafenstadt mit etwa 100 000 Einwohnern am Mittelmeer ist zu dieser Zeit noch einer der wenigen Orte in Syrien, die von dem seit Anfang 2011 andauernden Krieg einigermaßen verschont geblieben ist.

Die Szenerie wirkte surreal. Einige Dutzend Männer – Mitglieder der Nationalmannschaft sowie Sportler aus den wenigen Städten, die das Regime noch kontrollierte – traten in gespenstisch leeren Straßen gegeneinander an. Soldaten mit Sturmgewehren bewachten jede Kreuzung. Stille. Nur wenige Kilometer entfernt errichteten russische Truppen einen neuen Flughafen, um das syrische Regime aus der Luft zu unterstützen.

Die Gewinner des Tages überraschten niemanden: Nazir Jaser, 26, ein Sprintspezialist, und sein WG-Genosse Yalmaz Habash, 30, ein drahtiger Experte für Bergstrecken. Die beiden waren seit Jahren die Stars der syrischen Nationalmannschaft gewesen, sie waren für ihr Land bei internationalen Rennen in Florenz und Südkorea angetreten.

Zwei Wochen später waren die beiden weg. Mit ihnen verließen auch Nabil Allaham, der Gewinner des U23-Rennens, und der frisch gekürte Jugendchampion Tarek Al Moakee das Land. Zusammen mit einem weiteren Junior-Radsportler und zehn Freunden und Verwandten machten sie sich aus dem kriegsgebeutelten Land auf den Weg nach Europa. Sie nahmen kaum etwas mit außer ihren Pässen, ihren Smartphones und der Hoffnung, dass sie ihre Karriere als Profi-Radsportler irgendwie in Europa fortsetzen könnten.

Sechs Wochen nach dem Rennen in Latakia fanden sich die Syrer an einem Nebeneingang des Berliner Velodroms ein, einem Betonbau, in dem mehr Konzerte als Radrennen stattfinden. Sie klopften an die Tür von Dieter Stein, einem früheren ostdeutschen Bahnrennfahrer, der das traditionelle Sechstagerennen organisiert.

Nabil Allaham – ein hochgewachsener Mann mit einem Abschluss in Buchhaltung und einem entspannten Lächeln – trat als Sprecher der Gruppe auf. Er erzählte Stein in einwandfreiem Englisch, dass er die Worte "cycling headquarters Berlin" gegoogelt hätte und gerne mit einem Verantwortlichen sprechen würde. Die Männer zeigten Stein ihre Papiere und hielten ihm ihre Smartphones vor die Nase, voll mit Bildern von Siegerehrungen, Rennen und Selfies an der Startlinie. Sie sagten, sie seien Radsportprofis aus Syrien.

Und sie wollten nun in Deutschland Rennen fahren. Die talentiertesten der syrischen Radrennprofis waren inmitten der größten Flüchtlingskrise in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland gekommen.

Allein 2015 gelangten fast eine Million Menschen aus bekannten Konfliktgebieten (wie Syrien oder Afghanistan) und weniger bekannten (Eritrea) nach Deutschland, zusammen mit Menschen aus ökonomisch zerrütteten Ländern wie Albanien, dem Kosovo und Mazedonien. Die Frage, wie man mit den Flüchtenden umgehen soll, treibt seither sehr viele Deutschen um – auch die Offiziellen des Radrennsports.

Eine Hand hält ein Smartphone, auf dem Display sieht man ein Foto, auf dem ein Mann im Schutt eines zerstörten Hauses steht.
Auf ihrem Smartphones erleben die Syrier die Schrecken des Krieges.

Um die Flucht zu finanzieren, verkauften sie ihre Räder

Als die Rennradprofis im Herbst 2015 im Velodrom vorstellig wurden, wussten sie bereits, dass ihre Anwesenheit und die von Hunderttausenden anderen Flüchtlingen die deutsche Gesellschaft spaltet. Sie wussten nicht, was sie erwartet. Dieter Stein erwies sich als Mann mit Herz. Kurz nach dem Treffen mit dem Syrern lud er Regionalmedien ins Velodrom ein, der Präsident des Berliner Radsport Verbands schüttelte den Neuankömmlingen demonstrativ die Hände . Doch wie es in der ganzen Gesellschaft Menschen gab, die an dem Mantra "Wir schaffen das" zweifelten, mit dem Bundeskanzlerin Angela Merkel die Deutschen zum Zupacken und Helfen aufgefordert hatte, so gab es auch im Radsport Skeptiker.

Heute gibt Frank Röglin zu, dass er einer von ihnen war. Er ist der Präsident der Neuköllner Rennfahrer-Vereinigung (NRVG) "Luisenstadt 1910", einem der ältesten Clubs der Hauptstadt. Er ist dem Radsport verbunden, seit er als Jugendlicher in den sechziger Jahren begann, an Rennen im Westteil der Stadt teilzunehmen. Radsport war damals so beliebt, sagt er, dass man in der Saison an jedem Wochenende woanders ein Rennen fahren konnte, ohne die Stadt verlassen zu müssen. Über fünfzig Jahre hinweg ist er dem Radsport treu geblieben, engagierte sich als Schatzmeister des Radsportverbands, machte den Trainerschein und trainierte den Nachwuchs. Seine Leidenschaft geht so weit, dass er sich vor ein paar Jahren eine Schrittmachermaschine kaufte, die er im Keller des Velodroms parkt. Er hat nie aufgehört, seine Beine zu rasieren.

Als Röglin im Herbst 2015 im Fernsehen die große Zahl ankommender Flüchtlinge sah, hatte er gemischte Gefühle. Die Grenzen zu schließen und diese Menschen in Kriegsgebiete zurückzuschicken, das konnte er sich nicht vorstellen. Aber er konnte sich auch nicht vorstellen, dass diese Menschen es jemals schaffen würden, in Deutschland Fuß zu fassen. Selbst viele der Türken, die seit den sechziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren, hatten dies nicht geschafft. Als Stein ihn im Oktober 2015 anrief und fragte, ob er Interesse hätte, syrische Radrennprofis zu trainieren, war Röglin perplex. Er überlegte einen Moment, dann sagte er zu.

