Feldreport 4: Lichtblitze vom Enddarm aus Beton

Wo endet unser Darm? Field Writer Gerhard Richter bricht ein Tabu und erkundet das wahre Ausmaß seiner Verdauung.

Autor Gerhard Richter

Der Schotterweg, der aus Sewekow in nördlicher Richtung hinausführt, heißt „Am Kamb“. Dreihundert Schritte hinter dem Ortsschild, wenn man schon denkt, jetzt kommt nichts mehr außer Eichen, Langholzstapeln und Wiesen, trifft sich noch einmal das ganze Dorf. Jedenfalls das, was die Bewohner an Flüssigkeiten absondern. Hier ist die Kläranlage des Dorfes. Alles, was die unterirdischen Rohre in Straßen und Häusern einsammeln, fließt nochmal zusammen und strömt dann – frisch geklärt – zurück in die Natur.

Kann es sein, dass mein Körper nach nur drei Selbstversuchen im Field Writing schon sensibelst auf die Umgebung reagiert? Dass mein Inneres die Landschaft so direkt abspiegelt? Jedenfalls muss ich, just als ich an der Kläranlage ankomme – gewissermaßen an der Vollversammlung der Sewekower Fäkalien – plötzlich selbst aufs Klo. Doch eine Dorf-Kläranlage ist keine öffentliche Toilette. Mir bleibt nur die freie Natur als stilles Örtchen. Fünf grün schillernde Fliegen sind überraschend schnell zur Stelle und machen sich über den frischen Fäzes her. Ja, es klingt unappetitlich, aber so ist die Kreislaufwirtschaft in der Natur. Mit etwas Laub abgedeckt und nach drei Tagen Sonne wird hier nur noch Wald-Erde zu finden sein.

Ich schlendere entspannt zur Wiese neben dem Klärwerk, klappe den Schreibtisch auf und beschreibe, was um mich ist.

Die Kläranlage ist neu und ordentlich in einem trapezförmigen Grundstück eingezäunt.

Ein Tor aus verzinktem Stahl und ein brusthoher Maschendrahtzaun mit fein gezacktem Rand aus Stacheldraht halten Unbefugte vom Grundstück fern. Im Inneren des eingezäunten Vierecks verrichten die Anlagen ihre Reinigungsarbeit. Es gibt zwei Betonringe. Einen kleinen und einen größeren, auf dem Hügelchen mit dem verdorrtem Gras. Beide Betonringe sind komplett abgedeckt. Der große Betonring verfügt über einen seltsam geformten grünen Deckel, zu dem eine Leiter aus vier Stufen führt. Einzelne Rohre aus Stahlblech ragen heraus und grüne Lüftungspilze atmen unhörbar Dünste aus oder ein. Am Rand des Betonrings sind robuste Gebilde aus armdickem, verzinktem Stahl angeschraubt, deren Funktion man nur mit sehr viel Fantasie erahnen kann – Messfühler vielleicht oder das Gegenstück eines Rührwerks?

Aus dem großen Becken dringt abwechselnd jeweils nur für wenige Sekunden ein Rauschen, Plätschern und Zischen. Alles geschieht vollautomatisch. Alles steht starr und menschenlos in der Sonne. Das einzig Bewegliche auf dem Gelände sind die Lüftungsräder an den senkrechten Rohren, die übermannshoch aus der Erde ragen. Sie sind vorzüglich gelagert und geschmiert und rotieren absolut lautlos. Die Lamellen sind aus glänzendem Stahl und schleudern – wenn sie einen entsprechenden Winkel zwischen mir und der Sonne durchlaufen – Lichtblitze in mein Auge. Der Wind frischt auf, die Frequenz der Lichtblitze nimmt zu.

Jenseits des Schotterwegs erheben sich Eichen und Pappeln.

Im Windstoß rauschen ihre Blätter. Grillen zirpen. Eine Fliege surrt so knapp an meinem Ohr vorbei, dass ich erschrocken den Kopf einziehe. Sie ist auf der Suche nach Nahrung. Die Fliege lässt die Kläranlage links liegen und saust in Richtung der Eiche, unter der mein Häufchen wartet. Seltsam, dort in den Becken der Kläranlage liegen sämtliche Fäkalien des Dorfes. Aber es stinkt nicht. Die Kläranlage arbeitet völlig geruchlos.

