Welche Architektur passt zum Forum Recht?

Expertenbefragung zur Symbolik von öffentlichen Gebäuden

Von Carmela Thiele

28. September 2020

Das gängige Symbol für ein Museum ist der Säulenportikus, die Kombination von Säulen auf einer Plattform und darüber platziertem dreieckigen Giebel. Von der Kunsthalle Bremen bis zur National Gallery in London haben Architekten das Motiv genutzt, um ihren Bauten Würde zu verleihen. Bis heute lebt das Säulenmotiv fort in städtischen Wegeleitsystemen oder als Internet-Icon für Museen. Aber auch Justizpaläste, Ministerien und Banken wurden in der Vergangenheit mit dem Säulenportikus geschmückt. Was steckt hinter diesem Motiv, und welche Signale würden ausgesandt, sollte demnächst eine für die Vermittlung von Rechtstaatlichkeit gegründete Institution wie das Forum Recht mit einer solcher Fassade auf ihrer Homepage werben?

Solche Fragen sollte man sich rechtzeitig stellen. Bei großen Bauvorhaben kann viel schief gehen, wie die Geschichte des Humboldtforum zeigt. Das teilrekonstruierte Berliner Stadtschloss, für das erst im Nachhinein über eine geeignete Nutzung nachgedacht wurde, ist dafür ein prominentes Beispiel. Um sich weltoffen zu zeigen, war die Leitung der Staatlichen Museen zu Berlin auf die Idee gekommen, seine umfangreichen ethnologischen Sammlungen im Zentrum der Hauptstadt zu präsentieren. Deren Schauräume in Dahlem unweit der Freien Universität waren sowieso marode. Nicht bedacht hatten die Verantwortlichen die symbolische Wirkung dieser Maßnahme. Denn die Architektur des Stadtschlosses erinnerte an das Deutsche Kaiserreich und damit an Kolonialismus, Unterdrückung und illegalen Abtransport kulturell bedeutsamer Objekte nach Berlin. Nach lautstarken Aktivisten-Protesten entbrannte im Sommer 2017 bundesweit eine öffentliche Debatte über den deutschen Kolonialismus und das in Humboldt-Forum. Schwer vorstellbar, dass sich die Institution, die im Dezember eröffnet werden soll, sich von diesem Fehlstart jemals erholen wird.

Das Beispiel zeigt, dass die Architektur eines Gebäudes keine beliebige Variable ist. Wenn es wie aktuell in Karlsruhe darum geht, eine öffentliche Einrichtung wie das geplante Forum Recht zu etablieren, bedarf es erhöhter Aufmerksamkeit bei der Wahl des Standorts und der Gestalt des Gebäudes. Im Karlsruher Gemeinderat wird aktuell das Markgräflich-Hochbergische Palais am Rondellplatz diskutiert, dessen repräsentativer Säulenportikus auf den nicht unbedeutenden Stadtbaumeister Friedrich Weinbrenner zurückgeht. Original ist aber nur die Fassade des Palais, das im Zweiten Weltkrieg durch Bomben weitgehend zerstört wurde. Der Innenraum samt Rückseite wurde im Stil der Sechzigerjahre gebaut, ist also vermutlich für ein modernes Bildungszentrum unbrauchbar. 

Ist der Säulenportikus ein Herrschaftsmotiv?

Für den Präsidenten der Karlsruher Friedrich-Weinbrenner-Gesellschaft, Ulrich Schumann sind Weinbrenners Säulen keinesfalls Symbole politischer Macht. Sie seien vielmehr Teil der Konstruktion eines modern gedachten Formenraums. Weinbrenner, der den Stadtausbau Karlsruhes zu Beginn des 19. Jahrhunderts wie kein anderer prägte, habe in der Verwendung des Motivs nicht zwischen Wohnraum, Rathaus oder Palais unterschieden. Das Markgräfliche Palais sei ein Wohnhaus gewesen, wenn auch mit öffentlichem Charakter.

Das Mitte der Sechzigerjahre errichtete Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ist ein Beispiel für die Idee des demokratischen Bauens. Pavillon-Bauweise und Fensterbänder stehen für Transparenz und Mehrstimmigkeit.
Das Mitte der Sechzigerjahre errichtete Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ist ein Beispiel für die Idee des demokratischen Bauens. Pavillon-Bauweise und Fensterbänder stehen für Transparenz und Mehrstimmigkeit.