An einem eiskalten Tag im Februar 2016 bin ich bei Röglin zuhause zu Gast. Ich habe nur kurz Zeit, die gemütlichen Sofas rund um seine Feuerstelle zu bewundern, seinen Weimaraner namens Wanda kennenzulernen und einen Blick in den gepflegten Garten zu werfen. Dann stellt Röglin mich den Männern aus Syrien vor. Mehrmals in der Woche trainiert Röglin sie abends im Velodrom. Tagsüber, erzählen sie, versuchen sie, Deutsch zu lernen. Aber was sie wirklich interessiert ist Radfahren. Nazir Jaser und seine Freunde zücken sofort ihre Handys, als ich sie nach ihren sportlichen Erfolgen frage. Sie zeigen mir Bilder von heiß geliebten Rädern, die sie verkaufen mussten, um Schlepper zu bezahlen. Jaser erzählt stolz, wie er noch vor zwei Jahren in Florenz gegen Radsportgrößen wie Bradley Wiggins und Fabian Cancellara angetreten sei. Alle vier haben ein Ziel vor Augen: sie wollen wieder als Radprofis arbeiten. Diesen Traum würden sie niemals aufgeben. Jaser lehnt sich nach vorne, um seinen in Arabisch gesprochenen Sätzen, die Nabil Allaham übersetzt, Nachdruck zu verleihen: "Wenn ich Deutsch gelernt habe, möchte ich meine Karriere als Athlet vollenden. Ich weiß, dass ich von den Top-Profis, von der World Tour, weit entfernt bin", sagt er. 

"Aber die etwas niedrigeren Level? Da bin ich nicht so weit weg. Ich bin gegen sie angetreten. Ich weiß, dass ich nah dran bin. Nichts ist unmöglich." Nabil Allaham
Tarek Al-Moakee sitzt in Radlerhosen auf einem Stuhl im Berliner Velodrom und ruht sich aus. Im Hintergrund zwei weitere Radfahrer.
Tarek Al-Moakee verschnauft kurz bei einem Training im Berliner Velodrom.

Frank Röglin ist sich an diesem Tag nicht so sicher. Mehr als vier Monate nachdem die Gruppe in Deutschland angekommen war, hatte nur Yalmaz Habash, der mit seiner Frau eingereist war, eine offizielle Anerkennung als Flüchtling erhalten. Die Papiere der anderen lagen mit denen von Hunderttausenden anderen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Viele Flüchtlinge warteten Monaten, manche schon Jahre darauf, dass ihre Anträge bearbeitet würden.

Bis zu einer Anerkennung waren die Profisportler "Asylbewerber", mit Anspruch nur auf eine Grundversorgung – ein Dach über dem Kopf und eine tägliche Essensration. Arbeit war ihnen nicht gestattet. Weil sie aus Syrien gekommen waren und es unwahrscheinlich war, dass sie in den Krieg zurückgeschickt würden, durften sie an vom deutschen Staat bezahlten Sprachkursen teilnehmen.

Ihre Zukunft als professionelle Athleten, so sagte Röglin es ihnen ganz deutlich, hing davon ab, ob sie genug Zeit für den Sport freimachen könnten. Das typische Athletenleben besteht aus Essen, Schlafen, Trainieren. Aber als Asylbewerber mussten die Männer fünf Stunden am Tag im Sprachkurs sein, in langen Schlangen vor verschiedensten Ämtern warten, um ihren Status abzusichern. Außerdem mussten sie alle paar Monate neue Unterkünfte in Heimen, Hostels oder Privatwohnungen suchen. Die Wochen vergingen und bei Röglin wuchsen die Zweifel, ob die Männer jemals wieder fit genug werden könnten, um mit Profis zu konkurrieren.

Das war nicht die einzige Hürde. Die Männer brauchten Rennräder, und Röglin sah sich potenziellen Sponsoren gegenüber, die dachten, die Flüchtlinge würden ihre teuren Teile schnell verkaufen und dann verschwinden. Als er Räder fand, stellte sich die Frage, ob man sie in einer Flüchtlingsunterkunft sicher aufbewahren könnte. Und dann ging es um die Diebstahlversicherung, eine Selbstverständlichkeit für jeden Deutschen, der Wertsachen besitzt: "Die haben ja nicht einmal eine reguläre Adresse, von einem Bankkonto ganz zu schweigen", sagte Röglin. Der Status als Asylbewerber schuf ein zusätzliches Problem, denn Flüchtlinge dürfen die Stadt, in der sie registriert sind, während des Antragsverfahrens nur mit einer Ausnahmegenehmigung verlassen. Bis sie anerkannt würden war es nahezu unmöglich, an Rennen in anderen Teilen Deutschlands teilzunehmen. Keiner hatte ein Auto oder einen anerkannten Führerschein, und schon gar kein Geld für Benzin.

“Löse einen Knoten und du siehst zehn neue.”

Zudem war es schwierig, überhaupt eine Wettkampflizenz zu bekommen. Der Bund Deutscher Radfahrer stellt Lizenzen grundsätzlich nur für deutsche Staatsbürger aus. Für eine Ausnahmegenehmigung brauchte es die Zustimmung der offiziellen syrischen Radsportvereinigung. Das war mitten im Krieg unwahrscheinlich – zumal sich die Männer durch ihre Flucht dem Kriegsdienst entzogen und die Propaganda des Regimes von Diktator Assad durchkreuzt hatten.

Selbst wenn alle diese Probleme lösbar wären war fraglich, ob es zur absoluten Konzentration auf das Wesentliche – eine Voraussetzung für Erfolg im Hochleistungssport – gereicht hätte und ob das Flüchtlingsdasein überhaupt Fortschritte möglich machen würde. Etwas mehr als zehn Euro am Tag bekommt jeder zugesprochen, der Asyl beantragt. Das muss reichen für Essen, Kleidung und andere Grundbedürfnisse. Im Normalfall kann man damit klarkommen, wusste Röglin. Aber Radprofis verbrauchen deutlich mehr Energie als normale Menschen. Sie brauchen deshalb auch deutlich mehr zu Essen.

Ein Mann hält ein Papier mit dem Wort Aufenthaltsgestattung in die Kamera.
Von der Aufenthaltsgestattung bis zur Aufenthaltsgenehmigung ist es ein langer Weg.

Natürlich waren die Männer mit ihren Problemen nicht allein. Hunderttausenden ging es – abgesehen vom erhöhten Kalorienbedarf – ähnlich wie ihnen. Sie hörten, dass das alternde Deutschland junge Menschen mit speziellen Kenntnissen braucht. Doch zugleich hörten sie, dass sie zum Spielball harter politischer Kämpfe geworden waren.

Schnell wurde klar, dass die besten Absichtsbekundungen von Helfern nicht reichen würden. Der deutsche Staat verlangt akkurate Übersetzungen aller Abschlüsse aus Syrien, manche Prüfungen müssen wiederholt werden, um hier beruflich Fuß fassen zu können, hieß es. Der Krieg hatte das Leben von jungen Menschen wie Al-Moakee, der gerade mal zwölf Jahre alt gewesen war, als der Krieg begonnen hatte, zum Stillstand gebracht. Bevor auch nur daran zu denken war, wieder zur Schule zu gehen oder einen Job zu finden, mussten die Flüchtlinge die deutsche Sprache beherrschen – und das gelingt nicht innerhalb von Monaten, es braucht Jahre. "Löse einen Knoten und du siehst zehn neue", sagte mir Röglin.

