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Langzeitfolgen nach der Corona-Infektion: Auch bei Kindern dominiert die Erschöpfung

Wie jungen und älteren PatientInnen in der Post-Covid-Ambulanz am Universitätsklinikum Jena geholfen wird

von
01.05.2021
7 Minuten

Nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 haben die Betroffenen häufig über Wochen oder Monate mit andauernden Symptomen zu kämpfen. Luftnot, Erschöpfung, Muskelschmerzen und Herzbeschwerden zählen ebenso zu „Long Covid“ wie Probleme, den Alltag zu bewältigen, weil „der Kopf“ nicht mehr so will, wie vorher. Wenn es an Konzentration und Aufmerksamkeit fehlt, wird der Wiedereinstieg in die Arbeit nach der akuten Krankheitsphase schwer oder gar unmöglich.

Inzwischen gibt es in über 30 deutschen Städten Post-Covid-Ambulanzen, an die sich die Betroffenen wenden können. Bisher ist wenig über das Krankheitsbild „Long Covid“ bekannt. Wie kann den PatientInnen dort dennoch geholfen werden?

Ich spreche mit Kathrin Finke und Daniel Vilser vom Universitätsklinikum in Jena. Die Psychologin Finke erforscht am Gedächtniszentrum eigentlich, wie sich Wahrnehmung und Aufmerksamkeit im Alter verändern. Zurzeit betreuen sie und ihre KollegInnen außerdem Menschen, die nach einer Coronavirus-Infektion spüren, dass es mit der Aufmerksamkeit und der Konzentration nicht mehr so klappt wie vorher.

Nicht nur Erwachsene sind von Long Covid betroffen, sondern auch Kinder. Daniel Vilser ist Kinderkardiologe am Universitätsklinikum in Jena und einer der Ärzte dort, die in der neu eingerichteten Post-Covid-Ambulanz die Kinder untersuchen, die im Zusammenhang mit Covid-19 auffällige Langzeit-Symptome zeigen.

Wer kommt zu Ihnen in die Sprechstunde?

Daniel Vilser: Unser Angebot richtet sich an Familien, in denen die Kinder mehrere Wochen nach Covid-19 noch gesundheitliche Probleme haben. Voraussetzung für einen Untersuchungstermin bei uns ist ein positiver Virustest in der Vergangenheit oder der Nachweis von Antikörpern im Blut, die eine vorangegangene Infektion mit Sars-CoV-2 anzeigen.

Kathrin Finke: Im August des letzten Jahres wurde die Post-Covid-Ambulanz hier am Universitätsklinikum Jena eingerichtet. Ältere und Jüngere melden sich mit körperlichen Symptomen, zum Beispiel Störungen der Lungenfunktion, neuropsychiatrischen Problemen und einer Fatigue, also einer extremen Erschöpfung. Hier bei uns im Gedächtniszentrum kümmern wir uns – und „wir“ sind Neurologen, Psychiater und Neuropsychologen – um die Menschen mit neuropsychiatrischen Leiden.

Darunter sind solche, die primär psychische Probleme nach dieser lebensbedrohlichen Erkrankung, Covid-19, haben. Wir sehen viele Patienten mit einer leichten bis mittelgradigen Depression sowie Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Bei anderen Patienten stehen kognitive Defizite, vor allem Probleme mit der Konzentration und der Daueraufmerksamkeit im Vordergrund. Viele beklagen Schlafstörungen sowie eine erhöhte Tagesmüdigkeit.

Meistens beschreiben die Long-Covid-Patienten ihre Symptome zunächst per Video- oder Telefonsprechstunde. Anschließend werden sie während eines Aufenthaltes im Gedächtniszentrum intensiv untersucht. Es werden mögliche neurologische Schädigungen als Ursache für die Symptome abgeklärt. Wir beurteilen ihre kognitive Leistungsfähigkeit, zum Beispiel das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit, Sprache, Konzentration und überprüfen auch, ob eine erhöhte psychische Belastung vorliegt. Seit Januar 2021 haben wir bei uns mehr als 50 solcher Post-Covid-Patienten betreut.

Die Patienten, die sich zurzeit melden, waren hauptsächlich in der ersten Infektionswelle akut erkrankt. Wir rechnen damit, dass aus der zweiten Welle bald noch viel mehr betroffene Menschen Hilfe suchen werden.

Porträtfoto von Daniel Vilser, ein junger Kinderkardiologe am Universitätsklinikum Jena.
Der Kinderkardiologe Daniel Vilser behandelt an der Jenaer Post-Covid-Ambulanz Kinder mit Verdacht auf Long Covid.

Welche Symptome haben die Kinder mit Long Covid?