Dem widerspricht Andreas Denk, Professor für Architekturtheorie an der TH Köln. Das Motiv des Säulenportikus komme aus der römischen Klassik und sei ein Herrschaftsmotiv. Ausgehend von Gebäuden wie dem Pantheon in Rom sei es über den Renaissance-Architekten Palladio in die italienische Villenarchitektur und später in die Gestaltung englischer Landsitze eingegangen. Nach der Französischen Revolution dachten die Adligen über eine Verbürgerlichung ihres Lebens nach, zogen intime Landhäuser repräsentativen Schlössern vor. Auch Weinbrenner sei ein Kind der Aufklärung gewesen und stehe für eine bürgerliche Wohnkultur. Ein Herrschaftssymbol sei der Säulenportikus aber dennoch. Andreas Denk findet eine in die Zukunft gerichtete Institution in einem solchen Denkmal erst einmal problematisch: „Ein Gebäude mit einer zeitgenössischen Funktion braucht einen entsprechenden Ausdruck.“

Er erinnert daran, dass es nach 1945 eine Debatte gegeben habe, was eine demokratische Architektur ausmachen könnte, wie hoheitliche Aufgaben dieser Regierungsform sich in einem Gebäude ausdrücken ließen. Eine Kirche etwa werde nicht als Wohnhaus konzipiert, weil das Ziel über die bloße Bauaufgabe hinausgehen muss. Neben der bloßen Erkennbarkeit des Gebäudes als Kirche, war das spirituelle Moment eines religiösen Baus von Bedeutung, die über die Architektur sehr unterschiedlich ausgestaltet werden kann. Es sei damals gefragt worden, inwieweit der Zweck in das zu bauende Gebäude eingebunden werden könne. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe sei dafür ein gutes Beispiel. Mit seiner Pavillon-Bauweise und den ausgedehnten Glasflächen stehe es für Transparenz und Mehrstimmigkeit. Es verzichtet auf eine hierarchische Symbolik wie den Säulenportikus, der im 19. Jahrhundert, aber auch im nationalsozialistischen Bauen üblich war.

Nur eine dekorierte Kiste?

Skepsis gegenüber einer beliebigen Nutzung eines Gebäudes wie des Markgräflich-Hochbergschen Palais äußert auch der Philosoph Christoph Baumberger. Wenn nur das Portal historisch sei, hätte man mit einem dahinter errichteten Funktionsbau nichts anderes als eine dekorierte Kiste. Der an der ETH Zürich lehrende Professor hat eine Symboltheorie für Architektur entwickelt: „Wenn in einem Denkmal gebaut wird, kommt ein weiterer Referenzrahmen hinzu, der zunächst einmal der neuen Konstruktion gegenüber fremd ist“, sagt er. Für den Philosophen ist wichtig festzustellen, dass die Symbolik eines Gebäudes sehr unterschiedlich gelesen werde. Ein spezialisierter Kunsthistoriker wie Ulrich Schumann denke daran, wie das Gebäude vom Architekten intendiert war. Damit gehört er aber vermutlich zu einer sehr kleinen Gruppe. Es müssten sehr vielmehr soziale Kontexte bedacht werden, denen unterschiedliche Symbolebenen zugrunde lägen. Dazu kämen Fragen des Materials, der Wahl der historischen oder auch durch den Standort bedingte Bezüge eines Architekturentwurfs. Seine Symboltheorie ermögliche es, so Christoph Baumberger, Sichtweisen und Deutungen auf die Spur zu kommen, die sich nicht von sich aus aufdrängten. 

Die postmoderne Architektur des Musée des Confluences in Lyon ist als Teil der Landschaft am Zusammenfluss von Rhone und Saône konzipiert.
Die postmoderne Architektur des Musée des Confluences in Lyon ist als Teil der Landschaft am Zusammenfluss von Rhone und Saône konzipiert.
C.Thiele