Viele der Deutschen, denen die Männer begegneten, zeigten sich überrascht, dass es überhaupt eine syrische Radrenn-Nationalmannschaft gibt. Das ist verständlich, denn die Syrer traten fast ausschließlich zu Wettbewerben an, von denen man in Europa kaum je etwas hört: Die Arabischen Championships; die Asiatischen Championships, die (mittlerweile nicht mehr existente) Tour von Libyen; die Türkei-Tour; die Iran-Tour. Eine Parallelwelt zur Tour de France und anderen weltbekannten Wettbewerben. Ihre Trainer waren frühere Profisportler aus Russland und Kasachstan, die einen Hang zum Abenteuer hatten. Die besten Sportler durften jeweils immer mal wieder für Teams in Doha und Teheran starten, die anderen fuhren für kleinere Clubs in Syrien.

Vor dem Krieg bekamen die Besten aus der syrischen Nationalmannschaft, zu denen Yalmaz Habash und Nazir Jaser zählten, ihr Geld direkt von der Regierung. Etwa 600 Dollar im Monat konnten sie verdienen, ungefähr das, was ein Lehrer oder Polizist verdiente. Aber das Einkommen war nie garantiert. "Wir wurden nach unseren Leistungen bezahlt", sagt Habash. "Wer schlecht abschnitt, dem wurde das Gehalt gekürzt oder gestrichen." Die Allerbesten bekamen am Ende ihrer Karriere Jobs in irgendwelchen Ministerien zur materiellen Absicherung.

All das änderte sich abrupt, als die syrische Regierung 2011 den Aufstand der vom "Arabischen Frühling" inspirierten Pro-Demokratie-Bewegung niederschlug. Binnen kürzester Zeit verwandelte sich das Land in einen Kriegsschauplatz, auf dem immer mehr konkurrierende Gruppierungen gegeneinander kämpften. Die Männer sagen im Rückblick, sie hätten sich eigentlich nie wirklich für Politik oder die Proteste interessiert. Sie hätten nur das Radfahren im Kopf gehabt. "Wir traten für Syrien an, nicht für Assad", sagt Allaham. Aber der Krieg zwang sie dazu, Partei zu ergreifen, schon allein, um weiter Rad fahren zu können. "Man landet direkt im Gefängnis, wenn man etwas gegen Assad sagt", erzählt Habash. 

"Wenn einen draußen auf der Straße jemand fragt, ob man nun für oder gegen Assad sei, muss man ‘pro’ antworten – schließlich trugen wir das Trikot des Staates." Yelmaz Habash

Nachdem Aleppo, die zweitgrößte Stadt Syriens, zum Schlachtfeld geworden war, wurde das Hotel in der Hauptstadt Damaskus, in dem die Nationalmannschaft immer untergebracht worden war, zum neuen Zuhause. Das Haus von Habashs Familie war von Rebellen zerstört worden. Nazir Jaser stieß dazu, nachdem seine Mutter und sein Bruder aus Aleppo über Jordanien nach Saudi-Arabien geflohen waren. Bisher hatten die beiden nur bei Wettkämpfen ein Zimmer geteilt. Nun lebten sie zusammen.

Der Krieg wurde schlimmer, aber die syrische Radsportvereinigung schickte die Männer weiter zu internationalen Wettbewerben. Weil der Flughafen von Damaskus geschlossen war, mussten sie zuerst auf dem Landweg in den Libanon reisen und von dort abfliegen. Sie reisten nach Abu Dhabi, Südkorea, in die Türkei, wo sie Sicherheitspersonal zugewiesen bekamen, weil die Veranstalter Angst hatten, dass Regimegegner Anschläge auf sie verüben könnten – als Symbole eines verhassten Staates. 2013 nahm Jaser noch an der Einzelzeitfahren-Weltmeisterschaft in Florenz teil. Er kam mit einem Straßenrenner ohne aerodynamischen Lenker in Italien an. Freunde seines russischen Trainers liehen ihm einen Helm und bessere Laufräder Mit seiner Leihausrüstung kam Jaser beim Einzelzeitfahren auf der 57,9 Kilometer langen Strecke als Letzter ins Ziel, geschlagene 15 Minuten hinter Sieger Tony Martin.

Nazir Jaser schaut von einem Balkon eines mehrstöckigen Wohnblocks nach draußen.
In dieser ehemaligen Jugendherberge lebt Nazir Jaser.

Jaser empfand die Teilnahme an der Weltmeisterschaft im Einzelzeitfahren nicht als wichtigen Schritt in seiner Karriere, sondern als Schlag ins Gesicht. "Ich habe mich gefreut, die anderen Sportler kennenzulernen, aber sie hatten alle Sachen, die ich nicht kannte – mehrere Räder, Fans, Soigneurs, die sich um sie kümmern", erinnert er sich. "Und ich hatte niemand. Ich war am Boden zerstört, dass ich nach Syrien zurückkehren musste." Diese Reise nach Florenz war eine der letzten für die syrische Nationalmannschaft. Die politische Situation verdüsterte sich, und es wurde für das Team immer schwerer, Visa für Auslandsreisen zu bekommen. 2014 war die syrische Regierung international geächtet.

Auch die Radrennfahrer konnten dem Krieg, der ihr Land in Schutt und Asche legte, nicht länger ausweichen. Die steilen Panoramastraßen, auf denen Habash hervorragende Leistungen zeigte, waren jetzt gesperrt, berichtet er:

"Wir hatten nur noch eine Straße, auf der wir trainieren konnten – 40 Kilometer bis zur libanesischen Grenze und zurück." Yelmaz Habash

Manche Trainingseinheit wurde von Raktenangriffen unterbrochen. Die Fahrer der langen Konvoys, die Soldaten an die Front brachten, beschimpften sie im Vorbeifahren oder drängten sie von der Straße. Sie mussten das Training an Straßensperren unterbrechen und Durchsuchungen über sich ergehen lassen. Einmal gerieten sie sogar in ein dreistündiges Gefecht zwischen Regierungssoldaten und Rebellen.

Das Gefühl von Sicherheit war weg – ebenso die wenigen Privilegien, die sie früher genossen hatten. Wie alle anderen Syrer auch lebten die Männer in ständiger Angst, dass ein Missverständnis im Gespräch mit einem Polizisten, eine falsche Geste an einer Straßensperre oder ein mehrdeutiges Foto im Smartphone dazu führen könnte, im Gefängnis zu landen oder hingerichtet zu werden.