Aber wo ist der Abfluss? Rings um die Kläranlage entdecke ich nirgends ein Rohr, aus welchem das geklärte Wasser in die Natur fließt. Ich lausche in das Grillenzirpen und Blätterrauschen, höre aber kein Plätschern. Möglicherweise führt ein unterirdisches Rohr hinüber zum Waldrand. Also stehe ich auf und gehe über die Wiese zum Waldsaum. Direkt an der Kläranlage ist das Gras spärlich, der Bewuchs ähnelt den Pionierpflanzen, welche die Erdhaufen an Baustellen besiedeln. Vermutlich wurde hier gegraben und aufgeschüttet. Aber je näher ich dem Wald komme, desto wilder und undurchdringlicher wird die Wiese. Disteln, Brennnesseln und Kletten-Labkraut bremsen meine Schritte. Vor allem das Klettenkraut, dieser zähe Spreizklimmer mit seinen Blattquirlen und Stachelborsten, hindert den schnellen Gang. Aber je langsamer ich gehe, desto mehr fasziniert mich ein unerwartetes Phänomen: Dieses Stück Wiese ist voller Heuschrecken und Grashüpfer. Bei jeder Bewegung schnipsen die kleinen Tiere sternförmig davon, wie Funken. Mein Erscheinen in ihrem Revier hat die Tiere in Hochspannung versetzt und die entlädt sich durch sprunghafte Fluchten in sichere Distanz. Ein knisterndes Feuerwerk aus Hüpfern.

Und noch eine Überraschung:

Ein paar Schritte vor mir hebt ein Reh seinen Kopf aus dem Gras. Kaum hat es mich erblickt, springt es auf und hastet davon. Weiter vorn taucht es ein ins Dickicht der Sträucher und sucht neue Deckung. Ich schaue mir die Kuhle an, in der das Reh bis eben noch lag und ruhte. Das Gras ist im Oval sanft niedergedrückt und lässt die Körperform noch ahnen. Eine Spur führt ein paar Meter weiter zu einem Graben, der die Wiese vom Wald trennt. Er ist tief, die steile Böschung mit Brennnesseln überwuchert und tief unten erkenne ich dunkel das Wasser. Schaumige Flecken aus Algen und Wasserlinsen dümpeln auf dem morastigen Bach, der so flach ist, dass er im Moment gar nicht fließt. Hier hat das Reh getrunken. Sollte hier das Klärwerk münden? Ich gehe – soweit es Brennnesseln und Gestrüpp zulassen – ein wenig auf und ab, finde jedoch kein Rohr, aus dem das geklärte Wasser eingeleitet wird. Es bleibt ein Rätsel, wohin das Wasser aus dem Klärwerk fließt.

Ich frage mich auch, was genau im Klärwerk landet. Im Grunde doch alles, was in Sewekow in irgendeinen Abfluss geschüttet, gerührt und gespuckt wird. Von meinem Klappschreibtisch aus habe ich einen Blick auf das Dorf. Am Rand steht ein Gehöft mit großen Stallgebäuden und einem blauen Swimmingpool im Obstgarten. Bestimmt wohnt dort eine Familie mit Kindern. Ich stelle mir vor, ich würde einen Tag lang dort leben.

So will ich nun – Stunde um Stunde – überlegen, was ich alles auf den Weg zum Klärwerk schicken würde. Morgens gehe ich auf die Toilette. Den Abend zuvor habe ich Rotwein aus Südafrika getrunken. Oder war er aus Chile? Meine Verdauung hat den Rotwein in goldenen Urin verwandelt und den spüle ich mit reichlich Wasser in Richtung Kläranlage. Anschließend rasiere ich mich mit Schaum aus der Spraydose, putze meine Zähne mit Pfefferminz-Zahnpasta und dusche mich mit Granatapfel-Shampoo. Bartstoppeln, Rasierschaum, Zahnpasta und Duschwasser gluckern in den Abfluss. Dann mache ich Kaffee, eine Röstung aus Äthiopien. Auch dessen unverdauliche Substanzen werden später im Klärwerk angeschwemmt. Genauso ergeht es dem Tee aus Ceylon und dem Wasser aus einem französischen Vulkangestein, von dem ich vormittags ein Glas trinke. Das Glas stelle ich in die Spülmaschine.

Mittags koche ich Nudeln.

Original italienische Pasta aus einer Manufaktur in Bologna, die traditionelle Bronzeformen für die Farfalle verwendet. Ins Kochwasser gebe ich Salz aus dem Himalaya. Die Tomaten aus der Dose stammen aus Italien, die Zwiebeln aus Spanien, der Knoblauch aus China und das frische Basilikum aus Holland. Das Nudelkochwasser gieße ich ab, die schmutzigen Teller und das Besteck stelle ich nach dem Essen ebenfalls in die Spülmaschine, lege einen Reinigungs-Tab in den Schacht, schließe die Klappe und drücke den Startknopf. Es zischt und gluckst. Ich nehme mir vor die Küche zu wischen. Wasser in den Eimer und Lavendel-Reiniger dazu und eine halbe Stunde später ist die Küche sauber, das dreckige Wischwasser gurgelt im Abfluss davon. Auch das Geschirr ist abgewaschen, doch das Spülwasser hab’ ich gar nicht zu Gesicht bekommen. Teller und Besteck wurden vollautomatisch gereinigt, das Spülwasser ist unterwegs zur Kläranlage. Nach dem Essen brühe ich mir einen Espresso, fair gehandelt aus Nicaragua. Danach besuche ich die Toilette. Von dort schlingern die Überreste, angetrieben von einem Schwall Spülwasser in Richtung Kläranlage. In Wirklichkeit sitze ich dort an meinem Klappschreibtisch in der Sonne und tippe dieses fiktive Szenario in die Hermes Baby-Schreibmaschine.