Daniel Vilser: Das Problem bei Kindern ist, dass es bisher kaum Daten gibt und das Syndrom einfach überhaupt noch nicht gut beschrieben ist. Das heißt natürlich ganz und gar nicht, dass es das bei Kindern nicht gibt. Vielmehr dominiert bei den Langzeitfolgen auch bei ihnen die Erschöpfung. Sie fühlen sich schwach und müde, viele können sich nicht mehr gut konzentrieren, einige haben Schmerzen in der Brust, andere Herzstolpern oder Herzrasen.

Mögen Sie mir eine(n) typische(n) Besucher(in) der Kinder Post-Covid-Ambulanz beziehungsweise des Gedächtniszentrums beschreiben?

Daniel Vilser: Ich habe ein 11-jähriges Mädchen vor Augen, die die vierte Klasse besucht. Ihre ganze Familie war im Dezember an Covid-19 erkrankt, das Mädchen selber war auch infiziert, hatte aber keine Symptome. Nun kamen aber Rückmeldungen aus der Schule, dass sich die Leistungen des Mädchens auf einmal stark verschlechtert hätten. Von einem ursprünglichen Notenstand zwischen 1 und 2 sei sie plötzlich weit entfernt, die Versetzung auf das Gymnasium gefährdet. Die Oma und Tante des Mädchens bemerkten gleichzeitig eine erhebliche Wesensveränderung.

Natürlich könnte man mutmaßen, das alles hänge mit der beginnenden Pubertät zusammen. Ja, solche Veränderungen gibt es bei Heranwachsenden. Doch die Plötzlichkeit, mit der sich das Mädchen veränderte, ist schon besonders. Körperlich ist sie nicht direkt beeinträchtigt, hat aber Schwierigkeiten beim Einschlafen und Durchschlafen, was sie natürlich zusätzlich schwächt. Ich habe den Zustand der 11-Jährigen als „Long Covid“ eingestuft.

Wir suchen ja gerade alle händeringend nach Parametern, an denen wir Long Covid „festmachen“ können. Es gibt viele Parallelen zum postviralen chronischen Fatigue Syndrom, das wir unter anderem gehäuft nach dem Pfeifferschen Drüsenfieber (einer Infektion ausgelöst durch das Epstein Barr Virus) sehen. Aber nicht genug, um einfach sagen zu können, das ist das gleiche. Wir brauchen klare Diagnosekriterien.

Kathrin Finke: Ich denke an eine 41-jährige Patientin, die eine recht typische Symptomatik schildert. Sie war vor fünf Monaten akut an Covid-19 erkrankt, zeigte leichte, grippeähnliche Symptome, die sie zu Hause auskurieren konnte. Danach bemerkte sie auf der Arbeit, dass sie sich nicht mehr so konzentrieren konnte, Dinge verlegte und vergaß. Sie beschreib diesen Zustand als `Nebel im Kopf`. Die Frau ließ sich wegen der Erschöpfung einige Wochen krankschreiben. Die Probleme bestehen allerdings unverändert weiter.

Sie hat große Schwierigkeiten mit den Aufgaben, die sie im Arbeitsalltag gleichzeitig herausfordern. Wenn sie mit einer Schreibarbeit beschäftigt ist und das Telefon klingelt, hat sie nach dem Gespräch schon wieder vergessen, mit was sie vor dem Anruf beschäftigt war. Manche Arbeitgeber zeigen sich tolerant und lassen die Betroffenen erst einmal in einem geschützten Rahmen wieder zu Kräften kommen. Andere haben kein Verständnis, was natürlich zusätzlich Stress verursacht.

Wie können Sie den Patienten helfen?

Kathrin Finke: In der „Gedächtniswoche“ bieten wir die Möglichkeit an, mit Ergotherapie die kognitiven Fähigkeiten alltagsnah zu steigern. Wenn es Spaß macht und der Patient diese Therapie als hilfreich empfindet, verschreiben wir ergotherapeutische Behandlungen für Zuhause.

Bei Betroffenen mit erhöhter psychischer Belastung erfolgt eine psychiatrische Untersuchung, um herauszufinden, ob eine psychotherapeutische Behandlung in Frage kommt. Außerdem wird versucht, mit Hilfe eines computerisierten Trainings die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeitsspanne zu steigern. Bei Bedarf erfolgt auch eine sozialmedizinische Beratung, zum Beispiel hinsichtlich von Reha-Maßnahmen und der beruflichen Wiedereingliederung.

Die Menschen sind nicht nur unterschiedlich – manche leiden etwa zusätzlich unter anderen chronischen Erkrankungen – sie gehen auch sehr unterschiedlich mit der Situation um. Manche nehmen eine absolute Schonhaltung ein und wagen überhaupt nichts mehr, andere überfordern sich ständig, was der Besserung auch nicht zuträglich ist. Wir brauchen eine Therapie, die auf jeden Patienten individuell zugeschnitten ist.