Eine falsche Geste, und man landete im Gefängnis

Eines Tages erzählte mir Jaser von dem Moment, in dem er wusste, dass er sein Land verlassen musste. Er war in der Nationalmannschaft Begleitfahrer eines Mannes namens Omar Hasanin gewesen, ein grandioser Sprinter, der im Jahr 2000 die Landesmeisterschaft und anschließend Etappen bei Rundfahrten in Aserbaidschan, Katar, Libyen und Marokko gewonnen hatte. Für einige Jahre fuhr Hasanin für ein katarisches Profiteam. 2012, als das syrische Regime schon weltweit massiv in der Kritik stand, gehörte er zu den wenigen Athleten, die das Land bei den Olympischen Spielen in London vertraten – eine Chance, die der damals 23 Jahre alte Jaser als größtes Nachwuchstalent der Nationalmannschaft gerne gehabt, aber knapp verpasst hatte.

2014 hielten Regierungssoldaten Hasanin an einer Straßensperre an. Sie fanden seinen Namen – oder einen Namen, der seinem ähnlich war – auf einer Liste mit Verdächtigen, die beschuldigt wurden, gegen das Regime zu agitieren. Jaser ist überzeugt, dass es sich um eine Verwechslung handelte. Hasanin landete im Saydnaya-Militärkomplex am Stadtrand von Damaskus, dem berüchtigten Gefängnis, das der britische "Guardian" als „schlimmsten Ort der Erde“ beschrieben hat. 

"Er wurde gefoltert und mit gebrochenen Beinen entlassen. Und ich wusste: wenn dieser Champion trotz seines bekannten Namens nicht sicher war, dann war niemand sicher." Nazir Jaser 

Dass der Krieg einfach immer weiter ging, immer mehr Soldaten starben und das Regime neue Soldaten brauchte, schuf eine zusätzliche Gefahr. Viele Jahre hatte ihr Status als Topathleten die Männer von den sich verschlimmernden Bedingungen im Land zumindest abgeschirmt. "Selbst 2013 war die Lage noch erträglich", sagte Jaser, "aber spätestens 2015 wurde es unerträglich." Schon kurz nachdem er von der Weltmeisterschaft in Florenz zurückgekehrt war, hatte er seinen ersten Einberufungsbefehl erhalten. Er antwortete mit einem Bild seines Nationaltrikots, Empfehlungsschreiben aus dem Sportministerium, und anerkennenden Zeilen mit der Unterschrift von Präsident Assad höchstpersönlich. Das half, die Sache hinauszuzögern. Wenige Wochen vor den Landesmeisterschaften 2015 kam ein weiterer Einberufungsbefehl. Diesmal war er sich sicher, dass die Beziehungen ihm nicht mehr helfen würden.

Habash ging es ähnlich. Er hatte seinen Wehrdienst schon mit 18 Jahren absolviert und bekam wenige Wochen vor den Landesmeisterschaften eine Einberufung als Reservist. Es gab keinen Zweifel mehr, wie ernst die Lage war. Kurz zuvor war sogar einer der Trainer des Teams einberufen worden. "Ich dachte, wenn sie den holen, dann werden sie auch mich holen." Auch Allaham und Al-Moakee spürten den Atem des Regimes näherkommen. Al-Moakee stand kurz vor seinem 18. Geburtstag und Allaham kurz vor seinem zweiten Universitätsabschluss als Maschinenbauer. "Wir hatten alle Angst, uns zu verlieren", sagte Habash.

Nun gab es keinen Grund, keine Rechtfertigung mehr, in Syrien zu bleiben. Soldat zu sein war etwas ganz anderes, als auf der Gehaltsliste eines Ministeriums als Sportler zu stehen. Keiner von ihnen konnte sich vorstellen, auf andere Syrer zu schießen. Sie hatten keine andere Wahl als alles, auch ihre Räder, zurückzulassen und zu fliehen.

Als ich die Männer an einem Abend im März, kurz nachdem wir uns im Haus von Frank Röglin kennengelernt hatten, im Velodrom besuchte, zogen sie in geliehenen Trikots von NRVG Luisenstadt auf Rädern mit Stahlrahmen aus den achtziger Jahren, die man in einer Abstellkammer gefunden hatte, ihre Bahnen. Bis zu ihrer Ankunft in Berlin war ihnen Bahnfahren fremd gewesen. Auf den Videoaufnahmen, die es von ihren ersten Übungseinheiten im Velodrom gibt, ist zu sehen, wie versuchen, auf geborgten Fixies das Gleichgewicht zu halten und wie sie offensichtlich Probleme damit haben, mit normalen Turnschuhen Fahrrad zu fahren. Aber nach einigen Monaten lief das Training schon viel runder. Ab und an fuhr Röglin mit seinem Derny, das in der riesigen Halle den Sound eines Rasenmähers verbreitete, beim Tempotraining vorneweg. Bahnfahren war besser als gar nichts, aber die Männer sehnten sich nach der Straße.

Es gab nur einen Ort, an dem er sich stark fühlte: auf dem Rad

Von der Begeisterung für den Radsport abgesehen schienen die Männer nicht viel gemeinsam zu haben. Der drahtige Habash, 30 Jahre alt, hörte nach der zehnten Klasse mit der Schule auf, um sich ganz der Nationalmannschaft zu widmen. Er war der letzte aus seiner Familie, der Syrien verließ. Zwei seiner Geschwister lebten bei seiner Ankunft bereits in Deutschland, ein weiterer Bruder in Dänemark. Jaser hatte nach dem Tod seiner Vaters mit seiner Mutter in Aleppo gelebt; für ihn war die Schule schon mit 13 Jahren zu Ende gewesen, er musste in der Schneiderei seiner Mutter mithelfen, um die Familie finanziell über Wasser zu halten. Seine Freizeit verbrachte er einem Radclub. Einige Jahre später durfte er Vollzeit in der Nationalmannschaft fahren und wurde schnell zu einem ihrer Stars. 

Wie bei vielen anderen Flüchtlingen auch bedeutete die Entscheidung, Syrien zu verlassen, einen tiefen Einschnitt im Leben. "Ich habe meine Familie verloren, meine Heimat, alles", sagte er. “Ich starte hier wieder von Null. Ich kam hier an wie ein Kind, jetzt fange ich an, die Sprache zu lernen und will einen Weg finden, Geld zu verdienen." Al-Moakee war das jüngste Mitglied der Gruppe. Er war gerade 18 geworden und hatte mit dem neuen Land zu kämpfen. Er kam im Deutschunterricht nicht klar. Im Heim für jugendliche Flüchtlinge fühlte er sich allein, isoliert. Er teilte ein Zimmer mit einem Jungen aus Afghanistan, der kein Wort Arabisch sprach. Es gab nur einen Ort, an dem er sich stark fühlte: auf dem Rad.