Unter der Eiche liegt meine Losung im Gras. Genauso wie die des Rehs und der anderen Tiere hier in Wiese und Wald. Darauf werkeln die Fliegen mit ihren Beinen und Rüsseln. Sobald meine Nahrung meinen Körper verlassen hat, wird sie zum Futter für andere. Ein schlichter Baustein der Nahrungskette. Aber für Pfefferminz-Zahnpasta, Granatapfel-Shampoo, Spülmaschinentabs und scharfe Putzmittel brauche ich ein System, an das ich ungern denken will. Ich möchte alles Stinkende, Eklige, Giftige und Schädliche gedankenlos entsorgen. Mir wird mulmig bei der Vorstellung, dass sich all das, was ich in den Abfluss gegeben habe, hier im Klärwerk in einem der Becken wieder vereint. Was für ein ekliger Brei! Organisches vermischt mit Chemikalien. Wo soll das bitteschön hin? Und wie wird das eigentlich „geklärt“?

Es sind Helfer aus der Natur.

Ohne die Mikroben im Klärwerk geht nämlich nichts. Sie schlürfen und kauen, zernagen und verdauen alles noch ein zweites Mal – meine Bartstoppeln, die Pfefferminz-Zahnpasta, das Granatapfel-Shampoo und den Tab der Spülmaschine. Ich kann mir schwer vorstellen, dass das funktioniert, dass alle Substanzen aus Plantagen, Fabriken und Bergwerken rund um den Erdball in solchen Kläranlagen soweit abgebaut werden, dass das Wasser wieder naturverträglich ist und am Rande dieses brandenburgischen Dorfes ausgekippt werden kann. Dass das Reh, das ich vorhin aufscheuchte, tatsächlich davon trinken könnte. Vielleicht hat es nicht nur geruht, sondern war krank vom Wasser? (*)

Schlechtes Gewissen sickert in mich ein. Weil ich mich einfach darauf verlasse, dass all die Produkte, die ich täglich verwende, unschädlich sind. Hier bei der Kläranlage kann man sehr leicht daran zweifeln. Dieser Komplex ist ja nichts anderes ist als ein Verdauungsorgan für die Lebensmittel, Kosmetika und Hygieneartikel, die ich konsumiere. Und ähnlich wie in meinem eigenen Darm wirken auch in der Kläranlage Bakterien und Mikroben. Meine Lebensweise ist von Substanzen geprägt, die die Natur vorher nicht kannte oder nicht in dem Ausmaß entsorgen musste. Das erfordert diesen zusätzlichen Verdauungstrakt. Ich versuche mir vorzustellen, die Kläranlage wäre ein Teil meines Körpers, eine Ausstülpung meines Enddarms aus Abwasserrohren, Lüftungspilzen, Stacheldraht und Betonbecken voller Schlamm und Bakterien. Jedes Mal, wenn ich mich auf eine Toilette setze oder etwas in den Abfluss schütte, verbinde ich mich mit einer riesigen Verdauungsmaschine. Oft ist das ein ganz altes, historisch gewachsenes System aus gigantischen Abflüssen und Kanalisationen. Mir wird schwindlig, wenn ich daran denke, an welche dunkle Welt unter Tage ich da regelmäßig andocke. Und was ich in meinem Haushalt alles verstoffwechsle, und dass es solcher Anlagen bedarf, um das zu bewältigen!

Die Kläranlage vor mir steht hell und leer in der Sonne. Die Grashüpfer zirpen. Die beiden Lüftungsräder schleudern Lichtblitze. Sewekow liegt still im Süden. Unter dem seltsam geformten grünen Deckel des Betonrings gurgelt und zischt es. Mein Magen grummelt.


(*) Laut Wasser- und Abwasserverband Wittstock können die Mikroorganismen in der Kläranlage Sewekow die beschriebenen Stoffe soweit abbauen, dass das geklärte Wasser ohne Bedenken in die Natur zurückgeleitet werden kann. Und zwar in den von mir beschriebenen Graben. Aber nicht als beständiges Rinnsal, sondern zweimal am Tag als Schwall. Meine Sorge war also unbegründet und das Reh kann gefahrlos trinken.

Autor Gerhard Richter

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Jeden zweiten Samstag im Monat veröffentliche ich hier https://www.riffreporter.de/field-writing/meine Feldreporte.

Es sind Berichte meines Selbstversuchs. Es ist mein Versuch das Verhältnis zur Natur zu klären und erfahrbar zu machen. Sind wir Menschen tatsächlich noch ein Teil der Natur? Dafür verlege ich meinen Schreibtisch in die freie Landschaft und setze mich mit meiner mechanischen Schreibmaschine den unmittelbaren Eindrücken von Feld, Wald und Wiese aus. Ich protokolliere meine Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen.

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