Ungünstig ist, wenn sich ein Patient nur auf die Bereiche in seinem Leben fokussiert, in denen er noch nicht wieder bei 100 Prozent ist. Wir ermuntern dazu, jeden Schritt als Schritt zur Besserung zu würdigen und die Sichtweise vom Defizitdenken auf den Fortschritt zu lenken.

Daniel Vilser: Zunächst einmal wollen wir einen Organschaden, sollte er durch Covid-19 ausgelöst worden sein, finden und behandeln. Von den 20 Kindern, die wir bisher in der Long-Covid-Sprechstunde untersuchten, haben aber die meisten keine offensichtlichen Schäden an den Organen davongetragen. Bei dreien fanden wir eine auffällige Lungenfunktion, die wir behandeln können. Bei zwei Kindern war das Herz zwar unauffällig, aber die Funktion der Blutgefäße verändert.

Für die 11-Jährige, von der ich berichtet habe, wäre sicherlich auch eine Reha-Maßnahme sinnvoll gewesen. Spezialisierte Einrichtungen, wie es sie für Erwachsene bereits gibt, fehlen aber derzeit noch. Die Familie hat sich dazu entschieden, vorerst mit einer Kinderpsychologin und Ergotherapeuten ambulant an der Konzentrationsfähigkeit zu arbeiten.

Eine Frau und ein Mann stehen an einer Tür angelehnt, beide tragen einen Mund-Nasenschutz. Die Therapeuten kümmern sich um Long Covid Patienten.
Die Psychologin Kathrin Finke und der Neurologe Stefan Brodoehl kümmern sich am Universitätsklinikum Jena um die Long-Covid-PatientInnen.

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Wie wird es jetzt weitergehen?

Daniel Vilser: Bei uns am Universitätsklinikum läuft jetzt eine Studie an, bei der alle Kinder in Jena und Umgebung, die an Covid-19 erkrankt beziehungsweise sich mit Sars-CoV-2 angesteckt haben, systematisch erfasst werden sollen. Ziel ist, zuverlässiges Datenmaterial zu bekommen. Wie viele Kinder sind betroffen? Welche Symptome haben sie? Welche Symptome müssen oder können wir behandeln und bei welchen Problemen reicht es aus, abzuwarten, weil sie von alleine wieder abklingen?

In den ersten Infektionswellen haben sich die Kinder ja eher seltener angesteckt. Das ändert sich jetzt gerade. Aber nehmen wir einmal an, dass zwei bis fünf Prozent der schätzungsweise bisher in Deutschland knapp 300.000 infizierten Kinder und Jugendliche von Long Covid betroffen sind – und das wäre verglichen mit den wenigen bisher veröffentlichten Häufigkeiten eine eher konservative Schätzung – dann wären das 6000 bis 15.000 Kinder, die mit Spätfolgen zu kämpfen hatten oder immer noch haben.

Kathrin Finke: Was wir jetzt brauchen, ist mehr Wissen. Wir brauchen mehr Informationen darüber, was genau die Ursachen der Beschwerden sind und welche Maßnahmen helfen. Ob zum Beispiel auch bei Long Covid Impfungen helfen oder mit welchen Medikamenten wir die PatientInnen in der postakuten Phase versorgen können. Eine ganz wichtige Frage ist auch, warum Covid-19 eine so schwere Erschöpfung, eine Fatigue, nach sich ziehen kann. Die ist bei Long Covid zum Teil so massiv, dass die PatientInnen zwischen den Untersuchungen einschlafen Diese Erschöpfung erscheint stärker als nach anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen, wie etwa nach einer überlebten Sepsis. Wann und ob sich diese Beschwerden wieder legen, ist natürlich sehr wichtig und noch völlig offen.

Angesichts der hohen Infektionszahlen werden wir die Telemedizin nicht nur für ländliche Regionen weiter ausbauen müssen, weil wir den Bedarf für Long Covid Therapien sonst nicht mehr decken können. Mit klassischen Therapieformen, wie Psycho- oder Ergotherapie, weil es so viele Therapeuten, die dafür benötigt würden, gar nicht gibt.

Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden über die Riff freie Medien gGmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert.

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Ulrike Gebhardt

Ulrike Gebhardt

Ulrike Gebhardt ist Biologin, freie Journalistin und Buchautorin. Sie arbeitet unter anderem für die „Neue Zürcher Zeitung“ und „spektrum.de“. Anfang 2019 erschien ihr Buch „Gesundheit zwischen Fasten und Fülle“.


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