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Wir sind dabei, den Reichtum aus Millionen Jahren Evolution zu vernichten

Nach dem UN-Bericht zum Artensterben: Jetzt geht es um die Grundlagen unserer Wirtschaftsweise. Ein Kommentar

08.05.2019
7 Minuten
Künstlerische Darstellung im Comic-Stil. Ein Mann im Anzug trägt eine große Erdkugel auf der Schulter. Der Hintergrund ist gelb/orange.

Jeder Vorschlag, mehr für die Umwelt oder das Klima zu tun, ruft den Reflex hervor: Aber die Kosten! Ob aktuell bei der Diskussion um die CO2-Steuer oder über eine umweltfreundlichere Landwirtschaft, es heißt es sofort: Das geht nicht, denn es belastet unsere Bürgerinnen und Bürger! Vorgebracht wird dieses Argument gerne von Politikern und Lobbyisten mit BWL-Hintergrund, die darauf trainiert wurden, nur jene kurzfristigen Kosten, die in den Quartalsbilanzen auftauchen, mit dem kurzfristigen Nutzen abzuwägen.

Doch diese Argumente werden nun förmlich pulverisiert – durch den Weltbericht zur Lage der Natur, den 145 Wissenschaftler über drei Jahre erarbeitet und am 6. Mai der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Jedem Erdbewohner, und dem ganzen Planeten, droht durch unser rücksichtsloses, rein kurzfristiges Wirtschaften eine Verarmung von epochalem Ausmaß.

Jede achte Art – eine Million von schätzungsweise acht Millionen Arten – ist dem Bericht zufolge in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, sollte es zu keinen grundlegenden Änderungen etwa bei der Landnutzung und dem Ausstoß von Treibhausgasen kommen. Alleine die vom Menschen verursachte Erderhitzung könnte rund fünf Prozent der Arten auslöschen, wenn der Schwellenwert von zwei Grad Celsius globaler Temperaturerhöhung überschritten wird. 99 Prozent der Korallenriffe würden bei einer solchen Entwicklung mit großer Wahrscheinlichkeit absterben. Als wichtigsten Faktor des Artensterbens benennt der Bericht landwirtschaftliche Praktiken, die nicht nachhaltig sind.

Eine katastrophale Bilanz für die globale Umweltpolitik

23 Prozent der Landfläche des Planeten seien ökologisch heruntergewirtschaftet und könnten nicht mehr ausreichend genutzt werden, schreiben die Wissenschaftler. Allein der Verlust von bestäubenden Insekten bedrohe Nahrungsmittelproduktion im Wert zwischen 235 Milliarden und 577 Milliarden Dollar pro Jahr. Die Zerstörung von Küstenlebensräumen wie Mangrovenwäldern gefährde die Lebensgrundlage von bis zu 300 Millionen Menschen.

Die Synthese Tausender wissenschaftlicher Studien hat ergeben, dass

  • 85 Prozent der Feuchtgebiete bereits zerstört worden sind
  • seit dem späten 19. Jahrhundert rund die Hälfte der Korallenriffe verschwunden ist
  • neun Prozent der Nutztierrassen ausgestorben sind
  • zwischen 1980 und der Jahrtausendwende 100 Millionen Hektar tropischen Regenwald zerstört wurden, weitere 32 Millionen Hektar allein zwischen 2010 und 2015.

„Die globale Rate des Artensterbens ist mindestens um den Faktor zehn bis Hunderte Male höher als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre, und sie wächst“, heißt es im IPBES-Bericht – eine katastrophale Bilanz für die globale Umweltpolitik. 2010 hatte sich die Staatengemeinschaft verpflichtet, bis 2020 den Niedergang der Artenvielfalt stark zu bremsen.

Noch immer gilt Naturschutz als Luxusthema

Wir sind dabei, Reichtum, der über Millionen Jahre entstanden ist, zu vernichten. Wir führen ganze Ökosysteme, von denen unsere Ernährung, unser Schutz vor Naturkatastrophen und unsere Versorgung mit neuen Medikamenten abhängen, blindlings in die Insolvenz. Mehr noch, wir verhalten uns wie kriminelle Räuber, die nicht nur anderen Lebensformen, sondern sogar ihren eigenen Kindern das wegnehmen, was sie zum Leben brauchen, nur um es zu Müll zu verwandeln. Es ist, als lebten wir auf einer Wegwerf-Erde.

