1. RiffReporter /
  2. Wissen /
  3. Brandrede des RKI-Chefs, über 65.000 Neuinfektionen, bald 100.000 Tote: „Es herrscht eine Notlage in unserem Land“

Brandrede des RKI-Chefs, über 65.000 Neuinfektionen, bald 100.000 Tote: „Es herrscht eine Notlage in unserem Land“

Vor den Entscheidungen zur Strategie gegen Covid-19 kritisiert RKI-Präsident Wieler Politiker, die nicht auf Warnungen der Wissenschaft gehört haben – und fordert strikte Maßnahmen

6 Minuten
Lothar Wieler, RKI-Präsident, hält vor der Bundespressekonferenz eine Grafik mit den neuesten Corona-Zahlen hoch und beantwortet Fragen von Journalisten.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, hat vor einer weiteren Eskalation der Corona-Pandemie, steigenden Totenzahlen und einem „sehr schlimmen Weihnachtsfest“ gewarnt, sollten Bund und Länder nicht umgehend die Corona-Maßnahmen verschärfen. „Wir waren noch nie so beunruhigt wie jetzt“, sagte Wieler bei einer digitalen Live-Veranstaltung des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer: „Es herrscht eine Notlage in unserem Land. Wer das nicht sieht, macht einen großen Fehler.”

Vor den Beratungen von Bundestag und Bundesrat über die weitere Corona-Strategie am Donnerstag und Freitag forderte Wieler, dass ab sofort nicht nur Ärzte, sondern auch Apotheker impfen können sollten. Er verlangte eine umgehende Schließung von Clubs und Bars, da diese „Hotspots“ von Ansteckungen seien. Die Zahl der Kontakte in der Bevölkerung sei zu hoch, die Impfquote zu niedrig.

Auf den Intensivstationen stünde weniger Personal zur Verfügung als im vergangenen Jahr und damit weniger Betten. Zudem lägen Covid-19-Patienten durchschnittlich länger auf Intensivstationen als Menschen mit anderen Erkrankungen, was die Kapazitäten zusätzlich limitiere.

Es werde „jetzt für Schlaganfall-Patienten teilweise über 1,5 bis 2 Stunden gesucht, wo man sie hinfahren kann, weil die Betten nicht mehr frei sind, auch bei Herzinfarktpatienten“, sagte Wieler. Auch für Kinder, die an anderen Atemwegserkrankungen litten und für Opfer von Verkehrsunfällen würden teilweise über Stunden Betten für eine intensivmedizinische Behandlung gesucht.

RKI meldet neuen Rekord bei Neuinfektionen

„Die Versorgung ist bereits in allen Bundesländern nicht mehr der Regel entsprechend”, sagte der RKI-Präsident. Die Prognosen zur Auslastung der Intensivstationen seien „super düster.“ Zu Corona-Fällen kämen, weil die Menschen wieder deutlich mehr Kontakte hätten, im Herbst und Winter nun auch Grippefälle und bei Kindern Erkrankungen mit dem RS-Virus „noch obendrauf.“

Wenn es nicht anders gehe, „müssen eben auch kontaktreduzierende bevölkerungsbezogene Maßnahmen sein“, sagte Wieler. Das vom RKI im Juli modellierte Szenario, wonach bei einer Impfquote von rund 65 Prozent im Herbst und Winter extrem hohe 7-Tages-Inzidenzen zwischen 300 und 400 zu erwarten seien, sei „leider eingetreten.“ „Wir haben zu schnell in zu vielen Bereichen geöffnet, entgegen den Empfehlungen des RKI, darum müssen wir dort einfach wieder gegensteuern“, sagte Wieler. Derzeit liegt die Quote der zweifach Geimpften bei 67,7 Prozent.

Eine Intensivpflegerin versorgt einen Covid-19-Patienten auf der Intensivstation der Leipziger Uniklinik in einem Zimmer, in dem noch drei weitere Corona-Patienten liegen.
Covid-19-Patienten auf der Intensivstation der Leipziger Uniklinik: Warnung vor einer weiteren Eskalation.

