Wohlstandsbauch aus Müll

Fieldwriter Gerhard Richter schreibt da, wo Müllautos 20 Jahre lang ihre stinkende Fracht abgekippt haben. Mittlerweile ist die Deponie geschlossen und versiegelt. Seitdem führen Müll und Natur eine Zwangsehe.

Gerard Richter Autor Gerhard Richter sitzt mit seiner Schreibmaschine an einem Klapptisch auf einer Mülldeponie.

Nur einen Fingerbreit über dem Erdboden schweben Bienen auf der Suche nach etwas, das sie hier vermuten. Es sind viele. Sie pendeln hin und her und ihr Summen klingt sehr gelassen. Seit 15 Jahren sind sie hier ungestört, denn das ganze Gelände ist abgesperrt. Unter dem Erdboden, über dem die Bienen suchend pendeln, liegen zwei Jahrzehnte Menschheitsmüll in einer Abfall-Deponie.

Nicht Wind oder die Gletscher der letzten Eiszeit haben diese Hügel geformt, sondern die Abfallwirtschaft des Kreises Ostprignitz-Ruppin. Deren Müllautos haben täglich die Abfalltonnen der Städte und Dörfer ringsum geleert und den Inhalt ungesehen hier in eine Kiesgrube gekippt. 20 Jahre lang, Schicht um Schicht, bis das Loch voll war. Eine halbe Million Kubikmeter Müll. Am Ende ist auch noch ein Hügel gewachsen. Die Landschaft hat einen Wohlstandsbauch aus Müll bekommen. Der wurde vor nunmehr 15 Jahren mit einer dicken Schicht einer damals neuen Substanz abgedichtet und seitdem waltet die Natur. Um den Hügel herum gibt es weitere Hügel, Rampen, schroffe Abbrüche und Wälle. Auf einem dieser Wälle sitze ich mit meinem Klappschreibtisch und der Hermes Baby Schreibmaschine und bestaune die Ungestörtheit.

Ein Raubvogel kreist über diesem Wohlstandsbauch aus Müll

Eine Menge Gras ist gewachsen. Im vergangenen Sommer muss es kniehoch gestanden haben. Jetzt liegen die trockenen Halme in dichten blonden Büscheln und Strähnen zwischen anderen Grasarten, die im beginnenden Frühling schon satt grün leuchten. Kugelige Büsche haben sich angesiedelt. Der Weißdorn blüht, andere Büsche schimmern gerade erst knospengrün. Auf dem Müllhügel sind ein paar wenige Bäume gewachsen. Manche sind umgekippt, wohl weil ihre Wurzeln in dem Untergrund aus Müll keinen Halt fanden. Nun grünen die Zweige im Liegen. Die Äste der meisten Bäume sind, jedenfalls im Kronenbereich, giftgrün gefärbt. Es wirkt, als schwitzten sie die Substanzen aus, welche sie im Untergrund aufsaugen. Aber bei genauerem Hinsehen sorgen Flechten für dieses Farbspiel.

Zwischen den Büschen liegt ein kleiner frischer Müllhaufen.

Einiges ist vom Gras überwuchert, anderes noch erkennbar: Das Gummirad einer Schubkarre, ein Stück roter Gartenschlauch, Limo-Flaschen aus mittlerweile trübem Plastik, ein gesplitterter Joghurtbecher mit verblasstem Aufdruck „mild – Pfirsich-Maracuja“, zwei Dutzend schwarze Plastiktöpfchen für Keimlinge, eine Bratpfanne, eine schwarze Thermoskanne, eine zerknautschte blaue Plastiktonne, und diverse Tüten und Folien. Das Blau von Müllsäcken hat seine Kraft am längsten behalten. Die Fetzen leuchten wie riesige Blüten von Kunstblumen. Silbern schimmert etwas Geriffeltes aus Aluminium, das einmal ein Einweggrill gewesen sein könnte. Überall verstreut sind Gläser und Flaschen, sowohl ganz als auch in Scherben. Jemand hat hier lange nach Schließung der Deponie noch eine Ladung Müll entsorgt. Der kleine Haufen ist eine winzige Andeutung dessen, was alles darunter liegt.