Allaham war ein Ausreißer in der Gruppe. Auch er hatte als Jugendlicher zum Radsport gefunden. Aber im Unterschied zu den anderen spricht er fließend Englisch und hatte in Syrien studiert. Bis das Leben in Damaskus für ihn unerträglich wurde, war der Plan der Familie eigentlich gewesen, dass er das Geschäft für Damenmode übernehmen würde, das sein Großvater in den sechziger Jahren in den berühmten Al-Hamidiyah-Markthallen eröffnet hatte. Daheim in Damaskus schaffte Allaham es, gleichzeitig an der Universität zu studieren, seiner Familie im Geschäft zu helfen und mit seinem Bruder einen kleinen Laden für Computerreparaturen zu betreiben. Obendrein arbeitete er als Computertechniker an der Universität – und fuhr Rad. Seine Entscheidung zu fliehen hatte er über Monate mit sich herumgetragen. Als er dann bei den syrischen Landesmeisterschaften von den Plänen der anderen erfuhr, schloss er sich spontan an.

Sehnsucht, endlich wieder auf der Straße zu fahren

Weil er Sprinter ist, zeigte Jaser auf den Bahnen im Velodrom die vielversprechendsten Leistungen. Während die anderen schon erschöpft aufgegeben hatten, hing er noch immer an Röglins Derby. Röglin fuhr konstant sechzig Stundenkilometer, bis auch Jaser nicht mehr konnte. Nachdem er das Motorrad abgestellt hatte, ging Röglin auf den noch keuchenden Jaser zu und klopfte ihm auf die Schulter. "War ich zu schnell?", fragte er Jaser in einfachen und deutlichen Worten.. "Unser Deutschlandmeister fährt eine Stunde lang mit 68 Stundenkilometern hinter dem Derby her." "Okay, okay", antwortete Jaser in holprigem Deutsch, "Ich brauche nur ein bisschen mehr Zeit."

Vier syrische Radsportler und ihr Trainer posieren für ein Gruppenfoto.
Gruppenfoto mit Trainer: Tarek al-Moakee, Yalmaz Habash, Frank Röglin, Nazir Jaser, Nabil Allaham (von links).

Während die Syrer ihr Räder zum Abstellraum schoben, gestand mir Röglin, dass er immer wieder unsicher sei, ob das Unterfangen eine einzige Zeitverschwendung sei. Aber langsam merkte er, wie viel Potenzial in Jaser und seinen Teamkollegen steckte. Vielleicht hätten sie doch das Zeug dazu, in Wettkämpfen erfolgreich zu sein. "Hier ist seine einzige Chance zu trainieren", sagte er, "wenn er mal auf der Straße fährt, wird er uns zeigen, was er wirklich kann."

Am Ende des Trainings duschten die Männer zusammen und kamen in Straßenkleidung aus ihrer Kabine. Röglin schloss die Tür hinter ihnen zu. Im Neonlicht der Vorhalle teilten die Syrer eine Schachtel Kekse und tranken warmen Tee aus dem Automaten. Sie sprachen Arabisch, machten Witze. Es war schon fast 21 Uhr, aber sie machten keine Anstalten, zu gehen. Das Velodrom war jetzt leer und dunkel. Aber dies war der Ort, an dem sie Athleten waren, keine erbarmungswürdigen Flüchtlinge.

Auch die Flucht organisierten sie als Team

Im Verlauf der folgenden Wochen habe ich versucht, die Männer einzeln besser kennenzulernen. Ich bezahlte einen Übersetzer und verabredete mich am Abend oder nach den Deutschstunden, um ihnen zuzuhören, wie sie ihre persönlichen Geschichten erzählen. Aber es war gar nicht so leicht, sich einzeln zu treffen, denn eigentlich machten sie inzwischen alles gemeinsam – die fünf Stunden Sprachunterricht, das Training, die Mahlzeiten. Sie begannen, gemeinsame Zukunftspläne zu schmieden. Habash hatte die vage Idee, dass sie irgendwie zusammen bei Rennen antreten könnten, wie früher in Syrien. Vielleicht könnten sie ihr eigenes Team gründen. "Wir wollen gemeinsam Erfolg haben", sagte er mir.

Es gelang mir trotzdem, einzeln mit den Männern zu sprechen, und erst als sie mir einer nach dem anderen ihre Geschichten über ihren Weg von Damaskus nach Berlin erzählten, verstand ich wirklich, warum sie so zusammenhielten. Die Radprofis hatten ihre Flucht aus Syrien ebenfalls als Team geplant und durchgezogen. Jeder bekam eine Aufgabe und war für einen anderen Teil der Reise zuständig. Habash, dessen Geschwister es bereits nach Deutschland und Dänemark geschafft hatten, plante die Route. Seine Verwandten unterstützten sie dabei, Hotelzimmer im türkischen Izmir zu buchen. Die anderen buchten Bussen in die Türkei, sammelten Informationen über die einzelnen Etappen. Als Ältester wurde Habash zum Anführer bestimmt. Um die Überfahrt nach Griechenland in einem der überfüllten Flüchtlingsboote bezahlen zu können, verkaufte er alles, was er hatte – sein Fahrrad, seine Werkzeuge, seinen Helm. Einzeln, um nicht aufzufallen. Zusätzlich lieh er sich Geld von Verwandten. Seine Frau Zenab, die Frau eines Trainers und andere kamen hinzu, bis sich schließlich 15 Menschen gemeinsam auf den Weg machten: die vier Radsportler, Verwandte, Freunde.


Als sie an jenem 15. August bei den syrischen Meisterschaften in Latakia an der Startlinie standen, wussten alle, dass sie möglicherweise nie wieder in ihrem Heimatland antreten könnten – und vielleicht sogar überhaupt nie wieder. "Es tat weh daran zu denken, dass dies mein letztes Rennen sein könnte", sagte Jaser. "Wir mussten so tun, als sei alles normal, damit niemand etwas ahnt." Anschließend beantragten die Männer Urlaub oder meldeten sich krank, damit ihre Abwesenheit nicht auffiel. Jaser bat um Erlaubnis, seine kranke Mutter besuchen zu dürfen.

Anfang September 2015 brachen sie dann gemeinsam nach Izmir in der Türkei auf. Drei Nächte schliefen sie dort in einem Wald an der Küste, dann stiegen sie zusammen mit anderen Flüchtlingen in ein Schlauchboot. 45 Menschen waren an Bord, viel zu viele für so ein kleines Gummiboot. 