Die Äußerungen kommen zu einem sehr sensiblen Zeitpunkt, denn die Bundestagsfraktionen einer möglichen künftigen Regierungskoalition von SPD, FDP und Grünen wollen jetzt die bisher geltende „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ beenden und bestimmte Maßnahmen gegen die Pandemie verbieten, wie etwa sogenannte „Lockdowns“.

Zugleich meldet das Robert-Koch-Institut für den 17. November die neuerliche Rekordzahl von 65.371 Corona-Neuinfektionen und 245 zusätzliche Tote. In wenigen Tagen wird Deutschland die Marke von 100.000 offiziell registrieren Corona-Toten erreichen, die zu vermeiden ein zentrales Ziel der noch kommissarisch amtierenden Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war.

„Ich kann es schlichtweg nicht mehr ertragen“

Damit setzt sich die Zuspitzung der vierten Welle der Pandemie fort. Allein seit die Bundestagsfraktionen der geplanten Ampel-Koalition am 27. Oktober bekannt gegeben haben, die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ zum 25. November formal beenden wollen, sind in Deutschland 3293 Menschen an Covid-19 gestorben, die Zahl der registrierten Toten stieg auf 98.538. Im selben Zeitraum von rund drei Wochen infizierten sich mehr als 712.000 Menschen mit dem Coronavirus, was 13 Prozent aller registrierten Neuinfektionen seit Beginn der Pandemie entspricht. Die 7-Tage-Inzidenz stieg am Donnerstag auf einen neuen Rekordwert von bundesweit 336.

Am Donnerstag beschäftigt sich der Bundestag mit der von den Ampel-Fraktionen geplanten Aufhebung der „epidemischen Lage“. Eine Zusammenkunft von Ministerpräsidenten und Bundesregierung sucht nach einer Strategie gegen die vierte Welle. Am Freitag geht es im Bundesrat um die weiteren staatlichen Maßnahmen. Am Vorabend dieser wichtigen politischen Ereignisse nutzte der oberste deutsche Seuchenbekämpfer bei Kretschmers Digitalveranstaltung die Möglichkeit, in unmissverständlichen Worten vor den Folgen eines zu laxen Vorgehens zu warnen.

Am Ende seiner Ausführungen sagte Wieler: „Das ist eine deutliche Sprache, aber ich kann es nach 21 Monaten auch schlichtweg nicht mehr ertragen, dass es vielleicht nicht erkannt wird, was ich unter anderem sage wie auch viele andere Kolleginnen und Kollegen.“ Damit bezog er sich auf das Ignorieren wissenschaftlich begründeter Warnungen und Modellierungen durch die Politik.

Apotheker sollen impfen dürfen

Die Gesundheitsämter seien überall überfordert, die wahren Infektionszahlen würden gar nicht erfasst, sagte Wieler. Hinter den aktuellen Infektionszahlen verbärgen sich mindestens doppelt oder dreimal so viele reale Infektionen. Etwa 0,8 Prozent der akut infizierten Menschen würden mit Sicherheit sterben. Das entspräche allein für die am Mittwoch bekanntgegeben knapp 53.000 neuen Fälle rund 400 weiteren Toten, die selbst durch die beste medizinische Versorgung nicht mehr zu vermeiden seien.

Vier Modelle des RKI, die zeigen, wie eine niedrige Impfquote von 65 Prozent im Herbst/Winter 2021 zu Inzidenzen von bis zu 400 führt, eine Impofquote von 95 Prozent die Pandemie aber stark abflachen würde.
Modellierung des RKI aus dem Juli 2021 zum Zusammenhang von Impfquoten und Inzidenzen: Die Wissenschaft hat vor der aktuellen Eskalation der Pandemie gewarnt.

Wieler forderte, dass zusätzlich zu Ärztinnen und Ärzten auch andere Berufsgruppen Impfungen verabreichen dürften, etwa Apotheker. „Es muss jetzt Schluss sein, dass irgendwer irgendwelchen anderen Berufsgruppen aufgrund von irgendwelchen Umständen nicht gestattet, zu impfen.“ In einer Notlage müsse „man bestimmte Dinge großzügig gestalten.“ Zusätzlich zu der Impfung Ungeimpfter seien viele Millionen Booster-Impfungen nötig. „Jeder Mann und Maus, der impfen kann, soll gefälligst impfen, sonst kriegen wir diese Krise nicht in den Griff“, forderte der RKI-Präsident.

