Offene Laboratorien

Anke te Heesen: Theorien des Museums

Von Carmela Thiele

22. Mai 2017

„Kultur-Leichenkammern“ nannte der Historiker Stefan Poser die klassischen Museen, die nichts mit der Gegenwart, Technik und Industrie, zu tun haben. Ein „Gegenwartsmuseum“ hingegen sollte das Interesse des Besuchers wecken und ihm gute Vermittlungsdienste leisten. Das war vor gut 100 Jahren, und noch immer ist diese Forderung aktuell. Hat sich denn gar nichts geändert? Museal gilt heute mal als Lob, wenn es Werke eines lebenden Künstlers ins Museum geschafft haben, mal schwingt aber auch Verachtung mit, wenn eine Präsentation allzu blutleer geraten ist.

Warum der Begriff Museum in Verruf geraten ist und welche Karriere er dennoch machte, schildert Anke te Heesen in ihrem Band „Theorien des Museums“, der 2012 erschienen ist, aber weiterhin als wichtiges Grundlagenwerk gelten darf. Die an der Humboldt-Universität lehrende Wissenschaftshistorikerin zeigt chronologisch anhand vieler Quellentexte, wie sich die Idee des Museums im Laufe der Jahrhunderte wandelte, von der fürstlichen Wunderkammer des 17. Jahrhunderts über die ersten öffentlichen Museen im revolutionären Paris bis zu den nationalen Kultureinrichtungen des 19. Jahrhunderts, die der geistig-sittlichen Vervollkommnung des preußischen oder bayerischen Untertanen dienen sollten.

Der Wandel ging anfangs mit der Aufspaltung in Kunst- und Naturmuseen einher. Schwebte ein Meteoriten-Splitter im Kabinett des barocken Sammlers noch als Botschaft aus dem Weltall über in Silber und Gold eingefassten Straußeneipokalen und feuerroten, versteinerten Korallen, so musste er sich infolge der fortschreitenden Klassifikation in den Naturwissenschaften im 18. Jahrhundert mit einem Platz neben Kalk- und Zinkbruchstücken begnügen. Diesem Trend zur Systematik folgten die Kunstmuseen, wie etwa die 1780 neu eingerichtete kaiserliche Gemäldegalerie in Wien. Statt die Werke nach repräsentativen Kriterien zu ordnen, bediente man sich nun einer Ordnung nach Orten und Schulen.

Franka Hörnschemeyer setzt Wilhelm Lehmbruck in Szene, Hamburger Kunsthalle, 2004

Was te Heesens Einführung auszeichnet, ist ihre klare Verwendung der Begriffe Museum, Sammlung und Ausstellung, die heute aus Gründen der Wortvariation oftmals synonym verwendet werden. Diese verbreitete Praxis zeigt, dass die Herkunft der Begriffe, und damit ihre eigentliche Bedeutung, in Vergessenheit geraten sind. Das aber erschwert den Blick auf den Wandel der Museen. Ende des 19. Jahrhunderts mussten sich etwa die Kunst- und Naturkundemuseen, die nur über Dauerpräsentationen verfügten, der Konkurrenz der sogenannten Sozialmuseen stellen, die aus temporären Schauen zu Mensch, Technik und Gesundheit erwachsen waren. Mit didaktisch aufwendig inszenierten Ausstellungen zum Arbeitsschutz oder zur Säuglingspflege sollte im Deutschen Kaiserreich die Arbeiterschaft der Sozialdemokratie entwöhnt werden.

Schönselige, gedankenlose Welt

Entstanden war das Format der auf ein spezielles Thema ausgerichteten Ausstellung aus den Gewerbeschauen, die anfangs in aller Vielfalt neue Produkte und Geräte zur Schau stellten, die auch verkauft werden sollten. Das Bildungsbürgertum irritierte die monströse Vielfalt, die sich ihnen bot. „Es ist im Ganzen ein Schaustück für die geistreiche, schönselige und gedankenlose Welt, die sie auch zumeist besucht“, zitiert te Heesen Sigmund Freud, der 1873 mehrfach die Weltausstellung in Wien besucht hatte. Freud, genauso wie Gustave Flaubert und Karl Marx, beurteilten die Massenattraktionen am Maßstab des gelehrten Kunstmuseums.

Tatsächlich blieb es aber dabei, dass temporäre Ausstellungen mehr Publikum anlockten als das weitgehend statische Museum. Als in den 1910er Jahren der Ruf nach einer Museumsreform laut wurde, empfahl der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Gustav Pauli, 1919 in seinem Text „Das Kunstmuseum der Zukunft“, das Museum näher an die Bedürfnisse des Publikums anzubinden. Er forderte Wechselausstellungen, eine lichtere Hängung und die Ausweitung der Sammlung auf moderne Kunst. Im Zuge der Museumsreform wurden auch die Ausstellungslabore der Zwanziger- und Dreißiger-Jahre möglich, etwa El Lissitzkys „Kabinett der Abstrakten“, gedacht als Ausstellungsraum für abstrakte Kunst. Der russische Künstler schuf nicht nur das einzigartige Gesamtkunstwerk, sondern brachte bei anderen Projekten die damals neuen Medien Foto und Film sowie „linke“ Montagetechniken in die Ausstellungsgestaltung ein. Berühmt ist seine Gestaltung des sowjetischen Pavillons auf der Pressa , der internationalen Presse-Ausstellung des Deutschen Werkbundes 1928.

Der bloße Einsatz neuer Medien ersetzt allerdings keine inhaltliche Debatte über das Museum. So adaptierten die Nationalsozialisten multimediale Ausstellungspraktiken für ihre ideologischen Ziele. Vielleicht möchte te Heesen deshalb eine rein museologische Debatte vermeiden, den Museumsdiskurs möglichst breit geführt wissen, zusammen mit Historikern und Philosophen, mit Natur- und Kulturwissenschaftlern, vielleicht auch mit Medizinern und Juristen.

Reflexiver Museumsbegriff

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte in Deutschland zunächst ein Prozess der Konsolidierung ein. Gebäude mussten wieder instand gesetzt werden, inhaltlich bemühte man sich um Neutralität und griff auf fachliche Ordnungsschemata zurück. Doch schon bald wurde wieder darüber diskutiert, wie Museen und Ausstellungen attraktiver und zugänglicher gemacht werden können. Die Museumspädagogik etablierte sich in 1970er-Jahren, und im Fahrtwasser französischer Theoretiker wie Jean Baudrillard oder Michel Foucault infiltrierte ein reflexiver Museumsbegriff die Branche.

Von Leichenkammer kann also nicht mehr die Rede sein. Nach der Lektüre te Heesens komprimierter Geschichte der Museumstheorien wird deutlich, wie oft sich das Museum gehäutet hat, wie reformfähig es sein kann, was alles debattiert und wieder verworfen wurde. Wie sich der akademische Diskurs in der Museumsarbeit auf Dauer niederschlagen kann, erscheint noch nicht ausgemacht. In ethnologischen Museen geht es fraglos nicht ohne Blick auf die Postcolonial Studies. Einzige Gefahr wäre höchstens, dass das Museum – wenn auch neu – wieder zu abgehobenen Institution bürgerlicher Selbstvergewisserung wird. Theorien müssen angewandt werden und nicht nur postuliert. 

Anke te Heesen, Theorien des Museums - zur Einführung, Junius Verlag, 224 S., Broschur, 14,90 Euro