Mehr als 100.000 Covid-Tote in Deutschland: Was nun?

Bittere Koinzidenz: Binnen 24 Stunden stellt sich die nächste Regierung vor, die offizielle Corona-Notlage läuft aus und die Pandemie erreicht eine neue Dimension – ein Kommentar

11 Minuten
Eine brennende Kerze vor schwarzem Hintergrund

Auf eine gewisse Weise war es makaber, wie die Süddeutsche Zeitung, um diesem traurigen Tag vorzugreifen, bereits am 20. November mit 100.000 gedruckten Kreuzen den Moment markierte, an dem die Zahl der Corona-Toten sechsstellig wird.

Halt, wollte man da rufen, es sind in der offiziellen Registratur des Todes, die das Robert-Koch-Institut seit Beginn der Pandemie führt, doch erst 98.987 Menschen eingetragen! Da fehlen noch 1013 Menschen – 1013 Annas, Monikas, Simones, Mohammeds, Peters, Benjamins, die noch um ihr Leben kämpfen und vielleicht doch gar nicht sterben. So viele Menschen, wie in einem vollen ICE Platz haben!

In normalen Zeiten wäre es ein Unding, Menschen zu betrauern, die noch gar nicht gestorben sind. Man müsste doch alle Hebel in Bewegung setzen, um eine Weiche umzulegen und diesen Zug davor zu bewahren, in den Abgrund zu donnern.

Doch leider war es eine realistische – und zudem eine würdige – Form, in der die Zeitung der vielen Menschen gedachte, die gerade noch ein normales Leben geführt und angenommen hatten, dass sie der Pandemie schon entkommen würden. Menschen, die dann etwas gespürt haben, ein Kratzen im Hals, ein Unwohlsein, ein Frösteln, nur um wenig später einen Abhang des Leidens hinabzurutschen, an dessen Ende sie nur wenige Tage oder Wochen später ihren letzten Atemzug machten, nicht in Ruhe, sondern in Atemnot, aus einem Körper, von dem ein neuartiges Virus Besitz ergriffen hat.

Die Wissenschaft hat rechtzeitig gewarnt

Realistisch war die Darstellung zum einen, weil die Registratur des Todes wahrscheinlich unvollständig ist. Der Economist rechnet vor, dass weltweit nicht, wie es offiziell heißt, bisher rund 5 Millionen Menschen an Covid-19 gestorben sind, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit eher 17 Millionen. Viele Todesfälle können dem Virus nicht exakt zugerechnet werden, etwa wenn sechs Monate nach einer milde verlaufenen Infektion jemand am Ende einer langen Kettenreaktion des Immunsystems von einer Lungenembolie hinweggerafft wird. In Deutschland sind also wahrscheinlich bereits deutlich mehr als 100.000 Menschen dem Coronavirus erlegen.

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