Wieler warnte vor der Annahme, die Menschen in Alten- und Pflegeheimen könnten allein durch Impfung geschützt oder speziell abgeriegelt werden. Er wandte sich damit gegen frühere Forderungen etwa des Bonner Virologen Hendrik Streeck, strengere Schutzmaßnahmen auf besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen zu fokussieren.

„Es ist naiv zu glauben, dass bei hohen Inzidenzen diese Menschen geschützt werden können, das geht nicht“, sagte Wieler. Das Coronavirus sei extrem ansteckend. Ein Schutz könne gelingen, „wenn Sie die Menschen wegsperren wollen und sie keinen Kontakt zur Außenwelt mehr haben, aber das ist natürlich aus vielerlei Gründen inakzeptabel.“ Ansonsten gebe es Schutz nur mit niedrigen Inzidenzen und einer hohen Impf- und Boosterquote.

Wieler verwahrte sich gegen die Ansicht, die vierte Welle sei überraschend gekommen und selbst von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht vorhergesehen worden. Entsprechend hatten sich zum Beispiel der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und sein Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) geäußert. Bereits im Juli habe das RKI alle politisch Verantwortlichen, besonders die Gesundheitsminister, darauf hingewiesen, dass abhängig von den Impfquoten bis Oktober 2021 mit einem langsamen Anstieg von kritischen Indikatoren wie Inzidenz, Krankenhauseinweisungen und Auslastung von Intensivbetten zu rechnen sei, gefolgt von einem Anstieg und einem Höhepunkt im Januar und Februar 2022, sagte Wieler.

„Kontaktbeschränkungen wirken“

Im September hat es ihm zufolge noch deutlichere Warnungen an die Politik gegeben. In der sogenannten „ControlCovid“-Strategie des RKI habe es klar geheißen, dass, wenn keine bevölkerungsbezogenen Maßnahmen ergriffen würden, „der Verlauf der vierten Welle die bisherigen Wellen im Hinblick auf die täglichen Meldefälle wahrscheinlich deutlich übertreffen“ werde.

„Das war alles bekannt, im September gesagt. Wir haben die gesetzliche Pflicht, darauf hinzuweisen.“ Nötig sei nun ein abgestimmtes Vorgehen von Bund und Ländern.

Der RKI-Chef widersprach, ohne ihn namentlich zu nennen, auch FDP-Chef Christian Lindner, der gesagt hatte, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Kontaktbeschränkungen nicht wirksam gegen die Pandemie gewesen seien. „Dass Kontakteinschränkungen wirken, wissen wir seit der ersten Welle, das hat ganz hervorragend geklappt”, sagte er.

Entscheidend sei nun, die 15 Millionen noch ungeimpften Erwachsenen in Deutschland zu impfen und zusätzlich so viele Booster-Impfungen zu verabreichen wie möglich. Das Land müsse schnell wieder zurück zur Impfkapazität des Sommers mit 1,1 Millionen bis 1,5 Millionen Dosen pro Tag kommen: „Das hat im Sommer funktioniert, jetzt nicht mehr, aber da müssen wir wieder hin.“

Unter den Menschen über 60 Jahren seien drei Millionen noch immer nicht geimpft. „Wenn von denen alle infiziert würden, dann wären allein von denen schon alle unsere Intensivbetten belegt, wenn sie dann alle auf Intensiv überhaupt noch kommen“, warnte Wieler. Blieben wie derzeit 15 Millionen Erwachsene ungeimpft, drohe nicht nur in diesem Winter, sondern auch im Winter 2022/23 eine dramatische Lage. „Denn mit einem Test bekommt man kein Virus aus dem Land.“ Er forderte, mehr Rücksicht auf die Menschen zu nehmen, die sich durch ihre Impfung vernünftig und rücksichtsvoll verhielten.

VGWort Pixel