Der Wall, auf dem ich sitze und tippe, ist aus Sand aufgeschüttet. Karge Gräser wachsen hier und Moose. Noch gibt es freie Flecken zum Besiedeln. Überraschend viele leere und ausgebleichte Schneckenhäuser liegen herum. Auch ganz kleine. Viele Schnecken sind offensichtlich jung gestorben. Es gibt Stellen, da liegen dutzende bleiche Schneckenhäuser nah beieinander. Waren das die Stellen, die am längsten Nahrung und Feuchtigkeit boten? Oder haben sich die Schnecken vor ihrem Tod versammelt?

Kleine helle Sandhäufchen quellen aus dem Untergrund nach oben und zeugen von unterirdischen Aktivitäten. Hasen haben Löcher gebuddelt, Wildtiere Trampelpfade hinterlassen. Trotz der paar frischen Müllhaufen habe ich das Gefühl, einer der ersten Menschen seit langem hier zu sein. Hier zu sitzen ist, wie einen neuen Planeten betreten zu haben. Einen Planeten, der definitiv von Technik-kundigen Wesen gestaltet wurde: im Abstand von etwa 40 Metern ragen Röhren und Rohre aus dem Hügel. Jeweils zwei dicht nebeneinander: Ein breites flaches und ein dünnes hohes. Die oberen Öffnungen sind mit einem Schlauch verbunden, ein umgedrehtes U. Irgendetwas will nach oben, durch die Deckschicht ins Freie, wird aber wieder nach unten geleitet. Gase vielleicht, oder Flüssigkeiten. Oder beides. Verdauungsprozesse im Wohlstandsbauch aus Müll.

Eine Verdauung, die es so noch nicht gibt

Es ist unangenehm, mir vorzustellen, was genau unter der Deckschicht passiert. Ich stelle mir eine volle Hausmülltonne vor, die jahrelang sich selbst überlassen wird. Genau das passiert hier, nur in einer gigantischen Vervielfachung. Lebensformen, die wir konsequent aus unseren Häusern und Wohnungen verbannen, sind hier unfreiwillig versammelt. Bakterien, Pilze, Schwämme und alle Arten von Mikroben bilden eine dunkle Schicksalsgemeinschaft und probieren sich in allen erdenklichen Fäulnis-, Verwesungs- oder Moder-Prozessen. Als Nahrung und Lebensraum zugleich dienen ihnen: Plastik in allen Erscheinungsformen, Dosen, Leder, Textilien, Matratzen, Pappteller, Holz, volle Windeln, leere Batterien und der Inhalt von Aschenbechern. Quasi alles was ich irgendwann in meine Wohnung, Keller und Schuppen geschleppt habe, und was ich dann nicht mehr brauchen konnte. Unter dem Hügel ruht ein unermessliches Universum an Dingen, die Sedimente sortiert nach den Wechseln der Mode. Trend für Trend liegt hier begraben. Pilze sind mit ihren Myzelien dabei, den entsorgten Wohlstand aus zwei Jahrzehnten zu einem einzigen Klumpen zu verweben. Mein ganzer kurzlebiger Konsum, zusammengeballt zu einem 500.000 Kubikmeter großen, grauenhaften Klumpen. Wie ein Pickel in der menschlichen Haut, so schwärt dieser Talg unserer Zivilisation unter der dünnen Hülle aus Erde und Gras und eines Tages reißt die Hülle auf. Dann werden sich meine Ur-Enkel die Nase zuhalten und erleben, wie ein stinkendes, triefendes Monster seinen Kopf aus der Grube hebt, in die ich gedankenlos alles versenkt habe.

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