"Ich kann schwimmen, ich wusste, dass ich überleben könnte. Aber um die Frauen und die kleinen Kinder hatte ich schreckliche Angst." Nazir Jaser

Nach bangen Stunden gingen die Flüchtlinge sicher auf der griechischen Insel Lesbos an Land. Sie lebten und schliefen tagelang auf der Straße und versuchten, trotz starken Regens nicht auszukühlen. Dann machten sie sich auf den Weg nach Norden, geführt von ihren Smartphones, in denen die Routen gespeichert waren, die vor ihnen bereits Zehntausende andere genommen hatten: Mazedonien, Serbien, Ungarn, zu Fuß, mit der Fähre, per Bus und Bahn. In Ungarn wurden sie gefasst. Polizisten schlugen auf sie ein, nahmen ihnen ihre Fingerabdrücke ab, brachten sie mit Bussen von einem provisorischen Camp ins andere. Dann wurden sie nach Österreich gebracht, wo ihnen Mitarbeiter des Roten Kreuzes rieten, es nach Deutschland zu versuchen.

Im September 2015 kamen sie zusammen mit Tausenden anderen in einem überfüllten Zug am Münchner Hauptbahnhof an. Sie kauften sich Bustickets nach Berlin in der Annahme, dass sie ihre Radkarrieren am ehesten in der Hauptstadt fortsetzen könnten – dem Damaskus von Deutschland, sozusagen.

Drei Männer muslimischen Glaubens knien auf einem Teppich und beten.
Drei der syrischen Radsportler beim Gebet.

Im Rückblick war die Entscheidung vielleicht nicht klug. Die überschuldete deutsche Hauptstadt erwies sich als überfordert mit der Aufnahme von Zehntausenden Flüchtlingen. Vor Ämtern wie dem berüchtigten "Lageso" bildeten sich lange Schlangen, die Menschen mussten bei Minusgraden draußen vor der Tür ausharren, um sich registrieren zu lassen und das Nötigste zugewiesen zu bekommen.

Jetzt, Monate später, erscheint den Männern ihre Flucht unwirklich. Bei Kaffee und Fritten in einem auf Halal-Burger spezialisierten Fast-Food-Restaurant erzählt mir Allaham, dass er früher ziemlich genau dort an der türkischen Küste, wo er später ins Schlauchboot stieg, Urlaub gemacht hatte, Jetskifahren inklusive. 

"Wenn wir heute über die Flucht reden, kommt uns alles ziemlich abgedreht vor. Fünf Tage auf der Straße leben? Stundenlang in einem kleinen Schlauchboot mitten in der Nacht auf dem Meer? Wie haben wir das geschafft?"  Nabil Allaham

Dass sie gemeinsam das schlimmste Erlebnis in ihrem Leben hinter sich gebracht haben, hat die Männer zusammengeschmiedet. "Wir sind wie eine Familie", sagte Allaham, "und wir können zusammen alles erreichen, was wir wollen."

An einem sonnigen Tag im April 2016 bin ich mit Jaser zum U-Bahnhof Residenzstrasse gefahren, einer der letzten Stationen auf der Linie U8. Wie liefen zu einer Reihe kleiner, niedriger Gebäude direkt neben den S-Bahn-Stelzen. Ein geschäftstüchtiger Immobilienbesitzer hatte hier auf die Schnelle Wohnraum geschaffen. Neben den Fensterrahmen quoll noch Dichtungsmasse heraus, neu installierte Leitungen lagen offen. Die Radsportler hatten hier ihr neues Domizil bezogen. Jaser, Allaham und Al-Moakee hatten drei Betten in eines der beiden Zimmer gequetscht, so dass man sich kaum darin bewegen konnte. Ein arabischsprachiger Nachrichtenkanal lief. Allaham schlang einen Teller Reis vom Vorabend hinunter. Dann bot er mir arabischen Kaffee an – dickflüssig, süß und mit wohlriechendem Kardamon gewürzt – sowie Mandarinen und Äpfel, die in einer Obstschale auf einem Küchentresen lagen.

Sie hatten ihren kleinen Bungalow wie das Clubhaus einer Radsportvereinigung gestaltet. Ihre neuen Räder bewahrten sie in der Wohnung auf. Im Eingangsbereich hingen vier Helme an der Wand, drinnen vier paar Radfahrschuhe, alles ordentlich aufgereiht.

Nur Habashs Ausrüstung fehlte, denn er lebte mit seiner Frau, die im fünftem Monat schwanger war, in einer Ein-Zimmer-Wohnung am anderen Ende der Stadt. Die einzige Dekoration in der Wohnung war ein Foto von Mekka. Im Vergleich zu der Ein-Zimmer-Wohnung, die sie mit Habashs Schwester und fünf anderen Leuten kurz nach ihrer Ankunft geteilt hatten, war das hier das Paradies.

Die Syrer waren zurück auf der Straße

Noch besser für alle war, dass sie brandneue Räder bekommen hatten. Frank Röglin hatte alle seine Kontakte ausgenutzt, bis er einen Berliner Großhändler davon überzeugen konnte, Aluminium-Bottechias mit Einsteiger-Ausstattung zu spenden. Weit entfernt vom professionellen Material, aber gut genug für den Start. Die Syrer waren zurück auf der Straße.

Die Männer hatten ihre eigene Routine gefunden. Nach dem Deutschunterricht eilten sie nach Hause, um große Mengen Reis und Pitabrot mit Frischkäse zu essen, dann zogen sie sich um und begannen mit dem Training. In den ersten Wochen fuhr Röglin nach dem dem Training auf seinem Motorroller hinter ihnen her, damit sie nicht verloren gingen nach einem langen, dunklen Winter, den sie auf der Bahn des Velodroms verbracht hatten.

Bei den Clubveranstaltungen von "Luisenstadt 1910" waren die Syrer, ausgestattet mit Trikots aus zweiter Hand und gespendeten Helmen, inzwischen eine feste Instanz. Sie waren sich bewusst, dass sie als Radrennfahrer aus der Fremde aus der Masse der Flüchtlinge hervorstachen. "Es gibt Deutsche, die Angst vor Flüchtlingen haben, aber im Club werden wir als Athleten wahrgenommen und andere wollen mit uns trainieren", sagte Habash stolz, „andere Radfahrer sprechen mit uns, weil wir Athleten sind wie sie – und nicht einfach nur Flüchtlinge.“

Hunderte Kilometer Training in ihren Beinen und die Aussicht auf wärmeres Wetter stimmten die Männer optimistisch – vielleicht zu optimistisch -, dass sie es irgendwie schaffen würden, in ihrer neuen Heimat von ihrem alten Beruf zu leben. 

"Das ist es, was ich kann, und damit muss ich Geld verdienen. Im Moment haben wir keinen Plan B." Yelmaz Habash
Ein syrischer Radprofi bei einem Rennen in Berlin.
Die Radprofis nahmen in diesem Sommer jedes Rennen mit, das Berlin zu bieten hatte.