Ist der ursprünglich vorgesehene Standort am Bundesgerichtshof vielleicht doch die bessere Wahl? Verschiedene Karlsruher Bürgerinitiativen hatten das aus denkmalpflegerischen und ökologischen Gründen infrage gestellt. Reste einer Weinbrenner-Parkanlage mit altem Baumbestand müssten wahrscheinlich dem Neubau geopfert werden. Die Kritiker zeigen sich unbeeindruckt von der Nähe des geplanten Forum Rechts zum authentischen Ort der Rechtsprechung. Ein alter, abhörsicherer Sitzungssaal aus RAF-Zeiten soll Teil der neuen Institution werden. Bleibt er ungenutzt, droht diesem authentischen Ort der Rechtsprechung der Abriss. Dabei hat auch die Gründungsdirektorin des Forum Recht, die ehemalige Leiterin des Memorium Nürnberger Prozesse, Henrike Claussen in einem Interview auf diesen Vorteil für das Forum Recht hingewiesen. „Ein authentischer Ort ist eine ganz wichtige Komponente, um die Menschen zu erreichen. Vor diesem Hintergrund ist der alte Sitzungssaal des BGH ein Gewinn für das Forum Recht“, sagte sie den Badischen Neuesten Nachrichten.

BGH-Gelände als Chance für das Forum Recht

Doch bringt auch der Standort am Karlstor aufgrund seiner heterogenen Bebauung Probleme mit sich. Gerade deshalb könne es aber eine spannende Aufgabe sein, dafür eine Lösung zu finden, findet Andreas Denk. Es müsste ein unverwechselbarer Bau werden, der die öffentliche Aufgabe erahnbar mache. „Ein solches Gebäude muss den vorhandenen Schichten des Bauens eine weitere hinzufügen und sich damit in die gegenwärtige Stadtlandschaft einschreiben“, sagt der Architekturhistoriker, der auch langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift Der Architekt ist. Ökologisches Bauen sei inzwischen Standard. bei solchen Projekten. Das sei ein riesiger Schritt, der nur im Rahmen eines Architekturwettbewerbs gefunden werden könne.

Wie so ein Bau aussehen könnte, der mehr ist als ein funktionales Gebäude zeigt das 2014 eröffnete Musée des Confluences in Lyon. Das von dem österreichischen Architekturbüro COOP Himmel(b)lau entworfene „Museum der Zusammenflüsse“ ist am Zusammenfluss von Rhone und Saône gelegen und verkörpert damit die transdisziplinäre Idee des von einem internationalen Expertengremium begleiteten Museums der Zukunft. Von außen wirkt der Bau wie ein riesiges Insekt aus Stahl und Glas, das wie ein Juwel in der Sonne funkelt. Innen werden unterschiedliche Sammlungen der Naturkunde und der Kulturgeschichte in gemeinsamen, thematischen Ausstellungsprojekten gezeigt.

Teile der Sammlungen des Musée des Confluences waren zuvor in einem mit Säulenportikus geschmückten Haus untergebracht, dem Palais de Glace am Boulevard des Belges. Das Gebäude genügte schon lange nicht mehr modernen musealen Anforderungen. Und niemand wäre in Frankreich auf die Idee gekommen, das neue ehrgeizige Museumsprojekt nationaler Bedeutung erneut in einem denkmalgeschützten Bau mit Säulenportikus-Fassade unterzubringen. Wie beim Centre Pompidou oder dem Pariser Museum der Weltkulturen, dem Musée du quai Branly sollte mit dem Bau nach außen sichtbar ein Zeichen gesetzt werden.

Wie im Fall des Forum Recht war mit den öffentlichen Prestigebauprojekten in Frankreich auch eine kulturpolitische Agenda verbunden. Und so verwundert es nicht, dass auch die Initiatoren des Forum Recht sich bereits im Vorfeld für eine lebendige Diskussionsplattform ausgesprochen haben. Ein Museum sollte es definitiv nicht werden. Weshalb also sollte man es hinter einem Säulenportikus verstecken? Zweifellos würde die historisierende Symbolik der Fassade des Markgräflich-Hochbergschen Palais der inhaltlichen Zielsetzung des Forum Recht entgegenstehen. Das aber kann niemand ernsthaft wollen.

Update 29.9.2020

Der Schutz von Bäumen und des Mikroklimas stand gegen das prestigeträchtige Bauprojekt „Forum Recht“ auf dem BGH-Areal. Der Karlsruher Gemeinderat hat in seiner Sitzung seine Bedenken zurückgestellt und mit großer Mehrheit für den Standort Bundesgerichtshof gestimmt.

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