Der Tonfall des sogenannten IPBES-Berichts ist nüchtern, wie es sich für Wissenschaftler gehört. Tausende Studien wurden ausgewertet, zahlreiche Konferenzen abgehalten, um zu einem ausgewogenen Urteil zu kommen. Genau das macht die Lektüre des Berichts schwer erträglich: Wenn dort schwarz auf weiß steht, dass bei einem Weiter-so jede achte Art in absehbarer Zeit auszusterben droht, 99 Prozent der die Küsten schützenden Korallenriffe verschwinden werden und der Rückgang von Bestäubern Ernten im Wert von bis zu 577 Milliarden Dollar jährlich gefährdet, dann müssten bei jedem Politiker, jedem Ökonomen, auch bei Betriebswirtschaftlern, eigentlich die Alarmglocken schrillen.

Tut es aber nicht. Naturschutz gilt noch immer als Luxusproblem, dem man sich widmet, wenn man sonst nichts zu tun hat. Kein prominenter Politiker macht es sich zur Aufgabe, das zu ändern. Auch unter Prominenten und „Influencern“ sind die Fürsprecher des Naturschutzes rar gesät. Ein Zyniker würde sagen: Es geht ja nur um unsere Lebensgrundlagen.

Der Erdhaushalt ist tief in den roten Zahlen

Der Bericht der Forscher stellt deshalb eine große Chance dar: Er bietet eine solide wissenschaftliche Grundlage dafür, die Debatte anders als bisher zu führen. Es geht darum zu verstehen, warum Ökologie und Ökonomie, die als Gegensätze gelten, einen gemeinsamen Wortstamm haben: „Öko“ kommt vom griechischen oikos, dem Wort für Haus oder auch Feuerstelle, an der das lebensnotwendige Essen entsteht. Dieses gemeinsame Haus ist die Erde, eine Kugel, auf der wir zusammen um die Sonne reisen. Eine Kugel, die alles ist, was wir haben.

Wir sind mit unserer aktuellen Wirtschaftsweise und unserem aktuellen Lebensstil dabei, dieses wunderbar reiche Haus namens Erde zu plündern, Teile davon niederzubrennen, andere, kunstvoll entstandene Teile zu Schotter zu verarbeiten und zu verhökern. Die Forscher haben die große Leistung erbracht, diesen Vorgang in Zahlen zu fassen. Nun liegt eine Bilanz des Erdhaushalts vor – und die roten Zahlen schreien uns entgegen, dass Ökonomie und Ökologie gleichermaßen davon bedroht sind. Einige haben das schon verstanden: Das Weltwirtschaftsforum führt den Verlust der Naturvielfalt unter den zehn größten Risiken unserer Zeit auf.

Aber was tun?

Der Bericht selbst bleibt dazu erstaunlich allgemein – mit Ausnahme des Abbaus umweltfeindlicher Subventionen, die für falsche Landnutzungspraktiken und fossile Energieträger noch immer in Höhe von Hunderten Milliarden Euro jährlich fließen. Ein leicht festzunagelndes Therapeutikum, ein Äquivalent zum 1,5– oder 2-Grad-Ziel des Weltklimarats, das mit einem konkreten CO2-Budget hinterlegt werden kann, sucht man vergeblich. Die IPBES-Autoren haben sich auf die Diagnose einer gefährlichen planetaren Krankheit, eines Lebensschwunds, also einer Art Bioporose, fokussiert.

Katastrophales Zeugnis der globalen Umweltpolitik

Das geschah aber auch in dem Wissen, dass die Vorschläge für Therapien eigentlich längst vorliegen. So lange, nämlich spätestens seit dem „Erdgipfel“ der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro 1992, dass sie schon wieder in Vergessenheit geraten, von alten Wirtschaftsinteressen und neuen geopolitischen Krisen überrollt werden konnten. Anfang der 1990er herrschte – mit weniger konkretem Anlass als heute, aber umso schärferem Bewusstsein – bereits das Gefühl von Dringlichkeit.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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