An einem sonnigen Samstag Ende Mai standen die Männer zum ersten Mal seit ihrer Flucht wieder gemeinsam an der Startlinie – bei einem Rennen der Amateur-Spitzenklasse. Ein wichtiger Moment für das bewährte Team. Erst seit knapp einem Monat waren sie wieder unterwegs auf der Straße. Nun standen Nazir Jaser und Yalmaz Habash Schulter an Schulter ganz vorne in der ersten Reihe des Starterfeldes, die anderen knapp hinter ihnen. Das Rennen – 50 Runden auf einem 1,7 Kilometer langen Kurs, inklusive kurzer Abschnitte mit Kopfsteinpflaster und einem langen Anstieg – hatte wenig mit den Punkt-zu-Punkt-Rennen zu tun, mit denen sie vertraut waren. Hinter ihrem Lächeln verbarg sich eine eine nagende Frage: würden sie nach einer so langen Pause mithalten können?

Auch für Frank Röglin ging es um viel. In seinem Club motzten manche altgedienten Mitglieder über die Aufmerksamkeit und die Hilfe, die den Neuankömmlingen zuteil wurde. Warum mussten die eigenen Junioren ihre Ausrüstung selbst bezahlen, während die Handvoll Syrer Fahrräder, Renngebühren, Bekleidung und Schuhe bezahlt bekamen? Es gab Beschwerden, die denen im Rest des Landes ähnelten. Weil Turnhallen als Notunterkünfte benutzt wurden, fehlten Sportmöglichkeiten für Kinder. Bei der Vergabe von Kindergartenplätzen hatten manche deutschen Eltern das Gefühl, von Flüchtlingen überholt zu werden. "Das sind explosive Themen", sagte Röglin.

Zwei Stunden später war das Rennen fast vorbei. Jaser war früh in Führung gegangen, doch ein Platten katapultierte ihn in eine hintere Gruppe zurück. Allaham hatte Probleme, mit dem Tempo mitzuhalten und wurde aus dem Rennen genommen. Es waren nur noch wenige Runden zu fahren, als neben mir ein Mann in den Siebzigern, ein Mitglied von "Luisenstadt 1910", ungläubig den Kopf schüttelte: Habash und Al-Moakee behaupteten sich noch immer in der Spitzengruppe. "Niemand hätte geglaubt, dass die Syrer so lange durchhalten würden", sagte der Mann, "aber sie sind immer noch dabei."

Nach dem Rennen legten sich die Männer erschöpft auf ein kleines Stück braunen Rasens neben Röglins Auto. Habash hatte von fünfzig Runden über Kopfsteinpflaster eine riesige Blase an einem seiner Finger. Wanda, der Weimaraner, schaute still zu, als Röglin den Männern gratulierte. "Da waren viele starke Fahrer dabei und es war eine harte Strecke", sagte er. Jaser fragte ungläubig: "Wir waren also okay?" Röglin hockte sich vor dem erschöpften Syrer hin, wischte mit einem nassen Handtuch etwas Schmutz von seinen Beinen und antwortete: "Es hätte nicht besser laufen können."

Im Lauf der Monate änderte sich das Verhältnis zwischen Röglin und den Männern. Die kulturellen Differenzen wurden spürbar, etwa als die Hochsaison für das Training mit dem Ramadan zusammenfiel. Den Trainer regte es fürchterlich auf, dass seine Leute vor und nach dem Training nichts essen wollten. Nachdem sie später aus Dankbarkeit bei ihm zuhause für ihn syrische Spezialitäten gekocht hatten, konnte er einige Wochen später nur mit Mühe davon abgehalten werden, die Geste mit einem herzhaften deutschen Schweinegericht zu erwidern. 

 "Wenn ich bereit bin ihre Gerichte auszuprobieren, sollten sie das dann nicht auch mit meinen machen?" Frank Röglin

Gleichzeitig wurde der Kontakt inniger. Er lud die Männer öfters zum Grillen zu sich nach Hause ein und schaute bei ihren Deutschstunden vorbei. Röglin fing an, die Männer liebevoll "die Jungs" zu nennen; sie nannten ihn "Coach Frank". "Am Anfang waren sie Fremde, Flüchtlinge, die mit mir ein Interesse teilten, doch das ändert sich. Je öfter wir uns sehen, je mehr ich über ihre Probleme erfahren und je mehr Scherze wir übereinander machen", sagte Röglin. Der Trainer erzählte seinen Freunden und Bekannten immer begeisterter von seinen "Jungs", um sie bekannter zu machen. Sie fuhren in der Spitzengruppe von allen Berliner Rennen im Sommer – vier an der Zahl, deutlich weniger als zur Hochzeit in den sechziger Jahren. 

Im Juni durften sie als Ehrengäste am Berliner Velothon teilnehmen, einem 120-Kilometer-Rennen für Amateure, bei dem sie es auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 41 Stundenkilometern brachten. Am 17. Juli waren sie beim "59. Großen Rollbergrennen" dabei, dem traditionsreichen, von "Luisenstadt 1910" ausgerichteten Wettkampf. 102 Kilometer in 50 Runden ging es durch Neukölln, vorbei an hippen Cafés, Kebab-Läden und Shisha-Bars. An einer Kreuzung arbeiteten eine Mutter und ihre Tochter, beide mit rosafarbenen Irokesenhaarschnitten, als Ordner. Auf der Hälfte der Strecke hatte Nazir Jazer einen Sturz, aber trotzdem fühlte er sich gut. "Vom Start bis zum Sturz war ich Erster oder Zweiter", sagte er nach dem Rennen, "ich glaube meine Leistung war in Ordnung." Tarek Al-Moakee kam auf Platz 22 ins Ziel, als bestes Vereinsmitglied der Luisenstädter.

Moderne Räder, die vorher im Keller von Amateuren verstaubten

Zwischen den Wettrennen trainierten sie hart. Sie nutzten die langen Sommerabende aus und legten in mancher Woche 800 Kilometer zurück. Schnell gehörten sie bei den Abendtrainings im Berliner Stadtgebiet zum festen Stamm. Nach einem starken Auftritt bei einem Wochenendrennen bekam Frank Röglin einen Anruf von Karsten Niemann, der einen Fahrradgeschäft und einen Onlineladen für Crossräder betreibt. Niemann wollte wissen, warum so leistungsstarke Männer auf so billigen, schweren Rädern unterwegs seien. Nachdem Röglin ihm die Geschichte der Syrer erzählt hatte, telefonierte Niemann seinen Bekanntenkreis ab. Innerhalb einer Woche hatte er Räder mit hochmodernen Karbonrahmen beieinander, die im Keller von Amateuren mit mehr Geld als Zeit verstaubt waren. Die Sportler bekamen neue Trikots und erhielten von den Organisatoren eine Last-Minute-Einladung zum Hamburger Cyclassics-Amateurrennen am 21.August, samt Übernachtung.

Yelmaz Habash hält seine neugeborene Tochter auf dem Arm. Neben ihm steht sein Trainer.
Das Leben geht weiter: Yalmaz Habash hält seine neugeborene Tochter auf dem Arm.

Aber nicht alle zeigten sich so aufgeschlossen und zuvorkommend. Die beste Chance darauf, sich bekannter zu machen, bot die Rad-Bundesliga, die vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) ausgerichtet wird. An der Rennserie mit neun Läufen nehmen auch ein paar Radteams der Continental-Klasse teil, die wohl realistischste Einstiegschance für einen Radrenn-Flüchtling. Aber: An den Rennen dürfen ausschließlich deutsche Staatsbürger oder Menschen mit einer permanenten Aufenthaltsgenehmigung teilnehmen. Röglins Bitten und Betteln half nichts. Die Veranstalter weigerten sich, für das Talent Jaser eine Ausnahme zu machen.

Anfang September waren die Männer zu ihrer bisherigen Höchstform aufgelaufen. Zählbare Erfolge schienen zum Greifen nahe, kurz bevor die Saison ihrem Ende entgegen ging. Jaser schnitt alle Kurven bravourös und Allaham berichtete, dass sie endlich mit Wettbewerbern mithalten konnten – was dazu führte, dass ihre deutschen Trainingspartner anfingen zu schwitzen und zu fluchen. "Deutsche mögen es nicht, von Ausländern überholt zu werden, das macht sie wütend", sagte er lachend.

Am wichtigsten aber war, dass Allaham, Jaser und Al-Moakee endlich offiziell als Asylbewerber anerkannt wurden. Nun durften sie wieder frei reisen und arbeiten. Wenig später rief der Vertreter einer bundesweiten Kette von Fahrradläden bei Röglin an und bot den Männern Lehrstellen an. Allerdings hätte der Lohn kaum über der Grundsicherung für Asylbewerber gelegen und die Arbeit hätte ihnen keine Zeit zum Trainieren gelassen. Röglin und seine "Jungs" wussten das Angebot durchaus zu schätzen. Dennoch sagten die Syrer der Ladenkette ab. Sie konzentrierten sich darauf, ihre Sprach- und Integrationskurse abzuschließen.

Währenddessen erlebten sie, wie der Satz "Wir schaffen das", mit dem Bundeskanzlerin Angela Merkel im Herbst 2015 zu einem nationalen Kraftakt für die Flüchtlinge aufgerufen hatte, immer mehr in die Kritik geriet und dass von den vielen Hunderttausend Menschen, die gleichzeitig ins Land gekommen waren, trotz hehrer Versprechen bisher nur wenige Tausend eine Festanstellung bekommen hatten. Sie bekamen auch mit, wie bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 18. September die AfD mit 13,5 Prozent abschnitt.

Friedliche Runden, während die Heimat zerbombt wird

Als Habashs Frau wenig später eine Tochter zur Welt brachte, zeigte sich, wie sehr Röglin und die Männer in den wenigen Monaten seit ihrer ersten Begegnung zusammengewachsen waren. Am Tag nach der Geburt kam Röglin ins Krankenhaus zu Besuch. "Das sind jetzt meine Freunde", sagte er. "Am Anfang ging es nur um Sport, aber jetzt ist soviel mehr dazugekommen.“ Doch haben Röglins positiven Erfahrungen mit seinen "Jungs" das seine Meinung dazu geändert, welche Erfolgschancen die anderen Syrer in Deutschland haben würden? Zu meiner Überraschung war die Antwort Nein. Yalmaz Habash, Nazir Jaser, Nabil Allaham und Tarek Al-Moakee zeichneten sich durch eine unverbrüchliche Entschlossenheit aus, als Spitzensportler erfolgreich zu sein. Und trotz der Hilfe und des guten Willens von sehr vielen Menschen in Berlin und anderswo hätten sie es schwer. Welche Hoffnung gäbe es dann für die anderen? 

“Das ist eine gigantische Herausforderung. Und manchmal denke ich mir, dass ich vielleicht gar nicht mit meinem Engagement angefangen hätte, wenn ich gewusst hätte, was für eine lange und verwickelte Geschichte daraus werden würde." Frank Röglin

Ende September gingen die Syrer während des 9. Strausberger Radsportwochenendes, bei "Rund um Strausberg-Nord", dem letzten, 115 Kilometer langen Rennen der Saison, an den Start. Nach 2 Stunden 42 Minuten 24 Sekunden ging Jaser als Erster durchs Ziel, gefolgt von Habash auf dem dritten Platz, Nabil Allaham auf dem sechsten Platz und Tarek Al-Moakee auf dem siebten Platz. Hinter vier der zehn besten Starter stand am Ende ein „SYR“ als Nationalitätenkürzel in der Siegerliste.

Während die Männer in der Spätsommersonne durch die friedliche deutsche Landschaft rollten, flogen Kampfjets der russischen und der syrischen Armee gleichzeitig Angriffe auf Aleppo. Die Flugzeuge starteten in Latakia, wo noch vor einem Jahr die syrischen Radsport-Landesmeisterschaften stattgefunden hatten. Die Angriffe gehörten zu den heftigsten und folgenschwersten in fünf Jahren Krieg. Die Bomben töteten Hunderte Menschen, darunter viele Kinder. Bewohner der von Rebellen kontrollierten Stadtteile behaupteten, dass gezielt Rettungskräfte, Wasserleitungen und Luftschutzbunker attackiert würden, um den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu brechen. Der Waffenstillstand, den Amerikaner und Russen vereinbart hatten, hielt nicht lange.

Die Nachrichten aus ihrer Heimat, die Fotos von Toten und Verletzten, von zerfetzten Kindern und explodierenden Gebäuden tragen die Männer immer mit sich herum. Per Smartphone verfolgen sie ständig mit, was in ihrer Heimat passiert. Sie wissen jetzt, dass ihre Reise kein Zurück kennen wird. "Es gibt dort keine Zukunft", sagt Allaham.

Übersetzung: Christian Schwägerl

Ein kurzer Fernsehbeitrag über die geflüchteten Radsportler hat den in Berlin und Leipzig lebenden Journalisten Andrew Curry neugierig gemacht. Anfangs wollte er nur eine kleine Geschichte machen, doch dann entwickelte sich über sechs Monate hinweg eine enge Zusammenarbeit mit dem auf Radsport spezialisierten Fotographen Timm Kölln. Die beiden nahmen am Sprachunterricht der Syrer teil, besuchten sie in Flüchtlingsunterkünften und später in ihren Wohnungen, verbrachten viel Zeit mit dem Trainer und wurden zu regelmäßigen Zuschauern bei Rennen, um zu beobachten, wie sich das Verhältnis zwischen den Syreren und der Berliner Radsport-Community entwickelt. Der Artikel erscheint auf Englisch im Radsportmagazin Rouleur Magazine.